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„Lastkraftwagens“ und „Taxis“

Die Pluralbildung im Deutschen und andere Späße

Taxenschild (Abb. n. UrhG gemeinfrei)
Taxenschild (Abb. n. UrhG gemeinfrei)
Die Pluralbildung im Deutschen ist ja schon kompliziert genug: je nach Deklination haben wir verschiedene Endungen anzuhängen, mal ein -n (Scheibe, Scheiben), mal ein -en (Frau, Frauen), mal ein -er (Kind, Kinder). Weil das noch nicht kompliziert genug ist, gibt's das Spiel auch mit Umlaut plus Suffix -er (Mann, Männer) oder mit Umlaut plus -e (Maus, Mäuse). Besonders schwer sind auch die Wörter, die es nur als Mehrzahl gibt (Pluraliatantum), wie Ferien, Geschwister oder Eltern. Und umgekehrt auch die Wörter, die (eigentlich) unzählbar sind, also die (Singulariatantum), jeweils mit vielen Ausnahmen und Bedeutungswandlungen wie Schönheit – Schönheiten (im Sinne von schönen Menschen) oder Dummheit – Dummheiten (einzelne Handlungen).

Beispiele
  • Konkreta, die etwas Unzählbares bezeichnen: Laub, Lärm
  • Abstrakta: der Durst, der Hass, die Vernunft, die Gegenwart
  • substantivierte Verbinfinitive: Denken, Verzeihen, Vergessen
  • substantivierte Adjektive: das Deutsche, das Unvergessliche
  • viele Substantive auf -heit oder -keit: Dunkelheit, Gesundheit
  • viele Substanzen: Milch, Helium, Gold
  • Organisationen: Post, Polizei

Für Ausländer, die Deutsch lernen, eine der größten Herausforderung bei diesem Abenteuer. Aber auch für Muttersprachler nicht immer ganz einfach, wobei die Rechtschreibreform noch weiter die Unsicherheit vermehrt hat. Bisher galt als Mehrzahl für „Sphinx“ die Form „Sphingen“, nun ist auch „Sphinxe“ erlaubt. Altsprachler bekommen spätestens hier Magenschmerzen und Schüttelfrost.

Betrachten wir nun einmal Abkürzungen, wie zum Beispiel (das) Taxi oder (die) Taxe in der Bedeutung „Kraftdroschke“, deren Fahrer in den oberdeutschen Mundarten und vor allem in Österreich „Taxler“ heißt. Das Wort „Taxi“ ist eigentlich eine Abkürzung aus „Taxameter“, denn dieser Begriff meint das Meßgerät, das die „Taxe“ (also den Geldbetrag, der für die Fahrt zu entrichten ist), berechnet, nämlich in einer kombinierten Kalkulation aus Grundpreis plus Kilometer-Entgelt plus Zeitfaktor. Aus dem Meßgerät entstand also der Begriff für das Fahrzeug. Am Taxistand steht nun aber gelegentlich nicht nur eines dieser Fahrzeuge, sondern mehrere. Wie man die dann nennt? Eigentlich „Taxen“, aber mittlerweile auch „Taxis“, obwohl sich das furchtbar anhört.

Doch nun zum Lastkraftwagen (LKW) und Personenkraftwagen (PKW), zu mehreren Rettungs(transport)wagen (RTW) und den Kranken(transport)wagen (KTW). Oder heißt der Plural hier „Wägen“? In oberdeutschen Mundarten kann man das sagen, doch eigentlich meint wägen den Vorgang, den man mit Hilfe einer Waage vornimmt: der Verkäufer wägt ein Viertel Pfund Wurst, der Käufer wägt Vor- und Nachteile eines bestimmten Kaufs ab, er erwägt, anderswo zu kaufen – in einer deutschen Sprachzeitung war als Plural tatsächlich zu lesen: LKWs, immerhin war nicht der berüchtigte „Deppenapostroph“ zur Anwendung gekommen...

Nach dieser etwas seltsamen Schreiblogik hieße es dann also in der Mehrzahl, ausgeschrieben, Lastkraftwagens und Personenkraftwagens oder gar Fiats und BMWs? Nein, natürlich nicht. Und so ist das falsche Plural-S bei diesen Abkürzungen nur ein weiterer Pflasterstein auf der Straße der Sprachverhunzung. Empfehlung zur sicheren Abhilfe: den Plural des nicht abgekürzten Grundwortes bilden, und so auch den Plural der Abkürzung. Denn die LKW verursachen schließlich den Stau, nicht etwa die „Lastkraftwagens“.

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Schlüsselwörter: Sprache | Deutsch | Plural | Mehrzahl | Deklination | Rechtschreibung
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Kommentare

IPG Independent Pressgroup
am 23.12.2010 14:14:46 (90.169.121.xxx) Link Kommentar melden
Genauso witzig finde ich die Allgemeinen Geschäftsbedingungens..Smile
Hartmut Holz
am 23.12.2010 15:50:44 (217.80.212.xxx) Link Kommentar melden
das hat sich halt sprachlich bei uns so eingebürgert. Und somit ist das ganze die
Sprache des Alltags geworden.

Sprache verändert sich doch ständig. So ist es halt eben.
300
am 26.12.2010 23:33:12 (178.33.255.xxx) Link Kommentar melden
Bisher galt als Mehrzahl für „Sphinx“ die Form „Sphingen“...
Oops, noch nie gehort, kommt ja auch nicht so oft vor Smile
300
am 29.12.2010 20:32:50 (178.33.255.xxx) Link Kommentar melden
Rechtschreibung ändert sich eben, und genauso die Inhalte der "Allgemeinbildung". Aber den Plural "Sphingen" hab ich jetzt natürlich drin. Irgendwie wird mir das schon mal nützen. Als gag auf einer Party oder so Wink
Argusauge
am 29.12.2010 20:55:23 (93.222.7.xxx) Link Kommentar melden
LoL ich musste Spingen erst mal nachschlagen. Wer denkt sich solch einen Schmarrn nur aus?
  • Geändert von Argusauge am 29.12.2010 20:56:19.
357
am 30.12.2010 14:13:40 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
@Argusauge
Wie Chaim schon erklärt hat, hängt das mit der Wortbildung der indogermanischen Sprachen zusammen, da verschmelzen gelegentlich Buchstaben miteinander. Aus dem Ex-Migranten wird der Emigrant, aus dem In-Migranten wird der Immigrant. Ich bin nicht sicher, wie es bei Sphinx ist, aber vermutlich heißt der Wortstamm "sphing-", und daran wird für jeden Fall (Nominativ, Genitiv, Dativ usw.) eine bestimmte Silbe angehängt. - Wie im Deutschen: das Haus, des Hauses, dem Haus(e), das Haus. Wenn nun bei "sphing-" im 1. Fall ein -s angehängt wird, dann heißt es "sphings", und dafür schrieb man dann eben ein x statt des gs; ist jetzt nur aus dem Handgelenk gemutmaßt, ich habe gerade kein Griechischwörterbuch zur Verfügung, also ohne Garantie.

Von der Aussprache her ist DAX (der Aktienindex) ja nicht zu unterscheiden vom Dachs (Tier).
286
am 01.01.2011 10:20:43 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Die Beschäftigung mit den alten Sprachen (und natürlich auch mit Fremdsprachen) bringt einen doch weiter, was das Sprachgefühl angeht.
357
am 09.01.2011 09:03:46 (84.19.165.xxx) Link Kommentar melden
Ähnliche Wortbildungen sind auch Larynx (Kehlkopf) => laryngal oder
Phalanx => Phalangen

@Dorota: Das ist absolut richtig!

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