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Wissenschaft: Forschung

Christ, Priester, Bibelwissenschaftler, Freund des Volkes Israel

Ein Nachruf auf Prof. Dr. Erich Zenger, Münster/W.

Prof. Dr. Erich Zenger †
Prof. Dr. Erich Zenger †
Der emeritierte Münsteraner Theologe und Alttestamentler Erich Zenger ist tot. Er starb im Alter von nur 70 Jahren am Ostersonntag, dem 4. April 2010, in Ascheberg/Münsterland. Besonders engagiert war Erich Zenger vor allem im christlich-jüdischen Dialog. Das bekannteste Buch unter seinen zahlreichen Publikationen ist sicher die „Einleitung in das Alte Testament“, ein Standardwerk der Bibelwissenschaft.

Erich Zenger, am 5. Juli 1939 in Dollnstein/Bayern geboren und 1964 in Rom zum Priester geweiht, zählt ohne Zweifel zu den prägenden Gestalten der Bibelwissenschaft. Nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Orientalistik in Rom, Jerusalem, Heidelberg, Münster und Würzburg wurde Zenger zunächst 1971 Professor in Eichstätt. Von 1973 bis 2004 lehrte er dann in Münster. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehörten die Theologie und Literaturgeschichte des Alten Testaments, die Religionsgeschichte Israels und die Psalmen.

In Münster lernte ich ihn als Hochschullehrer kennen und schätzen. Er war damals Geschäftsführender Direktor der Vereinigten Katholisch-Theologischen Seminare und Dekan der Kath.-Theol. Fakultät, längere Zeit auch Senator der Universität; für mich jedoch war er primär ein Wissenschaftler, der sich hervorragend auskannte im Tanach, besonders in den Psalmen, der ein exzellenter Kenner der jüdischen Geschichte und der hebräischen Sprache war. Zudem ein hilfsbereiter Hochschullehrer, ein begnadeter Didakt, ein feuriger Rhetor, der mit seinem Elan und Eifer auf seine Studenten geradezu ansteckend wirkte. Außerdem war er ein freundlicher, humorvoller, warmherziger Mensch; es war stets eine Freude, ihm zu begegnen. Jede dieser Begegnungen - sei es in der Bibliothek, sei es im Treppenhaus der „Vereinigten Katholisch-Theologischen Seminare“, aber vor allem natürlich in seinen Veranstaltungen oder im persönlichen Gespräch - war ein Sonnenstrahl.

Oft saßen wir - Studenten, Doktoranden, wissenschaftliche Hilfskräfte und Mitarbeiter - in den Pausen im „Kakaobunker“, wie die Cafeteria im Kellergeschoß des Fürstenberghauses im Uni-Slang genannt wurde, direkt gegenüber der Vereinigten Katholisch-Theologischen Seminare in der Johannisstraße 8-10, und diskutierten weiter. Stoff gab es genug, über die Grenzen von Konfessionen und Religionen hinweg. Selbstverständlich kamen evangelische Theologen ebenfalls zu Professor Zenger, obwohl sie selbst ja auch gute Alttestamentler hatten, und auch für einen Juden waren Erich Zengers Seminare, Vorlesungen und Kolloquien immer ein Gewinn. Denn - und das war aus jüdischer Sicht natürlich eine notwendige Voraussetzung - Erich Zenger liebte das „zum Bund erwählte“ Volk, jede Art der Enterbungstheologie war ihm fremd... - bei diesem Thema verstand er gar keinen Spaß.

...humorvoll und warmherzig...
...humorvoll und warmherzig...
Wenn Erich Zenger gefragt wurde, wie Christen das Alte Testament lesen sollen, lautete seine Antwortet stets: „Als Erstes.“ Diesen Satz habe ich so oft gehört, dennoch wurde er nie schal. Für ihn war das eine Frage der Reihenfolge und der Wertigkeit. Das war sein Thema: der Bund, das „Erste Testament“, nicht das „Alte Testament“. Darüber dozierte und stritt er. Das Volk Israel, das war für den katholischen Priester wie auch für den Bibelwissenschaftler fraglos selbstverständlich, war und bleibt das Volk, mit dem Gott seinen Bund geschlossen hat. Der Rest der christlichen Bibel, das zweite, das sogenannte „Neue Testament“, ist lediglich eine deutende Erzählung, ein „Midrasch“, aus jüdischer Sicht.

Daß der Priester und Wissenschaftler Erich Zenger hier in einen sachlichen Konflikt mit dem Vatikan geriet, wird nicht verwundern. Doch auch im Vatikan schätzte man ihn - trotz theologischer Differenzen - als unbestechlichen Wissenschaftler, feurigen Exegeten und zudem auch allseits akzeptierten Brückenbauer; nicht umsonst war er ab 1976 Mitglied im Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, sowie ab 1994 Mitglied der Arbeitsgruppe „Fragen des Judentums“ der Deutschen Bischofskonferenz.

Auch die vielen anderen Preise und Ehrungen zeigen Akzeptanz und Resonanz: Im Jahr 2001 erhielt Erich Zenger den Herbert Haag-Preis „Für Freiheit in der Kirche“. Er war außerdem Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille für das Jahr 2009. Im August 2009 wurde er für sein wissenschaftliches Gesamtwerk und seine Verdienste um den jüdisch-christlichen Dialog mit dem theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen ausgezeichnet.

Zum Streit um die Karfreitagsbitte

Von P. Franz Prosinger

Wie in Radio Vatikan berichtet, lehnt Erich Zenger die von Papst Benedikt XVI. für das Missale von 1962 neu formulierte Karfreitagsbitte ab. Erich Zenger ist der zur Zeit wohl bedeutendste Exeget für Altes Testament, der Herausgeber des fortlaufend erscheinenden HThKAT (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament), der sich vorwiegend um eine synchrone Auslegung des von den Masoreten überlieferten Textes bemüht. Besonders wertvoll ist die Kritik Zengers an den markionistischen Tendenzen in den neueren liturgischen Büchern des römischen Ritus.

Markion war ein reicher Reeder in Rom um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, der nicht nur durch seinen finanziellen Einfluß, sondern durch seine verführerischen Ideen die römische Kirche in eine existentielle Krise stürzte. Er lehrte, daß der Gott des Alten Testaments als ein Gott der Gerechtigkeit und des Gerichtes grundverschieden von dem Gott der Liebe und Barmherzigkeit des Neuen Testaments sei. Diese Irrlehre wurde von der Kirche immer wieder zurückgewiesen (vgl. Denzinger/Schönmetzer 198, 685, 854, 1336, 1501). Trotzdem versuchte man in der Liturgia Horarum die Psalmen von einem angeblich unchristlichen alttestamentlichen Geist zu reinigen, und E. Zenger hat in dem wertvollen Büchlein Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen (Freiburg 1998) nachgewiesen, daß es den Texten der Bibel nicht entspricht, die Aspekte der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit als alt- und neutestamentlich zu trennen, und daß man durch das Auslassen von einzelnen Psalmversen Struktur und Charakter dieser Gebete zerstört.

So kann man verstehen, daß sich Zenger gegen eine voreilige Vereinnahmung des Alten Testaments durch das Neue wehrt. Allerdings geht er so weit, die Qualifizierung „alt“ und „neu“ abzulehnen – obwohl diese Bezeichnung biblisch bezeugt ist (Lk 22,20; 1Kor 11,25; 2Kor 3,5; Heb 8,8.13; 9,15). Demnach bildete die (dem Talmud folgende) jüdische Tradition eine – neben der christlichen – berechtigte und als Zeugnis der Heilsoffenbarung Gottes sinnvolle Interpretation der Schriften des Ersten Bundes. Damit ist das traditionell christliche Verständnis allerdings ausgeschlossen: vetus in novo patet, novum in vetere latet (das Neue Testament liegt im Alten Testament verborgen, das Alte wird im Neuen offenkundig). Dies soll an einem zentralen Punkt verdeutlicht werden, der Theologie des Tempels. (...)

Quelle: www.kath-info.de, Das Portal zur katholischen Geisteswelt

Zur Karfreitags-Fürbitte...
Zur Karfreitags-Fürbitte...

Möge die theologische und wissenschaftliche Arbeit von Erich Zenger vielfältig Frucht tragen.

Möge er im Frieden seines gelebten Glaubens ruhen.

  • Bildnachweis:
  • Prof. Dr. Erich Zenger †, via handwerkermarkt.de
  • Prof. Dr. Erich Zenger †, ©PR, via vom 26.02.2009
  • Buchtitel Walter Homolka, Erich Zenger (Hg.). „»...damit sie Jesus Christus erkennen«. Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden“ , eigener scan

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Schlüsselwörter: Erich Zenger | Alttestamentliche Wissenschaft | Bibelwissenschaftler | Buber-Rosenzweig-Medaille | Verständigung | interreligiöser Dialog | Karfreitagsbitte
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Kommentare

288
am 02.05.2010 18:55:49 (217.168.14.xxx) Link Kommentar melden
Hab mir den Schmarrn mal durchgelesen
Beeinflußt ist dieses Vulgärverständnis der Formel durch die Bergpredigt des Matthäusevangeliums, wo es in der fünften der sogenannten Antithesen (eine unglückliche Bezeichnung!) heißt: "Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Auge um Auge und Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Wehrt euch nicht gegen den Bösen, sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin. Und wer mit dir vor Gericht gehen will und dir dein Untergewand nehmen will, dem laß auch den Mantel ..." (Mt 5,38-40).

Der Textzusammenhang lässt den Rechtsfortschritt erkennen

Meist wird gesagt: Jesus fordere hier Verzicht auf Rache, wie sie das Alte Testament fordere. Er verlange Gewaltverzicht als Zeichen der Friedensbereitschaft und der die Gewalt überwindenden Liebe. Der jüdische Gott der Rache werde hier durch den christlichen Gott der Liebe überwunden. Das ist nicht der präzise Sinn von Mt 5,38ff. Dieser ist vielmehr: Jesus fordert in metaphorischer Sprache vom Geschädigten sowohl den Verzicht auf Vergeltung als auch auf Wiedergutmachung, wie Mt 5,40 unterstreicht, sogar den Verzicht darauf, das zugefügte Unrecht rechtlich zu klären durch Bestrafung des Täters und durch Schadenersatzregelung.

dieser Typ scheint ja schon fruehzeitig unter einem gewissen Realitaetsverlust gelitten zu haben, ganz zu schweigen von seinen voellig abstrusen Interpretationen von wegen "Auge um Auge..sei ein Zeichen der "asgewogenen Rechtsprechung".
Jetzt weiss ich auch, warum DU so konfus bist.Grin
266
am 02.05.2010 23:07:24 (95.222.194.xxx) Link Kommentar melden
...schätzte man ihn ... als unbestechlichen Wissenschaftler, feurigen Exegeten und zudem auch allseits akzeptierten Brückenbauer...
Wenn es doch nur mehr solcher Priester und Katholiken gäbe....

requiescat in pace
288
am 03.05.2010 01:32:19 (217.168.11.xxx) Link
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  • Gelöscht von OZ24 am 03.05.2010 07:49:30.
266
am 13.05.2010 10:22:16 (95.222.194.xxx) Link Kommentar melden
Gata Linda schrieb in Bezug auf den verstorbenen Prof. Dr. Erich Zenger: „dieser Typ scheint ja schon fruehzeitig unter einem gewissen Realitaetsverlust gelitten zu haben, ganz zu schweigen von seinen voellig abstrusen Interpretationen“.

Einmal abgesehen davon, daß es für mein Gefühl pietätlos ist, so von einem Verstorbenen zu sprechen, ist es nach meiner Erfahrung meist lehrreich, renommierten Fachleuten zuzuhören, statt sie ohne eigenes Hintergrundwissen abzukanzeln.
357
am 13.05.2010 20:52:10 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
Ich kenne keine Priester persönlich, die auch noch Hochschullehrer und Fachleute für Hebräisch sind. Aber diesen Menschen hätte ich gern kennengelernt. So bleiben mir also nur seine Bücher, die werde ich unbedingt lesen.
286
am 13.05.2010 22:26:31 (141.76.45.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von OZ24 am 13.05.2010 22:31:57.

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