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Betr. Ehemalige Heimkinder: Brief an Landesbischöfin Käßmann

Als Redakteur, der sich seit gut einem Jahr mit dem Schicksal ehemaliger Heimkinder in den 1950er- bis 1970er-Jahren in staatlichen und kirchlichen Einrichtungen beschäftigt, habe ich mich im September 2008 über die Nachricht gefreut, dass sich die evangelische Landeskirche in Niedersachsen intensiv dieses Themas angenommen hat. Außerdem schaltete die niedersächsische Sozialministerin eine Hotline. Hinzu kam die Meldung, dass der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages nach intensiver Beratung Wiedergutmachungs-Vorschläge machen werde.

Zu den ehemaligen Heimkindern gehört Sieglinde Alexander, die sich in ihrer Biographie „Vom Feuer in die Hölle“ ihre schlimmen Erfahrungen von der Seele geschrieben hat. Diese Autorin wendete sich am 26. September 2008 mit einem offenen Brief an Sie, der mir vorliegt.

Nun bat mich Sieglinde Alexander um Unterstützung, weil sie bis heute von Ihnen keine Antwort bekommen hat. Bei einem Anruf in Ihrem Büro sei ihr gesagt worden, dass Sie nicht jeden Brief lesen könnten. Das erinnert mich an Reaktionen der Caritas auf meine Nachfragen. Wenn es konkret werden soll, wird auf Zeit gespielt.

Sehr geehrte Frau Dr. Käßmann, wie es in kirchlichen und staatlichen Kinderheimen in den besagten Jahrzehnten zugegangen ist, wissen Eingeweihte doch nicht erst seit dem „Stern“-Buch „Schläge im Namen des Herrn“. Schließlich sind fast vier Jahrzehnte vergangen, seit sich Ulrike Meinhof als Journalistin diesem Thema widmete.

Dennoch gibt es heute immer noch Kirchenvertreter, die von „Therapie“ sprechen und es mit einem warmen Händedruck für die noch Lebenden bewenden lassen wollen. Das kann doch nicht in Ihrem Sinne sein! Sie sind öffentlich sehr offensiv mit dem Thema umgegangen. Das weckte Hoffnungen bei ehemaligen Heimkindern auf Wiedergutmachung.

Das ist ein zartes Pflänzchen. Wenn ehemalige Heimkinder wieder auf Godot warten sollen, stirbt dieses Pflänzchen wieder. Darum meine öffentliche Frage: Wann wird der Brief von Sieglinde Alexander von Ihnen beantwortet?

Mit freundlichen Grüßen

Heinz-Peter Tjaden Krumme Straße 1 26384 Wilhelmshaven http://kinderinheimen.blogspot.com

Zur Erinnerung der offene Brief von Sieglinde Alexander:

26. September 2008

Sehr geehrte Frau Dr. Käßmann,

wir, die ehemaligen Heimkinder, glauben nicht mehr daran, dass unsere Würde nach über 40 Jahren wieder hergestellt wird.

Ich möchte Sie im Namen der ehemaligen Heimkinder, die in den Rummelsberger Anstalten waren, um Hilfe bitten. www.rummelsberg.de

Seit Jahren bemühen sich viele ehemalige „Weiher Zöglinge“, ihre Akten zu bekommen. In einem Telefongespräch mit dem vorhergehenden Direktor Bierlein im April 2006 wurden meine Fragen mit aggressiven Gegenfragen wie „Haben sie überhaupt Zeugen?“ und beleidigenden Rethoriken „Wissen Sie, dass das alles in die Verjährungsfrist fällt?" abgewürgt.

Bereits im Jahr 2000 begannen meinerseits Anfragen, ob die Rummelsberger Anstalten willig seien, die Verantwortung für die Vergehen an Zöglingen in den Jahren zwischen 1950-72 zu tragen und ob die Betroffenen mit einer Wiedergutmachung rechnen können. Absolutes Schweigen ist bis heute die Antwort.

Neben entwürdigenden Schikanen, psychischen Misshandlungen, Unmenschlichkeit und Entwertungen mussten alle Zöglinge im Haus Weiher, eine Erziehungsanstalt der Rummelsberger Anstalten, arbeiten.

Die Überzahl der Zöglinge arbeitete entweder in der Küche, Landwirtschaft, Weberei und Stickerei. Andere lernten das Schneiderhandwerk oder waren Wäschereilehrlinge. Wir Lehrlinge unterzeichneten Lehrverträge, doch einen Lehrlingsgehalt erhielten wir nie.

Meine Biographie „Vom Feuer in die Hölle“, die von Zeugen unterstützt und bestätigt wird, erzählt viele demütigende Details aus dem „Haus Weiher“. http://www.emak.org/geschichten/vom_feuer_in_die_hoelle.htm

Die Folgeschäden der psychischen, körperlichen, sexuellen Misshandlungen und Versklavung in Heimen sind fast unmessbar, da viele Misshandelte aus Angst, wieder entwürdigt zu werden, heute noch nicht über die Vergangenheit sprechen können. Sie leiden im Stillen, verstecken aus Scham ihre Depressionen und Ängste und versuchen ganz einfach von Hartz 4 zu existieren.

Die, die es nicht mehr ohne Hilfe schaffen, werden mit neuen Tatsachen konfrontiert, die nicht mehr als eine Fortsetzung unserer entwürdigten Jugend ist.

Einige der ehemaligen Zöglinge aus dem Haus Weiher wollten aufgrund von Depressionen, PTSD und/oder Angstzuständen Arbeitsunfähigkeitsrente beantragten. Das Ergebnis ist, dass wir vor erneuten Fakten stehen, die uns an unsere Wertlosigkeit erinnern, die vor über 40 Jahren begann. Die Rummelsberger Anstalten, für die wir jahrelang arbeiteten, die durch Kinderversklavung sich in den Nachkriegsjahren zu einem religiösen Monopol entwickeln konnte, entrichteten keine Rentenbeiträge. Diese Beitragsjahre fehlen den Misshandelten heute in den Rentenaufrechnung.

Wenn wir Ihre Worte ernstnehmen können, bitte ich Sie Dr. Käßmann die Tatsachen der Vergangenheit nicht wieder in dem Obis des Schweigens zu verstecken, sondern eine Anlaufstelle einzurichten, bei der sich alle Misshandelten aus den ev. Heimen melden können.

Geben Sie uns, was uns zusteht, solange wir noch leben und ermöglichen Sie uns dadurch wenigstens unseren Lebensabend in Würde zu verbringen, nachdem diese in unserer Kindheit und Jugend im „Namen Gottes“ von Mitarbeitern der evangelischen Kirche zerstört wurde.

Nachsatz: Von mir gibt es dazu die Broschüre "Böse Kinder kommen in böse Kliniken" auf http://stores.lulu.com/hwilmers

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Schlüsselwörter: Kinderheime | Heimkinder | Misshandlungen | Entschädigung | Landesbischöfin | Dr. Margot Käßmann | Petitionsausschuss | Sieglinde Alexander | Ulrike Meinhof
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am 10.10.2009 11:45:51 (216.155.136.xxx) Link
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  • Nicht bestätigt Gelöscht von OZ24 am 12.10.2009 08:55:38.

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