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Wissenschaft: Umwelt & Naturschutz

Die Dachwurz - Blitzableiter, Heilpflanze und Zaubermittel zugleich

Ihre Bedeutung von der Antike bis zum Mittelalter

Bei einem meiner Beiträge zum Mittelalter bin ich eigentlich mehr aus Zufall auf die Pflanze Dachwurz gestossen, allgemein eher als Hauswurz bezeichnet, die im Mittelalter sogar als Blitzableiter Dienste leistete. Dabei muss ich zugeben, das ich diese Pflanze zwar schon mal in ländlichen Gegenden gesehen hatte, aber sonst keinerlei Ahnung von ihrer besonderen heutigen Bedeutung, noch über ihren hohen Stellenwert in der Antike bis hin zum Mittelalter hatte. Ob Priester oder Mönche, ob Alchemisten oder Zauberer, ob Scharlatane oder Heiler, alle beschäftigten sich in irgendeiner Form mit der Dachwurz. Folgen Sie mir in diesem Beitrag auf manchen lustigen, geheimnisvollen und legendären Pfaden.

Allgemeines zur Dachwurz

Es gibt unterschiedliche Namen der selben Pflanzengattung, die weltweit verbreitet ist und zur Familie der Dickblattgewächse und der Gattung Hauswurzen gehört. Neben der Bezeichnung Dachwurz sind auch die Namen Alpen-Hauswurz, Dach-Hauswurz, Donnerwurz und gewöhnliche Hauswurz bekannt. Die alte Namensgebung Hauswurz hat seinen Ursprung im althochdeutschen Begriff Wurz. Dieser Begriff wurde damals für Wurzel oder Pflanze verwendet. Die Blätter und jungen Sprossen sind essbar, und wurden und können als Salat gegessen werden.

Heilpflanze und Zaubermittel

Seit der Antike kennt man die Hauswurz als wundheilende Pflanze, die auch kosmetische Eigenschaften besitzt, so das sogar deren Blätter, ähnlich wie Aloe Vera (Eigenschaft Blattsaft), schon seid über 2.000 Jahren verwendet werden. Im alten Ägypten und Griechenland waren es Ärzte, Heilkundige und Priester, und im Mittelalter besonders die Mönche und Nonnen, mit ihrer Klostermedizin die Hauswurz als vielfältiges Heil- und Wundmittel verwendeten, manches wurde aber auch als Hexenmedizin bezeichnet, weil es den Kranken als Wunder vorkam wieder geheilt zu sein. Die Verwendungsmöglichkeiten sind bis heute verblüffend, und man kann es nur bewundern, das die Heilpflanzenkunde in der Antike bis hin zum Mittelalter schon so weit fortgeschritten war. Hippokrates von Kos soll dieses Rezept empfohlen haben: Zerquetschte man die Blätter und koche diese bewusst mit tierischem Fett, und kühlt sie einen Tag, hat man eine vortreffliche Salbe, die Schmerzen mildert bei Quetschungen und Stoßverletzungen und das Fleisch kühlt. Man Wechsel sie jeden Tag neu.

So setzten Ärzte, Heilkundige, Priester wie Mönche und Nonnen die Hauswurz von der Antike bis zum Mittelalter für folgendes ein, auch wenn nicht nachgewiesen ist, ob es auch tatsächlich für alles im ausreichendem Maße half und richtig war. Die Verwendung von Salben und Tinkturen aus dem Saft von frisch zerquetschten Blätter für allerlei Anwendung, hier eine Auswahl:

- bei Augen- und Zahnentzündungen - Geschwüre in der Mundschleimhaut - gegen Hühneraugen - Abmilderung von Insektenstiche - bei Verbrennungen - zur Wundbehandlung - gegen Sommersprossen, Verhärtungen und Warzen - gegen Hautausschlag (Gürtelrose) - als Urinförderndes Mittel - gegen Hämorrhoiden und Wurminfektion - diverse Hauterkrankungen, auch Gürtelrose - gegen Ruhr und Durchfall sowie Darmparasiten

Ein altes Heiler-Rezept gegen Zahnschmerzen: Lege jeden Tag ein frisches Blatt der Hauswurz zwischen den betroffenen Zähnen, und der Schmerz legt sich sich schnell. Hilft das nicht, dann hilft Dir kein Zahnwurmsegen durch Heiler, sondern nur der Verlust des Zahnes.

Die Dachwurz als Blitzableiter und im Aberglauben

Lateinisch als Sempervivum (tectorum) bezeichnet, hatte es besonders ab dem Mittelalter viele deutsche Namen, die etwas mit dem Haus und Blitze & Donner zu tun hatten, so Dachwurz, Donnerbart, Donnerlauch, Donnerwurz, Hauswurz, Wetterwurz und Wetterkraut. Also musste dies ja auch einen sehr wichtigen Grund haben. Man fand die Landgüterverordnung (Capitulare de villis) dem 9.Jahrhundert n. Chr., die zunächst von Karl dem Großen angeordnet und später von dessen Sohn Ludwig dem Frommen erweitert wurde. Ursprünglich hatte die Dachwurz nur den Zweck, lose Ziegel- oder Strohdächer zusammen zu halten und die Lehmdecke vor Auswaschung zu schützen. In dieser Verordnung werden unter auch 72 Pflanzen aufgezählt, wie deren Anbau und Pflege angeordnet wurde. Auch die Hauswurz nimmt einen hohen Stellenwert ein. Dort heiss es auch: ... und der Landmann (Bauer) hat auf seinem Hause die Hauswurz zu haben.... Das hing damit zusammen, das man davon überzeugt war, das die Hauswurz die Eigenschaft hatte, das Hausdach auch gegen Blitzeinschlag zu schützen, worauf dann die neuen Namen wie Dachwurz, Donnerwurz oder Wetterkraut abgeleitet wurden, auch wenn nicht wenige Leute vom Land dies eher als Zauberei ansahen. In vielen Teilen Deutschland wurde dieser Glaube bis etwa dem 18.Jahrhundert noch gepflegt, während Kirchen und Klöster schon Kupfer als Blitzableiter verwendeten.

Diese blitzschützende Eigenschaft und der Glaube der Bevölkerung an Zauberei bestätigt auch der Verfasser der ersten Naturgeschichte in deutscher Sprache, der Regensburger Domherr Konrad von Meenberg (1309-1374) in seinem das Buch der Natur: Di maister, di sich fleizend der zauberei sprechen, daz sempervivum den donr un daz himelplatzen (Blitzschläge) verjag, unnd daumb pflanzet ma ez auf den häusern.

Otto Brunfels (1488-1534), der das Kräuterbuch Contrafayt Kreüterbuch um 1532 schrieb, machte sich über diese Volksglauben lustig und spöttelte ein wenig, indem er schrieb: Must freilich ein stumpffer und ein doller Blytz sei, den solchiges klein kreutlein solt widerlegen.

Nachforschungen haben ergeben, das es der Aberglauben oder Schabernack nur teilweise falsch war, denn das alte Wissen um die Eigenschaften der ungewöhnlichen Pflanze schien sich zum Teil bestätigt zu haben. Jedes Blatt der Hauswurz endet in eine feine Spitze, die tatsächlich in der Lage ist, den elektrischen Spannungsausgleich zwischen Erde ( Dach) und Luft zu erleichtern. Dadurch entsteht ein ununterbrochener Ausgleich, so dass folglich es fast gar nicht zur Funkentladung durch den Blitz kommt, doch dies auch nur im gewissen Maße. Während man auf dem Land der Dachkurz vertraute, ließen sich reiche Bauern und Städter zunehmend moderne Blitzableiter aus Kupfer einbauen. Somit ist also verständlich, warum diese Pflanze Jahrhunderte lang in Deutschland auf den Dächern angepflanzt wurden.

Aberglauben..

Solch eine Belustigung wie von Otto Brunfels hing aber auch mit dem lokalen und regionalen Aberglauben zusammen, den in mancher Gegend war man fest davon überzeugt, wenn ein Gewitter herannahte, das man schleunigst auch trockene Blätter der Hauswurz im Herdfeuer verbrennen sollte, damit das Gewitter vorbei zog. Doch diese Blätter mussten unbedingt am Johannistag ( 24. Juni) von der Dachwurz auf dem Dach gepflückt worden sein. Im dunklen Mittelalter fürchtete man Dämonen, Vampire und Hexen. So gab es den weiteren Aberglauben, wenn man die Blätter der Hauswurz in die Schornsteine hängte, das dann dort keine Hexe hineinfahren könnten. Sogar die Farbe der Blüten wurden gedeutet, so bedeuteten schneeweiße Blüten ein schlechtes Omen oder sogar den bevorstehenden Tod, während rote Blüten für Glück standen. Die Hausbewohner ließen sich sogar aus entfaltenden Blüten die Zukunft lesen. Nach einer anderen Version bedeutet das ungenügende und das nicht Aufblühen der Pflanze sogar Unglück für das ganze Jahr, waren die Blüten jedoch rötlich, so waren freudige Ereignisse zu erwarten.

Ob in der Antike oder im Mittelalter, neben dem Aberglauben gab es auch den Glauben an zauberkundige Priester, Magie, Hexen und Zauberei, die geheime Alchemie und selbsternannte Kräuterheiler, die Medizin für alle Krankheiten und alle Leiden anboten. So gibt es eine Reihe von ungewöhnliches Rezepten, die den Aberglauben unterstreichen:

Vermengt den Saft von Sempervivum mit Gummi, rotem Alaun und Arsenik, und vermische es nach dem Rezept, so streiche es auf der Hand in gleicher Menge, dann kannst Du glühendes Eisen halten.

Keine brauche mit Warzen herumlaufen, steche hinein und lass es bluten, dann mische des Saft der Hauswurz auf die Wunde und drücke das Blatt sogleich darauf. Gehe einige Schritte rückwärts, spreche die Beschwörung und schmeisse das Blatt hinter Dir, dann wird die Warze eine Tag später verschwinden.

Zerkaue regelmäßig junge frische Blätter der Hauswurz, und gewiss wird Deine Manneskraft ungezügelt leben.

Hexenrezepte & Zauberei

Zwischen dem 11.- 12. Jahrhundert gab es ungewöhnliche Hexenrezepte, wovon behauptet wird, das darunter auch sehr alte keltische Druiden-Rezepte seien. Nach anderen Quellen waren auch den Priestern der Ägypter, Griechen und Römer Rezepte der schwarzen Magie bekannt, auch der legendären Hexen-Flugsalbe, deren geheime Zutaten auch junge Blätter der Hauswurz beinhalten bzw. eine wichtige Rolle spielen. Natürlich behaupten auch nicht wenige, das Rezept stamme vom Teufel persönlich. Je nach Rezeptur solle es unsichtbar für das Auge machen können, Hexen würden, wenn sie die Füsse damit einreiben, geschwind zum Hexensabbat gehen oder fliegen können. Wer jedoch die Salbe nicht richtig dosierte konnte auch daran sterben. Deshalb vermischten die Hexen die Salbe mit Ofenruß, dadurch entstand eine Färbung und es konnte kontrolliert werden, welche Körperpartien mit der Salbe bereits bestrichen wurde. Andere Quellen behaupten, das die Salbe auch Hexen in Trance versetzen konnte wobei sie dann sogar Geister sehen konnten.

George Ripley (1415-1490) war ein bedeutender und geheimnisvoller englischer Alchemist, dessen legendäres Werk The Compound of Alchemy (1471) die 12 Stufen (The Twelve Gates) des alchemistischen Weges zur Bereitung des Steins der Weisen beschreibt. Weil die Kirche sein Tun nicht duldete, lebte er in den letzten Jahren vor seinem Tod in einem Karmeliter-Orden, wo er sch auch der geheimen Klostermedizin widmete. In dieser Zeit soll er einen wirkungsvolleren Trank gegen Gicht gefunden haben, wobei wieder die Eigenschaften der Hauswurz ein wichtige Rolle spielten, aber er suchte anscheinend einen Trank zu rezeptieren, der das Leben verlängern würde. Dazu soll er Kontakt mit Bernhardus Trevisanus (1406-1490) einem italienischen Alchemisten gehabt haben. So schrieb er ihm 1485: ... so hilf die Salbe aus Tausend unverblühten Hauwurzen die Haut zu verjüngen, als wäre ich 40 und nicht über 70 mein Freund... doch ist mir eine Tinktur noch nicht gelungen, um mein Gebrechen zu mildern...

So bleibt die heutige Hauswurz nicht nur eine beachtete Nutzpflanze mit Heileigenschaften, sondern spielt auch eine Hauptrolle in vielen legendären Geschichten, ob dazu gedichtet oder wahr...

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Schlüsselwörter: Dachwurz | Mittelalter
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