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Grassierender Kinderwahn - Eine Analyse Teil I

Erstveröffentlichung: www.readers-editon.de Autor: Bernd Ohm

Haben wir zu wenig Kinder?
Haben wir zu wenig Kinder?
Teil I: Hilfe, wir sterben aus! Deutschland ist also am Ende. Der einst lebensfroh strotzende Volkskörper hat sich in ein zusammenhangloses Nebeneinander von „Bastelbiographien“ und „Flickwerkfamilien“ verwandelt, das der „Anbetung des eigenen Bauchnabels“ verfallen ist.

„Masche für Masche“ des sozialen Netzes zerreißt und bei all dem geht die Lust an der biologischen Reproduktion verloren; die Frauen haben es aufgegeben, ihren Männern ein gemütliches Heim zu bereiten, dafür aber die Bewusstseinsindustrie übernommen, von deren Höhen aus sie die endzeitlich schlaffe Kultur dominieren; wegen des Fehlens der „Überlebensmaschine Familie“ können wir keine Krisensituationen mehr bestehen; und wenn wir dereinst unseren dritten Jahresurlaub zum Tauchen ans Rote Meer nicht mehr antreten können, weil uns die Zipperlein gar zu sehr plagen, werden uns die Augen aufgehen und wir werden nichts sehen als die lindgrün gestrichenen Wände einer luxuriösen, aber einsamen Altenheimwohnung, die nie vom Lachen unserer Enkel erfüllt war.

So oder ähnlich ist es jedenfalls seit Monaten überall dort zu hören, wo sich die beiden für die heutige Zeit nicht untypisch zeugungsmuffeligen Kleinfamilienvorstände, Scheidungsopfer und Karrierehanseln Matthias Matussek und Frank Schirrmacher (neuerdings sekundiert von der Fernseh-Betriebsnudel Eva Herman) ihren Weg in die Gehörgänge der Öffentlichkeit fräsen. Die Kommandozentrale des Raumschiffs Feuilleton bombardiert die Nation relativ kenntnislos, aber dafür umso eindringlicher mit halb verdauten Bevölkerungsstatistiken und gefühligen Großmutterweisheiten, um das Gewissen der armen Frau Germania wachzurütteln: Sei fruchtbar und mehre dich – wir kriegen sonst keine Rente! Du sollst wieder eine richtige Frau sein, nicht so ein Flintenweib, das einem die Kinder wegnehmen und Karriere machen will! Du sollst Blutsbande knüpfen und zeigen, dass Muttern die Beste ist! Und jetzt aber schnell, sonst verlernen wir das Kindermachen noch ganz und gar!

Nicht weniger unheilschwanger orakelt außerdem in der weltweit viel gelesenen Internetausgabe der Asia Times eine geheimnisumwitterte Sibylle, die sich den sprechenden Kampfnamen „Spengler“ gegeben hat und ihren Lebensunterhalt damit verdient, ungefähr anderthalb Bücher über die europäische Kulturgeschichte gelesen zu haben, in zweihundert Jahren werde man Deutsch und Französisch „ausschließlich in der Hölle“ sprechen. „Spengler“, der seine wahre Identität beharrlich geheim hält, hat die Thesen Samuel Huntingtons vom „Kampf der Kulturen“ mit der biologistischen Geschichtsphilosophie seines großen deutschen Namensvorbilds zu einer meist vergnüglich zu lesenden, immer aber ausgesprochen abstrusen neokonservativen Mischung vermengt, der zufolge die heutigen Europäer gewissen Naturvölkern glichen, die nach dem Kontakt mit der als übermächtig empfundenen westlichen Moderne ihre Lust am Weiterbestehen verloren hätten und auf dem Wege einer allgemeinen Fortpflanzungsverweigerung langsamen Kollektivselbstmord begingen. Unsere eigene Nemesis wäre dabei die geburtenstarke und glaubensfeste muslimische Welt, und eines nicht allzu fernen Tages würde vom Kölner Dom der Ruf der Muezzins weit über die Rheinebene erschallen und die Gläubigen zum Gebet rufen …

Bei derartig düster dröhnenden Götterdämmerungsakkorden verwundert es nicht, dass auch die deutsche Bundesregierung bereits reagiert hat, um unserem drohenden Aussterben vorzubeugen: Mit der Einführung des Elterngeldes ab dem kommenden Jahr 2007 sollen karrierebenebelte Businesskostümträgerinnen mit Universitätsabschluss zurück auf den Pfad der Tugend gebracht werden und Nachwuchs in die Welt setzen, denn „In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder“, so der Bankberater und FDP-Nachwuchsabgeordnete Daniel Bahr, der zwar von 2002 bis 2005 Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion für demographische Entwicklung, selbst aber auch noch nicht in dieser Richtung tätig war – vermutlich des drohenden Gehaltsabsturzes auf Filialleiterniveau wegen. Finanziert wird der Geldsegen wie üblich mit Einnahmen, die man noch nicht erzielt hat (letzten Endes also mit einer Staatsanleihe, deren Zinsen wiederum dem geldbesitzenden oberen Mittelstand zugute kommen), und wenn man dann, wie zu erwarten ist, in ein paar Jahren feststellt, dass die ganze Mühe für die Katz war und auch die noch weitergehende Forderung des Exverfassungsrichters Paul Kirchhof nach 10.000 Euro pro Jahr und gebärwilliger Frau zu keiner wesentlichen Erhöhung der Fertilitätsrate geführt haben, wird man vermutlich die Pille verbieten oder einem jüngst von dem amerikanischen Stadtsoziologen Mike Davis geäußerten Vorschlag folgen und öffentliche Fruchtbarkeitsrituale mit Kondomverbrennungen abhalten.

Dass es sich bei dem theoretischen Unterbau des Ganzen um ein Sammelsurium schillernder Sumpfblüten handelt, deren Ausdünstungen nach der „blutigen Idylle des 19. Jahrhunderts“ (taz) und „antizivilisatorischen Reflexen“ (jw) riechen (von der ideengeschichtlichen Wiedergängerei eines „Spengler“ ganz abgesehen), dass die Geburtenraten in Wirklichkeit seit den frühen siebziger Jahren ungefähr auf dem gleichen Stand geblieben sind, dass Akademikerinnen gar nicht viel weniger Kinder bekommen als Nicht-Akademikerinnen, dass hier eine „Traktatgeneration und Putzteufelgruppe“ aus Alt-Maoisten und „Hobby-Biologen“ (Frankfurter Rundschau) blindwütige Panikmache betreibt, um ihre existenzielle männliche Verunsicherung dem Phänomen unabhängige Frau gegenüber zu kaschieren, wurde von anderen und an anderer Stelle bereits ausreichend gewürdigt. Reden wir hier lieber von Überbevölkerung.

Wie bitte? Kein Thema mehr heutzutage, und vor allem nicht in Deutschland? Wir können doch unsere Bevölkerung problemlos ernähren, es werden sogar Agrarflächen stillgelegt? Längst widerlegter Malthusianismus? Keineswegs. Lassen wir unsere Erinnerung zurückschweifen in die siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Damals wurde man von allen Seiten mit Warnungen überhäuft, dass unser Planet bei konstantem Fortschreiten des seinerzeitigen Bevölkerungswachstums in Kürze von einer dreifachen Schicht gestapelter Menschenleiber bedeckt sein würde; Massen asiatischer und afrikanischer Hungerflüchtlinge würden sich auf den Weg ins Gelobte Land Europa machen und bettelnd und marodierend die Straßen unserer Städte verstopfen; die Bevölkerung würde schneller wachsen, als der technische Fortschritt ihre Ernährung weiterhin sichern könnte. Diese Prophezeiung scheint, von ihrem Mittelteil abgesehen, der jeden Tag an den Stränden der Kanarischen Inseln oder vor den Stacheldrahtsperren Ceutas ein Stück mehr Wirklichkeit wird, nicht eingetreten zu sein. Die so genannte „Grüne Revolution“ hat seit den 1950er Jahren eine enorme Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge ermöglicht, und wenigstens einem Bericht der Welternährungsorganisation FAO aus dem Jahr 2000 zufolge müssen wir auch für die nächste Zukunft keine Angst haben, da selbst die für 2030 erwartete Zahl von 8 Milliarden Erdenbürgern genug zu essen haben soll, und das sogar ohne Berücksichtigung des zusätzlichen Anbaupotenzials durch genetisch modifizierte Nahrungsmittel. Zwar musste auch die FAO zwei Jahre später zugeben, dass trotzdem gegenwärtig 800 Millionen Menschen an Unterernährung leiden, aber das wird heute im wesentlichen als Problem der Verteilung, nicht der Produktion angesehen.

Leider handelt es sich hierbei um einen Fall von Blauäugigkeit im fortgeschrittenen Stadium. Die Höhe der gegenwärtigen Nahrungsmittelproduktion ist natürlich keine physikalische Konstante, sondern beruht einzig und allein auf drei Säulen der besagten „Grünen Revolution“, deren mittel- und langfristige Stabilität alles andere als in Beton gegossen ist: erstens der durchgehenden Mechanisierung der Landwirtschaft, zweitens dem flächendeckenden Einsatz von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln, drittens der extensiven Nutzung der Weltwasservorräte zur Bewässerung von landwirtschaftlich eigentlich ungeeigneten Trocken- und Wüstengebieten. Die dritte Säule ist sicher auch in Zukunft nicht Deutschlands größtes Problem: Zwar wird in einem Bericht der Unesco von 2005 davon geredet, dass die Pro-Kopf-Versorgung mit Wasser im globalen Maßstab zwischen 1970 und 1990 um ein Drittel zurückgegangen ist und bereits heute 500 Millionen Menschen keinen ausreichenden Zugang zu Frischwasser haben, aber dies spielt natürlich vor allem für Länder wie etwa Syrien eine Rolle, das seine hohe Geburtenrate von 3 Kindern pro Frau nur durch massive Bewässerungsprogramme abfangen kann, ohne die es unweigerlich zu Hungersnöten käme. Die ersten beiden Säulen allerdings sind von unmittelbarer Bedeutung auch für Mitteleuropa, weil sie nicht von der problemlosen Verfügbarkeit billiger Primärenergie aus fossilen Rohstoffen zu trennen sind, denn nur dadurch ist ja ein wirtschaftlicher Betrieb der Traktoren- und Mähdrescherflotten der Welt erst möglich, nur dadurch können die auf Erdölbasis beruhenden Insektizide und Pestizide produziert werden, ohne die der auf riesigen Monokulturen basierende Anbau nicht möglich ist, und nur dadurch rechnet sich die Synthetisierung des benötigten Stickstoffdüngers durch das Erdgas fressende Haber-Bosch-Verfahren, bei dem zur Herstellung eines Kilogramms Dünger das Energieäquivalent von fast anderthalb Liter Erdöl aufgewendet werden muss (wenn Sie den Grund wissen wollen, warum keine deutsche Regierung Russland jemals öffentlich wegen dessen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien anklagen würde – schauen Sie auf Ihre Gasrechnung, oder gehen Sie in eine Düngemittelfabrik).

Lesen Sie im zweiten Teil: Grüne Revolution in Gefahr

Erstveröffentlichung bei "Readers Edition" Autor Bernd Ohm Grundlage für Zweitveröffentlichung Creative Commons-Lizenz

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Schlüsselwörter: Kinderwahn | Kind | Kinder | Deutschland | Analyse
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