Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Medien: Buch

„Davidstern und Lederhose“

Eine jüdische Jugendgeschichte aus dem Nachkriegs-Bayern

Cover von „Davidstern und Lederhose“
Cover von „Davidstern und Lederhose“
Dem aufmerksamen Zeitgenossen, der die „Wende“ nach dem Ende der DDR verfolgt oder gar bewußt miterlebt hat, und dem interessierten Zeitungsleser, der sich zum Themenkomplex „Enteignung“ und „Entschädigung“ umgesehen hat, ist Roman Haller längst bekannt, nämlich im Zusammenhang mit den Entschädigungen für die Wertheim-Familie durch den Karstadt-Quelle-Konzern, bei denen Roman Haller für die Jewish Claims Conference die Wertheim-Erben vertrat. Dieses Kapitel ist bekanntlich abgeschlossen.

Doch Roman Haller ist auch Buchautor. Ein Autor, der seine einzigartigen Lebenserfahrungen verarbeitet hat und anderen zugänglich macht.

  • Literatur von und über Roman Haller im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Außerdem ist Roman Haller ein in der persönlichen Begegnung wirklich äußerst beeindruckender Mann. Ein Mann in den besten Jahren. Einer, der mit beiden Beinen im Leben steht, beruflich erfolgreich, als Geschäfts- und Verhandlungspartner äußerst geschätzt, in vielen karitativen Organisationen und NGO's aktiv, gesellschaftlich geachtet – er ist unter anderem Träger der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, verliehen „für seinen jahrzehntelangen Einsatz für die christlich-jüdische Aussöhnung“ (Rathaus-Umschau, Landeshauptstadt München, 15. Oktober 2004, Seite 4).

Privat ist Roman Haller ein Mensch, der freundlich zugewandt und absolut zuverlässig ist, der gut zuhören kann und der Humor und Lebensfreude versprüht; ein Charmeur im besten Sinn des Wortes, einer, der – im Sinn Erich Fromms – nicht nur eine Persönlichkeit hat, sondern eine ist. Ein Gesprächspartner mit Esprit, ein wacher und an vielen Dingen interessierter Geist, polyglott und wirklich ein Weltbürger – zwangsläufig, nämlich aus seiner Geschichte heraus, aber auch gern, nämlich aus tiefer Überzeugung. – Nein, man sieht ihm weder sein kalendarisches Alter an noch irgendwelche Spuren jener Schicksalsschläge, die jeder Mensch in einem bis dato immerhin 66 Jahre langen Leben hinzunehmen hat; das alles sieht man Roman Haller wirklich nicht an.

Potsdamer Platz mit Columbushaus, 1932
Potsdamer Platz mit Columbushaus, 1932
Roman Hallers einzigartiges und unbedingt lesenswertes kleines Buch „Davidstern und Lederhose“ hat etwas sehr Anrührendes, auch heute noch, in jedem Fall jedoch für einen Nachgeborenen, der die deutsche Nachkriegszeit nur aus Erzählungen und Geschichtsbüchern kennt. Und damit gerade nicht kennt, da die Eltern oder Großeltern nicht gerne und nicht viel erzählt haben und die Geschichtsbücher ebenso wie die Geschichtslehrer in Deutschland doch immer sehr gern eine bereinigte oder doch leicht „gehemmte“ und vor allem „geschönte“ Fassung parat hatten. Das Schweigen der Eltern und Großeltern vereint übrigens in einer fatalen Weise die Generationen „Kinder der Opfer“ und „Kinder der Täter“. Denn die Täter, Mitwisser und Mitläufer wollten nicht darüber sprechen, und die Opfer konnten nicht darüber sprechen... – eine psychisch verhängnisvolle Situation für die Kinder beider Gruppen, wie jeder Psychologe oder Psychotherapeut bestätigen wird, wie man auch in der Literatur von Lea Fleischmann bis Michel Friedman immer wieder nachlesen kann. – Roman Haller hat all diese schweren Themen, das gräßliche Drama des deutsch-jüdischen Verhältnisses, die Brüche und Verwerfungen von Identität und Geschichte, ganz einfach geerdet: durch eine leichte, lockere, humorvolle Sprache. Durch Anekdoten und kleine Geschichten des Alltags aus dem deutschen Bayern von 1950, in dem ein jüdischer Junge aufwächst, ein Überlebender der Shoah. In einer Umwelt, die die antisemitische Ideologie aufgenommen hatte und weit über den sogenannten „Zusammenbruch“ hinaus transportierte. Die überlebende jüdische Jugend, die naje fraje dor, wie sie in dem Lied von Mordechai Gebirtig („Arbetloze marsh“) oder in dem von Hirsh Glick („Zug nisht keynmol“) beschrieben ist, verkörpert sich auch in dem Überlebenden Roman Haller:

Davidstern und Lederhose

Roman. Diverse 2001

111 Seiten, ISBN: 3858424137

Roman Haller wurde im Mai 1944 in einem Wald in Polen geboren – wann genau, weiß keiner mehr so recht. Damals hatte man wichtigeres zu tun, als auf das genaue Datum zu achten – wichtiger war erstmal, zu überleben. Denn die Eltern waren gemeinsam mit 10 anderen Juden in diesem Wald versteckt – Babygeschrei könnte den sicheren Tod bedeuten.

Nach dem Krieg gab es für die meisten überlebenden Juden nur einen Wunsch: raus aus Deutschland, nach Amerika oder nach Israel. Ein Wunsch, der sich nicht umgehend realisieren ließ – und so landeten viele Juden ausgerechnet in Bayern, im Zentrum des Regimes, von dem sie gerade erst ausgelöscht hatten werden sollen. Warum ausgerechnet Bayern? Weil das die amerikanische Zone war – das Sprungbrett in die Freiheit.

Weiterlesen...

Roman Haller

Leben

Roman Haller wurde am 10. Mai 1944 in Tarnopol (heutige Ukraine) geboren. Den Holocaust hat er zusammen mit seinen Eltern im Versteck überlebt. Nach dem Krieg wuchs er in München auf, wo er heute noch lebt. Als Selbstständiger hat er mehrere erfolgreiche Unternehmen aufgebaut und daneben zahlreiche ehrenamtliche karitative Aufgaben übernommen.

Haller war Präsident der B’nai B’rith von Deutschland und Österreich, der Krebshilfe für Israel und Vize-Präsident des Keren Hayessod. Seit 2006 leitet er als Direktor die Nachfolgeorganisation der Claims Conference, des nach § 2,1 VermG Rechtsnachfolger für unbeanspruchtes und erbenloses jüdisches Vermögen in Ostdeutschland.

Haller ist Verfasser verschiedener Bücher zur Nachkriegsgeschichte der Juden in Deutschland. Das Leben seiner Eltern und die Umstände seiner Geburt sind in einem Theaterstück verarbeitet, das erstmals im März 2009 auf dem Broadway unter dem Titel „Irena’s Vow“ aufgeführt worden ist.

Quelle: Wikipedia, Roman Haller

Geboren im Mai 1944, also ein Jahr vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands, versteckt in den polnischen Wäldern, man kann sich das heute gar nicht vorstellen, was das bedeutet. Überlebt hat er nur, weil ein(!) deutscher Offizier, obwohl er von dem Versteck wußte, es gedeckt und nicht verraten hat... – ein Wunder?

Man mag es nennen wie man will. Auf jeden Fall bin ich dankbar und sehr froh, vor vielen Jahren diesem wunderbaren Menschen Roman Haller – Zufall? Schicksal? – begegnet zu sein. Seinen Geburtstag feiert er in jedem Jahr beneidenswerterweise drei ganze Tage lang, nämlich am 8., am 9. und am 10. Mai, einer der drei Tage wird schon stimmen. Ganz so genau weiß man es eben nicht, weil man als Jude 1944 in den polnischen Wäldern, bedroht von Wehrmacht, SD und SS, leider kein Standesamt zur Hand hatte und somit das exakte Datum gar nicht genau festhalten konnte. Das Datum kann man sich allerdings auch so gut merken, der achte Mai als Freudentag: die Kapitulation der Nazis plus zwei Tage als Bonus für dieses Schicksal, das ist Roman Hallers Jubiläum. Das ist eine Manifestation der Hoffnung von Hirsh Glick:

fun grinem palmenland biz vaysn land fun shney,

mir kumen on mit undzer payn, mit undzer vey,

un vu gefaln iz a shprits fun undzer blut,

shprotsn vet dort undzer gvure, undzer mut!

Deutsche Übersetzung/englische Übersetzung)

Ad mea ve'esrim!

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Roman Haller | Bayern | Judentum | jüdisch | München | Broadway
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

300
am 24.11.2010 21:09:04 (178.33.255.xxx) Link Kommentar melden
Wieso nur dort?

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.05 Sekunden
38,918,466 eindeutige Besuche