Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Sonstiges: Verschiedenes

Grassierender Kinderwahn - Eine Analyse, Teil II

Erstveröffentlichung: www.readers-editon.de Autor: Bernd Ohm

Im ersten Teil ging es um familienpolitische Themen und das an die Wand gemalte Szenario einer kinderarmen Gesellschaft, um Nahrungsmittelerzeugung und Wasserknappheit. Nun Teil II: Grüne Revolution in Gefahr. Wie aber neuerdings selbst die neoliberalen Stoßtrupps von Handelsblatt und FAZ zugeben müssen, ist ebendiese problemlose Verfügbarkeit billiger Primärenergie aus fossilen Rohstoffen mittel- und langfristig nicht mehr gegeben, weil die jährliche Welt-Ölfördermenge in den nächsten Jahren ihr Maximum erreichen wird oder es bereits erreicht hat – Peak Oil.

Über den genauen Zeitpunkt streiten die Experten noch, aber dass die Menge des zur Verfügung stehenden fossilen Treibstoffs in nicht allzu ferner Zukunft langsam, aber unaufhaltsam sinken wird und damit den wachsenden Bedarf nicht mehr decken kann, wird nur noch von Branchenaußenseitern bestritten. Das ist kein Grund dafür, in depressive Dauerpanik zu verfallen, aber es bedeutet doch ganz elementar, dass die Ölförderung – kanadische Ölsände hin, saudisches Schweröl her – nach Schätzungen unabhängiger Geologen in etwa dreißig Jahren auf den Stand der frühen achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückgegangen sein wird. Das hört sich nicht allzu dramatisch an (Hey Mann, die Achtziger…!), aber damals waren wir eben noch die einzigen Säufer weit und breit und mussten weder Indien noch die südostasiatischen Tiger oder gar China als konkurrierende Schluckspechte fürchten. Außerdem werden wir uns sicher auch schwer damit tun, wieder in einer Welt zu leben, deren Gesamt-Wirtschaftsleistung nur halb so hoch war wie die heutige, wenn darin gleichzeitig nicht die damaligen viereinhalb, sondern acht oder neun Milliarden Menschen Arbeit, Obdach und Brot suchen. Die FAZ jedenfalls rät zu Investitionen in „innovative kleinere und mittlere Unternehmen“, die sich mit der Ölförderung beschäftigen, denn hier wird in den nächsten Jahrzehnten dank astronomisch steigender Preise ordentlich Reibach zu machen sein – und dies wegen der drogenartigen Abhängigkeit der Weltwirtschaft vom Öl ohne jeden überflüssigen Schnickschnack wie Marketingkampagnen, Einhaltung von Umweltstandards oder Goodwill-Aktionen zur Beruhigung von Greenpeace.

Wie eng die Versorgungslage bereits heute ist, zeigen die Rohölpreise des vergangenen Sommers: ein kleiner Grenzkrieg in Nahost, ein paar Entführungen in Nigeria, eine ausfallende Ölleitung in Alaska – und schon schießt der Barrel auf fast 80 Dollar hoch, womit der Preis inflationsbereinigt fast an die historischen Rekordmarken der zweiten Ölkrise 1978 heranreicht. Und trotz des aktuell wieder stark gefallenen Preises ist das längst nicht das Ende der Fahnenstange, denn eine weitere Verknappung des Angebots wird notwendigerweise irgendwann zum Fall der 100-Dollar-Marke führen, und dann heißt es: Anything goes … Die steigenden Ölpreise bedeuten selbstverständlich nicht nur, dass wir uns den oben erwähnten dritten Jahresurlaub zum Tauchen ans Rote Meer, wie man so schön sagt, in die Haare schmieren können; sie werden langfristig auch enormen Druck auf den Agrarsektor ausüben. Zum einen wird der fossile Treibstoff für Traktoren und Mähdrescher irgendwann so teuer, dass eine wahre Stampede auf Anbau und Produktion von Biotreibstoffen wie Rapsdiesel oder Ethanol einsetzen wird, was derzeit bereits ansatzweise in den USA zu beobachten ist, deren Maisernte dem dortigen Landwirtschaftsministerium zufolge nächstes Jahr zu 20 bis 25 % in die Ethanolherstellung gehen soll. Zum anderen dürfte der Bedarf an Erdgas für Hausheizungen und Prozesswärme in der Industrie parallel dazu den Haber-Bosch-Prozess so stark verteuern, dass irgendwann der gute alte Stallmist wieder zu seinem Recht kommt. Alles ökologisch, praktisch, gut. Leider aber mit enormem Flächenverbrauch und sinkenden Hektarerträgen verbunden, was notwendigerweise zu einer insgesamt sinkenden Nahrungsmittelproduktion führt.

Kein Grund zur Panik, aus Bauern werden eben Ölscheichs? Hören wir mal, was Frau Pi und Herr Daumen zum Thema Biotreibstoff meinen: Die beispielsweise aus einem Hektar Raps gewonnene Biomasse kann zu etwa 30 Prozent in Treibstoff umgewandelt werden und liefert dabei um die 1400 Liter Biodiesel, mit denen aufgrund des geringeren Brennwerts aber nur 1200 Liter Fossildiesel ersetzt werden können. Leider wird in optimistischen Zukunftsszenarien gerne vergessen, dass für Düngung, Feldbearbeitung und Pflanzenschutz sowie für die Arbeitsvorgänge in Ölmühle und Umesterungsanlage ebenfalls Energie aufgewendet werden muss, in diesem Fall den neuesten Angaben zufolge das energetische Äquivalent von satten 800 Litern Diesel, die bei dem Wunschziel völliger Unabhängigkeit von fossiler oder Atomenergie natürlich vom Gesamtertrag gleich wieder abgezogen werden müssen. Auf der Habenseite fallen noch Nebenprodukte wie Rapsstroh als Futtermittel oder Glycerin an, zu deren Herstellung dann wiederum keine fossile Energie verwendet werden muss, aber der tatsächlich nutzbare Reinertrag pro Hektar dürfte sich Branchenangaben zufolge auf nicht mehr als 800 Liter belaufen. Um damit alle deutschen Pkw und Lkw ein Jahr lang „nachhaltig“ antreiben zu können (ungefährer Gesamtbedarf: ca. 50 Milliarden Tonnen), müsste die gigantische Fläche von 750.000 Quadratkilometern Ackerland mit Raps bepflanzt werden, das ist etwas weniger als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Europäischen Union (in Wirklichkeit sind es sogar bis zu 3 Millionen, weil Raps nur alle drei bis vier Jahre auf demselben Feld angebaut werden kann). Das hat unerwartete Folgen auch für den landwirtschaftlichen Mechanisierungsgrad, denn wenn man bedenkt, dass nach einer jüngst veröffentlichten Studie für Bodenbearbeitung und Ernte beim Rapsanbau jährlich um die 150 Liter Kraftstoff je Hektar an Maschinenleistung aufgewendet werden müssen, ergibt sich ein bestenfalls zu erzielendes Nettoverhältnis von 1 Hektar Anbaufläche für den Betriebsstoff zu knapp 6 Hektar Fläche, die man damit bearbeiten kann. Dieses Verhältnis ist, wenn man den Zahlen des bekannten irischen Zugpferdexperten Charlie Pinney glauben will, keineswegs besser als in der traditionellen Pferdewirtschaft, in der ein durchschnittlicher 40-Hektar-Betrieb mit 5 Pferden bewirtschaftet werden konnte, die etwa 5 Hektar zusätzliche eigene Weidefläche benötigten – ganz abgesehen davon, dass für die „Herstellung“ eines Pferdes keine weitere Energie fressende technische Infrastruktur erforderlich ist.

Und Brasilien? Verlieren wir uns nicht in tropischen Fata Morganas: Die dortige Ethanolherstellung ist nur deshalb wirtschaftlich, weil für einen Großteil der Böden aufgrund von deren hoher natürlicher Fruchtbarkeit kaum Mineraldüngung erforderlich ist, das Zuckerrohr für seine eigene Stickstoffdüngung sorgt, das warme Klima mehrere Ernten im Jahr ermöglicht und die für die Herstellung eingesetzte Energie zum großen Teil nicht von Maschinen, sondern von einem Heer schlecht bezahlter Wanderarbeiter geleistet wird. Brasilianisches Zuckerrohr ermöglicht Studien zufolge eine Netto-Energiebilanz von ungefähr 9 zu 1, die Ethanolherstellung aus europäischen Zuckerrüben nur von 1,3 zu 1! Darüber hinaus bedroht die geplante Ausweitung der Produktion von Biosprit durch ökologisch katastrophale, mit hohem Pestizid-Einsatz bewirtschaftete Zuckerrohr-Monokulturen wertvolle Naturreservate wie den Pantanal oder den Regenwald im Norden des Bundesstaats Mato Grosso und stellt – wie schon die großflächigen Soja- und Eukalyptusplantagen oder die riesigen, für die extensive Rinderhaltung verschwendeten Weideländer – einen Schlag ins Gesicht der 1,5 Millionen brasilianischen Landlosen dar, die keinen Boden finden, um ihre Familien zu ernähren. Aus Verzweiflung über die Pläne der Regierung in Brasilia, das Verbot von Ethanolfabriken im Pantanal aufzuheben, verbrannte sich Ende letzten Jahres der brasilianische Umweltaktivist Francisco Gomes de Barros; erst dadurch wurde die Öffentlichkeit wachgerüttelt, und man entschied sich gegen die Fabriken. Ähnliche Verhältnisse hierzulande sind weder denkbar noch wünschenswert.

Auch die Umsetzung anderer Modellrechnungen für den Einsatz erneuerbarer Energieträger könnte zu einer gewissen Enge in Deutschland führen: So präsentierte beispielsweise die stets optimistische Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe (FNR) im Jahr 2003 Zahlen, nach denen der Strombedarf von fünf durchschnittlichen Einfamilienhäusern mit zwei bis drei Bewohnern ein Jahr lang durch das Biogas, das aus einem einzigen Hektar Mais gewonnen wird, gedeckt werden könnte. Das hört sich zunächst nicht schlecht an, allerdings bedeutet es, das allein für die private Stromversorgung Deutschlands (ca. 4000 kWh pro Haushalt laut Verband der Elektrizitätswirtschaft) satte 7 Millionen Hektar, das ist über ein Drittel der gesamten landwirtschaftlichen Anbaufläche, mit Mais bepflanzt werden müssten – vom industriellen Strombedarf ganz zu schweigen, für den weitere 5000 kWh pro Kopf zu veranschlagen sind. Ein weiteres Paradebeispiel ist die Heizung der Privathaushalte: Ein Hektar Wald liefert durchschnittlich 7 Festmeter nachwachsende Biomasse im Jahr, das sind ungefähr 4 Tonnen Holz mit einem maximalen Brennwert, der dem von 2400 Litern Heizöl entspricht. Insgesamt werden in Deutschland derzeit um die 35 Milliarden Liter Heizöl pro Jahr verbraucht, deren Ersetzung für die Privatheizung etwa in Form von Holzpellets würde also zu einem weiteren Flächenbedarf in Höhe von 145.000 Quadratkilometern Wald führen, das ist fast das Anderthalbfache der derzeitigen Gesamt-Waldfläche. Man könnte es unter den günstigsten Umständen vielleicht schaffen, so viel Energie wie möglich zu sparen und einen Großteil der noch benötigten Menge durch Geothermie, Windkraft und Sonnenenergie zu erzeugen, aber selbst dann würde man immer noch riesige Flächen brauchen, um die Energieträger zu erzeugen, mit denen die so gewonnene Primärenergie für Verkehr, selbstfahrende Arbeitsmaschinen, die winterliche Heizperiode und die chemische Industrie erst nutzbar würde (ob das dann noch wirtschaftlich ist, sei dahingestellt).

Erstveröffentlichung bei "Readers Edition" Autor Bernd Ohm Grundlage für Zweitveröffentlichung Creative Commons-Lizenz

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Lesen Sie dazu auch:
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Rohölpreis | Peak Oil | Gesellschaft | Primärenergie | fossile Rohstoffe
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare geschrieben

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.04 Sekunden
38,903,477 eindeutige Besuche