Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Politik: Deutschland

Mein Hartz-IV-Antrag

Das muß man einfach mal erlebt haben! (Schritt 1)

Eingang zum Paradies?
Eingang zum Paradies?
Warum stellt man einen Hartz-IV-Antrag? Na, ist doch logisch: weil man keinen Job und damit keine Kohle hat. Oder – andere Möglichkeit – weil man es einfach mal wissen will... – und genau das war der tiefere Grund in meinem Fall. Ich wollte es wirklich wissen. Denn ich habe das Dauer-Gejammer der Hartz-IV-Genießer gründlich satt, es geht mir richtig auf den Keks. Ich wollte also mal wissen, wie schnell man an eine mietfreie Wohnung kommt und an 350 Euro monatliches Taschengeld, für nichts an Gegenleistung, einfach von der Solidargemeinschaft der Steuerzahler ausgehalten, alimentiert, gesponsort. – Wie fühlt man sich so als jemand, der fürs Nichtstun mehr Geld bekommt als ein Security-Mitarbeiter oder ein Rettungssanitäter? Wie fühlt man sich, wenn man dasselbe tut wie Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika, islamistische Polygame aus Anatolien, arbeitsscheue Hobby-Anarchisten?

Daher also der Selbstversuch. Ich wollte es einfach mal wissen: wie fühlt sich das an? Wie wird man behandelt? Wieviel Aufwand muß man betreiben? Wie ist die soziale Reaktion? – Nun muß der Leser wissen: ich bin seit zwei Jahrzehnten selbständig, insgesamt wohlversorgt, habe also keinerlei Anspruch auf Leistungen des ALG I, und das mußte ich mir natürlich zuerst bestätigen lassen. Weiterhin hatte ich mir folgende Story ausgedacht, die natürlich frei erfunden ist: ich sei unverschuldet in finanzielle Not geraten, weil mich ein betrügerischer Kunde abgezockt hätte, das Insolvenzverfahren liefe noch. Ferner sei ich ledig und hätte nur erwachsene Kinder, die jedoch allesamt noch in der Ausbildung seien, es gäbe also niemanden, der mir nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch Unterhalt schulden würde. – Glücklicherweise hätte mir aber jemand, der den Freund eines Bekannten von mir kenne, hinter den Kulissen einen Job angeboten, für den mir allerdings ein Zertifikat fehlte, und dafür bräuchte ich dringend einen einmaligen Zuschuß für eine zweiwöchige Fortbildung, die ohne Mehrwertsteuer ca. 4.500 Euro kosten sollte. Über den Daumen gepeilt wollte ich also umgerechnet den Gegenwert von ca. einem dreiviertel Jahr Hartz IV haben, als kleine Starthilfe, als einmaligen Zuschuß. Dann sei mir der Job sicher, der übrigens recht ordentlich dotiert sei...

Um die Ecke geparkt...!
Um die Ecke geparkt...!
Mit dieser Geschichte im Kopf ging ich zunächst also – Schritt 1 – zu einem Arbeitsamt in einer ca. 50 km entfernten Kreisstadt. Um 7.30 Uhr öffnete man dort fürs geduldige Publikum, den etwas auffälligen Oberklasse-PKW hatte ich um mehrere Ecken entfernt geparkt und ging, mit Regenschirm, 200 Meter zu Fuß; ich kam um 07.35 Uhr an und war erstaunt, dort bereits fünf Wartende vor mir zu haben. Na gut, ich hatte ja eine Zeitung dabei. Was meine Bekleidung angeht, hatte ich natürlich ausnahmsweise schweren Herzens auf Anzug, Weste und Krawatte verzichtet und statt dessen eine alte ausgebeulte Cordhose gewählt, die üblicherweise bei der Gartenarbeit Verwendung findet, dazu ein langweiliges Hemd, schon ein paar Tage getragen. Auch auf das Putzen der Schuhe hatte ich wohlweislich verzichtet. Immerhin geht nichts über gut gepflegte Vorurteile... – Außerdem hatte ich mich vier Tage lang nicht rasiert, ferner auf Deo und Eau de Toilette verzichtet, auch auf einen Kamm; ich fühlte mich ausgesprochen unwohl, das aber brauchte ich ja, um in die Rolle zu kommen. Morgens im Bad hatte ich noch überlegt, ob ich mit einem Schluck Bier den Mund spülen sollte, darauf aber hatte ich dann doch verzichtet; man muß es ja nicht übertreiben.

Warten! Zeit ist Geld?
Warten! Zeit ist Geld?
Nach relativ kurzer Wartezeit, etwa 20 Minuten, wurde meine Wartenummer aufgerufen; zuvor hatte ich, da ich recht gut höre, mir fünf andere Geschichten anhören dürfen, die die vor mir Wartenden bei der „Vorprüfung“ zum Besten gegeben hatten, drei davon waren ausgesprochen interessant, eine junge Frau wurde gleich wieder weggeschickt, da sie krankgeschrieben war und somit nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe. Es geht wirklich nichts über Datenschutz in hallenden Fluren und bei einer Entfernung von vier Metern. Dann war ich also dran, zeigte meinen Personalausweis vor, erklärte, ich sei gerade hierher gezogen und noch nicht umgemeldet, und nannte meine Sozialversicherungsnummer. Da ich noch nie irgendwelche Transferleistungen bezogen habe, konnte man mich im Computer natürlich nicht finden.

Damit war die Vorprüfung beendet. Der junge Mann, ca. 25, der mich im Auftrag der Arbeitsagentur bediente, hatte eine weibliche Auszubildende an seiner Seite, beide waren freundlich, höflich und sachlich. Das gefiel mir. – Wenige Minuten später kam ich dann zu der zuständigen Sachbearbeiterin. Ich erzählte wieder meine Story; sie hörte freundlich und aufmerksam zu, stellte kluge Fragen. Kein Ansatz von Überheblichkeit oder gar Verachtung, die Dame tat ganz professionell ihre Arbeit. „So einen Fall hatte ich noch nie“, sagte sie entschuldigend, weil sie mehrere Telefonate führen mußte, sie wollte sich rückversichern, wie sie sagte.

Das Ende vom Lied war: ich bekam eine Bescheinigung, daß ich – mangels Einzahlung in die Arbeitslosenversicherung in den letzten 24 Monaten – keinerlei Anspruch auf irgendwelche ALG-I-Zahlungen habe. Das war gut, denn nur dadurch wurde für mich der Weg frei für das begehrte Hartz-IV...

Also setzte ich mich zufrieden in mein Auto und fuhr weiter zur ARGE, um dort meinen einmaligen Hartz-IV-Zuschuß – virtuell natürlich nur – abzusahnen...

(Fortsetzung folgt)

YouTube Video

YouTube Video

  • Bildnachweis:
Eigene Bilder und Grafiken

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Lesen Sie dazu auch:
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Hartz-IV-Genießer | Stütze | Sozialhilfe | Amt | Geld | Selbstversuch
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

kommt123
am 13.10.2010 23:53:25 (78.54.13.xxx) Link Kommentar melden
Pass bloß auf, die geben dir das Geld bestimmt erst zum Frühjahr, musst du dir erst verdienen.
Laub harken
Winterdienst...Grin
kommt123
am 14.10.2010 09:13:18 (92.224.99.xxx) Link Kommentar melden
Ja, zum Glück...


Sag mal, gibt es, wenn die das erfahren, keinen Ärger?
Hast du dich da schon mal schlau gemacht.
Oder klärst du die werten Damen und Herren am Ende des Experimentes auf?

Beamte können auch recht fies werden. Grin
kommt123
am 14.10.2010 11:30:56 (92.224.97.xxx) Link Kommentar melden
Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt und freue mich auf den 2ten Teil deines Experimentes.
Das wäre doch auch eine gute Idee, das mal als Reportage im TV zu bringen.

Stern TV:

Hartz-IV - Give me more...Grin
(Übersetzung: Gib mir mehr...)
Kindergaertner
am 14.10.2010 22:51:34 (84.171.30.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von OZ24 am 17.10.2010 19:32:39.
kommt123
am 14.10.2010 23:16:35 (92.230.250.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von OZ24 am 17.10.2010 19:32:46.
kommt123
am 15.10.2010 09:26:24 (92.224.151.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von OZ24 am 17.10.2010 19:32:56.
Kindergaertner
am 15.10.2010 10:29:15 (84.171.23.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von OZ24 am 17.10.2010 19:33:13.
kommt123
am 15.10.2010 12:11:32 (92.224.98.xxx) Link Kommentar melden
@ Chaim

Wie wahr deine Aussage, die du mal geäußert hast, doch ist:
Ich habe sie in guter Erinnerung behalten.

reflect befor you act


Wink
300
am 08.11.2010 20:57:35 (62.2.182.xxx) Link Kommentar melden
Bei OZ24 lernt man immer wieder dazu Wink
kommt123
am 08.11.2010 21:06:08 (85.179.232.xxx) Link Kommentar melden
Die Kunst ist, im Voraus(!) nach(!)zudenken.


Wie bei einem Schachspiel, ein falscher Zug, das Spiel ist so gut wie verloren.
Jeder Spielzug ist Erfahrung.
Doch beim Spiel, wie in der Realität, Erfahrungen lassen uns irgendwann gewinnen, oder helfen mit Niederlagen zurecht zu kommen.


Wink
Seite 1 von 2: 1 2

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.07 Sekunden
38,873,129 eindeutige Besuche