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eBay „Testberichte“

„Hilfreiche“ Rezensionen und mehr – eine Satire (1)

Räuber mit Maske...
Räuber mit Maske...
eBay-Käufer und -verkäufer sind sehr fleißig. Nachdem eBay die internen Blogs geschlossen und drei Viertel seiner Belegschaft entsorgt hat, plagt viele eBay-Mitglieder die Langeweile. Besonders diejenigen, die wenig Umsatz machen.

Ursprünglich war eBay als Plattform gedacht für Privatleute, die doppelte Geburtstags- oder unpassende Weihnachtsgeschenke wieder loswerden wollten. Oder für die, die alte Sachen auf dem Dachboden fanden aus ihrer Kindheit, die sie loswerden wollten vor dem nächsten Umzug. Die „Generation eBay“ hat seitdem ein Wort gelernt, das im Englischunterricht gar keine Rolle spielte: „vintage“. „Vintage“ heißt, irgend ein Gegenstand ist nicht neu, aber auch noch nicht so richtig antik. So zwischendrin eben, Trödel, altes Zeug; Gebrauchsspuren durften sein, Funktionsfähigkeit war nicht unbedingt vorausgesetzt. Eben das, was man früher – in der Zeit vor dem Web 1.0 – auf dem Flohmarkt verkaufte oder an Bedürftige verschenkte. Heute wird gesammelt und verkauft auf Teufel komm raus, das defekte Bügeleisen von 1952 kann ja immer noch als Buchstütze dienen.

Mittlerweile ist „vintage“ allerdings gleichbedeutend mit Ramsch oder Sperrmüll, weil jeder Hobby-Antiqiutätenhändler seinen Weichholzschrank inclusive Holzwürmern als Antiquität anbietet, gar als echten „Bodenseeschrank“ oder als Biedermeier-Rarität. Während gleichzeitig die Möchtegern-Antiquare, die ihren feuchten Keller sanieren müssen, ihre gesammelte Studienliteratur „Soziologie“ und „Grundschulpädagogik“ aus jenen 68er Zeiten feilbieten, in denen jeder auf dem dritten Bildungsweg – nämlich als Gewerkschaftsmitglied – unbedingt studieren zu müssen glaubte, nachdem der „Marsch durch die Institutionen“ doch als zu mühselig erlebt wurde. Diese unschätzbaren literarischen Werke werden dann – stockfleckig, mit Eselsohren und durch wenig intelligente Kugelschreiberkommentare verschmiert – stückweise versteigert, statt wie marktüblich zu 10 Cent pro Kilogramm verramscht. Der Kundige kippt diesen ganzen verstaubten Dreck jedoch lieber in die Altpapiertonne, wenn die Freiwillige Feuerwehr oder das Jugendrotkreuz mal wieder eine Sammlung macht... - die Altpapierpreise ziehen gelegentlich durchaus an. Denn, mal ganz ehrlich – wer will heute pädagogische Studienliteratur von 1970 lesen? Als zerfleddertes rororo-Taschenbuch?

Doch zurück zu den eBay-Rezensionen und den gelangweilten eBay-Mitgliedern. Neulich stolperte ich bei der Suche über die Liste derjenigen Autoren, die die meisten Erstberichte geschrieben hatten. Unter Erstberichte versteht man bei eBay einen allerersten Testbericht zu einem Produkt, sagen wir einem CD-Laufwerk, oder eine Rezension über ein Buch, einen Film, ein Musikstück. Nun fand ich ein eBay-Mitglied namens „321testberichtschreiber“ (der Name ist, wie alle folgenden Zahlenbeispiele und Buchtitel, verändert, ich will ja niemandem auf die Füße treten), der mir eine Woche zuvor bereits wegen seines Namens aufgefallen war. Diesmal fiel er mir aber auf, weil er in dieser einen Woche über 5.000 neue Erstberichte veröffentlicht hatte. Bei einer 7-Tage-Woche sind das ja immerhin über 700 Rezensionen am Tag, bei einer Arbeitszeit von 10 Stunden wären es 70 Rezensionen pro Stunde, also weniger als eine Minute für das Lesen des Buches, das Nachdenken, das Schreiben und das Veröffentlichen. - Ich wurde tatsächlich etwas neidisch, bildete ich mir doch ein, schnell lesen und schreiben zu können...

Ich mag fleißige Menschen; ich bin auch bereit, sie zu bewundern. Doch diese gewaltige Produktivität wollte ich mir einmal näher anschauen. Also klickte ich auf „alle Testberichte dieses Mitglieds anzeigen“, dann sortierte ich nach „aktuellste zuerst“. Der neueste Testbericht handelte von – sagen wir mal – „Asterix bei den Galliern“, auf deutsch. Der Text der Rezension lautete sinngemäß:

Die Dalton-Brüder mit Nachahmer
Die Dalton-Brüder mit Nachahmer
„Also, ich fand das Buch ganz toll, aber wenn Ihr Euch ein eigenes Bild machen wollt, dann lest es ruhig selber!

Liebe Grüße, Euer „321testberichtschreiber“

Na ja, okay. Man kann das so machen, auch wenn ich persönlich unter einer Rezension etwas anderes verstehe. Aber weiter in der Liste. Auf einer Seite sind immer zehn Testberichte in einer Vorschau dargestellt, 5.000 Testberichte sind also 500 Seiten, in der Vorschau sieht man ein kleines Bild, den Titel und den Anfang des Textes die ersten 100 oder 200 Zeichen. Nach „Asterix bei den Galliern“ kam „Asterix in Ägypten“, danach „Asterix und die Griechen“ usw. usf., Seite für Seite... - und, ungelogen, immer derselbe Text! Dann, nach etlichen Seiten, kam das alles nochmals von vorn, nur jetzt in Bezug auf dieselben Titel in englisch, französisch, lateinisch, pfälzisch, hessisch, bayrisch, schwäbisch, sächsisch...

Ich bin dann 10-Seiten-weise gesprungen, habe nur noch Stichproben genommen, es war jedesmal derselbe copy-and-paste-Text. Gleichzeitig fiel mir auf: alle Texte waren durchgehend von Lesern bewertet worden und als „hilfreich“ befunden, immer 55-60 von 60 Lesern fanden die Rezensionen „hilfreich“, teilweise innerhalb von 2 Tagen.

Soweit die Sache kommentieren muß man das eigentlich nicht, es ist klar: wird betrogen, gelogen, gefälscht. Als jemand, der gern und viel liest, gern und viel schreibt, hebe ich bei solchen Albernheiten nicht einmal die Augenbraue. Interessant ist das allenfalls psychologisch... - warum macht jemand so etwas? Was ist der Gewinn? Geld kann es nicht sein, Ruhm auch nicht. Denn jeder, der es aufdeckt, empfindet Langeweile oder Verachtung. Und derjenige braucht Helfer, nehmen wir an, er hat noch drei Kumpels, und jeder hat jeweils 15 bis 20 fake-accounts auf Oma und Opa, auf Nachbars Emma oder Fischers Fritz angemeldet. Dann bewertet man das mal eben durch und löscht es anschließend wieder, bei 60 positiven Bewertungen und den 5.000 veröffentlichen – identischen - „Rezensionen“ sind das in einer Woche also mal ganz locker... - ach, ich habe keine Lust mehr auf diesen Blödsinn. Das ist wirklich zu albern. Da lese ich doch lieber ein gutes Buch.

Ein philosophisches über Ethik, oder ein psychologisches über Triebstau. - Denn auf dieser Ebene ist die Zufallsentdeckung interessant. Alle Täter wissen, daß sie ethisch verwerflich handeln, daß sie lügen und betrügen. Da sie keinen materiellen Vorteil davon haben, muß es also ein nicht materieller sein. Gleichzeitig wissen sie aber auch, daß jeder weiß, daß sie lügen und betrügen. Sie wissen sogar, daß jeder weiß, daß sie es wissen, daß es jeder weiß... - bleibt als einziger Vorteil übrig: sie sind Kundige, sie sind die Hohepriester des Betruges, sie wissen, wie man das System überlistet, wie man Sperren und Sicherheitsbarrieren „knackt“, das macht ihnen keiner nach. Eine Arkandisziplin, das geheime Wissen wird nur an einige wenige Geweihte weitergegeben. Sie haben das Sytem geknackt und spielen damit... - ist es dieselbe destruktive Machtlust, die Virenprogrammierer antreibt? Ist das nur eine weitere Spielart des Mobbing und Stalking? Eine neue Variante für Trolle?

Aus der Freude, etwas Gutes gelesen und darüber etwas Gutes geschrieben zu haben, wird mit dieser Perversion also die hämische Ersatzlust des erfolgreichen Betrügers. Aus stolzem und selbstbewußten Lächeln wird die kranke Abart eines höhnischen Kicherns über „die Doofen“, die nicht so gut betrügen und lügen können... - vielleicht allerdings tun es diese vermeintlich „Doofen“ deshalb nicht, weil sie es gar nicht wollen...?

Vielleicht kommt genau hierin die Krankheit des Systems eBay zum Ausdruck? Gewerbliche Händler, die sich als „privat“ anmelden, Scheinkäufe, um an private Informationen, verwertbare Adreßdaten oder erschlichene „Bewertungspunkte“ zu kommen, und natürlich: Sperrmüll, als „vintage“ verscheuert.

Klasse! Man könnte auch sagen: eBay braucht kein Mensch.

Mundus vult decipi, ergo decipiatur.

Den lateinischen Spruch gibt es auch gesungen, wer modernere Musik mag, der kann hier den Taschenspielertricks zusehen:

YouTube Video

Nur als Nachweis, daß die Geschichte wahr ist, hier eins von vielen Beispielen:

> > > KLICK < < <

  • Bildnachweis:
  • Posing Raccoon at Shepreth. Date: 10 April 2005, 11:01. Author: Harlequeen from Cambridge, United Kingdom, via Wikipedia, Creative Commons Attribution 2.0 Generic license
  • Ankara Amusement Park. Datum 2007. Urheber: Nevit Dilmen by Wikipedia, GFDL und Creative Commons „Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported“ Lizenz

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Schlüsselwörter: eBay | Ratgeber | Testberichte | Vintage | Betrug
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Kommentare

Alex Mais
am 16.05.2010 13:37:50 (195.93.60.xxx) Link Kommentar melden
Ja, ja, das alte Ebay-Thema. Bin schon seit "ewigen Zeiten" nicht mehr in den Testberichten gewesen. Habe mir mal gerade die Seiten des von Dir angesprochenen Mitglieds angesehen: GähnSmile

Aber das hat es ja schon immer gegeben und wird sich wohl auch nie mehr ändern. Auch die Ratgeberseiten (die mal eine Zeitlang gar nicht mehr über die Startseite gefunden werden konnten - jedenfalls was die "neuesten Ratgeber" der Mitglieder anbelangten) sind wieder in alter Manier vorhanden. Auch dort keine Besserung in Sicht. - Reinschauen lohnt absolut nicht mehr...
kommt123
am 16.05.2010 14:05:12 (92.224.99.xxx) Link Kommentar melden
Der User,der diese Testberichte,die du als Link dargestellt hast,ist mir sogar bekannt.

Mit dem habe ich auf meinem Portal sogar gebloggt,ja er war auch auf meiner Freundesliste drauf.

Betonung auf war.

Gab sich schon in den Blogs auf Ebay,als sie noch existierten, als "Neuer" aus.

Wusste aber über alles genau Bescheid.

Er ist da mit noch ein paar anderen vertreten,die beklicken sich gegenseitig und fühlen sich als "King"


Er ist eigentlich ein "armes Würstchen",wird benutzt und merkt es noch nicht einmal.

Ich habe ihn gebeten sich aus meiner Freundesliste zu entfernen.

Ich mag es nicht,wenn mir Menschen eine Freundschaft vorspielen,um Dinge aus meinem Privatleben zu erfahren,die sie dann an andere weitergeben.

Ja,auch das läuft da ab.

Was meinst du weshalb ich meinen einen Account da gekündigt habe?
Nun,ich kann es dir sagen:
Auf meine Ratgeber es waren 124 und richtig gute,das kannst du hier auf dem Link auf meiner Mich Seite ja sehen,hatte ich mal eben so über Nacht 100 Nein Stimmen erhalten.

Allein schon der Nickname reichte,um eine Flut von Nein Stimmen zu erhalten.

Dazu kamen noch Mails,wo mir nahe gelegt wurde,ich sollte doch keine Ratgeber mehr schreiben.

Ich persönlich bin der Meinung,das ganze Ranking sollte abgeschafft werden,schau dir doch die Seite an:

Jeder will oben stehn,es gibt erbitterte Kämpfe um die TOP 25.

Ich habe es aufgegeben da noch vernünftige Ratgeber zu schreiben.


Jeder auf dieser Seite hat da seinen "Favoriten" den er provoziert.

Ja...auch ich mische da mit.

Denn es wird auch schon mal recht persönlich da,und das kann man wörtlich nehmen,denn es werden auch Realnamen veröffentlicht.
Es wird einem vorgeworfen man hätte sein Pferd umgebracht,natürlich als Ratgeber verfasstSad

So etwas lasse ich mir natürlich nicht gefallen,wer es ist,will ich nicht weiter erörtern.
Zuerst tat es weh,aber man wird verdammt hart auf diesen Seiten und man passt sich an.

Ebay schaut zu.
kommt123
am 16.05.2010 19:12:38 (92.231.127.xxx) Link Kommentar melden
Chaim schrieb:
Wieso gibt einer sich als Priester aus, obwohl er keiner ist? Der nächste als Anarchist, obwohl er ein brauner Narziß ist? Oder einer als liebender Vater, obwohl er seine Kinder seit 6 Jahren hintergeht und betrügt? - Und wieso gibt sich ein minderintelligenter psychopathischer Spinner als "Opfer" eines angeblichen sozialen Terrors aus? Oder ein Drogenkonsument als angeblicher Vorschulpädagoge oder Erzieher?

Alle diese Lügen fliegen im Informationszeitalter doch sowieso innerhalb weniger Tage auf, warum also macht man das?




Das wird,nehme ich an,der "gewisse Kick" an der Sache sein.
Endlich mal etwas darstellen,was man in der real Welt zwar gerne wäre,aber aufgrund geistiger und materieller Defizite nie erreicht hat und auch nie erreichen wird.

Es sind Menschen,das ist meine persönliche Meinung,die gerne in der ersten Liga spielen wollen,aber sie sind eigentlich nie aus dem Trainingslager raus gekommen.
kommt123
am 16.05.2010 19:47:53 (92.231.127.xxx) Link Kommentar melden
Chaim schrieb:
Nein, sie würden da niemals reinkommen.... Wink



Ich denke,jeder Mensch,auch die es zu nichts gebracht haben,hatten ihre Chance.
Sie haben sie nicht erkannt oder nicht genutzt.

Zugeben würden sie es aber nie,denn wozu auch?
Es gibt ja das Internet,da kann man sich und seinen Fantasien freien Lauf lassen.
Es gibt immer einen noch Dümmeren,der diesen Dummen dann bewundert.

Schau mal,man meldet sich an und schon kann man jemandem einen "vom Pferd" erzählen.
Der noch Dümmere merkt es noch nicht einmal.

Und glaube mir,es funktioniert.
Du kannst sie wie Spielbälle,genau dahin lenken,wo du sie hin haben willst.
Und einzig und allein man selber bestimmt die Richtung.
kommt123
am 16.05.2010 20:05:11 (92.231.127.xxx) Link Kommentar melden
War ja auch nur ein Tatsachenbericht von mir

Ich bestimme nämlich auch gerne die Richtung,immer schön im Kreis.
kommt123
am 16.05.2010 20:12:38 (92.231.127.xxx) Link Kommentar melden
Und gut wiehern kann ich auch...Grin
300
am 19.05.2010 22:14:19 (89.187.142.xxx) Link Kommentar melden
Diese ebay -Seiten sind wirklich das letzte. Sad
286
am 19.05.2010 23:04:44 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Völlig überflüssig Frown
266
am 20.05.2010 10:18:10 (95.222.194.xxx) Link Kommentar melden
Die ursprüngliche Funktion der Testberichte bzw. Rezensionen ist völlig verlorengegangen. Der Gedanke war ja, daß Käufer anderen ihre Erfahrungen mit bestimmten Produkten mitteilen. An sich eine schöne Idee.

Zum Teil werden inzwischen einfach von Amazon usw. fremde Texte abkopiert und dann bei ebay eingestellt. Es gibt da zwar auch gute Autoren, aber die kann man praktisch nur noch per Zufall finden. Denn die "beliebtesten" Testberichte sind meist auf dubiose Art und Weise zustandegekommen.
Alex Mais
am 20.05.2010 10:27:19 (195.93.60.xxx) Link Kommentar melden
Ranking!!! - (Fast) jeder will da die Nr. 1 sein.

Oder anders ausgedrückt: Vera... der Leser, die wirklich einen guten Testbericht bzw. eine gute Rezension erwarten. Grenzt ja schon fast an "Betrug am Leser".

Trifft für die "Schreiber" genauso zu wie für die Positiv-Bewerter solcher dubiosen Machenschaften...
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