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Politik: Soziales & Bildung

Studentenaustausch (I)

Wie ich die Katakomben des Bahnhofs Friedrichstraße kennenlernte...

Ulbricht hinter Gittern? Berliner Uni 1964
Ulbricht hinter Gittern? Berliner Uni 1964
Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: ja, doch, für die DDR und deren politische Grundlagen hatte ich in meiner Jugend durchaus einmal gewisse Sympathien. Das war allerdings doch eher so eine Art Jugendsünde, war also vor allem dem lustvollen – wenn auch natürlich in gewisser Weise pubertären – Vorführen des westdeutschen Spießers geschuldet, der immer so schön geiferte: „Dann geht doch nach drüben, wenn's Euch hier nicht paßt!“ – Das war nämlich die übliche Antwort, und sie sprach wirklich immer von „Ihr“, im verallgemeinernden Plural, wenn man politische Zustände im Westen kritisierte und der bildungsferne Spießbürger der Meinung war, seine Antwort sei ein adäquate Reaktion auf eine sachliche Kritik. Degenhardt, Neuss und Süverkrüp haben das ja ausreichend als Liedgut verwertet...

Bild vergrößern: Ulbricht hinter Gittern?

Dieses aggressive „Ihr“ im Westen, das meinte natürlich „die“ Linken, „die“ Langhaarigen und „die“ Dauerstudenten... – unter diese Gruppen wurde auch ich subsumiert, obwohl ich objektiv und dokumentiert nachweisbar zu keiner dieser Gruppen gehörte: ich hatte nie eine Kopfhaarlänge über 10 cm, „kragenfrei“ war immer mein Maßstab; „Dauerstudent“ paßte auch nicht, zwei Studienabschlüsse in weniger als der „Regelstudienzeit“, schon in der Schule und im Studium immer im vordersten Fünftel der Leistungsträger, das alles spricht klar gegen die Berechtigung einer Beleidigung als „Dauerstudent“.

Und dann, war ich überhaupt „links“? – Na ja, für die Linken war ich immer „rechts“, für die Rechten immer „links“. Für die Deutschen war ich immer Jude, für die Israelis war immer untragbar, daß ich als Jude in Deutschland war und nicht nach Israel auswanderte. – Aber so ist es eben im Leben und vor allem in Konflikten, zwischen den Fronten wird man von den einen schnell den anderen zugerechnet, von beiden Seiten natürlich. Nicht anders erging es mir dann ja im Umgang mit den angeblich „antifaschistischen“ DDR-Grenzern, für die war ich ja auch der „Klassenfeind“ aus dem „NSW“. Um ehrlich zu sein, hatte ich Ende der 1970er bei der DKP in Bielefeld um eine Mitgliedschaft nachgesucht, just for fun; so ist das eben im jugendlichen Überschwang, man macht einfach etwas, um ein Zeichen zusetzen und um das Herz sprechen zu lassen, unreflektiert. Wie der große Rhetoriker Herbert Wehner, der alte SPD-Kämpfer, der in seiner Jugend Kommunist war, einst sagte: „Wer mit 18 noch kein Kommunist ist, der hat kein Herz – wer mit 80 noch Kommunist ist, der hat kein Hirn“. Allerdings hatte mir der dortige ostwestfälische DKP-Parteisekretär – völlig überrascht von meinem Ansinnen, er hielt mich sicher für einen Spitzel oder Provokateur – zwischen Tür und Angel erklärt, ich solle erst mal Marx und Engels lesen, um (so wörtlich!) meinen „Klassenstandpunkt zu klären“! Das – aber nicht nur das – ließ mich dann von jenem Ansinnen einer Parteimitgliedschaft Abstand nehmen, den selbstverständlich war ich bourgeois, allein von meiner Familientradition her, immerhin war einer meiner Vorväter „Erster Fürstlicher Haupt-Cassir“ bei einem süddeutschen Adelsgeschlecht, so etwas verpflichtet, weswegen ich bei diesem Haus noch heute einige Konten führe...

Blick vom DDR-Wachtturm auf Marienborn
Blick vom DDR-Wachtturm auf Marienborn
Doch nun der Reihe nach. Mitte der 1980er Jahre besuchte ich Freunde in Berlin. Für einen Westdeutschen war damit natürlich immer Westberlin gemeint, das freie Berlin. Allein die Anreise wäre eine Geschichte für sich, per Auto über Helmstedt/Marienborn. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon 10 Jahre DDR-Erfahrung aus ca. 30 Reisen. Insgesamt ca. 150 Tage DDR-Erfahrung eines geborenen Wessis.

Mit so etwas kann man natürlich gegen einen geborenen Ossi niemals punkten, aber es hat mir später dann doch – nach 1990 – die Arbeit mit den Ossis sehr erleichtert... – ich konnte verstehen, wie sie „ticken“, ich hatte einen tieferen Einblick in ihren Alltag als der normale Wessi. Ich konnte sie einfach besser verstehen, ich wußte, warum sie nach 1990 in einen Laden gingen und fragten „...haben Sie...?“, während wir Wessis in den Laden gingen und sagten „Ich möchte gern!“.

Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße
Grenzübergang S-Bahnhof Friedrichstraße
Der Besuch bei den Freunden damals war ganz nett, es war ein verlängertes Wochenende. Irgendwann dann, am Abend – ein Wort gab das andere – bei einem Glas koscheren Weins vom israelischen Golan, entstand dann meine Idee: morgen fahr' ich mal wieder nach Ostberlin! Denn das ist doch eine Reise wert: für den obligatorischen Zwangsumtausch billig Bücher kaufen und einen ranzig schmeckenden „Kaffee“ am Alexanderplatz trinken... – wo mir der Kellner den Platz zuweist in DDR-Manier, natürlich den mit den Stasi-Mikrofonen in Lampe und Wandvertäfelung. Außerdem auch noch die Atmosphäre meiner Kindheitserinnerungen schnuppern; die DDR erschien mir immer wie eine Reise um 20 oder 30 Jahre in die Vergangenheit – allein der Braunkohlegeruch in der Luft machte mich nostalgisch...

Bild vergrößern: Bahnhof Friedrichstraße

Nun fuhr ich also aus dem NSW – vom kapitalistischen Nobelvorort Grunewald aus – in den „demokratischen“ und „friedliebenden“ Osten, via Bahnhof Friedrichstraße. Den kannte ich zwar bereits als Fern- wie auch als S-Bahnhof, aber dort hatte ich bis dahin noch nicht die Grenze zwischen den Welten passiert. Um es vorweg zunehmen: es war wirklich kafkaesk! Eine Mischung aus Orwells „nineteen-eightyfour“ und Kafkas „Der Prozeß“, wirklich absolut kraß.

An dem ausgeschilderten Schalter „Grenzübergang in die DDR“ meldete ich mich, mit meinem Reisepaß und reinstem Gewissen; denn bis dahin hatte ich ja weder mit MAD noch mit VS zu tun gehabt, auch mit dem Mossad gab es damals noch keine Kontakte. Der DDR-Grenzer hatte wohl ein gutes „briefing“ gehabt und war vorbereitet auf meinen Besuch, er erkannte mich sofort; als er meinen Reisepaß sah, schloß er unverzüglich seinen Schalter und führte mich durch endlose Gänge, über Treppen und verborgene Seitenwege. Es ist sehr befremdlich, wenn man merkt, der andere kennt einen, gibt es aber nicht zu, gibt auch nicht die Quellen seines Wissens zu erkennen; ein Grundzug übrigens in der Behandlung von Westlern durch die „Grenzorgane“ der DDR. Später erst, das war schon 1997, habe ich meine Stasiakte eingesehen, da wurde das alles nachvollziehbar. Auch die ehemaligen „Freunde“ in der DDR wurden damit – leider erst nachträglich und damit zu spät – sortiert, in Spreu und Weizen...

Visumstempel der DDR
Visumstempel der DDR
Wo führte der mich hin? Ich hatte schon immer eine hervorragende Orientierung im Gelände, dank boy-scouts und anderer positiver Einflüsse, doch hier, ohne Sonnenstand und Geländemerkmale, war ich völlig aufgeschmissen. Nach einigen wenigen Minuten des kreuz-und-quer durch irgendwelche Kellergänge, durch 'zig Türen und über unzählige Treppen, hatte ich jede Orientierung verloren. Irgendwann, nach endlos scheinenden Minuten, wurde ich in einen Vernehmungsraum geführt, der etwa 2 mal 3 Meter maß. Dort durfte ich warten... – und in einer solche Situation, in einem Raum ohne Tageslicht, ohne Kontakt, ohne Orientierung, werden aus 30 Sekunden 20 Minuten. Angst hatte ich zwar nicht, aber ich hatte schon den Gedanken, ob ich jetzt nach Hohenschönhausen komme oder nach Bautzen. Der einzige Kontakt zu menschlich aussehenden Wesen bestand in den knappen hingeranzten Anweisungen eines sächselnden DDR-Grenzers, „Folgen!“, „Hier eintreten!“, „Setzen!“... – ich verstand plötzlich, wieso Menschen in Rußland, Polen oder Israel deutsch können, aber immer nur diese bestimmten Wendungen: „Hände hoch“, „Auf, marsch marsch!“ oder „Hände hoch!“ – Es roch nach deutschem Aktenstaub und preußischer Stiefelwichse, damals dort unten, irgendwo unter dem S-Bahnhof Friedrichstraße.

In der Unterführung (links), kam man wieder frei..
In der Unterführung (links), kam man wieder frei..
Man hatte bereits auf mich gewartet; meine letzten Besuche in der DDR waren aufmerksam registriert und ausgewertet worden. Man wußte z.B., daß ich verbotene „Presseerzeugnisse“, sprich: die „Hetzblätter“ SPIEGEL und STERN bei meiner letzten Einreise eingeschmuggelt hatte. Daher wurde ich jetzt peinlich genau gefilzt, und genau dabei geschah es: unter meinen Papieren war auch ein Schreiben einer Organisation in Israel – dort war ich wenige Wochen zuvor zu einem Besuch gewesen – das ich einfach aus Versehen nicht aus meinem Gepäck genommen hatte. Der mich verhörende Unteroffizier war überfordert, er konnte nämlich den Brief, der in Yvrith, dem modernen Hebräisch also, verfaßt war, nicht lesen. Er holte einen Oberleutnant. Der spielte den „good guy“, denn der Unteroffizier hatte es mit dem „bad guy“ versucht. Freundlich und absolut kooperativ erklärte ich dem friedensliebenden Offizier, daß jene Organisation in Israel lediglich Einwanderer betreut, die aus europäischen Ländern nach Israel einwandern. Das konnte er gar nicht verstehen; ob ich denn als Fluchthelfer DDR-Bürger jüdischer Abstammung nach Israel bringen wolle. Meine Entgegnung, daß mir in der DDR gar keine Juden persönlich bekannt seien und ich demzufolge auch keine Kontakte zu solchen DDR-Bürgern hätte, beruhigte ihn nur wenig.

Sein größtes Problem war: er konnte den Brief nicht lesen und so schnell auch niemanden auftreiben, der des Neuhebräischen kundig war. Er fand aber die Lösung, die einem preußischen Offizier angemessen war: der Brief wurde beschlagnahmt, und ich wurde wieder durch mehrere verwinkelte Gänge geführt und in der Unterführung des S-Bahnhofs (siehe Bild) wieder in die (Ostberliner) Freiheit entlassen. Notfalls konnte man mich ja bei meiner Ausreise aus dem Friedensbund der Warschauer Vertragsstaaten nochmals befragen... – meine vor der Freilassung geäußerte Bitte um eine Kopie des beschlagnahmten Briefes war selbstverständlich abschlägig beschieden worden, ich könne mich in dieser Angelegenheit an den Oberstaatsanwalt der DDR wenden.

Wenige Meter neben dem Auslaß aus jener „Betreuungszone“ der Grenzsicherungstruppen der Deutschen Demokratischen Republik war die Karl-Marx-Buchhandlung gelegen, dort suchte ich Zuspruch und Trost – und fand Ellen und Dr. Hartmut Mehls.

(Fortsetzung folgt)

  • Bildnachweis:
  • The Humboldt Universitaet building at Unter den Linden, Berlin in 1964. Date: May 1964. Source: own photo – colorslide scan. Author: Arnoldius, via Wikipedia. Licensing: I, the copyright holder of this work, hereby publish it under the following license: This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.
  • Blick vom DDR-Wachtturm auf Marienborn; Autobahnkontrollpunkt Helmstedt im März 1990. Auf der linken Seite der westalliierte Checkpoint Alpha. Blick vom DDR-Wachturm./English: Checkpoint Helmstedt in March 1990. On the left side the west-allied Checkpoint Alpha. View from the East German watch tower. Datum: März 1990. Quelle : Mit freundlicher Genehmigung von/by kind permission of G. Mach. Urheber: Günter Mach, Helmstedt. Genehmigung (Weiternutzung dieser Datei): confirmation given by email, Ticket#2007072510021548 at OTRS. Via Wikipedia. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 US-amerikanisch (nicht portiert) lizenziert.
  • Lageplan der ehemaligen innerdeutschen Grenzabfertigungsbereiche im Bahnhof Friedrichstrasse, Berlin. Quelle: unbekannt/nicht mehr genau zu lokalisierendes Fundstück aus dem Internet. Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: unbekannt. Datum: unbekannt. Genehmigung: Diese Datei erreicht nicht die für einen urheberrechtlichen Schutz nötige Schöpfungshöhe. Liegt eine einfache Wiedergabe vor, so erreicht sie ebenfalls nicht das „Mindestmaß an persönlicher Leistung“ (Vgl. Eugen Ulmer, Urheber- und Verlagsrecht, 3. neubearb. Auflage, Berlin 1980), um den Leistungsschutz als Lichtbild genießen zu können. Die Datei ist daher gemeinfrei. Via Wikipedia.
  • Stempel Grenzübergang Berlin Bahnhof Friedrichstraße (1990) im westdeutschen Reisepaß. Datum: 02.02.2008 (Stempel von 1990). Urheber: Sir James. Genehmigung (Weiternutzung dieser Datei): Released into the public domain (by the author).Via Wikipedia.
  • exterior view of the Berlin train station Friedrichstraße/Außenansicht des Berliner S- und Regionalbahnhofes Friedrichstraße. Date: 18 June 2005. Source: selbst fotografiert/own picture, erstellt mit/made with: Canon Digital IXUS v2. Author: Andreas Steinhoff, via Wikipedia.

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Schlüsselwörter: Dr. Hartmut Mehls | DDR | Humboldt-Universität Berlin | 17. Juni 1953 | 13. August 1961 | SED
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Kommentare

286
am 05.07.2010 11:06:15 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Da bin ich gespannt, was man als Wessi in einer solchen Buchhandlung gekauft hat Grin

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