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Medien: Buch

Raúl Aguayo-Krauthausen: Dachdecker wollte ich eh nicht werden

Das Leben aus der Rollstuhlperspektive

Titel - Cover.
Titel - Cover.
Das Buch ist, wie der Verlag auf seiner Website schreibt: „Ein persönliches Plädoyer für Toleranz und Freude am Leben“. Das kann man auch bereits dem Vorwort des Buches entnehmen, das von Roger Willemsen geschrieben wurde. Roger Willemsen, der eine ganze Reihe von Büchern veröffentlichte, „war ein deutscher Publizist und Fernsehmoderator“, wie auf Wikipedia zu lesen ist. Er starb am 7. Februar 2016 im Alter von nur 60 Jahren an Krebs. Raúl Aguayo-Krauthausen schreibt zum Tode Willemsens auf seiner Homepage http://raul.de/: „Ich bin zutiefst schockiert. Er war mein erster Mentor und der Grund für mein Interesse an Medien und gesellschaftskritischen Themen.“

Auf der Buchrückseite wird Roger Willems vom Verlag wie folgt zitiert: „Was soll denn an dieser Behinderung Besonderes sein? Raúl Krauthausen ist einfach ein sehr beeindruckender Mensch mit starken Gaben. Er hat viel zu sagen und sich über seinen Rollstuhl schon lange erhoben.“ In seinem Vorwort schreibt Roger Willemsen auch über seine Begegnungen mit Raúl Aguayo-Krauthausen und über gemeinsame Bühnenauftritte. Alles in allem hat die beiden wohl – so muss man es beim Lesen entnehmen – so etwas wie eine langjährige Freundschaft verbunden. Und so schreibt Raúl Aguayo-Krauthausen zum Tode von Roger Willemsen auch auf seiner Homepage weiter: „Er schrieb für mein Buch das Vorwort und jedes mal, wenn ich es lese, weine ich vor Rührung. Heute vor Trauer.“

Der Untertitel des Buches lautet: „Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“. Raúl Aguayo-Krauthausen sitzt auf Grund seiner Glasknochen im Rollstuhl und schon bei seiner Geburt zählten die Ärzte, wie Roger Willemsen in seinem Vorwort schreibt, 19 Knochenbrüche. Zudem ist er kleinwüchsig. Also alles, was die Breite Masse auf der Straße für Behinderungen hält. Und so hat er auch mit dem typischen Verhalten so genannter gesunder Menschen zu kämpfen, die ihn teils bemitleiden, teils anstarren oder ihm gar den Kopf tätscheln. Viele haben eben enorme Schwierigkeiten mit behinderten Menschen umzugehen.

Barrierefrei? Nicht nur da draußen in der Landschaft, die uns umgibt, gibt es massenweise Barrieren. Diejenigen, die man am schwersten beseitigen kann, die befinden sich in unserem Denken – in unseren Köpfen. Wir müssen lernen mit der Thematik offen umzugehen, uns aus der vermeintlich sicheren Deckung heraus zu trauen. Dann ist die Beseitigung dieser Barrieren in unseren Köpfen durchaus möglich. Raúl Aguayo-Krauthausens Buch verschafft dem Leser Einblicke in das Leben mit einem Rollstuhl, baut aber gleichzeitig auch Brücken zu den Menschen, die sonst massive Berührungsängste zu Menschen mit Behinderungen haben. Als Autor und Aktivist (wie er bei Wikipedia bezeichnet wird) steht er inzwischen als Prominenter in der Öffentlichkeit. Eine Situation, die in dieser Art bisher nur von dem ebenfalls im Rollstuhl sitzenden und stark behinderten, weltbekannten Astrophysiker und Nobelpreisträger Stephen Hawking bekannt ist, den ich ebenfalls wegen seiner Forschungen sehr schätze.

Raúl Aguayo-Krauthausen selbst sieht seine Behinderung nicht so sehr als großes Manko, sondern vielmehr als eine Eigenschaft von vielen. So beschreibt er teils mit Witz, aber auch teils mit großer Sachkenntnis, wie sein Alltag wirklich ist und wie ein Miteinander von behinderten und noch-nicht-behinderten Menschen aussehen kann.

Gleich zu Anfang, beim ersten Kapitel „Es ist noch Suppe da“, habe ich mich köstlich amüsiert. Als Bewerber – einer von 40 – bekam der Autor im Assessment-Center die Aufgabe sich ein Bild von einer asiatischen Instant-Nudelsuppe zu machen. Und dies sowohl im unbehandelten Zustand als auch in Form der nach Anleitung gefertigten Suppe. Schmunzeln musste ich angesichts dieser Zeilen, weil ich diese Instantsuppen gut kenne. Meine aus Thailand stammende Frau isst sie mehrmals in der Woche – allerdings nicht als Suppe, sondern nur die Nudeln ohne das Wasser in dem sie warm gemacht werden. Da sie sich diese wegen ihrer Behinderung nicht selber zubereiten kann, mache ich dies für sie. Bevor die Suppe – oder besser gesagt die Nudeln – auf den Teller kommen muss ich sie erst in ein Sieb geben und abtropfen lassen. Unser Sohn, der die ersten Lebensjahre in Thailand aufwuchs, isst die Nudeln dann auch schon mal unzubereitet aus der Tüte. Erstaunlicherweise haben ihm das seine hiesigen Freunde nachgemacht und unser Sohnemann entwickelte daraus ein gutes Geschäft mit dem er sich sein Taschengeld aufbesserte. Das alles kam mir plötzlich wieder in den Sinn, als ich die entsprechenden Zeilen las.

Am folgenden Tag wurden Teams gebildet, die in einem Asia-Shop eine solche Nudelsuppe einkaufen und dann in einem China-Restaurant eine essen sollten. Für die Gruppe mit Raúl Aguayo-Krauthausen kam es zu Problemen einen Shop zu finden, in den er mit seinem Rollstuhl hineingelangen konnte. Aber schließlich konnte doch alles gut gemeistert werden und das Team um ihn hielt eng zusammen. Die Erlebnisse dieses Tages waren es dann, die ihn schließlich veranlassten seine Behinderung zu akzeptieren und anzunehmen.

Ein paar Episoden weiter, in seiner Schulzeit, verlor er mal die Lust am Lernen und meinte zu seiner Mutter, dass er überlege nach der zehnten Klasse die Schule abzubrechen und kein Abitur zu machen. Seine Mutter meinte daraufhin: „Du musst kein Abitur machen. Aber dir muss klar sein: Dachdecker kannst du auch nicht werden.“ – Ein Zitat, das schließlich zum Buchtitel führte und ihn zum Weitermachen der Schule bewegte.

Es würde den Rahmen einer Rezension sprengen, würde man näher auf alle Episoden des Buches eingehen wollen. Das ist auch nicht der Sinn, denn schließlich soll sich der Leser ja ein eigenes Bild von dem Buch machen, indem er es selber liest. Und deshalb möchte ich mit einem Zitat aus dem Nachwort zum Ende kommen. Raúl Aguayo-Krauthausen schreibt darin: „Ich wünsche mir, dass sich Menschen mit Behinderung fragen, wie sie gesehen werden wollen, und dass sie ihre Stimme erheben.“

Raúl Aguayo-Krauthausen, 1980 in Peru geboren, ist in Berlin aufgewachsen. Er hat „Osteogenesis imperfecta“, sogenannte Glasknochen, und sitzt im Rollstuhl. Der 33jährige studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und Design Thinking. Anschließend war er Programmmanager beim RBB-Radiosender Fritz, entwickelte eine Kampagne für den „Alternativen Nobelpreis“ und gründete 2004 den gemeinnützigen Verein Sozialhelden. 2005 erhielt der Verein für die Projektidee „Pfandtastisch helfen!“ den 1. Preis beim Neon/smart-Ideenwettbewerb „Was fehlt in der Welt?“ und 2008 den „startsocial“-Preis der Bundesregierung. 2010 ging das aktuelle Projekt wheelmap.org online, eine interaktive Landkarte für rollstuhlgerechte Orte. 2013 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Raúl Aguayo-Krauthausen lebt in Berlin und gibt regelmäßig Workshops und hält Vorträge auf Tagungen und Konferenzen.

Raúl Aguayo-Krauthausen: „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ (Das Leben aus der Rollstuhlperspektive); Originalausgabe, 256 S., Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2014, 3. Auflage Dezember 2015, ISBN: 978-3-499-62281-6, Preis: Paperback-Ausgabe 14,99 €, eBook-Ausgabe 12,99 €. Rowohlt Verlag < > Dachdecker wollte ich eh nicht werden.

Bildnachweis:
  • Titel - Cover.: Verlagsbild, Scan A. Ertelt (Deutsches Urheberrecht beim Verlag.)

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Schlüsselwörter: Behinderte | Hilfe für Behinderte | Krauthausen | Glasknochen | Kleinwüchsigkeit
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