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Wirtschaft & Finanzen: Deutschland

Mein Hartz-IV-Antrag

Wenn der Berg kreißt und ein Mäuslein gebiert... (Schritt 2)

Briefmarke 2002
Briefmarke 2002
Was bisher geschah:

Mit der begehrten amtlichen Bestätigung, daß mir – mangels einer von mir erbrachten Zahlung von Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung in den letzten zwei Jahren – auch keinerlei Leistungen aus dieser Sozialversicherung zustehen, ich also auch kein Arbeitslosengeld (neuerdings: ALG I) beantragen kann, fahre ich zur zuständigen und sechs Kilometer entfernten ARGE, die die Sozialhilfe (offiziell: ALG II) verteilt. Die Bescheinigung, amtlich und mit Stempel, daß die Agentur für Arbeit (früher Arbeitsamt genannt) nichts an mich zahlt, ist die Eintrittskarte für die ARGE (früher bekannt als Sozialamt), so ist das juristische Konstrukt.

Mittlerweile ist es bereits 9:10 Uhr, als ich ankomme; diesmal parke ich mein schwäbisches Auto unter dem guten Stern direkt vor dem Haus, just for fun, wenn man mich auf den Wagen anspricht, werde ich behaupten, er sei nur von einem Freund geliehen. Eigentlich ist es recht spät für meine Verhältnisse, ich richte mich also seelisch auf längere Wartezeit ein. – Auch hier am Empfang eine freundliche und höfliche Begrüßung, der Mitarbeiter ist übrigens ein junger Türke, Anfang Zwanzig, der leidlich akzentfrei deutsch spricht. Die Wirklichkeit ist manchmal doch recht satirisch: ein Türke in Deutschland verteilt staatliche Gelder an die „bedürftigen“ Deutschen, inzwischen zu Unterscheidung von den Menschen „mit Migrationshintergrund“ auch bereits als „Herkunftsdeutsche“ bezeichnet. Seine Kollegin bedient derweil das Telefon, das recht häufig klingelt. – Da ich jetzt schon erfahren bin, fällt meine Geschichte etwas knapper aus, ich sage also nur, daß ich einen Antrag auf ALG II stellen möchte; ich ziehe wieder eine Nummer und mache es mir im völlig leeren Warteraum gemütlich, außer mir ist da nur ein weiterer Besucher, der aber nur Papiere abgeben will. Könnte ein Obdachloser sein, der seinen Besitz in Plastiktüten bei sich trägt.

Logo der Bundesanstalt für Arbeit
Logo der Bundesanstalt für Arbeit
Erstaunlicherweise werde ich aufgerufen, zehn Sekunden nachdem ich meine Nummer gezogen habe. Erstaunlich! Brav gehe ich zu Raum 27, wie die Tafel mit den LED-Zahlen mich anweist. Die Sachbearbeiterin, eine Frau von etwa Anfang Vierzig, lächelt mir freundlich durch die offene Tür zu und winkt mich herein. Ich begrüße sie, stelle mich vor, und gebe meinem Erstaunen Ausdruck, so schnell hereingebeten zu werden, ich hätte mich auf stundenlange Wartezeiten eingestellt. Sie entgegnet, wenn man so früh käme wie ich – mittlerweile ist es kurz vor halb zehn am Morgen, unter früh verstehe ich etwas anderes – dann ginge es meist recht flott, die meisten Kunden kämen aber erst kurz vor Mittag. Nachdem auch dies damit geklärt ist, lasse ich sie vorbeugend wissen, daß ich einen etwas komplizierteren Fall hätte. Sie sieht mich aufmunternd an und meint, ich solle einfach mal loslegen...

Geld vom Amt, tolle Sache...!
Geld vom Amt, tolle Sache...!
Also erzähle ich auch hier wieder die hübsche kleine Geschichte (siehe Teil 1), die ich mir für die Recherche über mein ganz persönliches Hartz-IV-Antrags-Verfahren ausgedacht habe – vorsichtig dosieren, nicht zu dick auftragen – daß ich bisher erfolgreicher Unternehmer gewesen, dann aber wegen betrügerischer Kunden wirtschaftlich gescheitert sei. Daß ich inzwischen also völlig mittellos sei, auch alleinstehend, alle Lebensversicherung aufgelöst seien, das Insolvenzverfahren liefe noch, und so weiter und so fort... – Sie hört aufmerksam zu, macht sich Notizen, stellt gelegentlich zwischendurch eine gute Verständnisfrage, die zeigt, daß sie kommunikativ am Ball ist. Ein gutes Gespräch ohne Mißverständnisse, eigentlich sollte ich ihrem Vorgesetzten ein positives Feedback über diese Mitarbeiterin geben. Natürlich reagiert sie positiv auf die Nachricht, daß ich einen Job in Aussicht habe, für den ich jedoch erst einmal eine Fortbildung finanzieren muß, um mich überhaupt bewerben zu können.

Hauptantrag ALG 2
Hauptantrag ALG 2
Die freundliche Dame gibt mir zum Abschied einen dicken Stapel Papier mit, den ich zwei(!) Arbeitstage später ausgefüllt wieder mitbringen soll. Denn dann habe ich morgens gleich um 8 Uhr einen Termin bei der zuständigen „Fallmanagerin“ der ARGE. Außerdem soll ich dann noch mitbringen: eine formlose Beschreibung des Problems, einen Mietvertrag, eine aktuelle Meldebescheinigung vom Einwohnermeldeamt (nicht älter als sieben Tage!) und die Kontoauszüge der letzten drei Monate. Ferner natürlich die Beschreibung der Fortbildung, für die ich einen Antrag stelle sowie – selbstverständlich, eine conditio sine qua non – die Bestätigung des potentiellen Arbeitgebers, daß er mich mit dieser Fortbildung einstellen wird. Papier über Papier! – Im Internet findet sich auf der Homepage der Bundesagentur für Arbeit ein sogenanntes „Formular-Angebot“, hier kann man sich kundig machen, was alles nachzuweisen ist:

  1. Hauptantrag Arbeitslosengeld II
  2. Anlage WEP – Weitere Personen der Bedarfsgemeinschaft
  3. Anlage KI – Kinder
  4. Weiterbewilligungsantrag Arbeitslosengeld II
  5. Anlage KDU – Kosten der Unterkunft und Heizung
  6. Anlage EK – Einkommenserklärung
  7. Einkommensbescheinigung
  8. Arbeitsbescheinigung
  9. Anlage EKS – Erklärung zum Einkommen Selbständiger
  10. Abschließende Angaben zum Einkommen Selbständiger
  11. Hinweise für
  12. Anlage VM – Vermögen
  13. Anlage VE – Verantwortungs- und Einstehensgemeinschaft
  14. Anlage SV – Sozialversicherung Bezieher Arbeitslosengeld II
  15. Anlage HG – Hilfebedürftigkeit bei Haushaltsgemeinschaft
  16. Anlage MEB – Ärztl. Bescheinigung wegen Mehrbedarf für Ernährung
  17. Anlage UH1 – Unterhaltsansprüche Getrennt lebende Ehegatten/Lebenspartner bzw. Geschiedene
  18. Anlage UH2 – Unterhaltsansprüche Schwangerschaft/Betreuung eines nichtehelichen Kindes
  19. Anlage UH3 – Unterhaltsansprüche Elternteile außerhalb der Bedarfsgemeinschaft
  20. Anlage UF – Unfallfragebogen
  21. Anlage BEBE Download
  22. Schweigepflichtentbindung
  23. Mitteilung über Veränderungen Arbeitslosengeld II
  24. Information Alg II / Antrag auf Ausstellung einer Bescheinigung E 303
  25. Antrag auf Weitergewährung von Leistungen nach dem SGB II

Manche dieser Formblätter bleiben mir natürlich erspart, doch allein der zeitliche Aufwand, für das Ausfüllen der Blätter und das Sammeln sowie Beschaffen der Unterlagen, dürfte einen ganzen Arbeitstag, vielleicht auch anderthalb, in Anspruch nehmen. – Den gewünschten Betrag, also die Kostenübernahme der zweiwöchigen Fortbildung, die 4.500 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer kosten soll, gibt es übrigens – das muß die „Fallmanagerin“ noch mit der Amtsleitung abklären – möglicherweise nur als zinslosen Kredit. Kein gutes Geschäft also, bei Licht betrachtet...

Wenn ich mir diesen Berg an Formularen ansehe, verliere ich schon die Lust, diese Geschichte durchzuziehen; rechnet man das alles um, wieviele Hausaufgaben ich damit gerade bekommen habe, ist das Ganze wohl eher ein Minusgeschäft, für einen zinslosen Kredit... – diese Gedanken behalte ich natürlich für mich, denn die Frau hat wirklich einen guten Job gemacht, und ich werde die Geschichte jetzt auch zu einem guten Ende bringen.

(Fortsetzung folgt)

  • Bildnachweis:
  • Briefmarke der Deutschen Post AG, 50 Jahre Bundesanstalt für Arbeit. Date: 4 April 2002. Source: Deutsche Post AG. Via Wikipedia, gemeinfrei.
  • Logo der Bundesagentur für Arbeit, via Wikipedia, das Werk erreicht nicht die nötige Schöpfungshöhe, um Urheberrechtsschutz zu genießen, das Bild kann daher zu enzyklopädischen Zwecken verwendet werden.
  • Arbeitsamt in Bonn-Duisdorf, Juni 1988, Bundesarchiv B 145 Bild-F079069-0004, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany.
  • Antragsformular, screenshot von www.arbeitsagentur.de

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Schlüsselwörter: Hartz-IV-Genießer | Stütze | Sozialhilfe | Amt | Geld | Selbstversuch
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Kommentare

MarBrun
am 03.11.2010 11:13:30 (46.114.82.xxx) Link Kommentar melden
Hartz 4 Bezieher dürfen ein Auto besitzen!

Auto und Alg II - Autos mit bis zu 102 PS dürfen gefahren werden!

Wer Arbeitslosengeld II bezieht muss sein Auto nicht verkaufen, wenn es sich um ein angemessenes Modell handelt. Das hat das Sozialgericht Aurich in einem veröffentlichten Beschluss entschieden.

Angemessen sei ein Mittelklassewagen ohne besonderen Luxus mit durchschnittlicher Motorisierung, heißt es in der Entscheidung. Ein arbeitsloser Lagerarbeiter war vor Gericht gezogen, weil er seinen 102 PS starken Skoda Octavia verkaufen sollte (Aktenzeichen: S 15 AS 11/05 ER).
Ein angemessenes Auto sei nicht als ein zu verwertender Vermögensgegenstand zu betrachten, entschieden die Richter. Ein Auto sei vielmehr ein Verkehrsmittel und als solches geschützt. Eine starre Wertgrenze gebe es dabei nicht. Ein Auto müsse auch für Bezieher von Arbeitslosengeld II ein "zuverlässiger, möglichst wenig reparaturanfälliger, sicherer und arbeitstäglich benutzbarer Gebrauchsgegenstand" sein.

Wenn sich ein solches Fahrzeug vor Eintritt der Arbeitslosigkeit im Besitz des Arbeitslosen befinde, müsse dieser das Auto nicht verkaufen. Gerade im ländlichen Raum sei ein Auto erforderlich, um eine mögliche Arbeitsstätte zu erreichen, zumal der öffentliche Personennahverkehr immer weiter eingeschränkt werde.
OZ24
am 03.11.2010 12:17:48 (93.222.7.xxx) Link Kommentar melden
Auto und Alg II - Autos mit bis zu 102 PS dürfen gefahren werden!


Chaim kann ja seinen Benz auf 102 PS drosseln lasen Wink
Kindergaertner
am 03.11.2010 12:23:46 (217.224.63.xxx) Link Kommentar melden
Der alltägliche bürokratische Wahnsinn. So schafft sich Deutschland wirklich ab.
kommt123
am 03.11.2010 13:27:47 (92.231.124.xxx) Link Kommentar melden

Chaim kann ja seinen Benz auf 102 PS drosseln lasen


Dennoch bleibt der "Tatbestand" bestehen, es handelt sich um eine Luxus-Limousine.

Vielleicht könnte man noch ein paar Beulen reintreten.
("Pimp my Ride"Wink
Wink
MarBrun
am 03.11.2010 13:56:59 (92.116.65.xxx) Link Kommentar melden
Und eben wiel GEWALT keine LÖSUNG ist, gibt es immer noch ganz viele Personen, die als Hartz 4 Schnorrer bezeichnet werden müssen.
MarBrun
am 03.11.2010 14:53:11 (92.116.65.xxx) Link Kommentar melden
Es gibt ja diverse Arten von Gewalt...
zu denen ich nicht aufrufen werden !

Schaust Du hier bei Bundeszentrale für politische Bildung...

Gewalt
Allg.: G. bezeichnet den Einsatz von physischem oder psychischem Zwang gegenüber Menschen sowie die physische Einwirkung auf Tiere oder Sachen.

Soziolog.: G. bedeutet den Einsatz physischer oder psychischer Mittel, um einer anderen Person gegen ihren Willen a) Schaden zuzufügen, Cool sie dem eigenen Willen zu unterwerfen (sie zu beherrschen) oder c) der solchermaßen ausgeübten G. durch Gegen-G. zu begegnen.

Pol.: Mit dem Begriff Staats-G. werden die (legitim angewandten) Mittel zur Durchsetzung der herrschenden Rechtsordnung bezeichnet. Es wird zwischen Gebietshoheit (Herrschaftsmacht über ein Gebiet und dort lebende Menschen) und Personalhoheit (alle Angehörigen dieses Staates) unterschieden.

Suche Dir einfach die beste Methode heraus, um unwillige H4 Personen willig zu machen
349
am 14.01.2011 18:16:36 (212.227.103.xxx) Link Kommentar melden
MarBrun: Suche Dir einfach die beste Methode heraus, um unwillige H4 Personen willig zu machen


Wink Was ist Deine Wahl?

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