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Wissenschaft: Sonstiges

Kittsteiners Klebekraft

Anmerkungen zu einer etwas willkürlichen Montage von Marx und Heidegger

Steinbruch... – draus machen, was man will
Steinbruch... – draus machen, was man will
Betrachtet man das Werk eines Denkers wie Martin Heidegger oder die Theorien eines Ideologen wie Karl Marx jeweils als einen Steinbruch, so kann man – jedenfalls als ein in der Geschichte, Literatur und Wissenschaft Bewanderter – nach Lust und Laune aus diesem Steinbruch Steine herausbrechen, diese nach Größe und Gewicht sortieren, und daraus dann nach Belieben Häuser oder auch Straßen zu diesen Gebäuden bauen.

Neue große Gedankengebäude, zum Beispiel eine Weltformel, wie wir heute jenes Unterfangen nennen, das den Alchimisten der Spätantike und des Mittelalters als Frucht ihres heißen Begehrens – wir wir heute, in der Atomphysik gebildet, wissen: ihres erfolglosen Bemühens – galt: der Stein der Weisen, lateinisch lapis philosophorum, arabisch el iksir, daraus im Deutschen dann „Elixier“. – Etwas aus seinem Zusammenhang herauszubrechen und al gusto zu benutzen, dies ist ein verbreitetes Spiel, es nennt sich Eklektizismus. Aus den beliebig gesammelten Bruchstücken Neues zusammenzukleben ist ebenfalls sehr beliebt, ganze Weltanschauungen, Großreiche – wie das Imperium Romanum – und Religionen – wie das Christentum – beruhen auf diesem Prinzip, es nennt sich Synkretismus.

„Naturabsicht und Unsichtbare Hand“

Ein zeitgenössischer deutscher Historiker, Germanist, Schriftsteller und Philosoph hat einen solchen eklektizistischen Versuch im Steinbruch – ausgerechnet bei Marx und Heidegger! – unternommen, welchen Thomas Assheuer in der ZEIT sehr ausgewogen dargestellt und durchaus humorvoll rezensiert hat, eine äußerst lesenswerte Arbeit:

Kittsteiners 2-Komponenten-Kleber
Kittsteiners 2-Komponenten-Kleber
Philosophie

Tischgespräch unter Feinden

Heinz Dieter Kittsteiner möchte Karl Marx mit Martin Heidegger versöhnen

Thomas Assheuer, © DIE ZEIT 29.07.2004 Nr.32

Heinz Dieter Kittsteiner (30. Juli 1942 – 18. Juli 2008) promovierte nach seinem Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Universität Tübingen bei Jacob Taubes über das Thema „Naturabsicht und Unsichtbare Hand“. Anschließend arbeitete Kittsteiner am Philosophischen Seminar der Freien Universität Berlin (bei Michael Theunissen) sowie an der Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie an der Universität Bielefeld (bei Reinhart Koselleck), jeweils als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seine Habilitation erfolgte dann 1988 mit der Schrift „Die Geschichte des modernen Gewissens“. Seit 1993 hatte Kittsteiner eine Professur für Vergleichende europäische Geschichte der Neuzeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder inne; dort amtierte er auch zwei Jahre lang als Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät.

Der Alchimist bei der Arbeit...
Der Alchimist bei der Arbeit...
Nachrufe zum Tod Heinz Dieter Kittsteiners

Allein der Ansatz von Kittsteiners Buch „Mit Marx für Heidegger – Mit Heidegger für Marx“ zeigt eine erfreuliche und im akademischen Umfeld meist etwas indigniert beäugte Chuzpe, weswegen man sich diese recht außergewöhnliche und eigenwillige Annäherung an Marx und Heidegger, zwei der ganz großen Gestalter der deutschen Geistesgeschichte, durchaus einmal gönnen sollte.

Rezensionen zu „Mit Marx für Heidegger – Mit Heidegger für Marx

Die Grundidee ist bestechend einfach und (vor allem deshalb) einfach bestechend: jeder von uns hat einen „blinden Fleck“, jeder hat Erkenntnisdefizite. Man nehme also zwei Antagonisten, und siehe da... – was dem einen fehlt, weiß der andere. Und was der zweite übersehen hat, ergänzt der erste. Der Blinde und der Lahme werden somit postum zum erfolgreichen Marathonläufer, wenn sie sich zusammentun. Was in der Kommunikationswissenschaft richtig ist – deswegen geben wir uns gegenseitig Feedback, und unter der Voraussetzung, daß es ehrlich, rücksichtsvoll und konstruktiv zugeht, können wir mit den Augen des Partners unseren eigenen „blinden Fleck“ überlisten – macht philosophisch keine valide Aussage. Die Denkfehler und Defizite von Marx werden nicht etwa ausgeglichen durch die Denkfehler und Defizite von Heidegger, sondern sie potenzieren sich...

Minus mal minus gibt plus... – oder etwa nicht?

Gut geklebt hält (fast) alles...
Gut geklebt hält (fast) alles...
Schön wär's. Was in der Mathematik fraglos gilt, hat allein deshalb noch lange keine Aussagekraft im erkenntnistheoretischen Sinn. Die Denkfehler von Marx werden nicht geheilt durch Heideggers verstellten Blick und schon gar nicht durch seine gewalt(täti)ige Sprache. Eine defekte Lenkung macht ein Auto mit defektem Getriebe auch nicht fahrtüchtiger. Kittsteiners Ansatz ist dennoch gleichermaßen erhellend wie erheiternd. Und das allein macht sein Buch auf eine angenehm provokante Art anregend. Dennoch bleibt der eine Wermutstropfen in der fehlerhaften Logik der Grundidee dieses Buches: Minus plus Minus gibt noch mehr Minus, wie man jederzeit an seinem Girokonto verifizieren kann.

Doppelhelix der DNA
Doppelhelix der DNA
Zum Schluß das Versöhnende: besonders für den kritisch gebliebenen Heidegger-Kenner und ebenso umgekehrt für den denkfähig gebliebenen Marx-Leser mag es erstaunlich sein, welche Parallelen der Begrifflichkeit Kittsteiner herausarbeitet; wie in einer Doppelhelix werden Brücken sichtbar, auf denen sich beide Denker hätten treffen können, wie in Marxens „Entfremdung“ und der heideggerschen „Heimatlosigkeit“, in der kommunistischen Sichtweise aufs „Kapital“ kommt in der existentialphilosophischen Perspektive das „Man“ zum Vorschein. Doch da endet auch schon die erzwungene Kopulation von Marxens Hauptwerk „Kapital“ und Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“. – Nein, weder die fanatischen Marxisten wird Kittsteiners Buch ansprechen können noch die Jünger Heideggers, und so bleibt es denjenigen, die in beiden Welterklärungs-Systemen deren Fehler zu sehen in der Lage sind, vorbehalten, dieses willkürlich kraftvolle Kunstwerk Kittsteiners als das zu genießen, was es ist – und vermutlich nach dem Willen des Autors auch sein sollte: ein Lustspiel. Eine Komödie. Eine Posse. Unterhaltsam, spannend, anregend. Aber eben nicht ganz ernstzunehmen. Es zeigt nichts weiter als die Sichtweise Kittsteiners und seinen pfiffigen Gedankenblitz, der jedoch in kurzer Zeit verpufft, ohne ein Feuer zu entfachen.

  • Bildnachweis:
  • Marmorsteinbruch bei Carrara mit Radladern. Datum: 15. September 2007. Urheber: Reiner Flassig. Via Wikipedia, public domain.
  • Zwei-Komponenten-Kleber, screenshot.
  • Der Alchemist beim Suchen nach dem Stein der Weisen (1771) von Joseph Wright of Derby, illustriert die Entdeckung des Phosphors durch Hennig Brand im Jahr 1669. Öl auf Leinwand, 127 x 101,6 cm, Derby, Museum and Art Gallery. Via Wikipedia, public domain.
  • Spectacular photo taken in the gallery of the airport of Hamburg/Photo spectaculaire prise dans la gallerie de l'aéroport d'Hambourg. Démonstration de la force de collage. Date: October 2002. Source: Own work. Author: Cjp24. Via Wikipedia, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license.
  • Simple diagram of double-stranded DNA (without text). Via Wikipedia, public domain.

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Schlüsselwörter: Heinz Dieter Kittsteiner | Karl Marx | Martin Heidegger | Synkretismus | Eklektizismus | Welttheorie | Weltformel
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Kommentare

286
am 06.01.2011 13:21:14 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Grin LOL, eine krasse Alliteration
Kittsteiners Klebekraft


und ein sehr anschauliches Bild
....welche Parallelen der Begrifflichkeit Kittsteiner herausarbeitet; wie in einer Doppelhelix werden Brücken sichtbar, auf denen sich beide Denker hätten treffen können...
...wenn der olle Charly sich nicht 6 Jahre vor Heideggers Geburt in die ewigen Jagdgründe verabschiedet hätte.
266
am 06.01.2011 16:35:26 (204.93.160.xxx) Link Kommentar melden
Kompliment! Mit Witz und Humor geschrieben, macht Lust darauf, das Buch von K. einmal in die Hand zu nehemn und wenigstens durchzublättern!
357
am 09.01.2011 09:42:28 (84.19.165.xxx) Link Kommentar melden
Witzig. Wie Michael Eldred schrieb: "Bei Kittsteiner ist dieser Übertritt ins eigentlich Philosophische nur sehr verwischt auszumachen." Wink

http://www.arte-f...tmxhd.html

Der wichtigste Unterschiede zwischen Heidegger und Marx meiner Meinung nach: Heidegger war stark von der Gnosis bestimmt in seiner Geschichtsinterpretation.
  • Link geändert Geändert von OZ24 am 21.05.2012 21:11:52.
300
am 11.01.2011 00:40:35 (178.33.255.xxx) Link Kommentar melden
ine defekte Lenkung macht ein Auto mit defektem Getriebe auch nicht fahrtüchtiger. Kittsteiners Ansatz ist dennoch gleichermaßen erhellend wie erheiternd.

Wie kann man so eine Boshaftigkeit nur so wohlklingend formulieren? Wink
286
am 18.01.2011 18:29:26 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Weil er sich als den einzig wahren Philosophen darstellte?
266
am 21.01.2011 09:19:18 (204.93.160.xxx) Link Kommentar melden
Das ist aber eine sehr "speziell" Sichtweise der Philosophiegeschichte, die Heidegger da hatte. Daran hat sich keiner seiner Kollegen gestört? Die Kantianer zum Beispiel? Oder haben die ihn ganz einfach nicht für voll genommen?
266
am 28.01.2011 16:39:02 (204.93.160.xxx) Link Kommentar melden
Gut, dann lese ich statt Heidegger lieber Friedman, Cassirer und Cohen Smile
349
am 28.01.2011 18:11:18 (212.227.103.xxx) Link Kommentar melden
Wenn ich Heidegger lese, denke ich an die

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...und lese deshalb lieber weiter in dem schönen Buch
Der logische Aufbau der Welt
286
am 28.01.2011 20:40:58 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
I Mayer am 28.01.2011 16:39:02 (204.93.160.xxx)

Gut, dann lese ich statt Heidegger lieber Friedman, Cassirer und Cohen...
Sagen wir es mal so: was ist nicht besser als HEIDEGGER?

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