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Politik: Europa

Heute vor 100 Jahren (24): Als Kreta griechisch wurde

17. Juni 1910: Türkische Regierung fordert Entlassung griechischer Lehrer

Karte von Kreta
Karte von Kreta
Griechenland und die Türkei - das ist wie Feuer und Wasser. Schon immer gab es massenhaft Konflikte zwischen beiden Ländern. Das beste Beispiel, das wohl jeder kennt, ist die Mittelmeerinsel Zypern. Hier aber soll eine andere Mittelmeerinsel, nämlich die (heute) griechische Insel Kreta Gegenstand unserer Betrachtungen sein. Kreta war nämlich nicht immer griechisch, sondern gehörte vor 100 Jahren noch dem osmanischen Reich, der heutigen Türkei, an.

Am 17. Juni 1910 forderte die türkische Regierung das orthodoxe Patriarchat in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, auf, keine „ausländischen Staatsbürger“ (womit hier ausdrücklich und ausschließlich Griechen gemeint waren) als Lehrer in den Schulen einzustellen. Alle vorhandenen Lehrer mit griechischer Staatsbürgerschaft seien zu entlassen. Warum diese plötzliche Forderung, die zu einem öffentlichen Zwist zwischen Griechen und Türken führte? Um dies zu verstehen muss man in der Geschichte einige Jahre zurückgehen.

Im Jahre 1645 wurde Kreta von den Türken erobert und dem osmanischen Reich einverleibt. Im 19. Jahrhundert kam es zu zahlreichen Aufständen der Bevölkerung Kretas gegen die Besatzungsmacht, die jedoch allesamt (teils) sehr blutig niedergeschlagen wurden. 1898 intervenierten schließlich Russland, Frankreich und das britische Empire und erreichten eine gewisse Autonomie Kretas unter der Oberhoheit der Hohen Pforte – also immer noch unter der Hoheit des osmanischen Reiches bzw. der Türkei.

Der Grieche Eleftherios Weniselos proklamierte schließlich 1908 öffentlich den Anschluss Kretas an Griechenland. Der Großteil der Inselbevölkerung stimmte dem zu. Im Jahr 1910 spitzte sich die Situation dramatisch zu. Bei den Parlamentswahlen auf Kreta am 21.03.1910 erhielten die Anhänger von Eleftherios Weniselos 45 Mandate. Das war genau die Hälfte aller Mandate und alle übrigen Parteien und Gruppierungen erreichten zusammen die andere Hälfte. Die politische Stimmung beider Länder zueinander war auf dem Gefrierpunkt angekommen.

Gut einen Monat nach dem Verbot der türkischen Regierung für griechische Lehrer an Schulen in der Türkei, am 27. Juli 1910, erklärte der türkische Gesandte in Athen der griechischen Zeitung Tanin gegenüber in einem Interview: „Mein Land kann einer Kriegserklärung an Griechenland nicht ausweichen, wenn kretische Abgeordnete in die griechische Nationalversammlung aufgenommen werden.“

Am 19. August 1910 werden von Kreta handfeste und teils recht blutige Zusammenstöße zwischen Moslems und Christen gemeldet. Der von Kreta stammende Führer der liberalen Partei, Eleftherios Weniselos, wird schließlich am 19. Oktober 1910 griechischer Ministerpräsident und am 23. November 1910 wird die Nationalversammlung von Kreta im Namen des griechischen Königs Georg I. eröffnet. Vier Tage später, am 27.11.1910, betonen die sich als „Schutzmächte Kretas“ verstehende Staaten Russland, Frankreich, Italien und das britische Empire ihre Entschlossenheit die Souveränität des Osmanischen Reiches über Kreta aufrecht zu erhalten. Nach wie vor fordert die große Mehrheit der Inselbewohner jedoch den Anschluss an Griechenland. Ministerpräsident Eleftherios Weniselos erringt am 11. Dezember 1910 bei den Neuwahlen zur griechischen Nationalversammlung einen überragenden Sieg.

Rifaat Pascha, der osmanische Außenminister fordert am 19. April 1911 in einer Grundsatzrede zur Kretapolitik, dass die Insel aus dem „Depot“ der Großmächte unter die Verwaltung der Pforte zurückkehren und die Einmischung Griechenlands aufhören müsse. Dennoch landen am 9. Dezember 1911 britische Marinesoldaten auf Kreta – offiziell um eine Funkverbindung zum britischen Konsulat in Chania und einem britischen Kreuzer herzustellen, der in der Sudabucht ankert. Einen Tag später weisen die Konsuln der kretischen Schutzmächte Großbritannien, Russland und Frankreich die Schifffahrtsgesellschaften an, den Abgeordneten der kretischen Nationalversammlung keine Tickets nach Griechenland zu verkaufen.

In den Jahren 1912 bis 1913 finden die Balkankriege im Vorfeld des Ersten Weltkrieges statt. Dabei stehen sich auch Griechenland und das Osmanische Reich gegenüber. Die Sitzungen der Londoner Friedenskonferenz zu den Balkankriegen werden am 6. Januar 1913 ergebnislos abgebrochen, weil sich das Osmanische Reich weigert aus allen europäischen Gebieten abzuziehen und Kreta und die Ägäischen Inseln an die verbündeten Balkanstaaten Griechenland, Bulgarien, Montenegro und Serbien bedingungslos abzutreten. Erst am 20. Juli 1913 vereinbaren das Osmanische Reich und Griechenland die Wiederaufnahme ihrer diplomatischen Beziehungen. Das Osmanische Reich erklärt sich dabei bereit die Privilegien des ökumenischen Patriarchates zu gewährleisten, während Griechenland sich zum Schutz der moslemischen Religion verpflichtet.

Durch den Londoner Vertrag von 1913 wird Kreta schließlich Teil Griechenlands. Die europäischen Großmächte teilen ihre Anerkennung der Annexion der Insel Kreta durch Griechenland, die im Verlauf der Balkankriege erfolgte, der griechischen Regierung am 21. Dezember 1913 mit. Durch den 1923 geschlossenen Vertrag von Lausanne wurde ein umfassender Bevölkerungsaustausch vereinbart, in dessen Folge rund 50.000 Türken Kreta verlassen mussten. Im Gegenzug siedelten sich viele Griechen aus Kleinasien dort an.

Fotolegende: Karte von Kreta. Urheber dieser Kartenversion: Frente. Quelle: Wikipedia, GNU-Lizenz für freie Dokumentation.

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Schlüsselwörter: Kreta | Balkankrieg | Osmanisches Reich | Griechenland | Türkei
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