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Warum ich Pharisäer mag...

Assimilation und Akkulturation in Deutschland

Farisæergård på Nordstrand
Farisæergård på Nordstrand
Wenn es irgendwie geht und falls es nicht gegen meine ethischen oder religiösen Normen verstößt, dann nehme ich eine landesübliche Sitte, einen Landesbrauch, durchaus gern an. In Italien hupe ich also ständig beim Autofahren, vor allem bei Überland-Fahrten in Kurven, in Polen achte ich auf das streng kontrollierte Null-Komma-Null-Promille-Gesetz im Straßenverkehr, und in Paris ignoriere ich Zebrastreifen ebenso wie das rechts-vor-links-Gebot.

In Großbritannien aber fahre ich generell links, schon im eigenen Interesse. – Anderes Beispiel: Frauen behandle ich in arabischen Ländern der Landessitte entsprechend, also... – Unsinn, ich reise nämlich gar nicht in Scharia-Länder, auch nicht in die Türkei. Also muß ich mich da auch nicht dem mohammedanischen Sexismus anpassen. Außerdem: in Frankreich esse ich keine Frösche, in England kein blutiges Fleisch, in Spanien keine Muscheln, in Italien keinen Schinken, in Griechenland keinen Tintenfisch, und in Vietnam oder Korea keine Hunde, in Mittelamerika selbstverständlich keine Meerschweinchen und in Südamerika natürlich auch keine Schlangen oder Eidechsen. – Denn all das ist nicht koscher, verstößt also gegen meine Normen.

Pharisäer aber mag ich. Der ist lecker und tut gut, vor allem wenn's kalt ist. Ein Pharisäer ist bekanntlich – ähnlich wie der Irish Coffee – ein alkoholisches Heißgetränk, das auf Kaffee basiert. Neben Kaffee besteht er jedoch außerdem noch aus (mindestens, wie es ein deutsches Amtsgericht rechtsverbindlich festgestellt hat!) 4 cl Rum (Jamaika oder Jamaika-Verschnitt mit 54% Alkohol) sowie aus Schlagsahne. Es war übrigens nicht etwa das Königlich-Bayrische Amtsgericht, sondern das Amtsgericht Flensburg im Namen des Volkes und unter dem Aktenzeichen 63 C 84/81, abgedruckt ist das Urteil in der Deutschen Richterzeitung (DRiZ) 1982 auf Seite 151f; die Vorgeschichte war, daß ein Gast sich nach kurzem Probieren geweigert hatte, ein solches Getränk im Wert von 7 DM (nach heutiger Kaufkraft also etwa 8 Euro) zu bezahlen, da der Wirt nur 2 cl Rum dafür verwendet hatte.

Pharisäer und Sachertorte
Pharisäer und Sachertorte
Der offenbar äußerst sachkundige Richter befand, daß ein Pharisäer aufgrund des ‚herzhaften’ und ‚ordentlichen Schusses Rum’ als ‚köstliches Getränk Leib und Seele wärmen’ solle. Genau dies sei jedoch bei einem mageren Rumzusatz von lediglich zwei Zentilitern nicht der Fall. Davon hatte sich der Richter natürlich auch höchstpersönlich überzeugt: „Das Gericht hat im Wege der Geschmacksprobe festgestellt, dass der ‚Pharisäer’ mit einem Rumzusatz von zwei Zentilitern fade und ausdruckslos schmeckt. Der Rum ist kaum auszumachen; es handelt sich um ein Kaffeegetränk mit geringem alkoholischem Beigeschmack, keinesfalls aber um ein köstliches, hochprozentig alkoholhaltiges Getränk.

Amrum, Wittdün, Café Götze
Amrum, Wittdün, Café Götze
Getrunken habe ich ihn zum ersten Mal in meinem Leben am 13.08.1971 auf Amrum, im „Café Götze“ in Wittdün auf der Inselstraße, und dabei habe ich ihn durchaus schätzengelernt. Meine Mutter, die damals dabei war, behauptet allerdings, es sei im „Café Seehund“ auf der Hallig Hooge gewesen, na gut, ich will mich nicht mit der Dame streiten. – Jenes „Café Götze“ existiert übrigens schon lange nicht mehr, auch wenn das Internet noch voll ist von Geschichten darüber.

Das Zauberwort, das man in dieser Geschichte mit dem Getränk „Pharisäer“ verbunden sehen kann, ist die „Akkulturation“. In der Migrationsforschung und der sozialpsychologischen Akkulturationsforschung versteht man unter „Akkulturation“ diejenigen Prozesse, die aus dem Aufeinandertreffen von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen resultieren. Wenn also beispielsweise ein Süddeutscher nach Nordfriesland kommt und dort mit landesüblichen Speisen und Getränken konfrontiert wird, dann nennen wir dieses ungeplante Lernen „Akkulturation“. Hört sich komplizierter an als es ist, denn wir alle haben das – mit wenigen Ausnahmen – erlebt und überlebt: in der Erziehung.

Akkulturation vollzieht sich überwiegend durch Erziehung und teilweise auch durch ungeplantes Lernen. Die Erziehung in Familie oder Schule dient mitunter dazu, Heranwachsende mit den Regeln und Traditionen der eigenen Kultur vertraut zu machen, aber auch die Art der Erziehung wird unter diesem Kulturprozess gefasst. Jedes Kind und jeder Jugendliche macht immer auch Erfahrungen, z. B. in Gruppen Gleichaltriger, die sich den von Erwachsenen geplanten Erziehungsprozessen entziehen. (Zitat Karl Marx: „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.“)

Am Ende einer gelungenen Akkulturation ist der junge Mensch mit der eigenen Kultur vertraut, kennt ihre ungeschriebenen Gesetze und ist „gesellschaftsfähig“, sprich erwachsen.

Quelle: Wikipedia, Hervorhebung nicht im Original

  • Pharisäer (Getränk) auf der deutschen Wikipedia
  • Pharisäer auf der spanischen Wikipedia
  • Fariseeër (drank) auf der friesischen Wikipedia
  • arte TV Der Gegenstand, Sendung vom 18. Februar 2007

Schöner Himmel, auch ohne Pharisäer
Schöner Himmel, auch ohne Pharisäer
Ja, alles schön und gut, aber wie kam dieses interessante Getränk zu seinem Namen? Wie immer bei solchen Themen ist hier eine Menge Hörensagen im Spiel, gemischt mit den üblichen und bekannten, schon zweitausend Jahre alten antijüdischen Vorurteilen von frommen Christen, angereichert mit eklatantem und vor allem erschreckenden Unwissen. Denn leider wird kaum einem Christen bewußt sein, daß der von ihm als Gott verehrte fromme Jude Jesus selbst Rabbiner war, darüber hinaus auch noch selbst der Gruppe der Pharisäer zuzurechnen. Wissenschaftlich besteht hierzu keinerlei offene Frage, gibt es keinen Klärungsbedarf. Es ist so, und da beißt die Maus keinen Faden ab: Jesus war Pharisäer. – Ja, aber in den Evangelien streitet sich Jesus doch dauernd mit den Pharisäern? Und er hat keine gute Meinung von ihnen, oder? – Wer so schlicht denkt und noch schlichter argumentiert, der übersieht, daß die „Evangelien“ und das „Neue Testament“ in deutlichem Maß natürlich auch Schriften der theologischen Auseinandersetzung und der Abgrenzung einer neu entstandenen Sekte – eben des Christentums – sind: man mußte sich rechtfertigen, man mußte polemisieren gegen die Mutterreligion, eben das Judentum, dem Jesus ja unbestreitbar angehörte. Es sind also auch Streitschriften, Pamphlete, die den häßlichen Antijudaismus der christlichen Kirche leider zwei Jahrtausende bestimmen sollten.

Pharisäer 1914 im Jemen
Pharisäer 1914 im Jemen
Das Wort „Pharisäer“ dient Christen also auch als Schimpfwort, wie der Fall des friesischen Pastors Georg Bleyer auf Nordstrand anschaulich zeigt. Angeblich sollen die Gäste des Bauern Peter Johannsen die Geburt eines seiner Kinder nach friesischem Brauch mit reichlich Dröhnung begossen haben. Was man vor dem asketisch-strengen Pastor verheimlichen wollte, durch die besagte Technik der Sahnehaube. Der soll daraufhin, als er den „Betrug“ entdeckte, die Gastgeber in der überlieferten Weise als „Pharisäer“ beschimpft haben, und somit eben als Menschen, die formal eine Regel einhalten, sie aber in Wahrheit brechen. Die Geschichte stimmt natürlich hinten und vorne nicht, denn die historischen Quellen sprechen von der Taufe des siebten Kindes (Helene Patria Johannsen) am 12. Oktober 1872, die Taufe des sechsten Kindes (Johanna Theodora Katharina Johannsen) war zuvor jedoch am 2. April 1872; damit hätte der Bauer Peter Johannsen sich nicht nur als erotomaner Wüstling erwiesen, der wenige Wochen nach der Geburt des sechsten Kindes bereits wieder über seine Frau herfällt und sie schwängert, worauf diese dann ein gesundes Fünf-Monats-Kind zur Welt brachte, sondern er hätte wieder einmal schön gezeigt, wie genau es Christen mit der Wahrheit nehmen, wenn es denn nur dem höheren Zweck dient, gegen Juden zu hetzen...

Pharisäer heute...
Pharisäer heute...
Auch deswegen mag ich Pharisäer so sehr, zeigt das Getränk doch – ebenso wie das widersinnig verwendete Wort – wie falsch Christen in ihrer vorurteilsbehafteten Hetze gegen Juden sein können, und wie perfide sie dieses Falschspiel auf andere – in diesem Fall auf die Opfer dieser theologischen Hetze, die Juden, projizieren.

Doch dazu an anderer Stelle mehr, daher demnächst in diesem Theater:

Und was war jetzt mit der Assimilation? Ganz einfach. Man sollte sich anpassen, auch beim Pharisäer-Trinken. Denn das Umrühren ist streng verboten, aus gutem Grund, die Leute sollen ja nicht im ganzen Lokal den recht intensiven Alkoholdunst riechen und einatmen, man trinkt deswegen also klugerweise das Gebräu durch die Sahne hindurch, Tarnung ist alles. Daher: wer trotz dieser klaren Regel gegen die Leitkultur verstößt und einen Pharisäer umrührt, der zahlt eine Lokalrunde. Strafe muß sein.

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Schlüsselwörter: Pharisäer | Nordsee | Amrum | Jerusalem | Antisemitismus | Antijudaismus | Tempel | Jesus
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Kommentare

300
am 08.11.2010 20:33:46 (62.2.182.xxx) Link Kommentar melden
Ich finds geil, dass ein deutscher Richter sich zum Zweck der Wahrheitsfindung Alkohol reinpfeift Grin
Hartmut Holz
am 09.11.2010 15:36:30 (217.80.203.xxx) Link Kommentar melden
Jesus war natürlich kein Pharisäer. Er hat gegen diese sogar gekämpft, weil diese Herrschaften ihn verleugnet haben.
349
am 09.11.2010 20:27:09 (216.18.20.xxx) Link Kommentar melden
Es ist so, und da beißt die Maus keinen Faden ab: Jesus war Pharisäer.
Interessant, ich finde die Argumentation schlüssig und freue mich auf Teil zwei.
MarBrun
am 10.11.2010 14:56:32 (92.117.6.xxx) Link Kommentar melden
Lieber Kollege Chaim,

er, der mitschreiberling H.H, ist eben ein Bibelkenner und - in seinem eigenen Universum - wohl auch ein Bibel Experte. Jeder so, wie er will.

Er handelt wahrscheinlich auch tagtäglich nach der Bibel.
Warum auch nicht, so scheint es doch zu seinem Weltbild zu pasen.

Zum Beispiel nach diesen Worten:
- „Verkauft jemand seine Tochter als Sklavin, so darf sie nicht freigelassen
werden, wie die Sklaven.“ (2. Mose 21,7)

oder auch nach diesem Satz:
- "...es sollen auch ihre Kinder vor ihren Augen zerschmettert, ihre Häuser geplündert und ihre Frauen geschändet werden.“ (Jesaja 13,16 )

Sein Frauenbild wird wohl hier gestärkt:
„Wenn eine Jungfrau verlobt ist und ein Mann trifft sie innerhalb der Stadt und wohnt ihr bei, so sollt ihr sie alle beide zum Stadttor hinausführen und sollt sie beide steinigen, dass sie sterben, die Jungfrau weil sie nicht geschrien hat, obwohl sie doch in der Stadt war, den Mann, weil er seines Nächsten Braut geschändet hat; so sollst du das Böse aus deiner Mitte wegtun.“ (5.Mose 22,23-24).

Amen !
286
am 11.11.2010 18:57:56 (94.119.4.xxx) Link Kommentar melden
@ master of desaster
Ich finds geil, dass ein deutscher Richter sich zum Zweck der Wahrheitsfindung Alkohol reinpfeift

Fällt ja auch nicht unters Betäubungsmittelgesetz, bei Cannabis dürfte er das nicht Grin
266
am 12.11.2010 07:57:20 (91.214.168.xxx) Link Kommentar melden
Christen mogeln gern, wenn es um die Erfüllung ihrer eigenen Gesetze geht, ob man nun den Alkohol im Getränk oder das Fleisch in den Maultaschen versteckt. Auch bei den Zehn Geboten nimmt man es da nicht immer so genau, notfalls war der Geist zwar willig, aber eben das Fleisch schwach.
MarBrun
am 12.11.2010 09:57:15 (212.23.104.xxx) Link Kommentar melden
Das mit dem Mogeln ist ja geradezu tägliches Brot in der uminösen Glaubensgemeinschaft der Katholiken. Da ändert man schon einmal eines von den zehn Geboten, damit man besser leben kann, oder stösst sich nachts im Bett, hat dadurch eine Vision und schwupp die wupp müssen alle Sektenanänger daran glauben. Und wenn es mal nicht stimmen sollten z.B.: mit Maria die in Himmel fährt, sagt ein alter Mann "Hey, ihr könnt nichts dagegen machen - ich bin doch unfehlbar!"

Solch einer Diktatur, wie es die Glaubensgemeinschaft der Katholiken ist, sollte man alle öffentlichen Gelder entziehen.

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