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Wirtschaft & Finanzen: Deutschland

Treffen statt Buskeismus: Hans-Joachim Selenz berichtet über Wildwest in der Chefetage

Für Bilanzfälschungen interessiert sich niemand

Vorstandsvorsitzender der Preußen Stahl AG/Salzgitter AG von 1994 bis 1999, Mitglied des Vorstands der Preussag AG von 1996 bis 1998 und Mitglied des Vorstands des Automobilentwicklers EDAG von 1999 bis 2001: Professor Dr.-Ing. Hans-Joachim Selenz hat bei vielen Großunternehmen hinter die Kulissen geblickt und wenn er heute seinen Bekannten über seine Erfahrungen berichtet, dann sind sie nach seinen Worten „entsetzt“, „können sie es sich nicht vorstellen“ und wollen sie nicht glauben, dass hier zu Lande Medien, Politiker und Justiz selbst zu „schwersten kriminellen Vorgängen“ schweigen.

Bei seinem Vortrag anlässlich des Buskeismus-Treffens in Hamburg-Blankenese schildert er seine Erlebnisse als Vorstandsmitglied der Preussag AG so: Als das Unternehmen nach Österreich verkauft werden sollte, stößt der 57-Jährige auf Bilanzfälschungen, mit denen der Käufer getäuscht werden soll. Deswegen fordert Hans-Joachim Selenz am 7. Januar 1998 in einem Brief an den Vorstandsvorsitzenden die Berufung eines zweiten unabhängigen Wirtschaftsprüfers. Die Antwort am 4. Februar 1998: „Sie unterschreiben oder fliegen raus.“

1997 und 1998 ist in Niedersachsen Wahlkampf-Zeit. Gerhard Schröder musste für die SPD zwei Prozentpunkte mehr holen, um Kanzlerkandidat der SPD zu werden. Hans-Joachim Selenz: „Wenn das Unternehmen nach Österreich verkauft worden wäre, hätte man Schröder die Scheiben eingeworfen.“ Erst einmal aber klappt der Deal. Deswegen reisen Selenz und Schröder am 9. Januar 1998 nach Düsseldorf, wo sie die Drahtzieher vermuten. Außerdem kauft der niedersächsische SPD-Ministerpräsident über Nacht die Firma zurück. Nach dem Treffen in Düsseldorf fährt Schröder weiter nach Bonn zu einem Treffen der Ministerpräsidenten. Dort wird er von seinem Amtskollegen Johannes Rau auf den Verkauf angesprochen, Schröder antwortet: „Das Unternehmen gehört schon wieder Niedersachsen“, abends ruft er Hans-Joachim Selenz an und macht sich über seinen Widersacher lustig: „Der Heiligenschein von Johannes Rau rutschte herunter.“

Über die Vorgänge hat der heutige Honorarprofessor an der Universität Hannover auch den damaligen niedersächsischen Oppositionsführer Christian Wulff informiert, die Presse schoss sich auf ihn ein, auf einem ehemaligen KZ-Gelände in Salzgitter wurde am 16. Februar 1999 eine Puppe an einem Gabelstapler aufgehängt, die Hans-Joachim Selenz symbolisieren sollte. Dafür entschuldigten sich später die Betriebsräte, die Staatsanwaltschaft Braunschweig schloss die Akte.

Im November 2000 war Selenz noch einmal bei der Staatsanwaltschaft in Hannover, erneut prangerte er Bilanzfälschungen an: „Ich kann alles belegen.“ Dennoch wurde nicht ermittelt. Sein Fazit: „Als Physiker glaube ich an die Naturgesetze. Deswegen bin ich charakterlich wohl für das System nicht geeignet.“

Seinen Vortrag ließ der 57-Jährige ausklingen mit ein paar Sätzen zu anderen Skandalen, die ihn gelehrt hätten: „Mit primitiven Mitteln werden hochrangige Persönlichkeiten unmöglich gemacht.“ Und die Presse lauere nur auf den richtigen Moment, um solche Vorgänge publik zu machen. Bis dahin gelte: Es darf geschwiegen werden.

Hans-Joachim Selenz ist Autor der Bücher „Schwarzbuch VW. Wie Manager, Politiker und Gewerkschaftler den Konzern ausplündern“ und „Wildwest auf der Chefetage - Schröders Kampf um Salzgitter und die Kanzlerschaft“. Im Internet informiert er unter http://cleanstate.de

Heinz-Peter Tjaden

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Schlüsselwörter: Preussag AG | Professor Dr.-Ing. Hans-Joachim Selenz | Chefetage | Buskeismus
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Kommentare

am 22.09.2008 11:58:15 (217.83.101.xxx) Link Kommentar melden
Fälschungen von Bilanzen, Steuerkarten, Abrechnungen und Vorteilsannahme ist heute in fast jedem Unternehmen Gang und Gebe. Dabei sind diese Tatbestände leider nicht in einem Gesetz erfasst, sondern erstrecken sich über verschiedene Grundlagen. Einmal das Einkommenssteuergesetz, dann das Betriebsverfassungsgesetz, Mitbestimmungsgesetz, Strafgesetzbuch usw. Schon da scheitern 99 % aller Staatsanwälte auf lokaler Ebene. Meist hänegen jedoch solche Personen in einem lockeren Netzwerk zusammen und dann wird es für den Kläger persönlich problematisch. In fast allen Fällen erfolgt dann Mobbing bis zum Erbrechen. Das Thema muss in den nächsten Jahren und wir müssen leider in solch langen Zeiträumen denken, denn man will ja aus Sicht der Politik nichts daran ändern, zu viele Funktionäre, Staatssanwälte, Richter, Journalisten und Beamte profitieren von dieser Bananenrepublikmethode. Eine Änderung kann nur über das EU-Recht erfolgen.
Erinnert sei nur an die Tatsache im Falle Siemens oder von Pierer, dort ermittelt nicht nur der Staatsanwalt, sondern auch die amerikanische SEC, also die Börsenaufsicht. Sofort ein Aufschrei in den Gazetten der Manager, das diese Ermittler der Börsenaufsicht von der Wallstreet harte und prägnete Fragen stellen. das seien wir in Deutschlnd nicht gewohnt. Klar, bei uns finden solche Vernehmungen im Plüschsofa beim Staatsanwalt statt, und das ist das Dilemma an der Wirtschaftskriminalität allgemein. Wir brauchen Ermittler, klare und einheitliche Gesetze und keine Kuscheltierstaatsanwälte.

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