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De mortuis nil nisi bene?

Chilon aus Lakedaimon und sein falsch verstandener Satz
28.07.2010 14:54:08 eingesandt von Chaim für OnlineZeitung 24.de

Kunstvolle Initiale D
Kunstvolle Initiale D
Immer wieder hört man das lateinische Zitat „de mortuis nil nisi bene...“ – und dieser meist völlig falsch verstandene klassische Satz des Chilon von Sparta wird gerne so übersetzt, als ob man von Verstorbenen nur Gutes erwähnen dürfe: „von Toten (soll man) nur Gutes (reden)“.

Eine solche Wiedergabe im Deutschen ist jedoch völlig sinnentstellend, sie läuft nämlich der eigentlichen und gemeinten Bedeutung zuwider, wie gleich anhand einiger grammatikalischer Hinweise erläutert werden wird. Jene falsche, aber durchaus übliche deutsche Übersetzung „von Toten (soll man) nur Gutes (reden)“ käme im übrigen auch noch einer heuchlerischen, verlogenenen Geschichtsfälschung einerseits und einer Verhöhnung der eventuell Geschädigten andererseits gleich. Sie wäre folglich schlicht unmoralisch.

Wir brauchen nicht erst an die großen Verbrecher der Weltgeschichte (Hitler, Stalin, Pol Pot, Saddam Hussein) zu denken, um zu wissen, daß dieses klassische Zitat offenbar seine innere Grenze hat, (philo-)logisch grammatikalisch wie auch inhaltlich moralisch. Wir brauchen uns nicht erst all die kleineren Verbrecher unserer Tage ins Gedächtnis zu rufen wie den Schüler Tim Kretschmer, jenen Massenmörder von Winnenden, oder wie den Rentner Hans Pytlinski, jenen vierfachen Mörder von Schwalmtal, um zu wissen, daß es falsch sein kann, über Tote gut zu sprechen. wenn solche Unmenschen einmal tot sind, wird man von ihnen (nur) schlecht sprechen, zu recht.

Richtig übersetzt bedeutet der Satz „de mortuis nil nisi bene...“ in Wahrheit nämlich folgendes: „von den Toten nichts außer auf gute Weise“, das lateinische bene ist ein Adverb und kennzeichnet die Art des Sprechens als gut im Sinne von moralisch richtig, was philologisch zunächst folgende Interpretationen zuläßt:

  1. Wenn man über einen Toten nichts Gutes zu berichten weiß, sollte man schweigen, oder
  2. man darf zwar auch Verstorbene kritisieren, doch dies auf eine faire, gerechte Weise (da sie sich nicht mehr verteidigen können).

Gemeint ist also: in einer wohlwollenden Weise gerecht. Man soll nicht voller Haß von Toten sprechen – dann eben sollte man lieber schweigen – und vor allem soll man berücksichtigen, daß sie nicht mehr Stellung nehmen, korrigieren und sich verteidigen können. Daß man nichts Unwahres von Toten spricht, das setzte Chilon von Sparta – als vorsokratischer Philosoph – ohnehin als selbstverständlich voraus.

Diese Überlegungen sind recht eindeutig durch die Grammatik gestützt, denn die Wörter „nil“ (= „nihil“, nichts) sowie „bene“ (Adverb zu „bonus“ = gut) sind hier nicht Objekt der Rede, sondern bezeichnen die Art der Rede, die Sprechweise. Würde man die übliche deutsche (falsche) Übersetzung nämlich zurück ins Lateinische übersetzen, dann würde der Satz ganz anders lauten müssen: „de mortuis nullum nisi bonum...“, das deutsche Wort „nichts“ und das deutsche Wort „Gutes“ wären dann Objekte und Inhalte des Sprechens. Dann erst würde man sagen können: „Sprich über Tote nichts außer Gutem“ (wörtlich: „nichts wenn nicht Gutes“). – Man sieht sofort, daß Chilon es so gar nicht gesagt und folglich auch nicht gemeint hat. Das Griechische und das Lateinische sind hier wesentlich präziser in der Grammatik als wir es heute in der deutschen oder gar der englischen Sprache gewohnt sind. Chilon unterschied noch klar zwischen Form und Inhalt, und er sprach hier ganz eindeutig von der Form:

de mortuis nil nisi bene...

und nicht

de mortuis nullum nisi bonum...

Haben die Toten Böses getan, darf, soll und muß man vom Bösen sprechen, darf die Bosheit ihrer Taten weder vergeben noch vergessen. Das schuldet man den Opfern ihrer bösen Taten...

Dies gilt also vor allem für solche Unmenschen wie den hundertfachen Kinderschänder Gerold Ummo Becker, den ehemaligen Lehrer(!) und Leiter(!) der Odenwaldschule in Heppenheim-Oberhambach. Den Triebtäter und Massenmörder, der unzählige Seelen zerstört und ermordet hat. – Nein, über diesen Menschen ist nicht gut zu sprechen, auch dann nicht, wenn er nun verstorben ist. Er hatte zu Lebzeiten ausreichend Gelegenheit, zu bekennen, zu bereuen, oder auch klarzustellen und sich zu äußern... – all dies hat er nicht gemacht. Man kann ihm also gar nicht unrecht tun. Er hatte seine Chance und er hat sie vertan. Er hat sie ebenso vertan wie sein schmieriges, von niedrigsten Trieben und Instinkten, von Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen, von einer ganz primitiven animalischen Form egozentrischer Fixierung gesteuertes Leben auch.

Der Mörder ist immer der Gärtner? Nein, in Oberhambach hat man mit diesem primitiven Kriminellen den (geilen) Bock zum Gärtner (und Mörder) gemacht.

Détail d'une enluminure du XIVe siècle, contrepoinçon d'une lettre capitale P, au début des Éléments d'Euclide, dans une traduction attribuée à Adélar de Bath. Une femme porte une équerre d'une main et utilise un compas de l'autre pour mesurer des distances sur un diagramme. Un groupe de moines, apparemment ses étudiants, la regardent. Au moyen-age, la représentation d'une femme dans un rôle d'enseignant est inhabituelle. La femme représentée ici serait donc plutôt une personnification de la géométrie. 1309 – 1316, France (Paris). The British Library. Via Wikipedia, public domain.

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