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Wirtschaft & Finanzen: Deutschland

Uniklinik-Ausverkauf: Der Etikettenschwindel EMAH

Stiftungen im Focus

Manche Firmen haben soviel Geld, daß sie es verschenken können. Nicht umsonst gibt es ja den Spruch, "tue Gutes und sprich darüber". Das ist solange auch durchaus lobenswert, solange der Zweck dieser Spenden auch wirklich der Allgemeinheit oder einer bestimmten Gruppe von sozial benachteiligten Menschen zugute kommt.

Realsatire Stiftung - Bestechung klingt so negativ

In einer zumindest moralischen Grauzone bewegen sich aber Firmen, die sich mittels einer Stiftung den Anschein geben, gemeinnützig tätig zu sein. Leider sind oftmals gerade diejenigen, die das meiste Kapital haben, so legendär und unangreifbar, dass sich niemand mehr traut, genauer hinzugucken oder sogar offen Kritik zu üben. Sehr schnell ist man in der Gefahr, mittels Gerichtsbeschluß mundtot gemacht zu werden.

Die Gemeinnützigkeit war ja bereits mit Herrn zu Guttenberg auf einem harten Prüfstand, als die Guttenbergsche Rhoen-Klinik der Universität Bayreuth (genau der Uni, die den Guttenberg-Titel verliehen hat) eine Stiftungsprofessur finanziert hat. Natürlich alles ohne Zusammenhang, völlig klar. Logisch.

http://www.derwes...29149.html

Am Donnerstag wurde be­kannt, dass Guttenberg Sponsor der Uni Bayreuth war, an der er bis 1999 studiert und von 2000 bis 2006 promoviert hatte. Wie Hans-Dieter Heck, Sprecher der Rhön-Klinikum AG der WAZ-Mediengruppe bestätigte, hat das Unternehmen von 1999 bis 2006 für einen neuen Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie an der Jura-Fakultät 747.764,36 Euro an die Uni überwiesen. Guttenberg hatte von 1996 bis 2002 einen Sitz im Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG. Seine Familie besaß dort Aktien. Den Gedanken, dass die Hochschule die Doktorarbeit eines Sponsors wohlwollend oder nachlässig begutachtet haben könnte, hält Heck für abwegig.

Was aber bedeutet es denn eigentlich, wenn ein privater Geldgeber einem öffentlichen Träger die Professur finanziert? Nun, im Klartext heißt es, daß der Geldgeber eben nicht mehr die Uni ist, die das Gehalt des Professors bezahlt, sondern ein Unternehmen, ein Verein oder eine Privatperson.

Wie aber kann man nun die Vermengung privater Interessen und die sich ergebenden Abhängigkeiten verhindern? Im Grunde wohl überhaupt nicht. Und hier beginnt das Problem auch bereits.

Sie wollen für Ihren Sohn, der sich beim Abi nicht mit Bestnoten hervortat, einen ansprechenden Titel? Gründen Sie einfach eine Stiftung, stellen zwei oder drei Professoren unter der Flagge der Stiftung an und warten Sie ab, was passiert... Zugegeben, dies ist ein fiktives Beispiel, und da man ja bekanntlich sehr aufpassen muß, niemand rechtliche Angriffspunkte zu bieten, bleiben wir bei einem fiktiven Beispiel:

Sie haben ein Unternehmen mit ca. 400 Mio Umsatz, das sich im Autosektor bewegt. Um genauzusein, es macht eher Stop. Bei Peter, oder Paul, oder bei Pit, ist ja auch egal. Durch die Krankheit ihres eigenen Kindes und dem Wunsch, ein bißchen mehr Einfluß auf die ärztliche Behandlung ihres Kindes nehmen zu können, denken Sie daran, eine eigene Klinik zu bauen. Zu teuer, zu riskant, und obendrein zu langwierig. Einfacher geht es da, ein bißchen Geld, sagen wir mal, so an die fünf Millionen, über eine Stiftung an eine etwas minder bewertete Uniklinik zu spenden. Davon wird dann ein Phantasiekonstrukt aufgebau(sch)t, dem man den Namen EKAH gibt: Erwachsenenklinik für angeborene Herzfehler. Klingt doch gut. Jetzt muß man nur noch die Stiftungsprofessur einrichten, man muß irgendwas erfinden, warum man überhaupt an die Uni spenden will: -Bingo! Versorgungslücke ist das Stichwort...

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Das kam ja schon bei Riester gut, also nehme man das erneut. Das kennt der Verbraucher, da weiß er, was er hat. Aber stimmt das denn, dass es eine Versorgungslücke gibt, bei Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern?

Die Nachfrage im Bundesgesundheitsministerium ergab folgende Antwort:

Eine direkte Versorgungslücke dieser Patientinnen und Patienten existiert nicht...(..)Vom Grundsatz her existieren Versorgungsmöglichkeiten für Herzkranke in Deutschland flächendeckend durch kardiologische Fachabteilungen und kardiologische Praxen auf hohem Niveau....(..)Das UK ist für die Erbringung der den Patientinnen und Patienten gesetzlich zugesicherten Krankenversorgungsleistungen nicht auf Spenden aus der Wirtschaft angewiesen.

Soso. Warum nimmt eine Universität diese Gelder denn dann überhaupt an?

Auf einer Internetseite eines ähnlichen Konstruktes wie in dem fiktiven Beispiel liest sich das dann so:

Die Versorgung von Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler nachhaltig zu verbessern, ist Ziel eines neuen Forschungs- und Behandlungszentrums, das derzeit am Universitätsklinikum Münster (UKM) aufgebaut wird. Durch die Einrichtung von gleich drei Stiftungsprofessuren auf einen Streich am Herzzentrum Münster und eine großzügige finanzielle Unterstützung

erforderlicher Umbaumaßnahmen wird diese Einrichtung von privater Hand maßgeblich gefördert. Insgesamt werden für das „Zentrum für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler”, kurz EMAH-Zentrum genannt, Personal- und Sachmittel in Höhe von über zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Am 6. Juni 2005 wurden die Verträge zur Einrichtung der drei Stiftungsprofessuren durch den Rektor der Universität Münster, den Vorstandsvorsitzenden des Universitätsklinikums Münster, die Vorsitzende der Fördergemeinschaft des EMAH-Zentrums und Vertretern der Stifter im Beisein von Verantwortlichen des Herzzentrums offiziell unterzeichnet.

http://www.emah.d...php?id=508

Welche Motivation mag ein Unternehmen überhaupt haben, solche Spenden zu machen? Wenn man etwas nachdenkt, und einen Blick auf eine der größten Stiftungen Europas wirft, dann stellt man verwundert fest, dass der unternehmerische Teil der Stiftung ( der nur einen Bruchteil des Gesamtunternehmens ausmacht) einer der ganz großen Medizingerätehersteller Deutschlands ist.

Erst Stifter, dann Lieferant?

Jetzt wäre das alles ja nicht weiter schlimm, macht halt ein Unternehmen Spenden und kauft sich damit in eine Universitätsklinik ein, so what? Nur für den Patienten, der in diese Uniklinik geht, macht es einen Unterschied, denn er geht davon aus, dass er in einem (Eingangs erwähnten) spezialisierten Zentrum mit zertifizierten EKAH-Ärzten behandelt wird. Die Phantasiebezeichnung, die man selbst erfunden und ins Leben gerufen hat, um sich den Anstrich besonderer Qualifikation zu geben. Ein leerer Werbeslogan ohne jede rechtliche Bindungswirkung.

Was sagt das Gesundheitsministerium dazu?

Grundsätzlich gibt es keine staatliche Qualifikation für Fachärztinnen und Fachärzte.(Bezogen auf Erwachsene mit angeborenem Herzfehler -Anm. des Autors) Die Landesärztekammern haben in dem selbstverwalteten Gesundheitswesen das Mandat, die fachärztliche Weiterbildung zu regeln. Bereits ausgebildete Fachärztinnen und Fachärzte für Kardiologie oder Kinderkardiologie können eine Zusatzqualifikation für die Behandlung von Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler erwerben. Dieses Zertifikat wird von den Deutschen Fachgesellschaften für Kardiologie und Kinderkardiologie ausgestellt.

Selbst wenn man nun einen entsprechend "zertifizierten" Kardiologen an der besagten Uni findet, hat man deshalb weder einen staatlicherseits besonders qualifizierten Arzt, noch einen Herzchirurgen, der sich gleichermaßen mit Herzfehlern die angeboren oder erworben sein mögen, auskennt. Durch den Etikettenschwindel "EKAH-Zentrum" werden also Patienten angelockt, die, wenn sie nicht durch die Mogelpackung EKAH den Blick verstellt bekommen würden, vielleicht einen wirklichen Experten andernorts aufsuchen würden, der zwar vielleicht kein Zertifikat, aber dafür Ahnung von der vorliegenden Problematik hat.

Welches "Zentrum"?

YouTube Video

Prof. Dr. A. Schmaltz teilte diesbezüglich folgendes mit:

Zu Ihren Fragen:

1.) ein EMAH-Zentrum muss von einem zertifizierten EMAH-Arzt geleitet werden.

2.)Es gibt keine gesetzliche Erfordernis, vielmehr die Anforderung zur Weiterbildung als Kinderkardiologe oder Kardiologe 1,5 Jahre sich auf dem Gebiet der EMAH-Kardiologie weiterzubilden.

3.) Bisher sind noch keine Zentren zertifiziert, dieser Prozess ist gerade angelaufen. EMAH-Abteilungen bzw. -Aktivitäten gibt es an zahlreichen universitären und nicht-universitären Herzzentren und stehen in der Regelfinanzierung. Einzig in Münster gibt es eine EMAH-Stiftungsprofessur.

Es stellt sich nur die Frage nach dem Warum.

Wenn man nun bedenkt, wie gefährlich Werbung in der Medizin ist, wie hier mit dem Unwissen des Patienten - und offensichtlich dem der Politiker - jongliert werden kann, dann kann einem nur noch Angst werden vor so einem Szenario.

Natürlich sind alle Aussagen rein spekulativ und stellen lediglich die Meinung des Verfassers dar. Alle Ähnlichkeiten sind rein zufällig und frei erfunden. Etwaige Schadensersatzklagen bitte an das Büro des Autors in Curacao zustellen.

By the way: Über die Stiftungsmittel und deren genaue Verwendung existieren öffentlich keine aussagefähigen Nachweise. Charitywatch konnte bislang keine Daten einsehen, die über die ordnungsgemäße Spendenverwaltung Auskunft geben würden. Transparenz sieht anders aus.

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Schlüsselwörter: Uni Münster | Uni Bayreuth | Stiftung | Bosch | Völlm | Karla | Emah | Etikettenschwindel | schleichwerbung | UKM
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