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Bülent Ceylan

Wie ein Türke den Rassismus lächerlich macht

Kleiner Sprachkurs für Anfänger
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Wenn es einen integrierten Türken in Deutschland gibt, dann ist der nicht etwa bei den GRÜNEN und heißt Cem Özdemir, sondern er heißt Bülent Ceylan und kommt aus Monnem (Mannheim). Nebenbei macht er auch noch Comedy und bringt in verschiedenen Rollen – sehr bekannt ist zum Beispiel der auf eine reale Person zurückgehende Hausmeeeschder Mompfreed (Hausmeister Manfred), der immer schlecht gelaunt ist – den vielleicht etwas gewöhnungsbedürftigen Dialekt der Kurpfalz unters deutsche Volk. Bülent Ceylan macht als deutscher Türke oder türkischer Deutscher – seine Mutter ist als Deutsche in Ungarn geboren (und katholisch geblieben!), der türkische Vater wanderte bereits 1958 als Gastarbeiter nach Deutschland ein (und blieb Moslem!) – in seinen verschiedenen Bühnenfiguren den Rassismus lächerlich. Übrigens: Bülent Ceylan studierte ein paar Semester Philosophie und Politikwissenschaft, was seiner Bühnenkarriere sicher eine ideale Basis verlieh, wenn dieses angefangene Studium nicht sogar ihr Auslöser war. Möglicherweise war aber bereits das Familienleben im Hause Ceylan eine gute Schule für einen Comedian; denn die Mutter sagt vor Weihnachten zu Herrn Ceylan senior: „Geh Türk, hol emool de Baum!“, bei solchen Einflüssen kann der Sohn eigentlich nur noch Kabarettist werden.

Sind die süddeutschen Mundarten – genauer gesagt die oberdeutschen Dialekte, wie bayrisch, schwäbisch oder badisch – für Ungeübte ja nicht immer leicht verständlich, wirken teilweise sogar ganz normale Sätze an sich bereits komisch, so gilt dies in besonderem Maß firr dess Monnämmerische (für den Mannheimer Dialekt), dess wo jo eigenndlisch Kurpällzisch iss (das ja eigentlich Kurpfälzisch ist). Das Kurpfälzische ist bekanntlich überall umgeben von anderen Dialekten, mit denen es ständig verwechselt oder gar gleichgesetzt wird, der Kurpfälzer muß sich also sprachlich ständig seiner Haut wehren, muß Erklärungen anbieten und falsche Zuordnungen zurückweisen, muß die Unterschiede zum Hessischen herausstellen und sich gegen das Schwäbische oder Badische abgrenzen, er will auch nicht als Pfälzer betrachtet werden: nein, der Kurpfälzer ist ständig im Abwehrkampf gegen sprachliche Überfremdung, und dies auch noch über zwei Grenzen hinweg, gegen das Bundesland Hessen und gegen das Bundesland Rheinland-Pfalz. Die Sache wird nicht einfacher dadurch, daß die Nachbarstadt Ludwigshafen, die nur durch den Rhein getrennt ist, ständig mit Mannheim in einen Topf geworfen wird. Das wäre so, wie wenn man einen Kölner für einen Düsseldorfer hielte oder einen Mainzer für einen Wiesbadener, das geht ja nun wirklich nicht. – Nein, der Monnemer ist stolz und selbstbewußt, er liebt seine Sprache und erträgt es heroisch, dafür gehänselt zu werden.

Man sieht das Selbstbewußtsein auch an den Sprüchen, mit denen sich der Einheimische gegen fremde KFZ-Kennzeichen in Mannheim wehrt: der aus dem Westen kommende Ludwigshafener Pfälzer (Kennzeichen LU) wird zum Lummbehaafener, der Anklang von „Lump“ ist nicht ganz zufällig und drückt starke Abneigung aus, da der Lummbehaafener Seggl erfahrungsgemäß nicht richtig autofahren kann. Der im Norden angrenzende hessische Kreis Heppenheim mit dem Kennzeichen HP macht den betreffenden Fahrer in Mannheim zum Heppl, was eigentlich schon fast ein Schimpfwort wie Simmbel („Simpel“) ist. Mit dem östlich und südlich angrenzenden Rhein-Neckar-Kreis bzw. der Stadt Heidelberg (beide HD) ist man etwas gnädiger, immerhin sind das ja wenigstens Kurpfälzer!

Bülent Ceylan mit „Hijab“
Bülent Ceylan mit „Hijab“
Im Gegensatz zum Schwaben, Bayern oder gar Sachsen kann der Mannheimer übrigens auch Hochdeutsch lernen, wenngleich er den Sinn einer solchen Aktion eigentlich selten einsieht, immerhin ist er doch sowieso längst und aus Prinzip polyglott; er spricht ja bereits halb französisch (er sagt ganz locker dess iss moin wisawii, von französisch vis-à-vis, und meint damit den Nachbarn auf der anderen Straßenseite) und ziemlich gut jiddisch. Sagt der Monnemer zum Beispiel isch habb kään Wisawii, dann bedeutet dies übersetzt: „ich brauche keine Vorhänge...“. Der Vorteil dieses Dialekts: uff monnemmerisch zu kommunizieren bedeutet automatisch um die Ecke zu denken.

Aufgrund der historischen Entwicklung der Region hatte die französische Sprache einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklung der kurpfälzischen Dialekte („Droddwaa“ = Trottoir, „Schässlong“ = Chaiselongue, „alla/allé“ = Allez, „mallad“ = malade). Ebenso hinterließen das Rotwelsche und Jiddische deutliche Spuren. So ist es für einen (Kur)Pfälzer recht unproblematisch, das jiddische Radioprogramm Israels zu verstehen. Auch mit den Amischen (USA), die teilweise heute noch das vom Pfälzischen abstammende Pennsilfaanisch Deitsch sprechen, ist eine Verständigung relativ einfach möglich.

Quelle: Wikipedia, Hervorhebung nicht im Original

Vielleicht liegt genau in diesem Umstand, in dieser bunten Mischung, das Geheimnis des Erfolgs, den Bülent Ceylan mit seinem Programm hat, trotz der nicht unerheblichen Sprach-Barriere des Dialekts; wobei Bülent Ceylan sich bereits öffentlich fragt, ob ein Türke in Deutschland nicht leichter zu verstehen ist als ein Monnemer. Wer so viele Brüche zwischen den Kulturen in sich vereinigt, wer Deutscher und Türke ist, Mannheimer und Deutscher, Kurpfälzer und Baden-Württemberger... – der kann eigentlich nur noch auf die Bühne gehen, um wenigstens damit Geld zu verdienen, wenn die Leute bereits dann schon lachen, wenn er nur den Mund aufmacht und ganz normal redet...

Andere Künstler haben es schon vorgemacht, daß der Dialekt aus Mannheim, dieser sprachlichen und kulturellen Perle der Kurpfalz, sich durchaus für die Bühne eignet: eins der bekanntesten und ältesten Lieder auf Monnemerisch ist der „Neggaar-Brigge-Blues“ (Neckarbrückenblues) von Joy Fleming (1972), auch der ebenfalls aus Mannheim stammende Xavier Naidoo („Söhne Mannheims“) läßt den Dialekt in manches seiner Stücke einfließen. – Auch bei Boris Becker, der zwar nicht aus Mannheim kommt, aber doch aus der östlichsten Ecke der Kurpfalz, aus Leimen bei Heidelberg, ist der kurpfälzische Dialekt selbst dann zu erkennen, wenn er Englisch spricht.

Bülent Ceylan über seine Motive
Bülent Ceylan über seine Motive
Der deutsche Türke aus Mannheim läßt übrigens in seinem Programm kein Fettnäpfchen aus; jeder wird bedient, und selbstverständlich bekommen auch die Türken und die Mohammedaner ihr Fett weg bei ihm. Seine Eltern, die oft im Publikum sitzen, werden ebenso angesprochen wie er auch sonst gerne die Zuschauer miteinbezieht.

So sieht erfolgreiche Integration aus, ohne Integrations-Beauftragten übrigens, wie immer ging sie auch hier über die Sprache. – Eine sehr vergnügliche und anregende Mischung; wer die Möglichkeit hat, ihn einmal live zu erleben, wird es sicher nicht bereuen. Vorher kann man ja eventuell noch ein bißchen den Dialekt üben: Monnemerisch

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Schlüsselwörter: Mannheim | SAP-Arena | comedy | Bülent Ceylan | Dialekt | Kurpfalz
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Kommentare

OZ24
am 07.09.2010 07:28:37 (79.215.231.xxx) Link Kommentar melden
Ich hab ihn vor kurzem das erste mal gesehen und ich muss sagen, ich war positiv überrascht.
300
am 07.09.2010 14:31:52 (212.227.103.xxx) Link Kommentar melden
Hey, isch mag den Türk! Smile
317
am 08.09.2010 16:42:22 (80.237.225.xxx) Link Kommentar melden
Ich komme zwar ursprünglich vom "Ausland" auf der linken Rheinseite, sprich Ludwigshafen, aber die Mannheimer sind gar nicht so schlimm wie ihr Ruf. Bisher hat man mich noch nie schlechter behandelt als es die Mannheimer untereinander tun. Ich habe habe auch kein LU am Auto Smile
483
am 10.09.2010 07:05:42 (124.160.102.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von OZ24 am 10.09.2010 08:33:49.
266
am 10.09.2010 08:55:30 (91.214.168.xxx) Link Kommentar melden
Smile Wirklich gewöhnungsbedürftig, dieser Dialekt. Aber er ist durchaus sympathisch, der junge Mann, den sein türkischer Vater "Türkebub" nennt.

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