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Ein Kaffeekränzchen bei der Diakonie

Von den Verbrechen an behinderten Kindern will die Evangelische Kirche nichts hören

„Die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) und die Lippische Landeskirche haben gemeinsam mit ihrer Diakonie ehemalige Heimkinder zu einer Begegnung eingeladen.“, so steht es in einer Pressemitteilung, und weiter: „Damit sollen alle Betroffenen in der Region ein Forum erhalten, in dem sie zu Wort kommen und sich austauschen können. ...“

Er hätte ihnen am 25. August in Bielefeld Grausamkeiten erzählt, wenn man ihn als Vertreter der behinderten Heimopfer von Volmarstein zum Gespräch eingeladen hätte. Auch, wie er als Schulkind schlimmste Isolationsfolter erlebte: „Ich wurde beispielsweise in der damaligen Klinik der Volmarsteiner Anstalten (wie es damals hieß) für ein beim kindlichen Spiel zerrissenes Handtuch der Einrichtung 14 Tage lang in ein Badezimmer isoliert bei tropfendem Wasserhahn ohne irgendeine Beschäftigungsmöglichkeit, lediglich unterbrochen von der Essensausgabe und Toilettenversorgung. Es gab keinen anderen menschlichen Kontakt. Nur einige Geräusche vorbeigehender Menschen und hin und wieder eine Stimme erinnerten daran, daß es noch andere Menschen gab. Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit, im Notfall klingeln zu können, weil ich einfach nur so mitten im Raum abgestellt worden war. Ich lag eingegipst in einen Spreizgips, der von den Brustwarzen bis zu den Zehen ging. Damit konnte ich ausschließlich auf dem Rücken liegen, nicht sitzen oder mich auf die Seite legen, Tag und Nacht.“

Er, Klaus Dickneite, Pressesprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“, die Verbrechen an Klein- und Schulkindern in den zwei Nachkriegsjahrzehnten aufarbeitet, hätte sicher auch berichtet, daß er als Behinderter eine Beckenbeinschiene trug und darunter litt: „Immer wieder geschah es, daß in Höhe der Hüfte das Metall brach und repariert werden mußte. Mir wurde grundsätzlich unterstellt, den Bruch absichtlich zu verursachen. Jedes mal, wenn das geschah, mußte ich für eine Woche in einem Toilettenstuhl sitzend von 15 bis 20.30 Uhr in einer Dunkelkammer sitzen, in der die Hilfsmittel abgestellt waren.“

Und er hätte von seiner Klassenkameradin erzählt, die ebenfalls schlimm gelitten hat, weil sie elternlos war, weil sich niemand um sie kümmert. MB schreibt in ihren Erinnerungen: „Die Kinder lagen alle schon in ihren Betten. Nachdem ich meine Arbeit erledigt hatte, gewaschen und umgezogen war, wollte ich mich in mein Bett legen. Das ging aber nicht. Schwester E. und Schwester M. standen an meinem Bett. Sie zwangen mich mit Hilfe eines Rohrstockes, mein Nachthemd auszuziehen. Als Schwester E. die Bettdecke von meinem Bett zurückschlug, wimmelte es da von Insekten. Sie verlangten von mir, daß ich mich nackig in dieses Insektennest legen sollte.“ Und sie erinnert sich an eine weitere Grausamkeit: „Als wir beide acht Jahre alt waren, starb Bärbel in einem Krankenhaus in Dortmund. Es war um die Weihnachtszeit. Alle Kinder waren in die Ferien gefahren. Ich lag alleine in dem großen Schlafsaal. Von der Frauenstation, die unter unserer Kinderstation lag, hörte ich Weihnachtslieder. Die Schwestern gingen oft abends dahin, weil dort ein Fernseher stand. Die Schlafsaaltür ging plötzlich auf und Schwester E. kam herein. Sie stand an meinem Fußende und sagte: ‚Bärbel ist tot! Man mußte ihr die Beine brechen, damit sie in den Sarg paßt. Glaub ja nicht, daß du mit zur Beerdigung gehen darfst! Du kannst dich sowieso nicht benehmen!‘ Damals wußte ich noch nicht, daß man keine Schmerzen mehr hat, wenn man tot ist. Schwester E. verschwand ohne ein Wort des Trostes. Ich fühlte mich schrecklich allein. Meine Trauer war sehr groß. Keiner konnte mir helfen.“

Sicher hätte Dickneite auch von dem Leiden eines weiteren Mitschülers erzählt. JH in seinem Bericht: „Einige Kinder litten unter Muskelerkrankungen, die die Muskeln langsam aber kontinuierlich lähmen. Diese Kinder konnten sich je nach Fortschritt der Erkrankung nur eine begrenzte Zeit auf den Beinen halten. Manche schafften eine halbe Stunde, andere mit Mühe und in Schinderei 2 Stunden und einzelne sackten nach fünf Minuten ineinander. Gertraude Steiniger knüppelte sie wieder auf die Füße. Mit ihrem Stock, der ihren schweren Körper stützte und nichts anderes als ihre Behinderung ausgleichen sollte, schlug sie solange auf Kinderköpfe ein, bis die Geschundenen unter Ausnutzung letzter Kraftreserven wieder auf ihre schwachen Füße gelangten. Danach schwoll die Kopfhaut an unzähligen Stellen oder es floß Blut durch den Lockenschopf. Kleine Kinder schrien wie heulende Robben. Ihre Anklagen an diese Welt hörte jeder im Haus und - ignorierte sie.“

Aber Klaus Dickneite hätte auch Fragen gestellt: Wann beginnt Ihr endlich, die Verwüstungen an Leib und Seele der Euch damals Anvertrauten zu reparieren? Wann werdet Ihr Euch endlich aufrichtig und glaubwürdig entschuldigen? Wann sühnt Ihr die Verbrechen unter Euren Dächern und zahlt Schmerzensgeld an die Wracks, die Ihr hinterlassen habt? Damit sie nach zerstörter Kindheit und verpfuschtem Leben wenigstens ihren Lebensabend in Würde erleben können!

Diese und andere Geschichten, dazu noch unangenehmen Fragen, will die Evangelische Kirche von Nordrhein Westfalen wohl nicht hören, denn sonst hätte sie ihn bestimmt eingeladen. So viele Grausamkeiten unter dem Dach der Evangelischen Kirche (der damaligen Inneren Mission) zu hören, ist wohl doch nicht erwünscht. Und Forderungen der Opfer? Ja, wo kämen wir da hin? Und so verkommt, bevor es überhaupt begonnen hat, dieses Treffen zu einem Kaffeekränzchen, das wohl einzig der Selbstbeweihräucherung der Evangelischen Kirche dient: Seht her, wir haben die Heimkinder angehört; wir haben ihnen Gelegenheit gegeben, ihr Herz auszuschütten.

Helmut Jacob 17. August 2010

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Schlüsselwörter: Runder Tisch | Heimkinder | Heimopfer | Kinderheim | Volmarstein | Gewalt | Isolationsfolter | Evangelische Kirche | Diakonie | Innere Mission | Behinderte | Schulkinder | Kleinkinder
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Kommentare

349
am 18.08.2010 23:38:29 (76.76.104.xxx) Link Kommentar melden
Und so verkommt, bevor es überhaupt begonnen hat, dieses Treffen zu einem Kaffeekränzchen, das wohl einzig der Selbstbeweihräucherung der Evangelischen Kirche dient: Seht her, wir haben die Heimkinder angehört; wir haben ihnen Gelegenheit gegeben, ihr Herz auszuschütten.

Was wollen Sie denn? Was ist Ihr Ziel?
IPG Independent Pressgroup
am 19.08.2010 17:49:12 (90.169.50.xxx) Link Kommentar melden
Wann beginnt Ihr endlich, die Verwüstungen an Leib und Seele der Euch damals Anvertrauten zu reparieren? Wann werdet Ihr Euch endlich aufrichtig und glaubwürdig entschuldigen? Wann sühnt Ihr die Verbrechen unter Euren Dächern und zahlt Schmerzensgeld an die Wracks, die Ihr hinterlassen habt? Damit sie nach zerstörter Kindheit und verpfuschtem Leben wenigstens ihren Lebensabend in Würde erleben können!

Ich bin nicht der Meinung, dass es sich die Kirchen so ganz einfach machen können und die Diskussion am Thema vorbeiführen können bis zum St.Nimmerleinstag:
Die Frage ist für mich die, wer hat diese Kinder dahingeschickt, DIESER hatte auch die Verpflichtung, dafür Sorge zu tragen, dass sich die Heimeinweisung unter rechtsstaatlichen Bedingungen und nicht als Kinder-Folter stattfindet.

Klar, dass die Kirchen die Verantwortung nicht übernehmen wollen, denn Hauptverantwortlich ist ein Staat, der ein in der ganzen Welt gerügtes Kindschaftsrecht bis zum heutigen Tag ohne jede Reform von Herrn Adolf Hitler diktiert und 1:1 übernommen hat.
Und diejenigen, die damals die Täter waren, kamen zu einem grossen Teil ebenfalls aus diesen Reihen, genau wie die einweisenden Richter.
Irgendwie merkwürdig, nicht?
IPG Independent Pressgroup
am 19.08.2010 17:52:53 (90.169.50.xxx) Link Kommentar melden
Nachtrag: die Prügelstrafe wurde irgendwann in den 70ern verboten. Aber die grundsätzlichen Eckpfeiler des sog. Jugendhilferechtes haben ihre Wurzeln in der NaziZeit, ebenso wie die Verordnung über die Jugendämter und Jugendgerichte.
Dass hier eine Industrie völlig unkontrolliert ihr Unwesen treiben darf und willkürlich nach wie vor Familien zerstört, Kinderseelen mit Füssen tritt, das sollte in das Bestreben der Beteiligten aufgenommen werden, zu ändern.
Hartmut Holz
am 20.08.2010 14:44:47 (217.80.218.xxx) Link Kommentar melden
Und man sollte auch den Tätern heute einmal verzeihen. Auch wenn es sehr schwer fällt.

Natürlich bleiben psychische Schäden zurück. Das steht ausser Zweifel und die
Menschen, die solche Straftaten begangen haben, gehören auch bestraft. Auch
wenn das Ganze über dreizig Jahre her ist.

Und doch sollten gerade wir, als Christen, verzeihen und nicht auf Rache schwören. Denn Gott führt diese Menschen schon der gerechten Strafe zu.

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