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Politik: Soziales & Bildung

Thilo Sarrazin und die Spätschäden: Irritationen in der Schule

Der tägliche Kampf um die politisch korrekte Sprache

Krischan mit der Piepe
Krischan mit der Piepe
Es sind die allgemein bekannten Schlagwörter der aktuellen politischen Diskussion, die uns auch an den Schulen bewegen: Parellel-Gesellschaft? Integration? Sarrazin? PISA-Studie? Bildungsfern? – Andererseits werden auch Tugenden wie Zuverlässigkeit, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Werte wie Ehrlichkeit und Höflichkeit thematisiert, jedenfalls von (Wert)Konservativen. Soweit der Anspruch, denn solche Sätze wie die folgenden sind leider normal geworden an unseren Schulen, ohne dass die Lehrer dies hätten verhindern können oder wollen:

„Was willst Du denn eigentlich mal beruflich machen?“ – „...ey, isch mach voll krass auf harzvier alder, scheissenegal, weistu wie isch mein! Mann, laber misch ned an, sonz mach isch disch Kranknhaus, isch schwör!“

Die Schulen in Deutschland haben durch die Verfassungen und durch entsprechende Gesetze der Länder auf der einen Seite einen recht klaren Lehrauftrag, jedoch auf der anderen Seite auch einen etwas weniger klaren Erziehungsauftrag. Letzteres wird zwar von den Lehrern, die ihren Lehrplan bekanntlich nach strenger Zeitplanung umsetzen müssen, gelegentlich etwas in den Hintergrund gestellt, doch beides zusammen erst ergibt den gesamten Bildungsauftrag: junge Menschen werden wesentlich geformt, ihr Charakter gebildet.

Bildung und Erziehung!

Dies zusätzlich zu den objektiv prüfbaren Wissens-Inhalten. – Die heranwachsenden jungen Menschen sollen dadurch nämlich befähigt werden, mit der notwendigen Wissensbasis – aber auch mit den erforderlichen und sich stets verändernden Inhalten einer umfassenden Allgemeinbildung sowie den heutzutage immer deutlicher geforderten soft skills – selbstverantwortlich ihr eigenes Leben sowie auch das soziale Gemeinwesen insgesamt zu gestalten; dies ist das Ziel, um das es geht. – Von der klaren Formulierung des Ziels und der sinnvollen Auswahl der operativen Maßnahmen hängt bekanntlich die Erreichung strategischer Ziele ab.

Föderalismus und Schule

Dem kulturpolitischen Föderalismus der Bundesrepublik Deutschland entsprechend ist die in den Schulgesetzen der einzelnen Bundesländer unterschiedlich geregelt und festgelegt. In Baden-Württemberg zum Beispiel werden die Grundlagen dazu folgendermaßen formuliert: „die Schule verwirklicht den im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, in der Verfassung des Landes Baden-Württemberg und im Schulgesetz für Baden-Württemberg verankerten Erziehungs- und Bildungsauftrag“. – Demzufolge definiert der § 1 Abs. 1 des baden-württembergischen Schulgesetzes die Aufgaben der Schule so:

Der Auftrag der Schule bestimmt sich aus der durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung des Landes Baden-Württemberg gesetzten Ordnung, insbesondere daraus, daß jeder junge Mensch ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung hat und daß er zur Wahrnehmung von Verantwortung, Rechten und Pflichten in Staat und Gesellschaft sowie in der ihn umgebenden Gemeinschaft vorbereitet werden muß.

Werte und Normen, auf welcher Grundlage?

In den folgenden Absätzen wird es aber erst richtig spannend, zusätzlich zum Wissen (Lehrauftrag) und der Befähigung (Erziehungsauftrag) kommen jetzt noch Werte und Würde hinzu, Soziales und Ethisches ebenfalls, und das sogar noch auf christlicher Grundlage!

Die Schule hat den in der Landesverfassung verankerten Erziehungs- und Bildungsauftrag zu verwirklichen. Über die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten hinaus ist die Schule insbesondere gehalten, die Schüler
  • in Verantwortung vor Gott, im Geiste christlicher Nächstenliebe, zur Menschlichkeit und Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zur Achtung der Würde und der Überzeugung anderer, zu Leistungswillen und Eigenverantwortung sowie zu sozialer Bewährung zu erziehen und in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit und Begabung zu fördern,
  • zur Anerkennung der Wert- und Ordnungsvorstellungen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu erziehen, die im einzelnen eine Auseinandersetzung mit ihnen nicht ausschließt, wobei jedoch die freiheitlich-demokratische Grundordnung, wie in Grundgesetz und Landesverfassung verankert, nicht in Frage gestellt werden darf,
  • auf die Wahrnehmung ihrer verfassungsmäßigen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten vorzubereiten und die dazu notwendige Urteils- und Entscheidungsfähigkeit zu vermitteln,
  • auf die Mannigfaltigkeit der Lebensaufgaben und auf die Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt mit ihren unterschiedlichen Aufgaben und Entwicklungen vorzubereiten.

Politische Korrektheit, aber wie?

Wie man leicht erahnen kann, sind hier einige unlösbare Probleme versteckt, nicht nur wegen der in der Sarrazin-Debatte angesprochenen aktuellen Verwerfungen und Brüche in unserer Gesellschaft. – Zu diesen Brüchen gehört eine Geschichte, die der Vater von Gandalf und Galahad vor kurzem in der Klasse eines seiner Söhne erlebt hat (die im folgenden genannten Namen der erwähnten Personen sind wie immer frei erfunden!).

Freizeit und Wochenende in einer Gastfamilie

Der Verfasser ist – wie man seinem Pseudonym entnehmen kann – Vater zweier Söhne. Einer der beiden, nämlich Gandalf, hatte einen Mitschüler aus seiner Klasse zum Wochenende zu Besuch, mit Übernachtung; die beiden sind in einem Gymnasium, sie sind 14 Jahre alt, die Klasse hat einen Ausländeranteil von ca. 15 Prozent. Der Mitschüler, wir nennen ihn jetzt einfach einmal Florian, kam also am Freitag nach Schulschluss zusammen mit Gandalf nach der Schule nachhause und sollte dann am Sonntag abend wieder von seinen Eltern abgeholt werden. Der Freitag war nach dem gemeinsamen Mittagessen den drei coolen Jungs zunächst selbst überlassen, was bedeutet, dass Gandalf, Galahad und Florian sich ihren eigenen Freizeit-Mix aus Wii-Konsole, Pool-Billard, TV, PC, Spielen, Reden, Skaten und sonstigen sozialen Aktivitäten entwarfen und umsetzten. – Nach dem gemeinsamen ausgedehnten Abendessen gab es dann noch einige gemeinsame Aktivitäten und danach einen Abend, der nach den Interessen der Erwachsenen und den Jugendlichen differenziert war, mit klaren Spielregeln. Auf deutsch: „Ihr könnt machen, was Ihr wollt, außer das Haus abzufackeln oder Fremde hereinzulassen!“

Eine wahre Geschichte

Abends, beim gemeinsamen Abendessen, erwählte Florian folgende Geschichte; sie ist offenkundig wahr, weil sie von anderen Quellen in den wesentlichen Details bestätigt wurde. Florian fragte seine Erdkunde-Lehrerin in einer Pause ganz harmlos und neugierig: „Sie sind doch Türkin, wieso unterrichten Sie dann eigentlich Französisch und nicht Türkisch?“ – Man muss als Leser jetzt wissen, die Lehrerin – nennen wir sie einfach mal Frau Özkan – ist türkischer Abstammung, was sie sicher nicht als Schande empfindet, zumal es ja auch keine ist. In den USA ist es unkompliziert, irischer, polnischer, deutscher, italienischer oder jüdischer Abstammung zu sein, die Menschen sind stolz darauf. Aber in Deutschland?

Die USA haben einen Präsidenten, der einen kenianischen Vater und eine US-amerikanische Mutter mit irisch-britisch-deutschen Vorfahren hat. Aber in Deutschland ist es eine Beleidigung, jemanden zu fragen ob er türkischer Abstammung ist? Offenbar, denn Frau Özkan schrie und tobte. Wegen der einfachen Frage Florians rastete sie komplett aus. – Frau Özkan stellt sich gegenüber den Kindern als Türkin dar, welche Staatsangehörigkeit sie hat, ist den Kindern und ihren Eltern nicht bekannt, es interessiert ja auch nicht. Wichtig ist, dass sie einen guten Unterricht macht. Sie hätte so viele Möglichkeiten gehabt, auf Florians Frage pädagogisch wertvoll zu antworten: eine Gegenfrage stellen, oder ihm erklären, dass sie eben Französisch, Geografie und Sport fürs Lehramt studiert habe; oder dass ein Deutscher in Australien nicht automatisch Deutschlehrer sein muss...

Und die Moral von der Geschichte?

Florian wurde vor den Rektor zitiert und erhielt einen mündlichen Verweis wegen Beleidigung einer Lehrerin. Außerdem wurden die Eltern einbestellt. – Das war allerdings gar nicht nötig, denn Florians Vater schrieb schon am nächsten Tag einen Brief, in dem er sich in deutlichen Worten verbat, dass sein Sohn wegen einer einfachen Frage als angeblich fremdenfeindlich denunziert würde, außerdem forderte er die Entfernung des Verweises aus der Schülerakte und beschwerte sich beim Schulamt über Frau Özkan; er gab auch zu erkennen, er sei kein Anhänger Sarrazins. In der Folge gab es dann einige Gespräche, in denen die Sache beigelegt wurde.

Der Fall war somit geklärt, aber was hat Florian eigentlich dabei gelernt?

Das Bild stammt von Wilhelm Busch (Bildergeschichten/Bilderpossen Krischan mit der Piepe) und ist gemeinfrei; die ganze Geschichte ist bei www.zeno.org nachzulesen.

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Schlüsselwörter: Sarrazin | Schule | Türke | politisch korrekt | Integration
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Kommentare

Kindergaertner
am 08.02.2011 15:14:52 (78.52.128.xxx) Link Kommentar melden
Warum ist denn Frau Özkan ausgerastet? Ansonsten hat jede Geschichte natürlich immer auch eine Vorgeschichte. Möglicherweise wurde Frau Özkan wegen ihres türkischen Hintergrunds heftig beleidigt.
Florian hat jetzt sicher gerlernt, dass Taktgefühl im Umgang mit anderen Menschen sehr wichtig ist.
Hartmut Holz
am 08.02.2011 16:46:17 (217.80.224.xxx) Link Kommentar melden
Das ganze deutsche Schulsysthem entspricht nicht mehr der heutigen Zeit. Es ist auf den Stand des Deutschen Bundes - 19. Jahrhundert.

Sechzehn Bundesländer gleich 16 unterschiedliche deutsche Bildungsstandards.
Grauenvoll.
286
am 09.02.2011 10:42:59 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Möglicherweise wurde Frau Özkan wegen ihres türkischen Hintergrunds heftig beleidigt.
Und deswegen rastet man als Lehrer aus? Der Autor hat es doch bereits geschrieben: "Sie hätte so viele Möglichkeiten gehabt, auf Florians Frage pädagogisch wertvoll zu antworten: eine Gegenfrage stellen, oder ihm erklären, dass sie eben Französisch, Geografie und Sport fürs Lehramt studiert habe; oder dass ein Deutscher in Australien nicht automatisch Deutschlehrer sein muss... "

Man muss doch jemanden nach seiner Herkunft fragen dürfen oder mit einem Lehrer eine solche Frage besprechen dürfen, ist das denn jetzt alles als "rassistisch" verboten?
300
am 09.02.2011 13:30:38 (178.33.255.xxx) Link Kommentar melden
Eine Lehrerin, die so reagiert, hätte bei uns einen schlechten Stand gehabt Wink

Hätte man da nicht zum Vertrauenslehrer gehen können und die Klassensprecher mit Florian mal zu den Schülersprechern der SV schicken sollen?
Hartmut Holz
am 09.02.2011 14:32:31 (217.80.226.xxx) Link Kommentar melden
Also, ich möchte, in der heutigen Zeit, auch kein Lehrer mehr sein. Denn so manche Jugendliche haben doch überhaupt keinen Respekt mehr gegen über den Lehrern und Lehrerrinen.
Johannes Reiser
am 09.02.2011 19:20:08 (94.218.234.xxx) Link Kommentar melden
An welchen Spätschäden werden wir in Zukunft am meisten zu tragen haben?

An den Spätschäden eines (vielleicht nicht immer richtig verstandenen) osmanischen Reiches?

An den Spätschäden dessen was jedem bekannt ist, aber Herr Sarrazin nicht veröffentlichen sollte?

An den Spätschäden der Meinungsfreiheit von IM-Erika, die einer namhaften Bank ihre Meinung darüber mitteilte wer wegen seiner Meinungsäusserung aus dem Vorstand zu entlassen ist?

An den Spätschäden einer "demokratischen" Oppositionspartei, die eines ihrer Mitglieder wegen dessen Meinungsäusserung ausschliessen möchte?

Oder gar an den westlichen, "freiheitlichen" Regierungen, die sich so schwer damit tun andere Völker ein bisschen im Kampf für Freiheit zu unterstützen, weil genau wie im eigenen Land an erster Stelle Wirtschaftsinteressen, dann die Sicherheit des Systems und irgend wann, viel viel später, dann auch noch der Mensch an der Reihe ist?
(Wie heute in den Medien zu vernehmen ist, soll ja die eine oder andere Persönlichkeit kostspielige Erlebnisse auf Kosten bestimmter "befreundeter Staaten" genossen haben!!!)

Die Ansicht, dass sich Deutschland selbst abschaffen wird muss man ja nicht teilen. Absolut sicher ist jedoch, dass Meinungsfreiheit bei uns vorgetäuscht wird, während unsere Obrigkeit andere Völker im Versuch ein bisschen Meinungsfreihet zu erhalten nicht unterstützt!
286
am 10.02.2011 10:07:38 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Chaim: "Mir gefällt die Frage Florians, für einen 14jährigen ist sie angemessen. Ich hätte wahrscheinlich, weil das am besten zu meinem Stil paßt, eine Gegenfrage gestellt."

Als Pädagoge hätte man jedenfalls eine schöne Vorlage für ein gutes Gespräch gehabt. Die Frage ist für einen Jungen in diesem Alter doch völlig normal, selbst wenn er damit nur provozieren wollte. Damit muss ein Lehrer doch umgehen können.
349
am 10.02.2011 22:48:53 (212.227.103.xxx) Link Kommentar melden
@Kindergaertner
"Ansonsten hat jede Geschichte natürlich immer auch eine Vorgeschichte. Möglicherweise wurde Frau Özkan wegen ihres türkischen Hintergrunds heftig beleidigt."

Es gab keine Vorgeschichte. Sie wurde auch nicht beleidigt. Sie hat die Frage als Beleidigung verstanden. Warum, das weiß keiner.
Hartmut Holz
am 11.02.2011 16:09:19 (217.80.226.xxx) Link Kommentar melden
Da hast Du - chaim ausnahmsweise einmal recht. Denn ich finde es ebenfalls grauenvoll, dass man in Sachen Integration nicht seine Meinung sagen darf.

Es nun einmal so, dass Multi Kulti, in Deutschland, gescheitert ist. Und wie kann es sein, dass es Leute gibt, die schon 30 Jahre in Deutschland leben und noch immer der deutschen Sprache nicht mächtig sind? Also, hier ist doch, von Seiten unseres Staates, etwas falsch gelaufen ist.

Nun zu unseren möglichen Spätfolgen unserer Gesellschaft. Wenn es so weiter geht, dann verblödet unsere Gesellschaft immer mehr. Und wie kann es sein, dass so mancher Jugendlicher nicht ausbildungsfähig ist.

Hinzu werden noch die Folgen des immer früher einsetzenden Alkoholkonsums kommen. Das Stichwort ist hier das Komasaufen einiger unserer Jugendlichen.
Und ein jeder weiss doch, dass unmäßiger Alkoholkonsum auch das Gehirn schädigt.

Dann sollte unser Bildungssysthem endlich einmal modernisiert werden und auf einen Standard gebracht werden. Nicht, dass wir weiterhin 16 verschiedene Bildungsstandards haben. Auch die anhaltende Kinderarmut wird sich negativ auf unsere Gesellschaft auswirken. Denn Hartz IV Kinder sind ja auch bildungs-
mäßig benachteiligt.
266
am 11.02.2011 16:45:30 (204.93.160.xxx) Link Kommentar melden
Nachdem man zuerst Sarrazin gehetzt und dann seine Frau zur Strecke gebracht hat, sind jetzt eben seine vermeintlichen Anhänger dran, allen voran die schwächsten, die Kinder und Jugendlichen.

Der Mob macht mobil.
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