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Medien: Sonstiges

Beim Lesen von Kleinanzeigen: Sektenprobleme entdeckt (I)

Das mag ich: Magazin mit Kleinanzeigen kaufen, in ein Café gehen, Kaffee bestellen, das Magazin aufschlagen, die Inserate lesen. Unter „Bekanntschaften“ trifft man derart tolle Frauen, dass man sich sofort die Frage stellt: Hinter denen müssen die Männer doch in Scharen her sein, woher nehmen die noch die Zeit, um Werbetexte für die eigene unglaublich tolle Persönlichkeit zu verfassen? Unter „Sonstiges“ gibt es stets etwas zum Schmunzeln, wie diese Anzeige: „Wer hat Montag ein Bett geschenkt bekommen?“ Eine Frage, die bis zur zweiten Tasse Kaffee im Raum steht, denn offenbar hat jemand etwas verschenkt, was er jetzt gern wieder hätte. Aber warum - und dann auch noch ein Bett?

Dann fällt mein Blick auf fünf Zeilen, die mit den Worten „Sektenaussteiger gesucht“ beginnen. Dabei denkt der Inserent nicht an neue religiöse Strömungen, sondern an schon lange existierende Glaubensgemeinschaften wie die Zeugen Jehovas, die Neuapostolische Kirche, die Mormonen und die Adventisten. Was haben die denn für Probleme? Frage ich mich und rufe am Abend den Mann aus dem Ruhrgebiet an.

Neuapostolisch sei er gewesen, erzählt er mir, und zwar derart von der Richtigkeit seiner Glaubenssache überzeugt, dass er von Haustür zu Haustür gegangen sei, um andere von seinem Glauben zu überzeugen. Doch das sei schief gegangen. Als er sich schon daran gewöhnt habe, abgewiesen zu werden, sei er von einem Mann hereingebeten worden. Der habe ihm Lesestoff mitgegeben. So habe er Dinge über seine Glaubensgemeinschaft erfahren, von denen er nichts wusste. Also habe er sich an die Priester seiner Gemeinde gewandt. Die hätten geantwortet: „Du hast Gift gegessen.“ Dann habe man noch für ihn gebetet.

Nach diesem Telefongespräch ist mein Interesse geweckt, zumal ich mit einer Männerstimme aufgewachsen bin, die aus in der Kirche aufgehängten Lautsprechern schnarrte: „Ich sterbe nicht. Ihr auch nicht, wenn ihr mir glaubt.“ Die meisten, die das geglaubt haben, sind schon lange tot, der Mann auch. Die Neuapostolische Kirche aber gibt es immer noch - und behauptet weiterhin, dass sie vom Heiligen Geist regiert werde.

Nach dem Gespräch mit dem Mann aus dem Ruhrgebiet nehme ich Kontakt mit der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) auf. Mein Gesprächspartner will mich von dem von mir geplanten Buchprojekt abbringen: „Das sind doch alles nur subjektive Aussagen. Daraus ergibt sich doch kein objektives Bild.“

Es wird nicht mehr lange dauern, bis die EZW Sektenaussteiger an mich verweist. Nach einigen Jahren werden es um die 2000 gewesen sein. Einmal lässt man mir sogar eine Spende in Höhe von 200 Mark für meine Beratungsarbeit zukommen. Anschließend verbitte ich mir die Weitergabe meiner Telefonnummer an Sektenaussteiger. Wenn mich die EZW schon mit den Kosten allein lässt, soll sie sich auch um die Anrufer kümmern. Doch dazu scheinen Theologen nur selten in der Lage zu sein. Sie sind wohl viel zu abgehoben, um Alltagsprobleme zu begreifen.

Eines Nachmittags liegt ein Zettel auf dem Küchentisch. Darauf steht: „Herr X hat angerufen. Er will sich umbringen. Du sollst ihn sofort anrufen.“ Ich fahre zu ihm und rede stundenlang auf ihn ein. Mein Gesprächspartner wird nicht damit fertig, dass Amtsträger der Neuapostolischen Kirche immer noch bei ihm klingeln. „Wenn die da gewesen sind, bekommt er wieder einen epileptischen Anfall“, sagt seine Frau. Ich lasse mir die Telefonnummer eines dieser Amtsträger geben und rufe ihn an. Er antwortet: „Ich muss erst mit der Verwaltung unserer Kirche sprechen, bevor ich eine Entscheidung treffe.“ Das sagt mehr über eine Glaubensgemeinschaft als 1000 bunt bebilderte Broschüren, die es ab Ende der 1980er-Jahre zuhauf gegeben hat. Denn: An der Spitze der Neuapostolischen Kirche steht jetzt ein ehemaliger Werbekaufmann.

Der ändert nicht nur die Werbemethoden. Der sagt auch: „Das Wort Kritik steht nicht in der Bibel, also hat sie bei uns auch nichts zu suchen.“ Nahe liegende Fragen wie „Auch diese Predigt wird per Satellit übertragen, wo in der Bibel steht das Wort Satellit?“ oder „Auslandsreisen macht dieser Prediger mit dem Flugzeug, wo in der Bibel steht das Wort Flugzeug?“ scheinen den Lauschenden nicht in den Sinn zu kommen. Was der da vorne sagt, wird schon stimmen? Wie nur schafft es jemand, dass sich andere Denkverbote auferlegen?

Wird fortgesetzt

Heinz-Peter Tjaden

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Schlüsselwörter: Sekten | Neuapostolische Kirche | Mormonen | Adventisten | Zeugen Jehovas | Heiliger Geist | Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen | EZW
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