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Politik: Soziales & Bildung

De mortuis nil nisi bene?

Chilon aus Lakedaimon und sein falsch verstandener Satz

Kunstvolle Initiale D
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Immer wieder hört man das lateinische Zitat „de mortuis nil nisi bene...“ – und dieser meist völlig falsch verstandene klassische Satz des Chilon von Sparta wird gerne so übersetzt, als ob man von Verstorbenen nur Gutes erwähnen dürfe: „von Toten (soll man) nur Gutes (reden)“.

Eine solche Wiedergabe im Deutschen ist jedoch völlig sinnentstellend, sie läuft nämlich der eigentlichen und gemeinten Bedeutung zuwider, wie gleich anhand einiger grammatikalischer Hinweise erläutert werden wird. Jene falsche, aber durchaus übliche deutsche Übersetzung „von Toten (soll man) nur Gutes (reden)“ käme im übrigen auch noch einer heuchlerischen, verlogenenen Geschichtsfälschung einerseits und einer Verhöhnung der eventuell Geschädigten andererseits gleich. Sie wäre folglich schlicht unmoralisch.

Wir brauchen nicht erst an die großen Verbrecher der Weltgeschichte (Hitler, Stalin, Pol Pot, Saddam Hussein) zu denken, um zu wissen, daß dieses klassische Zitat offenbar seine innere Grenze hat, (philo-)logisch grammatikalisch wie auch inhaltlich moralisch. Wir brauchen uns nicht erst all die kleineren Verbrecher unserer Tage ins Gedächtnis zu rufen wie den Schüler Tim Kretschmer, jenen Massenmörder von Winnenden, oder wie den Rentner Hans Pytlinski, jenen vierfachen Mörder von Schwalmtal, um zu wissen, daß es falsch sein kann, über Tote gut zu sprechen. wenn solche Unmenschen einmal tot sind, wird man von ihnen (nur) schlecht sprechen, zu recht.

Richtig übersetzt bedeutet der Satz „de mortuis nil nisi bene...“ in Wahrheit nämlich folgendes: „von den Toten nichts außer auf gute Weise“, das lateinische bene ist ein Adverb und kennzeichnet die Art des Sprechens als gut im Sinne von moralisch richtig, was philologisch zunächst folgende Interpretationen zuläßt:

  1. Wenn man über einen Toten nichts Gutes zu berichten weiß, sollte man schweigen, oder
  2. man darf zwar auch Verstorbene kritisieren, doch dies auf eine faire, gerechte Weise (da sie sich nicht mehr verteidigen können).

Gemeint ist also: in einer wohlwollenden Weise gerecht. Man soll nicht voller Haß von Toten sprechen – dann eben sollte man lieber schweigen – und vor allem soll man berücksichtigen, daß sie nicht mehr Stellung nehmen, korrigieren und sich verteidigen können. Daß man nichts Unwahres von Toten spricht, das setzte Chilon von Sparta – als vorsokratischer Philosoph – ohnehin als selbstverständlich voraus.

Diese Überlegungen sind recht eindeutig durch die Grammatik gestützt, denn die Wörter „nil“ (= „nihil“, nichts) sowie „bene“ (Adverb zu „bonus“ = gut) sind hier nicht Objekt der Rede, sondern bezeichnen die Art der Rede, die Sprechweise. Würde man die übliche deutsche (falsche) Übersetzung nämlich zurück ins Lateinische übersetzen, dann würde der Satz ganz anders lauten müssen: „de mortuis nullum nisi bonum...“, das deutsche Wort „nichts“ und das deutsche Wort „Gutes“ wären dann Objekte und Inhalte des Sprechens. Dann erst würde man sagen können: „Sprich über Tote nichts außer Gutem“ (wörtlich: „nichts wenn nicht Gutes“). – Man sieht sofort, daß Chilon es so gar nicht gesagt und folglich auch nicht gemeint hat. Das Griechische und das Lateinische sind hier wesentlich präziser in der Grammatik als wir es heute in der deutschen oder gar der englischen Sprache gewohnt sind. Chilon unterschied noch klar zwischen Form und Inhalt, und er sprach hier ganz eindeutig von der Form:

de mortuis nil nisi bene...

und nicht

de mortuis nullum nisi bonum...

Haben die Toten Böses getan, darf, soll und muß man vom Bösen sprechen, darf die Bosheit ihrer Taten weder vergeben noch vergessen. Das schuldet man den Opfern ihrer bösen Taten...

Dies gilt also vor allem für solche Unmenschen wie den hundertfachen Kinderschänder Gerold Ummo Becker, den ehemaligen Lehrer(!) und Leiter(!) der Odenwaldschule in Heppenheim-Oberhambach. Den Triebtäter und Massenmörder, der unzählige Seelen zerstört und ermordet hat. – Nein, über diesen Menschen ist nicht gut zu sprechen, auch dann nicht, wenn er nun verstorben ist. Er hatte zu Lebzeiten ausreichend Gelegenheit, zu bekennen, zu bereuen, oder auch klarzustellen und sich zu äußern... – all dies hat er nicht gemacht. Man kann ihm also gar nicht unrecht tun. Er hatte seine Chance und er hat sie vertan. Er hat sie ebenso vertan wie sein schmieriges, von niedrigsten Trieben und Instinkten, von Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen, von einer ganz primitiven animalischen Form egozentrischer Fixierung gesteuertes Leben auch.

Der Mörder ist immer der Gärtner? Nein, in Oberhambach hat man mit diesem primitiven Kriminellen den (geilen) Bock zum Gärtner (und Mörder) gemacht.

  • Bildnachweis:
Détail d'une enluminure du XIVe siècle, contrepoinçon d'une lettre capitale P, au début des Éléments d'Euclide, dans une traduction attribuée à Adélar de Bath. Une femme porte une équerre d'une main et utilise un compas de l'autre pour mesurer des distances sur un diagramme. Un groupe de moines, apparemment ses étudiants, la regardent. Au moyen-age, la représentation d'une femme dans un rôle d'enseignant est inhabituelle. La femme représentée ici serait donc plutôt une personnification de la géométrie. 1309 – 1316, France (Paris). The British Library. Via Wikipedia, public domain.

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Kommentare

286
am 31.07.2010 15:17:19 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Chilon unterschied noch klar zwischen Form und Inhalt, und er sprach hier ganz eindeutig von der Form:

„de mortuis nil nisi bene...“


und nicht

„de mortuis nullum nisi bonum...“


Ja, Latein müsste man eben können... Wink
286
am 07.08.2010 07:20:04 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Ja, aber wer treibt schon soviel Aufwand, wenn er doch ohne Sinn und Verstand mit diesem Zitat glänzen kann? Du kämpfst gegen Windmühlenflügel, Lateinlernen ist ja fast schon reaktionär Wink
hori
am 29.01.2013 02:20:19 (178.4.179.xxx) Link Kommentar melden
Sehr viel eigene Meinung, wenige Fakten.
Das Zitat war doch nur ein Vorwand, um den eigenen Senf zu einem völlig anderen Sachverhalt zu geben.
Alter Schwede
am 03.03.2013 16:56:50 (31.16.172.xxx) Link Kommentar melden
Super Erklärstück!
@hori: Wir Menschen benötigen manchmal Gleichnisse, Fabeln oder Allegorien um in tiefere Schichten unserer Selbst vordringen zu können und uns etwas "bewusst" zu machen
Matthias Knapp
am 18.04.2013 15:08:24 (217.233.47.xxx) Link Kommentar melden
Schon ein schöner Artikel, aber doch mit einer Schwäche: Chilon hat eben nicht lateinisch geschrieben, sondern griechisch, so dass man seine Aussage eben nicht anhand der lat. Übersetzung analysieren kann. So richtig hier die lat. Übersetzung kommentiert wird, so unmöglich ist es, dasselbe auch dem Chilon einfach so unterzuschieben. Der hatte m.W geschrieben: Ton tethekota me kakologein. Dies ist allerdings - nach meinem Sprachverständnis, (anderer Ansicht die dt. Wikipedia) - im wesentlichen dasselbe wie "bene dicendum", da bei kakologein auch die Art des Sprechens betont wird und nicht so sehr die Fakten.
Kay Lorey
am 23.04.2013 13:23:11 (87.157.206.xxx) Link Kommentar melden
Ein guter Einwand, doch auch hier hilft Google Wink

Korrekt übersetzt scheint mir das schon, soweit ich mich an meinen Griechischunterricht und an das Philosophiestudium erinnere: "Dem Toten soll man nichts Böses nachsagen, das Alter soll man ehren."

"ton tetnäkota mä kakologein, geras timan."

Quelle: http://de.wikiquo...von_Sparta
Zweifler
am 28.04.2013 17:29:38 (195.93.60.xxx) Link Kommentar melden
Der Leitgedanke beim Übersetzen ist "so wörtlich als möglich, so frei als
nötig". Der fragliche lateinische Spruch könnte demnach auch so
übersetzt werden "sprich nicht schlecht über die Toten". Irgendwie erinnert
mich das an "de gustibus est non disputandum", was regelmäßig ins Deutsche
übersetzt wird als "über den Geschmack kann man sich streiten". Alte überlieferte Volksweisheiten dieser Art in Verbindung zu bringen mit Hitler
und Stalin deutet auf das hin, was Psychiater als "induziertes Irresein"
definieren. Die Gedanken sind frei, aber manche scheinen in normativen Fallgruben zu enden.
Kay Lorey
am 30.04.2013 21:49:49 (79.240.197.xxx) Link Kommentar melden
@Zweifler
Alte überlieferte Volksweisheiten dieser Art in Verbindung zu bringen mit Hitler
und Stalin deutet auf das hin, was Psychiater als "induziertes Irresein"
definieren.
Ich habe in dem Artikel nur diese Äußerung dazu gefunden, die nichts anderes sagt als: es gibt Menschen, über die man nach ihrem Tod ganz sicher nicht gut zu reden hat:
Wir brauchen nicht erst an die großen Verbrecher der Weltgeschichte (Hitler, Stalin, Pol Pot, Saddam Hussein) zu denken, um zu wissen, daß dieses klassische Zitat offenbar seine innere Grenze hat, (philo-)logisch grammatikalisch wie auch inhaltlich moralisch. Wir brauchen uns nicht erst all die kleineren Verbrecher unserer Tage ins Gedächtnis zu rufen wie den Schüler Tim Kretschmer, jenen Massenmörder von Winnenden, oder wie den Rentner Hans Pytlinski, jenen vierfachen Mörder von Schwalmtal, um zu wissen, daß es falsch sein kann, über Tote gut zu sprechen. wenn solche Unmenschen einmal tot sind, wird man von ihnen (nur) schlecht sprechen, zu recht.
Zweifler
am 06.05.2013 17:40:28 (93.133.138.xxx) Link Kommentar melden
Es wäre an folgenden Leitgedanken zu erinnern: Wer Spezielles
untersuchen will, muss erstmal das Grundsätzliche verstehen.
Das Grundsätzliche ist, dass der fragliche Spruch aus dem
Altertum nicht mit Blick auf Hitler und Stalin geprägt wurde.
Wer also gleich in seinem Hauptthema Derartiges anpeilt, der
muss es sich gefallen lassen, wenn sich bei manchen Lesern
der Gedanke erhebt, dass da Normatives verbreitet werden soll.
Das mag z. B. bedeuten, dass einige Leute etwas zuviel aus dem
Topf der Umerziehungssuppe gelöffelt haben oder es mag sogar sein, dass die eigene Fliegen-Pilzsuppe
unter den Leuten verteilt werden soll. Hat nicht die Tochter vom Rau gesagt, wir hätten von
dieser Kacke bereits genug gehört und dass ihr mittlerweile das Essen hochkommt, wenn
irgendwo wieder mal jemand damit anfängt?
Aber vielleicht ist ja genau das die Absicht, nämlich die Leute
zum Kotzen zu animieren so wie es etwa Virenschreiber geben mag, denen bei
ihrer üblen Tätigkeit einer abgeht. Und um diesen Aspekt gleich zu variieren: Wenn
man durch Zufall mal beobachten konnte, wie der alte Onkel K. oder Opa W.
einige Wochen vor seinem Tod nochmals versucht hat, sich einen abzuwürgen, dann muss
man das nicht unbedingt bei seinem Begräbnis der ganzen Trauergemeinde erzählen. Aber warum einfach, wenn`s
auch beklopft geht!
Kay Lorey
am 10.05.2013 12:25:13 (79.240.202.xxx) Link Kommentar melden
Eigentlich waren wir ja schon weiter in dieser Diskussion und waren dabei, das GRIECHISCHE Original "ton tetnäkota mä kakologein, geras timan" zu analysieren/zu diskutieren, aber nun gut...

@ Zweifler
Irgendwie erinnert mich das an "de gustibus est non disputandum", was regelmäßig ins Deutsche übersetzt wird als "über den Geschmack kann man sich streiten".

Zum einen heißt das Zitat KORREKT "de gustibus et coloribus non est disputandum" (Du hast bei "est non" nicht lateinisch gedacht, sondern deutsch, "ist nicht", einer der üblichen Fehler, Grin geradezu klassisch). Zum andern ist das sowieso kein klassisches Latein, sondern rückübersetzt aus dem spanischen "sobre los gustos no hay disputo".

Und zum dritten ist es egal, ob man im Deutschen sagt
  1. Über Geschmack kann man sich streiten, oder
  2. Über Geschmack kann man nicht streiten
denn das eine ist konkret ernst gemeint, das andere sarkastisch. Der Sinn ist in beiden Fällen derselbe: man streitet, obwohl es keinen Sinn hat, darüber zu streiten.
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