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Das ist mir doch wurscht!

...ça m'est égal = das ist mir gleich...!
15.09.2010 14:01:42 eingesandt von Chaim für OnlineZeitung 24.de

Auch hier ging's um die Wurst
Auch hier ging's um die Wurst
Würste sind eine Vertrauenssache: in einer Wurst läßt sich viel verarbeiten, was man dann beim Verzehr nicht mehr so genau herausschmeckt. Dennoch – oder vielleicht auch gerade deswegen, nämlich nach dem Motto „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ – erfreut sich die Wurst in Deutschland großer Beliebtheit: jeder Deutsche ißt 60 kg Fleisch im Jahr und davon sind ca. 30% bis 50% Wurst. So sagen es jedenfalls die Statistiken:

Fürst Otto von Bismarck jedoch hatte zur Wurst ein wohl eher ambivalentes Verhältnis; einerseits wird er gelegentlich als Liebhaber der Wurst genannt – ebenso wie Goethe und Schiller, wie Kant und Luther, wie Kafka und Hemingway – andererseits warnte er vor der Wurst oder doch jedenfalls vor ihrer Herstellung; nun ja, eigentlich war er eher der parlamentarischen Demokratie abgeneigt, und die Wurst mußte dafür herhalten. Sein Hinweis leuchtet in gewisser Weise ein, denn das Argument läßt sich ja auf Fleischproduktion generell anwenden; würde jeder Fleischesser gelegentlich mal beim Töten und Zerlegen von Tieren mit anpacken müssen, gäbe es erheblich mehr Vegetarier.

Gesetze sind wie Würste, man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden.

Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen – zitiert in Robert B. Laughlin: „Abschied von der Weltformel“, 2. Kapitel: „Leben mit der Unbestimmtheit“, S. 34, Piper Verlag, September 2007.

Doch die Wurst ist ohnehin in aller Mund, nämlich in der Redewendung „das ist mir Wurst“, die in vielen anderen Formulierungen letztlich ja nur eines bedeuten soll: daß das Interesse des Sprechers an einer gewissen Sache eher gering ausgeprägt sei, im Sinn von „das tangiert mich nur äußerst peripher“. Bei Wikipedia (Auszug) findet man nicht nur die Übersetzung in einige Fremdsprachen, sondern ebenfalls noch sehr schöne oder doch jedenfalls ausdrucksstarke Synonyme auf deutsch:

Ferdinand Tönnies, Gesamtausgabe
Ferdinand Tönnies, Gesamtausgabe
Doch woher kommt nun eigentlich dieser Ausdruck „das ist mir Wurst“? – Ursprünglich ist dieses Wort wohl Bismarck zuzuordnen; denn er sprach bereits in einem Brief (1853) an seine Schwester von „gänzlicher Wurschtigkeit“, die er in sich „vorherrschend werden“ ließ. Zum Klassiker wurde Spruch allerdings dann 18 Jahre später. Bismarcks Presseagent Moritz Busch berichtet in seinem Buch „Graf Bismarck und seine Leute während des Krieges in Frankreich“ (Leipzig 1878, S. 255) unter dem Datum 21 Jan. 1871

„...bei Gelegenheit einer Erörterung über die Titulaturen 'deutscher König', 'deutscher Kaiser', 'Kaiser von Deutschland', 'Kaiser der Deutschen': als ein Weilchen darüber verhandelt worden war, fragte B.: weiß einer der Herren was Wurst auf Latein heiße? Es kamen antworten wie farcimentum, farcimen. Bismarck antwortete: nescio quid mihi magis farcimentum esset, d.h.ich weiß nicht, was mir mehr wurscht wäre.“

Soweit Moritz Busch, zitiert nach Ferdinand Tönnies (siehe auch Quelle).

Besonders amüsant ist hier jedenfalls, daß Tönnies dem Grafen Bismarck zurecht vorhält, dieser habe einen Grammatikfehler in seinem durchaus witzigen Spruch, nämlich die sogenannte Zeitenfolge (consecutio temporum) betreffend, gemacht. Natürlich muß es auf lateinisch sit (Konjunktiv Präsens) und nicht esset (Konjunktiv Imperfekt) heißen. Das Zitat findet sich übrigens auch in einem anderen seriösen Buch wieder, darf also als gesichert gelten.

The Kaiser

...dominance of Prussia and its King. They would not yield, and he remains to-day the uncrowned German Emperor, not the crowned Emperor of Germany. It is the fly in the Imperial ointment, the supreme disappointment of his career. Bismarck had cared only for the substance, and not for the shadow, when he consented to the limited title of the ruler of the new Empire. The subject was being discussed in his presence at the time of the union. Some were for German Emperor, and some for Emperor of Germany. „Does anyone know the Latin word for sausage?“, asked Bismarck, using that homely imagery of his. „Farcimentum“, said one. „Farcimen“, said another. „Farcimentum or farcimen, it is all the same to me“ said Bismarck. Sausage was sausage, whatever the name. He had welded Germany and was indifferent to titles.

A. G. Gardiner, "Prophets Priests And Kings" S. 67

Zwei sogenannte Rohwürste
Zwei sogenannte Rohwürste
Nun wissen wir also, wessen Spruch wir da eigentlich zitieren, wenn wir sagen, „das ist mir Wurst“. Schön und tröstlich ist es jedoch zu wissen, daß sogar der große Bismarck nicht fehlerfrei war, jedenfalls, so weit es die lateinische Grammatik betrifft. Aber das kann uns heute eigentlich völlig wurst sein. – Auch die Vermutung, ob der Spruch damit zu tun hat, daß es eigentlich egal ist, an welchem Ende die Wurst angeschnitten wird, interessiert doch wirklich nicht die Bohne, oder?

  • Dropping the Pilot. Caricature by Sir John Tenniel (1820-1914), first published in the British magazine Punch, March 1890. Showing German Emperor Wilhelm II and the leaving Chancellor Otto von Bismarck. The reference to Bismarck as a "pilot" comes from an earlier cartoon from the Puck magazine from Saint Louis, Missouri. For that magazine, the cartoonist Joseph Keppler made one titled "The Master Pilot of the Age", featuring Bismarck on a ship, having brought it out to the high seas, from which the stars and gods looked down. This symbolized Bismarck's accomplishment of forming the Kaiserreich, which enabled Germany to be recognized as a great power. . – Deutsch: Der Lotse geht von Bord. Karikatur von Sir John Teniel, abgedruckt im englischen Magazin Punch. Oben Kaiser Wilhelm II, Reichskanzler Otto von Bismarck muss das Schiff verlassen. – Via Wikipedia, public domain
  • Screenshot Ferdinand Tönnies, Gesamtausgabe, 1905-1906, Band 7, Seite 255
  • Rohwurst by Rainer Zenz, via Wikipedia. Diese Datei wurde unter den Bedingungen der „Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen Unported“-Lizenz (abgekürzt „cc-by-sa“) in der Version 3.0 veröffentlicht.

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