Politik: Soziales & Bildung

Scharfe Kritik am „Oma-Export“

Wenn Deutsche Rentner und Pflegefälle ins Ausland verlegt werden
25.11.2012 17:16:52 eingesandt von Alex Mais für OnlineZeitung 24.de

Deutschland: Abgeschoben und alleingelassen...
Deutschland: Abgeschoben und alleingelassen...
Will Oma nach Thailand – oder nicht? Oder sollte man besser fragen: Darf Oma nach Thailand oder nicht? Auf einer Fachtagung im NRW-Landtag in Düsseldorf wurde jetzt harte Kritik am „Abschieben“ Demenzkranker ins Ausland geübt. Die kritischen Worte betrafen aber nicht nur die Angehörigen. Kritik ging auch an die Kommunen. Sie mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, dass ihnen die finanzielle Entlastung für jeden „Abgeschobenen“ gelegen käme.

Die Situation in Deutschland ist katastrophal

Schon jetzt fehlen mehr als 14.000 Fachkräfte in der Altenpflege. Das ist nur die offizielle Zahl und die nicht gemeldeten freien Plätze, die dringend belegt werden müssen, lassen die offizielle Zahl noch rasant in die Höhe schnellen. Die 150 Altenpfleger(innen), die jetzt von der Bundesagentur für Arbeit in China angeworben werden (OZ24 berichtete) sind da nur der berüchtigte „Tropfen auf den heißen Stein“. Und die Situation wird sich noch drastisch verschlimmern.

Kürzlich erschienene Presseberichte sprechen bereits davon, dass es schon in wenigen Jahren zu einem Pflegenotstand kommt. Bis zum Jahr 2030 sollen bereits eine halbe Millionen Vollzeit-Arbeitskräfte in der Pflege fehlen. Mit am höchsten sei der Bedarf dabei in NRW. Das Dilemma liegt vor allem daran, dass immer mehr Menschen im Alter zu Pflegefällen werden. Das bringt ganz erhebliche Versorgungsprobleme mit sich.

Kaum jemand kann sich die Pflege leisten

Seien wir doch realistisch! Wer kann sich heute noch eine Pflege im Alter leisten ohne dass die zahlungspflichtigen Kinder oder das Sozialamt einen enormen Beitrag zuschießen? Wer will ernsthaft seine Kinder in die Verantwortung ziehen, die oft selbst kaum über die Runden kommen? Bis zum Jahr 2030 soll, so haben Studien ergeben, die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland auf rund 3,5 Millionen steigen. Wie soll dass finanziert werden?

Darüber sollten sich die verantwortlichen Politiker und Verbände mal ernsthafte Gedanken machen anstelle etwas zu verurteilen, von dem sie vermutlich kaum etwas verstehen. Im NRW-Landtag blieb dies aber scheinbar völlig außen vor. Anstelle realistisch erarbeiteter Lösungen meckerte man pauschal darüber, dass bereits heute „tausende demenzkranke Deutsche in billigen ausländischen Pflegeheimen untergebracht“ seien. Und das Ganze klingt sehr vorwurfsvoll, vorwurfsvoll in erster Linie gegen die Angehörigen.

Es kann, aber muss nicht gleich Thailand sein

Ergibt sich doch die Frage, warum eigentlich nicht? Warum kein Pflegeheim im Ausland? Je nach Örtlichkeit ist eine entsprechende Luftveränderung gar nicht so selten gesundheitsfördernd und manch einer wurde dabei schon beschwerdefrei. Warum kein Pflegeheim im Ausland, wenn hier eine gleichwertige Pflege noch bezahlbar ist, weil sie deutlich unter den deutschen Tarifen liegt? Das deutsche Sozialsystem, einstmals in den Himmel hoch gelobt, ist doch schon lange am Ende und vor allem die Alters- und Kinderarmut steigt beständig an, während wir uns alle dumm und dämlich an Steuern für vielfach sinnlose Projekte zahlen. Die Steuern und die Zinsen, die machen unser Land kaputt.

Natürlich will nicht jede Oma, jeder Opa, ins Ausland. Aber viele gehen gerne und freiwillig. Der NDR hat eine zweiteilige Reportage zum Thema gemacht. Die 45minütigen Sendungen sind noch aufrufbar: 1. Oma will nach Thailand (NDR, 13.08.2012) und 2. Oma bleibt in Thailand (NDR, 20.08.2012). Anhand dieser Sendungen kann sich jeder zumindest ein ungefähres Bild von der Pflege im Ausland (hier am Beispiel Thailand) machen. Hier mehr zum Thema „Altersresidenz Thailand“.

Das ist menschenunwürdig…

Regina Schmidt-Zadel, die Vizevorsitzende der Alzheimergesellschaften NRW, bezeichnete einen solchen „Oma-Export“ ins Ausland aus Kostengründen als „menschenunwürdig“. Es ist also, so muss ich jetzt schlussfolgern, menschenwürdiger sogenannte „Fachkräfte“ aus China hierher zu holen, die dann die Oma oder den Opa in einem zweitklassigen Heim (für dass vielleicht das Geld noch reicht) so gut es geht versorgen. In vielen Heimen sind, wenn man Glück hat, gerade noch eine Schwester oder ein Pfleger pro Station mit bis zu zwei Dutzend Bewohnern in der Nachtschicht. Das sind katastrophale Zustände. In ausländischen Heimen gibt es vielfach drei Pflegekräften, die nur einen Patienten rund um die Uhr betreuen. So zum Beispiel in Thailand. Dort ist das alles bezahlbar. Aber in Deutschland kämen nur die Millionäre in einen solchen Genuss.

Was also ist menschenunwürdig? Ein Leben nahezu im Luxus in einem ausländischen Heim – oder eine vollkommen unzureichende Versorgung in einem deutschen Heim mit ausgenommen hohem Personalmangel? Hier kann ja nicht einmal ausreichendes Personal finanziert werden. Und was daraus noch werden soll, wenn der Anstieg der Bedürftigen so rapide vorangeht wie vorausgesagt, daran mag ich nicht einmal denken.

Bevor also irgendwelche Verantwortlichen meinen gegen eine Auswanderung alter oder pflegebedürftiger Leute wettern zu müssen, sollten diese lieber einmal konstruktiv denken und handeln und hier deutliche Verbesserungen schaffen. Oder wie sehen Sie das, verehrte(r) Leser(in)? Wo möchten Sie lieber Ihren Lebensabend genießen? …

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