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Scheintot und lebendig begraben (I)

Von der Angst des Menschen lebendig begraben zu werden

Edgar Allan Poe (1848)
Edgar Allan Poe (1848)
„Allein in Baden-Württemberg wurden innerhalb eines Jahres viermal Totenscheine für noch Lebende ausgestellt.“ So berichtete DER SPIEGEL beispielsweise in seiner Ausgabe Nr. 51/1977 vom 12.12.1977. Seitdem hat sich immer noch nichts daran geändert. Auch heute noch wird der Zustand des Scheintods immer wieder einmal übersehen und noch lebende Personen für tot erklärt.

Besonders aktuell war das Thema lebendig begraben zu werden in 18. und 19. Jahrhundert. Daraus folgerten dann die skurrilsten Ideen und Erfindungen dies zu verhindern. Aber auch in die Literatur und später ins Filmgenre fand diese menschliche Urangst Einzug. Bekannt dazu sind u. a. die Erzählungen des bekannten US-Schriftstellers Edgar Allen Poe (19.01.1809 - 07.10.1849) „The Fall of the House of Usher“ und „The Premature Burial“ die darauf eingehen. Letztere dieser beiden Erzählungen ist auch unter dem deutschen Titel „Lebendig begraben“ bekannt geworden. Poe schien ein besonderes Interesse an diesem Thema zu haben, was daraus resultieren soll, dass er selbst an kataleptischen Anfällen litt, die ihn manchmal in einer totenähnlichen Starre gefangen hielten. Das soll in extremen Fällen schon mal über Tage angedauert haben.

Die Angst vor dem Scheintod und damit vor dem „lebendig begraben werden“ nennt man Taphephobie. Dieser Begriff stammt aus dem Griechischen (taphephobia) und setzt sich zusammen aus den Begriffen „Grab“ (táphos) und „Phobie“. Vor dieser Angst scheint es kein Entkommen zu geben, hat sie einen Menschen erst einmal gepackt. Neben allerlei Erfindungen, mit denen ein Scheintoter auf sich aufmerksam machen sollte, gipfelte diese Phobie in der Verfügung den eigenen Leichnam nach dem tatsächlichen oder auch nur dem vermeintlichen Todeseintritt töten zu lassen, um das lebendig begraben werden auszuschließen. So verfügten beispielsweise Johann Nestroy und Arthur Schnitzler dass ihnen der Herzstich beigebracht würde. Hans Christian Andersen verfügte hingegen, dass ihm im Falle seines Todes bzw. auch vermeintlichen Todes die Pulsadern aufgeschnitten werden sollten. Zudem legte Andersen immer wenn er schlafen ging einen Zettel neben sein Bett, auf den er geschrieben hatte „Ich bin nur scheintot“. Ebenfalls aus Taphephobie verfügte der bekannte Philosoph Arthur Schopenhauer in seinem Testament, dass sein Leichnam erst dann bestattet werden dürfe, wenn seine Leiche deutliche Anzeichen der beginnenden Verwesung zeige.

Wie aktuell ist das Thema eigentlich heute noch? Nicht nur in Deutschland ist eine ärztliche Leichenschau zwingend notwendig um einen Verstorbenen beerdigen zu können. Dabei gibt es gesetzliche Vorschriften wie eine Leichenschau stattzufinden hat. Die beiden wichtigsten Punkte daraus sind:

  1. Der Arzt hat den vollständig unbekleideten Leichnam von allen Seiten zu begutachten. Insbesondere auch die behaarten Körperregionen und die Körperöffnungen.
  2. Die Todesbescheinigung darf erst dann ausgestellt werden, wenn der Arzt sichere Merkmale des Todes festgestellt hat. Zu diesen sicheren Merkmalen gehören Totenflecke, Totenstarre oder Fäulnis. Fehlender Puls oder Herzstillstand gehören nicht dazu.

Punkt 1 soll verhindern, dass ein nicht natürlicher Tod unerkannt bleibt. Ein nicht natürlicher Tod ist ein Tod durch äußere Einwirkung (in der Regel Unfall, Suizid oder Mord). Aus diesem Grunde ist in Deutschland auch eine zweite, eine amtsärztliche Leichenschau bei Feuerbestattungen vorgeschrieben.

Hier interessiert jedoch mehr der Punkt 2. Wenn der Arzt unmittelbar nach Todeseintritt den Leichnam untersucht, können sichere Zeichen des Todes nicht festgestellt werden. Dann muss der Arzt entweder bei der Leiche bleiben bis diese feststellbar sind (Totenflecke sind in der Regel kurzfristig, nach bereits ca. 30 Minuten sichtbar) oder zu einem späteren Zeitpunkt eine weitere Begutachtung des Leichnams vornehmen.

Wird dies ordnungsgemäß ausgeführt, dürfte ein Scheintod oder scheintodähnlicher Zustand ausgeschlossen sein. Ärzte, die sich nicht an diese und andere gesetzlichen Vorschriften halten begehen zumindest eine Ordnungswidrigkeit und machen sich somit auch strafbar.

So könnte man doch eigentlich davon ausgehen, dass es (zumindest bei uns in Deutschland) keine Fälle von Scheintod mehr geben kann. Doch weit gefehlt. Die Realität sieht anders aus. Viele Ärzte halten sich bei der Leichenschau nicht an die gesetzlichen Vorgaben. Bei Haussterbefällen scheuen sie sich den unbekleideten Leichnam zu untersuchen – aus falsch verstandenem Pietätsgefühl den Angehörigen gegenüber. Das hat natürlich auch zur Folge, dass bei einem vollständig bekleideten Leichnam die sicheren Zeichen des Todes nicht gesehen werden können. Somit kann definitiv auch ein eventueller nicht natürlicher Tod oder gar ein Scheintod nicht erkannt werden.

Aus meiner eigenen, jahrzehntelangen Berufserfahrung im Bestattungsgewerbe sind mir zwei besonders krasse Fälle einer (vorsichtig ausgedrückt) nicht korrekten Leichenschau bekannt. Im ersten Fall hat der Arzt einen Suizid durch Erhängen übersehen und bescheinigte einen natürlichen Tod. Beim zweiten Fall war eine alte Frau in ihrem Bett verstorben. Der Arzt kam zur Leichenschau, öffnete die Schlafzimmertür, sah die Frau wohl nur schemenhaft im spärlichen Licht, dass durch die Tür ins stockdunkle Schlafzimmer fiel, im Bett liegen. „Ach“, sagte er, „die Oma ist ja friedlich eingeschlafen.“ Kaum ausgesprochen schloss er die Schlafzimmertür und setzte sich an den Küchentisch um die Todesbescheinigung auszufüllen. Hier wäre weder ein Scheintod, noch ein nicht natürlicher Tod erkannt worden.

Solche Fälle von Leichenschauen geben zu denken. Durch solche Praktiken rückt dann auch der mögliche Scheintod wieder in greifbare Nähe. Müssen wir also auch heute noch Angst davor haben lebendig begraben werden zu können? Offensichtlich ja. Und das zeigen Jahr für Jahr auch immer wieder die Meldungen über solche Ereignisse…

Fotolegende: Edgar Allan Poe, 1248. Fotoquelle: Wikipedia (gemeinfrei).

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Schlüsselwörter: Scheintod | lebendig begraben | Angst | Taphephobie | Edgar Allan Poe
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Kommentare

286
am 23.01.2011 18:09:30 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Klasse, Alex Mais! Eine Querverbindung zum Thema Organspende drängt sich mir da auf! Von wegen Hirntod und so...
266
am 25.01.2011 14:53:27 (204.93.160.xxx) Link Kommentar melden
Bevor ich lange danach suche: wo, bitte, ist das mit der gesetzlichen Vorschrift zu Punkt 1 geregelt? Ich habe sicher nicht so viel Erfahrung in dieser Sache wie der Autor, doch bei den Todesfällen, die ich erlebt habe, hat der Arzt nie den unbekleideten Leichnam untersucht. Der Todesschein wurde so ausgefüllt. Allerdings ist bei manchen Krankheitsverläufen und Todesarten der Tod sicher auch vom Laien festzustellen.

@Dorota - dieser Gedanke kam mir auch.
Alex Mais
am 25.01.2011 20:54:04 (195.93.60.xxx) Link Kommentar melden
@ I Mayer

Im "Bestattungsgesetzt". Da jedes Bundesland sein eigenes hat, die schon mal geringfügig voneinander abweichen können, hier zitiert aus dem Bestattungsgesetz für NRW in der derzeit gültigen Fassung:

Gesetz über das Friedhofs- und Bestattungswesen
(Bestattungsgesetz - BestG NRW)
vom 17. Juni 2003

Zweiter Abschnitt
Bestattung

§ 9 Leichenschau, Todesbescheinigung und Unterrichtung der Behörden

(3) Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, unverzüglich nach Erhalt der Todesanzeige die unbekleidete Leiche oder die Totgeburt persönlich zu besichtigen und sorgfältig zu untersuchen (Leichenschau)...
266
am 25.01.2011 21:24:56 (204.93.160.xxx) Link Kommentar melden
Herzlichen Dank für die prompte Auskunft, verehrter Alex Mais, ich werde mir das "Bestattungsgesetz" meines Bundeslandes und anderer europäischer Länder einmal genauer daraufhin ansehen.

Erschreckend ist das jedoch schon:
„Allein in Baden-Württemberg wurden innerhalb eines Jahres viermal Totenscheine für noch Lebende ausgestellt.“

Das ist genau viermal zuviel.

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