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Offen und ehrlich

Kindermund tut Wahrheit kund!

Rektor Debisch mit Sprössling Kuno und Gast
Rektor Debisch mit Sprössling Kuno und Gast
Wie offen darf man eigentlich sein in der Kommunikation? Manchmal zwingen uns Höflichkeit oder die Scheu vor einem Konflikt dazu, nicht ganz die Wahrheit zu sagen. Manchmal ist der Grund vielleicht auch der: wir wollen den anderen nicht verletzen. Kinder neigen dazu, wenn sie nicht verklemmt erzogen werden, recht deutlich zu sagen, was ihnen gefällt und was nicht. Dann besteht die Kunst der Erziehung in einer gewissen sprachlichen Glättung, sie sollen lernen, die Ehrlichkeit so zu verpacken, dass sie nicht so weh tut; eine ganz normale Erziehung zur Höflichkeit also, die in eine gesunde Balance kommen muss mit der Erziehung zur Ehrlichkeit.

Der Vater von Gandalf und Galahad hörte eine hierzu genau passende Geschichte von einem alten Schulfreund. Dessen Sohn – nennen wir ihn einmal Justin – ist siebenjährig, sehr intelligent und äußerst wissbegierig. Außerdem kann er perfekt und sehr höflich telefonieren und ist insgesamt extrem kommunikativ; eine Freude für die Eltern, ein Genuss für den, mit dem Justin kommuniziert. Man könnte auch sagen: für denjenigen, mit dem Justin zu kommunizieren geruht, denn da hat dieser kleine Mensch so seine ganz eigenen Vorstellungen darüber, ob es sich wirklich lohnt und ob es gerade für ihn passend ist.

Eines Abends, so erzählt Justins Vater die Geschichte, saßen Justin und sein Vater vor dem Fernseher und sahen gemeinsam eine Wissenschaftssendung an, vielleicht war es Galileo, das spielt hier keine Rolle. Das Telefon klingelte und Justin nahm den Hörer ab, meldete sich klar und deutlich mit seinem Namen. Seine Tante Kunigunde, genannt Gundel, war am anderen Ende der Leitung. Der sich nun entwickelnde Dialog ist so herrlich, man muss ihn einfach im O-Ton genießen:

  • Tante: „Hallo Justin, hier ist Deine Tante Gundel!“
  • Neffe: „guten Abend, Gundel...“
  • Tante: „Na, was machst Du gerade?“
  • Neffe: „Ich sehe mir im Fernsehen ein wissenschaftliche Sendung mit Papa an, er hat's mir erlaubt!“
  • Tante: „Sag mal, Du bist so leise...“
  • Neffe: „Dann ist Dein Telefon kaputt! Ich hör Dich gut...“
  • Tante: „Sag mal, stör ich gerade?“
  • Neffe: „Ja, kannst Du morgen nachmittag nochmal anrufen? Tschüss!“

„Kuno, sag ich, sieh mich an!“
„Kuno, sag ich, sieh mich an!“
Mit diesen klaren Worten beendete Justin das Telefonat. – Okay, zugegeben, das war recht deutlich, doch wer eine Frage stellt, der sollte auch mit der Antwort leben können, speziell eine dumme Frage kann gelegentlich eben auch zu einer dummen Antwort führen. Außerdem, jemand, der irgendwo anruft, sollte generell damit rechnen, dass er gerade ungelegen kommt, eine entsprechende Botschaft also auch nicht persönlich nehmen oder gar die beleidigte Leberwurst spielen. Drittens ist es wirklich sehr ärgerlich, wenn man mitten in einer wichtigen und interessanten Tätigkeit gestört und unterbrochen wird. – So lautete sinngemäß die Antwort des Vaters von Gandalf und Galahad (der sich auch nicht gern stören lässt!), als Justins Vater nach seiner Meinung dazu befragte. Weiterhin bekam er zur Antwort, er solle stolz auf seinen Sohn sein.

Die Geschichte hatte allerdings ein Nachspiel: am nächsten Tag rief Tante Gundel tatsächlich wieder an und versuchte ihren Schwager, den Vater von Justin, „zur Schnecke zu machen“: ob er denn seinen Sohn nicht richtig erziehen könne? Ob sie sich denn solche „Frechheiten“ gefallen lassen müsse? Da kam sie allerdings an den Richtigen, denn der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm, und Justin hat eben – was klare Kommunikation betrifft – in seinen Eltern eben auch gute Vorbilder. Die gute alte Tante wird sich also daran gewöhnen müssen, dass ihre Fragen klar und deutlich beantwortet werden. Oder sie lässt es sein und verzichtet auf den erfrischenden Kontakt zu ihrem Neffen.

„...dorten lieget auf dem Stroh, eine Flasche voll
„...dorten lieget auf dem Stroh, eine Flasche voll
Übrigens macht Justins stolzer Vater hier aus der Not eine Tugend, er erlaubt sich derzeit den Spaß und trägt in der Nachbarschaft und im Freundeskreis überall die Geschichte vor; er hat noch niemanden gefunden, der in das Wehklagen der Tante einstimmt, im Gegenteil, alle fragen, wo denn eigentlich das Problem sei, der Kleine hätte doch völlig recht gehabt. – Eine solche gelassene und gleichzeitig erfreute Reaktion der Umwelt gefällt dem Vater von Gandalf und Galahad durchaus, zeigt sie doch, dass sich die Fähigkeiten der Kommunikation speziell bei der Jugend ganz leicht fördern und vertiefen lassen. Die Alten müssen es lernen, oder es eben sein lassen; manche haben es bereits gelernt oder sind eben Naturtalente!

Die Bilder stammen von Wilhelm Busch (Abenteuer eines Junggesellen/Rektor Debisch) und sind gemeinfrei; die ganze Geschichte ist bei www.zeno.org nachzulesen.

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Schlüsselwörter: Kommunikation | Kindermund | Ehrlichkeit | Wahrheit | Erziehung
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Kommentare

266
am 03.12.2010 19:06:17 (91.214.168.xxx) Link Kommentar melden
Der junge Mann ist doch ein vielversprechendes Talent. Ob er Kommunikationstrainer, Minister oder einfach nur ein guter Ehemann wird... - jeder wird sich über diese Aufrichtigkeit freuen können.
kommt123
am 03.12.2010 19:35:42 (85.179.233.xxx) Link Kommentar melden
Eine klare Frage hat eine ebenso klare Antwort ergeben.

So soll es sein!
Kindergaertner
am 03.12.2010 19:41:22 (80.136.229.xxx) Link Kommentar melden
Nur weil der Bengel aufrichtig ist, macht ihn das noch nicht zu einem Wunderknaben. Höflich wäre es gewesen die Antwort auf die Frage :"Kannst Du morgen Nachmittag nochmal anrufen?" abzuwarten. Darin sehe ich auch den Ärger der Tante begründet. Möglicherweise hatte sie am nächsten Tag etwas anderes vor. Im gegenseitigen Einverständnis den nächsten Anruf abzuklären, wäre hier richtig gewesen.
kommt123
am 03.12.2010 19:58:29 (85.179.233.xxx) Link Kommentar melden
Kindergaertner
am 03.12.2010 19:41:22 (80.136.229.xxx) Link Kommentar melden
Nur weil der Bengel aufrichtig ist, macht ihn das noch nicht zu einem Wunderknaben. Höflich wäre es gewesen die Antwort auf die Frage :"Kannst Du morgen Nachmittag nochmal anrufen?" abzuwarten. Darin sehe ich auch den Ärger der Tante begründet. Möglicherweise hatte sie am nächsten Tag etwas anderes vor. Im gegenseitigen Einverständnis den nächsten Anruf abzuklären, wäre hier richtig gewesen.


Hast du den Artikel nicht richtig gelesen?

Er hat eine wissenschaftliche Sendung gesehen, mit seinem Vater zusammen.

Außerdem hat er Tschüss gesagt, das hast du vergessen zu erwähnen. Das ist doch höflich gewesen.
Shock
Kindergaertner
am 03.12.2010 20:27:55 (80.136.229.xxx) Link Kommentar melden
Es ist ja auch ok, wenn er sagt, dass es gerade stört. Ich sage das auch immer, wenn ich gerade esse oder den Tatort schaue. Dann sage ich, dass es mir gerade nicht passen würde und kläre kurz ab, ob ich zurück rufe oder die Person nachher nochmal anruft. Ist doch normal, oder?
kommt123
am 03.12.2010 20:35:29 (85.179.233.xxx) Link Kommentar melden
Der Junge ist 7 Jahre.

Du kannst deine Handlungen nicht auf ein Kind projizieren.
286
am 03.12.2010 20:39:12 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Grin Also ich mag diesen Justin sehr, obwohl ich ihn gar nicht kenne.
Kindergaertner
am 03.12.2010 20:41:47 (80.136.229.xxx) Link Kommentar melden
@kommt123: Ja, das ist richtig. Für einen 7jährigen ist das sehr ok, vielleicht sogar sehr fortschrittliches Verhalten. Aber so zu tun, als hätte er keinen formalen Fehler gemacht, finde ich nicht richtig.
286
am 03.12.2010 20:50:05 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Siebenjährige können gar keine formalen Fehler machen, da sie Kinder sind.
kommt123
am 03.12.2010 20:52:38 (85.179.233.xxx) Link Kommentar melden
Aber so zu tun, als hätte er keinen formalen Fehler gemacht, finde ich nicht richtig.



Es muss bei dir immer alles genormt sein?
Geht es nicht auch mal ganz spontan, so einfach mal den Kindermund kommunizieren lassen, wie das Kind es für richtig hält.

Heul dich doch mit der Tante zusammen aus.
Grin
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