Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Sonstiges: Verschiedenes

Pferd und Reiter


Wer das natürliche Verhalten eines Pferdes beeinflussen will, muss wissen, was er von seinem Pferd verlangen will. Denn die natürlichen Instinkte der Pferde sind Reitern bei der Ausbildung von Freizeit- und Sportpferden oft mehr im Weg, als dass sie nützen.

Tierschützer und Reiter streiten mit Vehemenz über die Frage, ob den Pferden die Verwendung als Reittier sozusagen biologisch in die Wiege gelegt wurde oder von Zweibeinern aufgezwungen wurde.

Während die Extremisten unter den Tierschützern nur noch glückliche Pferde auf der Weide gelten lassen möchten, sprechen die Extremisten unter den Reitern solchen Pferden jede Existenzberechtigung ab.

Eine Tatsache ist, dass unsere modernen Reitpferde, ganz gleich welches Brandzeichen sie auch tragen mögen, ein Produkt züchterischer Bemühungen sind.

In der Natur sind Equiden dieser Größenordnung offenbar nicht vorgesehen. Alle wildlebenden Rassen, die auf Selbstversorgung in freier Natur angewiesen sind, erreichen nicht mehr als gute Ponygröße, also bis ungefähr 1,50 Meter. Beobachtungen haben gezeigt, dass verwilderte Pferde größerer Rassen in wenigen Generationen auf dieses handliche Format zurückschrumpfen.

Rittigkeit - also die Fähigkeit und Bereitschaft, einen Reiter zu tragen - ist immerhin ein jahrhundertealtes Zuchtziel. Selbst wenn Wildpferde in der freien Natur sicherlich nicht von einem Reiter träumen, sind doch unsere modernen Reitpferde ganz offensichtlich in der Lage und vielfach auch willens, mit einem Menschen auf dem Rücken Erstaunliches zu vollbringen. Allerdings können sie das, ohne Schaden zu nehmen, nur auf der Grundlage einer fachgerechten, systematischen Ausbildung.

Sicher ist es der Traum jedes Tierfreundes, die natürlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten seines Tieres zu respektieren. Am besten lässt sich diese Forderung in einer Ausbildung erfüllen, die sich an den natürlichen Instinkten des Pferdes orientiert. Reiter müssen der unromantischen Tatsache ins Gesicht sehen, dass sich ein Teil der Pferdeausbildung gerade damit beschäftigt, den Pferden ihr Instinktverhalten auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Denn das Verhalten diese Tiere kann Menschen in erhebliche Gefahr bringen, wenn sie nicht gelernt haben, die Forderungen des Menschen zu respektieren.

Risikofaktor Nummer Eins für den Menschen sind die Fluchtreaktionen des Pferdes. Mit der Reaktionsgeschwindigkeit eines Fluchttieres kann kein Mensch Schritt halten. Der Umgang mit dem Pferd erfordert beständige Aufmerksamkeit, wache Beobachtung der Umgebung und Konzentration auf die Reaktion des Pferdes.

Dennoch bleibt immer ein Restrisiko, das aus dem Tierverhalten resultiert. Die Stimmungswahrnehmung des Pferdes ist ungleich schärfer als die des Menschen, die Reaktion ungleich schneller.

Striktes Einhalten aller Regeln zur Sicherheitsvorkehrung, auch im Umgang mit gut vertrauten Pferden ist die beste Maßnahme zur Unfallverhütung. Vertrauen und Gewöhnung sind die beiden Faktoren, die dem Pferd ermöglichen, Verhaltensweisen zu erlernen, die ihrem natürlichen Verhalten entgegenstehen. Druck und Zwang dagegen lösen einen Teufelskreis von Angst, Fluchtversuch, Sturheit und Widersetzlichkeit aus.

Wer Pferde ausbilden möchte, muss sozusagen die Pferdesprache sprechen, sonst sind die Erfolgsaussichten für eine dauerhaft tragfähige, störungsfreie Kommunikation sehr gering. Das gilt für die Erziehung vom Boden aus genauso wie für die Ausbildung unter dem Sattel.

Ein sehr verhängnisvoller Trend im Reitsport treibt zunehmend mehr pferdefachliche Laien zum Erwerb junger Tiere. Unbestritten haben die Youngsters eine ganz besondere Ausstrahlung: Sie sind eher bereit, sich auf den Menschen einzulassen, und reagieren oft in aller Unbefangenheit erstaunlich zutraulich und positiv auf alle Forderungen.

Ein Laie vermag allerdings keineswegs die unweigerlich kommenden Krisen vorherzusehen, noch beherrscht er das nötige Krisenmanagement. Unfallträchtige Situationen sind vorprogrammiert. Wenn es durch glückliche Umstände dazu nicht kommt, schleifen sich auf Dauer bestenfalls schlechte Kompromisse zwischen den Wünschen und der Reaktion des Pferdes ein. Schon bei der Wahl des passendes Pferdes ist jeder Reiter gut beraten, das eigene Know-how richtig einzuschätzen. Junge Pferde und unerfahrene Besitzer passen nicht zusammen.

Ein stabiles Verhalten ist erst zu erwarten, wenn ein Pferd ausgereift und seine Grundausbildung abgeschlossen ist. Altere Pferde lassen viel eher ein gleichmäßige, gefestigtes Benehmen erwarten, auf das sich der Reiter einstellen kann.

Angesichts der großen Bandbreite von Temperament, Charakter und individuellen Eigenheiten der Pferde sollte jeder potentielle Pferdebesitzer rechtzeitig und möglichst emotionsfrei überlegen, welches Pferd zu ihm passen könnte - unabhängig von der Frage des reiterlichen Ausbildungsstandes, der mit dem eigenen Können abgestimmt werden muss.

Extreme Unterschiede offenbart ein Vergleich zwischen den naturnahen Robustrassen, denen man die Verwandtschaft mit ihren wildlebenden Vorfahren noch ansieht, und den durch jahrhundertelange Zuchtselektion geformten Spezialrassen wie zum Beispiel das Englische Vollblutpferd.

Robustpferde zeigen ein ausgeprägtes und ausgeglichenes Instinktverhalten. Sie sind sozusagen imstande, bestmöglich für ihr eigenes Wohlergehen zu sorgen. Das schließt unter Umständen auch die Ablehnung unangenehmer Forderungen von Seiten des Menschen ein. Viele Robustpferde verfügen über ein angstfreies, gelassenes Selbstbewusstsein, gelegentlich verbunden mit einem ausgeprägtem Spieltrieb, wie bei den liebenswerten, schlitzohrigen Shetlandponys.

Gestaltet sich die Ausbildung der Pferde wegen ihrer Gelassenheit und relativen Scheufreiheit in vielen Punkten unproblematisch, so ist es doch durchaus nicht selbstverständlich für sie, den Menschen in jeder Situation als rankhöheres Wesen anzuerkennen.

Doch haben diese Vierbeiner erst einmal gelernt, die Forderungen des Menschen zu akzeptieren, dann sind es angenehmen und höchst zuverlässige Kameraden.

Das andere Extrem im Verhalten bieten die hochgezüchteten Spezialrassen wie das Englische Vollblut. Diese Rasse ist auf Rennleistung hin selektiert gezüchtet worden. Es hat eine außerordentlich niedrige Reizschwelle, hohe Erregbarkeit und extreme Fluchtneigung.

Solche Pferde sind überaus sensibel und empfindlich, oft anhänglich und menschenfreundlich, aber jederzeit blitzschnell auf der Flucht. Passende menschliche Partner brauchen große Erfahrung, Sensibilität, Verhaltenssicherheit und sehr gute Reaktionen. Begreiflicherweise eignen sich solche Pferde nicht für Anfänger.

Das ideale Pferd ist selbstbewusst, aber gehorsam, aufmerksam, ohne ängstlich zu sein, intelligent, aufgeschlossen , fleißig und stets zum Dienst des Menschen bereit. Es hat nur kleinen winzig kleinen Kunstfehler: Es existiert ausschließlich als Phantasieprodukt. In der Realität gilt es, mit Kompromissen zu leben.

Dennoch würden viele Fehlkäufe im Reitsport vermieden, wenn sich die potentiellen Besitzer nicht nur Gedanken über Abstammung, Exterieur, Ausbildungsstand und eventuelle Erfolge machen würden.

Das individuelle Verhalten, geprägt von artspezifischen Instinkten, Temperament und Charakter ist ausschlaggebend für eine dauerhaft befriedigende Beziehung zwischen Pferd und Reiter.

Harmonie zwischen zwei unterschiedlichen Geschöpfen, das ist ein Traum und sollte nicht als Alptraum enden.

Drum prüfe wer sich ewig bindet…

Die Suche nach dem goldenen Mittelweg zwischen Phlegma und Sensibilität ist nicht einfach. Dennoch sind Ausgeglichenheit und eine gewisse Scheufreiheit Eigenschaften, die sich bei einem Reitpferd in jedem Fall bezahlt machen.

Bilquelle: Tinypic

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Lesen Sie dazu auch:
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Pferd | Reiter | Verhalten | Kommunikation
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

522
am 03.01.2011 15:07:17 (93.219.176.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von OZ24 am 03.01.2011 21:40:17.
Royal Flush
am 03.01.2011 19:06:04 (92.224.98.xxx) Link Kommentar melden
@ Chaim

Tiere, hier mal auf die Pferde bezogen, sind halt keine Maschinen.
Man kann nie voraussehen wie sie reagieren.

Sie gehen beim Ausritt 99 Mal an einem Gegenstand vorbei, beim 100 Mal da scheuen sie, so als ob sie das Teil noch nie gesehen haben.
Grin

Man darf nie bei der Arbeit mit Pferden nachlässig werden. Selbst das zuverlässigste Pferd kann sich über etwas erschrecken oder an dem Tag auch einfach nicht gut drauf sein und bocken.

Doch eine gute Grundausbildung macht sich immer bezahlt, denn das Pferd kommt schnell wieder auf den Level der Vernunft zurück.
Es vertraut seinem Menschen und wenn der Mensch dem Pferd Sicherheit vermittelt, ist alles halb so schlimm.
Für beide Seiten.

Kein Pferd ist perfekt, dennoch sind sie perfekt!

Wink
349
am 03.01.2011 19:23:28 (212.227.103.xxx) Link Kommentar melden
Kein Pferd ist perfekt, dennoch sind sie perfekt!

Das könnte fast eine Weisheit des Konfuzius sein, so schön formuliert ist das!
Royal Flush
am 03.01.2011 19:30:14 (92.224.98.xxx) Link Kommentar melden
@ Vater von Gandalf und Galahad

Dankeschön.

ich liebe Pferde über alles Maßen, es sind so wunderbare Geschöpfe.
Stark, aber dennoch so zerbrechliche Geschöpfe.

Man kann ein Pferd in vielen Jahren alles lehren was es für ein Leben braucht.
Doch man kann ein Pferd auch in 1 Sekunde "töten."

Seinen Willen, sein Vertrauen, seine Liebe.
Gata Linda
am 03.01.2011 22:53:02 (90.169.81.xxx) Link Kommentar melden
Kompliment. Dieser Artikel ist bisher dein bester (von denen, die ich kenne).
Sowohl stilistisch als auch inhaltlich nichts einzuwenden, weiter so!
Gata Linda
am 03.01.2011 22:56:35 (90.169.81.xxx) Link Kommentar melden
Dennoch würden viele Fehlkäufe im Reitsport vermieden, wenn sich die potentiellen Besitzer nicht nur Gedanken über Abstammung, Exterieur, Ausbildungsstand und eventuelle Erfolge machen würden.

Der Fehlkauf ist oftmals nicht "falsches Pferd für den richtigen Besitzer" sondern "falscher Besitzer für das richtige Pferd", weil meist Pferde am unfähigen (neuen) Besitzer scheitern, und weniger der fähige Besitzer am neuen Pferd...ist das Pferd dann verdorben, wird eben ein neues angeschafft.

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.06 Sekunden
39,913,953 eindeutige Besuche