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Politik: Soziales & Bildung

Wenn billige Pflegekräfte aus Osteuropa so richtig teuer werden

100.000 bis 150.000 illegale Haushaltshilfen aus Osteuropa werden in Deutschland vermutet

Ab ins Heim?
Ab ins Heim?
Immer mehr Menschen werden in Deutschland zu einem Pflegefall – ob alters-, krankheits- oder unfallbedingt spielt dabei kaum eine Rolle, denn die Pflege ist im Grunde immer gleich. Viele dieser Menschen benötigen Hilfe rund um die Uhr. Da steht dann plötzlich so mancher Angehöriger vor dem Problem: Was jetzt?

Pflege kostet Geld – viel Geld. Doch woher soll dieses Geld kommen? Natürlich gibt es professionelle und gute Pflegedienste. Nur, wer soll diese bezahlen? Die Pflegekassen der Krankenkassen? Was die bezahlen ist lediglich der berüchtigte „Tropfen auf den heißen Stein“. So sind die Pflegesätze der Pflegekassen in drei Stufen eingeteilt:

  • Pflegestufe I: 225,00 € für selbst pflegende Angehörige, 440,00 € für Pflegedienste, bis zu 1.023,00 € bei vollstationärer Pflege in einem Heim.
  • Pflegestufe II: 430,00 € für selbst pflegende Angehörige, 1.040,00 € für Pflegedienste, bis zu 1.279,00 € bei vollstationärer Pflege in einem Heim.
  • Pflegestufe III: 685,00 € für selbst pflegende Angehörige, 1.510,00 € für Pflegedienste, ebenfalls bis zu 1.510,00 € bei vollstationärer Pflege in einem Heim.

Das diese Beträge hinten und vorne nicht für eine Pflege ausreichen dürfte jedem klar sein. Gehen wir einmal von folgendem, realen Fall aus: Eine 50jährige Frau erleidet mehrere Schlaganfälle und wird dadurch zu einem Pflegefall. Sie ist halbseitig gelähmt und leidet heute unter extremen Sprachstörungen. Letztere wirken sich dahingehend aus, dass sie nur noch einzelne Wörter benutzen kann, meistens nur sporadisch und wenn sie sich verständlich machen kann laufend irgendwelche, nicht real existierende, Phantasiewörter benutzt. Eine Unterhaltung im Sinne dessen, was man unter einer Unterhaltung versteht, ist auch in einfachster Weise nicht mehr möglich. Sie kann heute nichts mehr selbständig machen. Sie bedarf der Pflege und Betreuung rund um die Uhr. Das Essen muss ihr mundgerecht zerkleinert serviert werden und jedes Mal, wenn sie zur Toilette muss, muss jemand da sein, der sie dorthin und weder zurück bringt. Sie kann nicht einmal alleine mit dem Rollstuhl durch die Wohnung fahren, da sie nur einen Arm bewegen kann und somit lediglich im Kreis fahren würde. Soweit die Kurzbeschreibung der Situation.

Die zuständige Krankenkasse und der zuständige Medizinische Dienst stuften sie lediglich in Pflegestufe II ein. Das ist selbst den involvierten Ärzten und Pflegediensten vollkommen unverständlich. Einsprüche halfen bisher nichts und wenn man dann Personen mit Rollis beim selbständigen Einkaufen, alleine im Supermarkt, trifft, die nachweislich in Pflegestufe III eingestuft sind, dann muss man sich ernsthaft fragen, mit wievielerlei Maß hier Pflegekassen und Medizinische Dienste urteilen. Doch zurück zum Thema:

Im genannten Fall kommt für die Angehörigen eine Heimunterbringung aus menschlichen Gründen nicht in Frage. „Schließlich haben wir uns vor dem Standesbeamten versprochen, dass wir zusammenhalten – in guten und in schlechten Tagen…“ – so der Ehemann. Eine Abschiebung in ein Heim, und sei es noch so gut, käme seiner Meinung nach einem Bruch dieses Versprechens gleich.

Vor Ort gibt es zwei ortsansässige Pflegedienste, eines vom Diakonischen Werk und ein privates Unternehmen. Die Wahl fiel letztendlich auf das private Unternehmen – auch aus preislichen Gründen, da die Diakonie deutlich höhere Sätze hatte, die sich monatlich in einer dreistelligen Summe bemerkbar gemacht hätten.

Bei dreimaligem Einsatz des Pflegedienstes am Tag mit morgendlicher Grundpflege, mittäglichem Besuch und abendlicher Grundpflege mussten die Angehörigen monatlich rund 1.400,00 € zuzahlen. Deshalb wurde der mittägliche Besuch erst einmal wieder gestrichen. Verblieben die morgendliche und die abendliche Grundpflege. Monatliche Zuzahlung im Schnitt immer noch ca. 775,00 €. Das kann man vielleicht ein paar Monate mitmachen, doch dann sind die Reserven auch bei besser verdienenden Menschen aufgebraucht. Und so wurde nach mehreren Monaten auch im betreffenden Fall die professionelle Pflege des Pflegedienstes auf die morgendliche Grundpflege beschränkt. Nun brauchte nichts mehr zugezahlt werden. Von der Pflegekasse gab es sogar anteilig noch ca. 65,00 € im Monat ausgezahlt. Und dies bei Übernahme des Löwenanteils der Pflege und Versorgung.

Pflegt man nun einen Menschen, der in Pflegestufe II eingestuft ist ganz alleine, dann gibt es „stolze“ 430,00 € dafür von der Pflegekasse. Mehr als das 1,5fache davon spart die Pflegekasse ein, das sonst für einen Pflegedienst draufginge. Und bei einer stationären Heimpflege ist es noch mehr. Dies ist in meinen Augen ungerecht und ein sozialer Missstand. Zu diesem Problem hatte ich auch einmal eine öffentliche Petition eingereicht, in der ich die Gleichstellung der Beträge für Angehörige und Pflegedienste stellte. Diese wurde nach vielen Monaten dann niedergeschmettert.

Wenn ein Angehöriger rund um die Uhr einen behinderten Angehörigen betreut, pflegt und versorgt – wann soll der dann noch arbeiten und Geld verdienen? Da sich dies viele Menschen nicht leisten können, bleiben vielen oftmals nur zwei Alternativen:

  1. die Abschiebung in ein Pflegeheim
  2. die Beschäftigung einer osteuropäischen Pflegekraft

Und damit sind wir auch beim eigentlichen Thema. Die osteuropäischen Pflegekräfte arbeiten zumeist illegal in Deutschland. Überwiegend sind es Frauen aus Polen, die für rund 900,00 Euro im Monat eine 24Stunden-Pflege anbieten. Hinzu kommen Unterbringung und Verpflegung. Das ist verlockend und so wird die Anzahl solcher Pflegekräfte nach jüngsten Einschätzungen auf etwa 100.000 bis 150.000 Personen geschätzt, die illegal in Deutschland tätig sind.

Illegal, weil sie hier zum einen nicht gemeldet sind und zum anderen keine Sozialabgaben und Steuern bezahlt werden. Selbst Pflegekräfte und Haushaltshilfen, die bis maximal 430,00 € im Monat verdienen müssten als Mini-Jobber angemeldet werden. Das bedeutet aber auch „Papierkrieg“ und zusätzliche Kosten.

Es gibt auch Pflegekräfte und Haushaltshilfen, die legal über Agenturen vermittelt werden. Doch diese kosten in der Regel deutlich mehr als 2.000,00 € zuzüglich Unterbringung und Verpflegung. Und da sind wir dann wieder beim alten Problem: Wer soll das bezahlen…

Das Fazit: Solange sich hier im sozialen Bereich nicht etwas Entscheidendes tut, solange werden Behinderte und Alte ins Heim abgeschoben oder illegale Pflegekräfte aus Osteuropa beschäftigt, für die die 900,00 € bereits ein stattliches Monatseinkommen nach den Maßstäben ihres Heimatlandes sind. Das dabei die deutschen Pflegedienste auf der Strecke bleiben liegt auf der Hand…

Doch wehe, man wird von den Behörden erwischst, wenn man eine solche illegale Pflege- oder Haushaltshilfe beschäftigt. Dann wird es erst so richtig teuer, die die Beschäftigung ohne Arbeitserlaubnis ist eine Straftat. Und sie wird mit einem Bußgeld in fünfstelliger Höhe oder gar mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren bestraft. Zusätzlich müssen die Sozialabgaben und Steuern nachgezahlt werden und meistens dann auch noch die Differenz zwischen dem tatsächlich gezahlten Lohn und dem, was eine deutsche Pflegekraft üblicherweise verdient hätte.

„So will der deutsche Staat das verhindern, wozu er seine Bürger eigentlich doch selber durch ein marodes Sozialsystem zwingt.“ Eine interessante Meinung, die ich dieser Tage zum Thema zu hören bekam…

Fotolegende: Zu teuer! – Abgeschoben und vergessen? Foto: Uta Herbert, Pixelio.de.

Linkliste zu Seiten im Internet mit wichtigen Informationen für Behinderte und ihre Angehörigen.

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Schlüsselwörter: Behinderung | Pflege | Pflegestufen | Pflegekräfte | Osteuropa
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Kommentare

Hummel54
am 23.10.2012 13:40:33 (93.135.46.xxx) Link Kommentar melden
Es ist wie in so vielen Dingen die Frage wo liegt das Problem oder die Ursache für diese Tatsache ? Meiner Meinung nach ist es unverzichtbar diese Art von "Unterstützung" in Anspruch zu nehmen.
Tatsache ist, dass der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal immer größer wird, die Leute immer älter werden und die finanzielle Attraktivität dieser Dienstleistungen gegenüber vergleichbaren deutschen Leistungen immer bestehen bleiben wird. Auch die Bedenken, dass eine Pflegehilfe aus Osteuropa, einem deutschen Pflegedienst Arbeit wegnimmt finde ich unberechtigt. Im Gegenteil kann auch ein ambulanter Pflegedienst auf lange Sicht davon Profitieren, wenn ein Pflegebedürftiger dank einer "Vollzeit" Betreuung zu Hause bleiben kann und nicht in ein Heim oder in eine stationäre Einrichtung muss. Medizinische Pflegeleistungen können nach wie vor nur durch einen ambulanten Pflegedienst erbracht werden. Nützliche Informationen zu diesem Thema gibt es hier :http://polnische-....net/Blog/
Alex Mais
am 23.10.2012 22:05:45 (195.93.60.xxx) Link Kommentar melden
Seit Erscheinen des Artikels hat sich schon einiges getan. Es ging im Artikel vor allem darum auf das Problem der Illegalen hinzuweisen. Pflegekräfte, die privat und unangemeldet und damit auch unversichert - also schwarz hier tätig sind.

Inzwischen gibt es zahlreiche Firmen, die eine 24-Stunden-Betreuung anbieten und dies ganz offiziell. Und hier kommen die meisten Pflegekräfte aus Polen und Osteuropa. Die Kosten sind ja das Problem. Legal kostet es zwei bis dreimal soviel als wenn man beispielsweise eine Polin schwarz beschäftigt.

Es ist im Grunde hier wie bei jedem Handwerk auch, wo Schwarzarbeit gemacht wird...

Danke für den interessanten Link, der kann mir beim Aufbau meiner Seite "Hilfe für Behinderte" vielleicht noch wertvolle Infos geben...

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