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Politik: Deutschland

Der 17. Juni 1953

Der „deutscheste“ aller deutschen Feiertage - von Gesine Schwan verhöhnt?

West-Berliner Briefmarke (1953)
West-Berliner Briefmarke (1953)
Vor kurzem hat der Deutsche Bundestag – wie jedes Jahr zu diesem wichtigen Tag der deutschen Geschichte – der Opfer des Aufstands in der DDR vom 17. Juni 1953 gedacht. Dabei kam es zu einem Eklat aufgrund einer widersinnigen Rede der ehemaligen Kandidatin der SPD für das Amt des Bundespräsidenten, Gesine Schwan.

Zu dem Unsinn, den Gesine Schwan hier vorgetragen hat, braucht man eigentlich nicht viel zu sagen, ihr unhistorischer Vergleich ist eines intelligenten gebildeten Menschen und vor allem einer Hochschulprofessorin unwürdig. Die Worte des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert in der Gedenkstunde waren da schon eher angemessen; er wies darauf hin, daß der Aufstand von 1953 am Anfang einer Reihe ähnlicher Erhebungen im Ostblock gestanden habe, nämlich der Aufstand in Ungarn von 1956, der Prager Frühling von 1968 und die Gewerkschaftsbewegung 1980 in Polen. Der Bundestag fühle sich daher jenen verpflichtet, die in der DDR für Freiheit und Einheit gekämpft hätten, und jeder Demokrat sei heute gefordert, die Erinnerung an den Volksaufstand vom 17. Juni „lebendig zu halten“.

Vor der Auflösung der DDR im Jahr 1990 und ihrem Beitritt zur Bundesrepublik feierte der Westen Deutschlands einen ganz besonderen Nationalfeiertag, den „Tag der Deutschen Einheit“. Aus westlicher Sicht war es ein „Volksaufstand“ der „Brüder und Schwestern“ in der (russisch besetzten) „Zone“, der blutig von Volkspolizisten, NVA und Sowjetarmee niedergeschlagen wurde. Und in der Tat, am 17. Juni und den Tagen danach wurden von Volkspolizisten und sowjetischen Soldaten 34 Demonstranten und Zuschauer erschossen oder starben an den Folgen von Schußverletzungen. Etwa weitere 25 Todesfälle sind ungeklärt. Dazu kamen dann noch standrechtliche Hinrichtungen, 19 Menschen, wie Alfred Diener (Jena), Willi Göttling (Westberlin) sowie Alfred Dartsch und Herbert Strauch (bei Magdeburg), wurden standrechtlich erschossen. Hunderte wurden zu langen Haftstrafen in sibirischen Zwangsarbeitslagern verurteilt. In der DDR selbst kam es noch zu weiteren Verurteilungen, damals gab es noch Zuchthäuser.

Naturgemäß – und auch dem mangelnden Zugang von West nach Ost geschuldet – gab es zu Anfang im Westen überzogene Vorstellungen von der Stärke der Proteste und der Zahl der Opfer, so wie das alles eben andererseits von der SED-Diktatur heruntergespielt wurde.

Es liegt nahe, daß es kaum Quellen aus DDR-Sicht gibt, die diesen Volksaufstand historisch präzise dokumentieren. Wenn es Darstellungen gibt, wurden diese selbstverständlich in Orwell'scher Manier – siehe Neuzehnhundertvierundachtig, den berühmten Roman – von Auftragsschreibern parteigerecht abgefaßt. Man erkennt jedoch auch bei diesem Thema – vielleicht wegen seines spezifisch deutschen Charakters ganz besonders, schnell und leicht, wie bei keinem anderen – recht schnell an der Sprache, am Jargon, an der Wortwahl, wes Geistes Kind der Verfasser war und welche politische Verortung man mit ihm und seinem Text mühelos vornehmen kann.

Hier nur eine kleine Kostprobe (s.a. Anmerkung unten): Schon auf dem Weg zum Befehlsempfang blitzte ein anderes, schon leicht verblaßtes Bild in ihm auf. Er sah sich mit anderen Genossen auf dem Potsdamer Platz nahe der Grenze zu Westberlin. 17. Juni 1953. Gegner des Sozialismus im Innern der DDR versuchten, Unzufriedenheit und Mißstimmung in der Bevölkerung zur Beseitigung des Arbeiter-und-Bauern-Staates zu nutzen. Sie erhielten Anleitung und Verstärkung aus Westberlin. Mitglieder der SED, aber auch Angehörige der Blockparteien sowie parteilose Arbeiter und Angestellte stellten sich damals den johlenden Horden entgegen. Mit Worten war da nichts mehr zu machen. Er selbst trug noch tagelang die Zeichen der Argumente des Klassenfeindes im Gesicht und am Körper. Anderen erging es noch schlimmer. Die auf dem Territorium der DDR stationierten Sowjetsoldaten und die bewaffneten Organe der DDR trugen am 17. Juni entscheidend zum schnellen Zusammenbruch dieses Putschversuches bei. Walter Lembke atmete tief durch. Dieser Tag ist Geschichte. Er wird sich nicht wiederholen! Die SED hatte weitreichende Schlußfolgerungen für die Wirtschafts-, Sozial- und Bündnispolitik in der DDR gezogen. Bis September 1953 waren dann die Kampfgruppen der Arbeiterklasse gebildet worden.

Gewöhne dem Marder das Morden ab und dem Imperialismus das Ausrauben und Ausbeuten der Völker! Beides geht nicht, denn ohne Mord ist der Marder kein Marder und ohne Raub und Ausplünderung der Imperialismus kein Imperialismus. Beide lernen Vorsicht, können ihr Wesen aber nicht aufgeben, ohne sich ganz aufzugeben. ...“ – So Dr. Hartmut Mehls in einer SED-Rechtfertigungsschrift (IHH Nr. 17, Seite 3) zum Tag des Mauerbaus.

Der Generalstaatsanwalt der DDR, Ernst Melsheimer, legte am 5. März 1954 einen an Hilde Benjamin, Ministerin für Justiz, verfassten Bericht über „die Aburteilung der Provokateure des Putsches vom 17.6.1953“ vor, der für den Zeitraum bis Ende Januar 1954 folgende Urteile über insgesamt 1.526 Angeklagte, wie folgt, aufschlüsselte:
  • 2 Angeklagte wurden zum Tode verurteilt: (Erna Dorn, Ernst Jennrich)
  • 3 Angeklagte erhielten eine lebenslängliche Zuchthausstrafe: Lothar Markwirth (Bezirksgericht Dresden), Gerhard Römer (Bezirksgericht Magdeburg) und Kurt Unbehauen (Bezirksgericht Gera)
  • 13 Angeklagte, darunter die Dresdner Wilhelm Grothaus (1893–1966) und Fritz Saalfrank (1909–199?), wurden zu Zuchthausstrafen von 10 bis 15 Jahren verurteilt.
  • 99 Angeklagte erhielten Zuchthausstrafen zwischen 5 und 10 Jahren.
  • 824 Angeklagte bekamen Gefängnisstrafen von 1 bis 5 Jahren.
  • 546 Angeklagte erhielten Gefängnisstrafen bis zu einem Jahr.
  • 39 Angeklagte wurden freigesprochen.

Weitere 123 Strafverfahren waren Ende Januar 1954 noch nicht abgeschlossen, es ist jedoch zu vermuten, dass die DDR-Gerichte insgesamt etwa 1.600 Menschen im Zusammenhang mit dem Juni-Aufstand verurteilten.

Die infolge des 17. Juni Verurteilten wurden in den Haftanstalten mit einem gelben "X" gekennzeichnet. Aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung, der Schikanen des Wachpersonals und des mangelhaften Arbeitsschutzes in den Zuchthäusern erlitten viele "X-er" schwere gesundheitliche Schäden. Den Ehefrauen der Verurteilten wurde oft zur Scheidung geraten oder mit der Wegnahme ihrer Kinder gedroht.

Die SED nutzte außerdem den Aufstand zur Disziplinierung ihrer eigenen Genossen. So wurden die vor allem aus der früheren SPD stammenden und gemäßigte, politische Ansichten vertretende Mitglieder aus der Partei entfernt. (…)

Quelle: Wikipedia

West-Berliner Briefmarke (1953)
West-Berliner Briefmarke (1953)
Wer nun glaubt, er müsse die heutige wirtschaftliche und soziale Situation im vereinten Deutschland mit der Situation der unterdrückten Bevölkerung in der DDR im Jahr 1953 vergleichen, der begeht nicht nur eine unglaubliche Geschichtsfälschung, sondern verhöhnt nachträglich alle diejenigen, die damals gegen die roten Faschisten in Moskau und gegen deren Stiefellecker in Ostberlin aufbegehrten.

Ferner: wenn wir heute Demonstrationen und Proteste gegen die Regierung haben, so rücken hier weder US-Panzer gegen die deutsche Bevölkerung aus, noch gibt es Hinrichtungen oder langjährige Haftstrafen; auch Zwangsarbeitslager gibt es in Deutschland nicht. Allein von daher verbieten sich solche unsinnigen Vergleiche. Wir haben nämlich in unserer Verfassung das Demonstrationsrecht gesichert, verbrieft und verbürgt... – während in der DDR Demonstrationen grundsätzlich von der SED oder ihren Organisationen als Jubel- und Selbstbeweihräucherungs-Feier veranstaltet wurden, wenn man von den „Montags-Demonstrationen“ am Ende der DDR einmal absieht.

Leider hat man den 17. Juni 1953 dann beim Beitritt der durch ihre Bürger selbst aufgelösten DDR zur Bundesrepublik – sprachlich nicht ganz korrekt bekanntlich auch als „Wiedervereinigung“ bezeichnet – nicht zum gemeinsamen Nationalfeiertag gemacht, sondern den weniger bedeutungsschwangeren 3. Oktober; der 9. November verbot sich natürlich aus geschichtlichen Gründen ohnehin von selbst. Diese Wahl des 3. Oktober zuungunsten des 17. Juni läßt sich zwar jetzt kaum noch ändern, doch schade ist es dennoch; der 17. Juni als Nationalfeiertag für Ost und West hätte eine wesentlich tiefergehende geschichtliche Kontinuität für die Deutschen bedeutet und ihre Identitätsfindung gefördert.

Außerdem hätte er mehr Respekt des Westens vor den wahren Demokraten in der Geschichte der DDR bedeutet. Weiterhin wäre der 17. Juni geeignet gewesen, den Bürgern, die seit 1990 wirklich in Deutschland angekommen sind, deutlich zu machen, mit welcher tiefen Sorge der Westen 45 Jahre lang das Schicksal der Deutschen im Osten Deutschlands emotional und gedanklich begleitet hat. Welche großartige Wertschätzung darin lag, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.

Walter Ulbrichts Rede im VEB Großmaschinenbau „7. Oktober“ zu den Ereignissen am 17. Juni und der Durchführung des Volkswirtschaftsplans.

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Über 35 Jahre durften die Autoren und Regisseure der DEFA nur die offizielle Version der SED über die Geschichte des 17. Juni 1953 verbreiten. In dieser Dokumentation bewerten dieselben Personen, nach dem Fall der Mauer, die historischen Quellen auf ihre eigene Weise.

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  • Anmerkung:
Zu dem am 17.6.1953 gelynchten Stasi-Spitzel Wilhelm Hagedorn und zu dem SED-Auftragsschreiber Dr. Hartmut Mehls (Illustrierte historische Hefte Nr. 17, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 3. Aufl. 1979, ISBN 3-326-00017-0) wird jeweils ein eigener Artikel in der onlinezeitung24.de erscheinen.

Das Exemplar IHH #17 ist vergriffen, doch dem Verfasser liegt ein gedrucktes Exemplar vor, im Internet ist es ebenfalls dokumentiert: www.dreizehnter-august.de

  • Bildnachweis:
Die Briefmarken der Deutschen Post Berlin wurden von Wikipedia entnommen und sind – wie Postwertzeichen generell – gemeinfrei.

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Schlüsselwörter: Aufstand | Deutschland | Wilhelm Hagedorn | Dr. Hartmut Mehls | DDR | Humboldt-Universität Berlin | 17. Juni 1953 | 13. August 1961 | SED
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Kommentare

319
am 28.06.2010 11:49:12 (99.192.253.xxx) Link Kommentar melden
ein großonkel von mir hat das in der ddr erlebt, nicht in berlin, und er sagt die leute wussten alle genau bescheid

Warum keiner drüber reden will? nach 1945 war es doch genauso, sagt man

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