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Sonstiges: Reise

Studentenaustausch (II)

In Ostberlin (1984) auf Literatursuche in einem VEB-Buchhandel...

Auszeichnung DDR-Grenztruppen
Auszeichnung DDR-Grenztruppen
In Teil I hatte ich beschrieben, wie ich den Bahnhof Friedrichstraße einmal unfreiwillig von innen kennenlernte, weil der freundliche Offizier der Grenztruppen der DDR des Neuhebräischen (Yvrith) nicht mächtig war und er daher annahm, ich wolle rechtswidrig zionistisches Schrifttum in die DDR einschmuggeln, woran er mich in letzter Minute hindern konnte; vermutlich hat ihm das eine Belobigung seines Vorgesetzten eingebracht, wenn nicht gar eine Beförderung wegen Tapferkeit vor dem Feind, inklusive des „Bestenabzeichens“ wahrscheinlich. Denn der zionistische Feind mußte ja an jeder Front besiegt werden! – Mein Arbeitsplatz ist mein Kampfplatz für den Frieden!

Zum Glück mußte mich meine Heimat Deutschland (BRD) dann aber doch nicht freikaufen von dem mir aus unerfindlichen Gründen nicht besonders freundlich gesonnenen Feindstaat Deutschland (DDR), sondern durch ein ausnahmsweise einmal weniger vorlautes Benehmen – als sonst bei mir üblich – kam ich relativ zügig wieder frei.

Wenige Meter neben dem Auslaß aus jener „Betreuungszone“ der Grenzsicherungstruppen der Deutschen Demokratischen Republik war die Karl-Marx-Buchhandlung gelegen, dort suchte ich Zuspruch und Trost – und fand Ellen und Dr. Hartmut Mehls.

Das ist jetzt natürlich etwas erklärungsbedürftig, der Leser wird verwirrt sein: wer um alles in der Welt sind denn jetzt Hartmut und Ellen Mehls? Und wieso spendet die Begegnung mit ihnen Trost? – Das darin liegende Verwirrende wiederum ist reine schriftstellerische Absicht – um dem Leser zu helfen, sich in meine damalige Situation hineinzuversetzen – denn nicht anders ging es mir damals, nach den Gängen des Labyrinths unter dem Bahnhof Friedrichstraße. Mein Orientierungssinn ist wirklich außerordentlich gut, doch immer nur im Freien. In Kaufhäusern, Ladenpassagen oder Tiefgaragen brauche ich einen Kompaß oder einen Ariadnefaden. Auch im Auto hatte ich übrigens – lange bevor es Navigationssysteme gab – immer einen Kompaß, das trainiert zusätzlich. – Wenn ich jedoch einmal durch äußere Einflüsse verwirrt bin, brauche ich einen inneren Punkt der Fixierung, der Konzentration. Das geht am besten durch autogenes Training oder den Blick auf unberührte Natur und ausdauernde Pflanzen; Fische im Aquarium sind ebenfalls hilfreich, wenn man ihnen tief in die Augen sieht. Dies alles geht natürlich nicht, wenn man gerade in einem Ghetto unterwegs ist. Ersatzweise kommen daher dann klassische Musik in Frage oder eben die Lektüre eines guten Buches. Beides war damals jedoch nicht zur Hand (es war die Zeit ohne MP3-Player, iPhone oder Hörbuch, nicht zu vergessen!), und daher stolperte ich aus der Unterführung unter dem Bahnhof Friedrichstraße heraus, ins Licht... – und siehe da: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ – Friedrich Hölderlin (Patmos).

...dort stolperte ich entlang...
...dort stolperte ich entlang...
Heute weiß ich, ich lief Richtung Süden – in Richtung Unter den Linden – und irgendwo da, wo heute „Starbuck's“ ist, muß also jene rettende Buchhandlung damals gewesen sein, vielleicht bin ich auch vorher rechts in die Georgenstraße abgebogen, das weiß ich nicht mehr, es ist schließlich zweieinhalb Jahrzehnte her...

(Bild + vergrößern)

Hier im Bild wäre das also aus Sicht des Betrachters nach links, an der Ecke mit dem heutigen Ladengeschäft „Glenfield“, wo der junge Mann mit dem blauen Rucksack im Jahr 2008 steht und offenbar bettelt, das Bahnhofsgebäude ist am linken Bildrand zu sehen. – Wie aus dem Nebel tauchte damals plötzlich vor mir diese Buchhandlung auf; ob sie wirklich „Karl-Marx-Buchhandlung“ hieß, weiß ich gar nicht, ich habe damals jede Buchhandlung in der DDR so genannt, so wie ein Butler immer James und eine Köchin immer Magda genannt wird (die jeweiligen Namen sind natürlich eine Familientradition, es können also auch die Namen Felix und Minna Verwendung finden). Auf jeden Fall rettete ich mich dort hinein und wurde – obgleich als Westler leicht zu erkennen – freundlich begrüßt, Bücherwürmer mögen sich eben. Ich orientierte mich kurz, aha, hier waren Kinderbücher, dort waren die Werke von Marx und Engels, doch ich ging erst einmal in die Ecke mit der russischen Literatur. Dort gab's natürlich reichlich Makarenko, denn Anton Semjonowitsch war ja seinerzeit hoch im Kurs in der linken und stalinistischen Pädagogik. Sein „Buch für Eltern“ habe ich mir damals dort gekauft, ich mußte ja meinen Zwangsumtausch loswerden. Viel mehr interessierte mich dann aber die Rezeption des Anton Semjonowitsch, und daher blätterte ich ein wenig in der Sekundärliteratur des (damaligen) Aufbau-Verlags.

Der Ort des stalinistischen Eispickels...
Der Ort des stalinistischen Eispickels...
Nach etwa zwanzig Minuten meines Stöberns sprach mich der Buchhändler an, was für DDR-Verhältnisse nach meinen Erfahrungen eher etwas außergewöhnlich war (nicht der Zeitpunkt, sondern die Tatsache an sich). Was mich ebenfalls erstaunte: er sprach reinstes Schriftdeutsch, also nicht einmal berlinerisch, was ja nahegelegen hätte in Berlin Mitte, obwohl doch sonst – jedenfalls für Wessi-Ohren – die ganze DDR fast nur von Sachsen bevölkert zu sein schien. Er wollte wissen, ob ich etwas Bestimmtes suchte; mein erster Impuls, ganz freundlich nach Literatur von Moses Hess oder Lew Dawidowitsch Bronstein zu fragen, unterdrückte ich gerade noch rechtzeitig und erkundigte mich nach aktuellen politischen Sachbüchern, speziell zur neueren Geschichte und zur Politik der Gegenwart. Er führte mich daraufhin in die „deutsche Ecke“...

...nicht politisch gemeint!
...nicht politisch gemeint!
Medien: Witziges & Skurriles

Pizza & Co.

We love Wagner, we love Doitschländ!

Dort stieß ich auf großartige Schilderungen der ökonomischen Zusammenhänge, die genau erläuterten, warum die Produktivkraft der DDR so immens war – im Wesentlichen durch die kluge Politik der Staatsorgane unter Führung der Partei der Arbeiter und Bauern – und ständig überproportional wuchs. Außerdem ging es natürlich um die Freundschaft mit den anderen sozialistischen Staaten, um die Kriegshetzereien von Franz Josef Strauß, und um die Liebe der Deutschen Demokratischen Republik zum Weltfrieden.

Das war unsere Perspektive...
Das war unsere Perspektive...
Umgesetzt wurde diese Liebe von den Bürgern der DDR, die dabei fürsorglich angeleitet wurden von der – ebenfalls liebevollen – der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in unverbrüchlicher Treue zum Brudervolk der sieg- und ruhmreichen Sowjetunion, das wiederum von der KPDSU fürsorglich – nämlich väterlich streng und mütterlich liebevoll – geleitet und entwickelt wurde... – sagenhaft, mir wurde ganz warm ums Herz vor soviel Liebe und Freundschaft, und ich las mich gleich fest. Als ich genug hatte von den Lobes-Hymnen auf die so überaus erfolgreiche sozialistische Ökonomie der friedliebenden DDR, fiel mein Blick zufällig auf ein kleines buntes Heft, das sich bald als der Haupttreffer dieser deutsch-deutschen Lotterie entpuppen sollte... – hier wurde nämlich erklärt, was damals, an jenem 13. August 1961, wirklich war! Aus Sicht der Partei jedenfalls...

Der „antifaschistische Schutzwall“...
Der „antifaschistische Schutzwall“...
Als ethnologischer Feldforscher sammelt man genau solche Fundstücke der materiellen wie auch Belege der immateriellen Kultur jener Ethnie, bei der man zu Forschungszwecken weilt. Denn so etwas findet man nur vor Ort. Das war ja ein Volltreffer, wie ich beim kurzen Überfliegen des Heftes sofort feststellen konnte. Sagenhaft! So etwas gab es bei uns ja gar nicht! – Also nahm ich meinen Makarenko, meinen Band 17 der „illustrierten historischen hefte“ und noch ein anderes Buch, dessen Titel mir inzwischen entfallen ist, bezahlte meine knapp zehn Mark der DDR, jenes berüchtigte Aluminiumgeld, von dem ich bei einer späteren Reise doch tatsächlich ein paar Münzen zwecks Erinnerung außer Landes schmuggeln konnte, ein schweres Devisenverbrechen, das heute zum Glück verjährt ist. Auch moralisch bin ich in dieser Hinsicht frei von Schuld, da ich mein zwangsweise angelegtes Sparbuch der Bank der DDR mit den nicht ausgegebenen Zwangsumtauschgeldern in Höhe von 14,85 Mark der DDR (zuzüglich Zinsen) dann nach 1990 zwecks Wiedergutmachung oder vielmehr aus Faulheit habe verfallen lassen und somit DEM DEUTSCHEN VOLKE schenkte... – mein erster Solidaritäts-Beitrag, bevor es den anderen Solidaritäts-Zuschlag gab. Das war's mir dann auch wirklich wert.

...ein Vierteljahrhundert später...
...ein Vierteljahrhundert später...
Aus der „Karl-Marx-Buchhandlung“ kommend wandte ich mich dann wieder Richtung Süden, spazierte Unter den Linden entlang und stand plötzlich vor der Humboldt-Universität, mit der ich ja bereits als studentische Hilfskraft das eine oder andere Mal korrespondiert hatte, bezüglich des Austauschs wissenschaftlicher Referate oder der Vorbereitung von Reisen meines „Profs“ zu Vorträgen oder zu Fachkongressen. – So sah das hier also aus! Es gefiel mir, was ich da sah, und ich beschloß ganz spontan, mich unters studentische Volk zu mischen und einmal ein paar Vorlesungen zu besuchen, wie ich es schon in vielen anderen deutschen Städten und in anderen europäischen Ländern getan hatte...

(Fortsetzung folgt)

  • Bildnachweis:
  • Bestenabzeichen der Grenztruppen der DDR 1986-1990. Datum: 2009. Quelle: Eigenes Werk. Urheber: Fornax, via Wikipedia. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.
  • Berlin Friedrichstrasse, Bahnhofsbrücke. Datum: 2008. Quelle: Eigenes Werk. Urheber: Eisenacher, via Wikipedia. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.
  • Leon Trotsky's last study where the fatal attack took place. Taken November 2002 by fabioj, via Wikipedia. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.
  • Peperoni – Reifegrade by M. Großmann / pixelio.de.
  • Der erste fliehende NVA-Soldat 1961. Quelle unbekannt, eigener scan eines Zeitschriftenartikels. Fotograf: Peter Leibing (laut Wikipedia-Artikel „Bilder im Kopf“).
  • Mehls, Hartmut/Mehls, Ellen, Der 13. August. Illustrierte historische Hefte. Band 17. (2. Aufl. 1981).
  • Eingangsportal der Humboldt Universität in Berlin. Datum: 10. Juni 2008. Quelle: Eigenes Werk. Urheber: Ischias08, via Wikipedia. Diese Bild- oder Mediendatei wurde zur uneingeschränkten Nutzung freigegeben. Diese Datei ist damit gemeinfrei („public domain“). Dies gilt weltweit.

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Schlüsselwörter: Dr. Hartmut Mehls | DDR | Humboldt-Universität Berlin | 17. Juni 1953 | 13. August 1961 | SED
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