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Politik: Deutschland

„Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigal“

Wie Alt-Bundespräsident Weizsäcker am 8. Mai 1985 Deutschland befreite

8. Mai, der Tag der Befreiung
8. Mai, der Tag der Befreiung
Vor kurzem hatten wir ja – alle Jahre wieder – ein typisch deutsches Jubiläum. Gemeint ist der 8. Mai, als Erinnerung an die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945, und diesen Tag kann man auf unterschiedliche Weise begehen und benennen. Die beiden klassischen Bezeichnungen hierfür lauten in Deutschland entweder:
  1. Zusammenbruch“ oder
  2. Befreiung“ (u.U ergänzt durch „vom Hitlerfaschismus“)

Das also sind die beiden typischen Begriffe in Deutschland für dieses Datum, den einen bevorzugte man im Westen, den anderen in der DDR. Sie kennzeichnen letztlich die ganze Bandbreite möglicher Interpretationen. So ist das Leben. Und dazwischen liegen ganz offensichtlich Welten. – Um diese Welten als intergalaktischer Reisender zu erforschen, kann man einfach mal verschiedene Menschen danach fragen, am besten funktioniert es, wenn man sich dabei dumm und unwissend stellt. Dann fragt man ganz harmlos nach diesem Datum und wirft noch als Köder dazu, es gäbe da so einen Begriff... – aber man käme gerade nicht drauf...

Um ehrlich zu sein, mir ist es eine liebe Gewohnheit geworden, diese Frage zu stellen. Und so frage ich obsessiv in jedem Urlaub, bei jeder Gelegenheit, jeden interessanten Menschen jeder beliebigen Nation, unabhängig von Religion, Hautfarbe und Nationalität nach diesem Datum. Irgendwie kann man ja immer die Sprache darauf bringen. – Mittlerweile habe ich unzählige Menschen aller möglichen Nationalitäten und Weltanschauungen befragt, Katholiken, Protestanten, Juden, Mohammedaner und Atheisten; Schwarze und Weiße. – Sowie Deutsche, Russen, Polen, Tschechen, Ungarn, Österreicher, Niederländer, Franzosen, Dänen, US-Amerikaner und Israelis. Viele andere Nationen natürlich auch, der Zweite Weltkrieg ist ja ein Thema, auf das man leicht kommt, nicht nur in Europa.

Die Nazi-Teufelei hat ein Ende...
Die Nazi-Teufelei hat ein Ende...
1945: Generalfeldmarschall Keitel unterzeichnet im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht, damit endet der Zweite Weltkrieg in Europa (V-E-Day). Das Datum markiert zugleich die Befreiung vom Nationalsozialismus.

In der DDR und in der UdSSR war der 8. Mai ein offizieller Feiertag, in der Bundesrepublik nie. Natürlich nicht. Doch man feiert die Beseitigung der NS-Wehrmacht dafür in den Niederlanden (am 5. Mai), außerdem in Frankreich, Tschechien und der Slowakei. – Nun erhebt sich natürlich aus deutscher Sicht die Frage, was man damit machen möchte. Die Befreiung vom Faschismus feiern? Den „Zusammenbruch“ einer Diktatur bejammern? Das alles totschweigen? Verdrängen? – „Wat dem ehnen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall“, dieses Sprichwort besagt: Was dem einen nicht gefällt, kann ein anderer durchaus mögen. Oder kürzer noch: die Geschmäcker sind verschieden. Die Eule – oder Uhl – wurde traditionell als Unglücksbringer und als „Vogel des Teufels“ betrachtet. Die Nachtigall hingegen ist ein Singvogel, mit dem Glück assoziiert wird.

»Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall, und welch schöne Sache ist doch der Krieg!«

Kurt Tucholsky: Ein Pyrenäenbuch, 1927

Es geht hier nicht nur um austauschbare Wörter... – in der Sprachwahl kommt selbstverständlich das Denken zum Ausdruck. Wer den 8. Mai 1945 als „Zusammenbruch“ bezeichnet und die Zeit danach als Besetzung, der schlägt sich gedanklich auf die Seite der NS-Täter; denn deren System erlebte ja, dem Himmel und vor allem den Alliierten sei Dank, den Zusammenbruch. Natürlich war der 8. Mai 1945 eine Befreiung: eine Befreiung von der Pest des rassistischen Faschismus in Europa, insbesondere in Deutschland.

Weizsäcker-Rede vom 8. Mai 1985:

Als der Bundespräsident Deutschland befreite

Heute vor 25 Jahren gedachte der Bundestag des 40. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkrieges. Die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wurde eine kleine Sensation – sie veränderte das Geschichtsbild der Deutschen. (...)

Kein Zweifel an Verantwortung der Deutschen

Mit gleich drei Thesen provoziert Weizsäcker vor allem seine konservativen Zuhörer. Der Bundespräsident sagt, dass die Mehrheit der Deutschen für die Verbrechen der Nationalsozialisten verantwortlich war, nicht allein Hitler, nicht der Friedensvertrag von Versailles 1918. Die Ursache des Leids der Nachkriegszeit sei auch nicht die Eroberung Deutschlands durch die Alliierten gewesen, betont der Präsident: "Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen." Der 30. Januar 1933 war der Tag, an dem die Nationalsozialisten unter der Führung Adolf Hitlers die Macht ergriffen. (...)

Weiterlesen...: stern.de 8.5.2010

Diese Rede hat die Chance eröffnet, daß Deutsche – und zwar gerade die, die erst nach diesem Zeitpunkt geboren sind – eine deutlichere Haltung zur deutschen Geschichte einnehmen als ihre – historisch verstrickten und persönlich verwickelten – Eltern und Großeltern. Es geht, vor allem bei den Nachgeborenen, selbstverständlich nicht um Schuld, da Schuld immer nur aus persönlichem verhalten erwachsen kann; doch es geht immer wieder um die Verantwortung, die eine Nation mit der Geschichte ihres Landes verbindet. Man kann sich da nicht die Rosinen herauspicken und das Unliebsame verdrängen wollen.

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  • Beschreibung: Ausgabepreis: 50 Pfennig. First Day of Issue/Erstausgabetag: 9. April 1955. Auflage: 750.000. Entwurf: Eigler. Druckverfahren: Rastertiefdruck. Michel-Katalog-Nr: Ländercode-MiNr: Block 11. – Licensing/Lizenz: Diese Briefmarke wurde von der Deutschen Post der DDR oder der sowjetischen Besatzungszone herausgegeben. Am 3. Oktober 1990 wurde die Deutsche Bundespost Rechtsnachfolgerin. Als amtliches Werk ist sie nach § 5 Abs. 1 des deutschen Urheberrechtsgesetzes gemeinfrei.
  • Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst. Urheber: Lt. Moore (US Army). Via Wikipedia, public domain

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Schlüsselwörter: Richard von Weizsäcker | Befreiuung | Nationalsozialismus | Kapitulation | 8. Mai 1945 | Verantwortung | Geschichte
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