Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Sport: Basketball

Sex in der Öffentlichkeit

Was an deutschen Nachrichten über Israel meist so lustig ist

...erotische Phantasien...
...erotische Phantasien...
Keine Sorge... - das nebenstehende Bild zeigt nicht etwa einen Straßenstrich in Israel. Es ist lediglich eine künstlerische Darstellung von sogenannten Cheerleadern...

Cheerleading (von engl.: cheer „Beifall“ und to lead „führen“, also sinngemäß „(das Publikum) zum Beifall führen“) ist eine Sportart, die aus Elementen des Turnens, der Akrobatik, des Tanzes sowie aus Anfeuerungsrufen besteht, weiß der findige Wikipedianer. Man kann Cheerleader auf gut deutsch auch Aufwärmer oder Einpeitscher nennen, bei Musikern ist es die Vorgruppe, die diese Aufgabe erfüllt. Soweit, so gut. In den USA gibt es das, in Deutschland gibt es das, in Israel gibt es das. - Was? In Israel auch?

Genau hier liegt das Problem. Israel ist fremd, fremd wie „der“ Jude an sich, besonders natürlich in Deutschland. Fremd, wenn nicht sogar feindlich, auf jeden Fall aber mißtrauisch beäugt. Juden, das sind doch die mit so komischen Vorstellungen im Kopf und mit archaischen Riten... - oder? Die wollen auch noch einen eigenen Staat haben, sind das nicht die, die dauernd fremdes Land rauben, den armen Pallis das Leben schwer machen und so unfriedlich sind?

Auf jeden Fall merken wir Juden immer recht schnell und ziemlich oft, daß die „gojische“ Umwelt so einige Probleme hat - sie mit uns, nicht wir mit ihr! -, und daß sie diese Probleme dadurch zu beheben sucht, daß sie klare, einfach Formeln findet, um das ungewohnte Fremde verständlich und handhabbar zu machen. Hier bietet sich bevorzugt das sogenannte Schubladen-Denken an, das geht schnell und ist sehr komfortabel. Grauzonen und offene Fragen gibt es nicht, alles wird dadurch ganz einfach. - Beispiel:

  • israelische Siedler sind Rassisten, somit sind das die bösen Buben
  • die israelische Friedensbewegung ist für Frieden, also sind das die Guten

Geht doch ganz einfach, ebenso kann man in Bezug auf Juden oder Israel mit den Begriffen „religiös“ (bedeutet „rechts“) oder „fromm“ (meint „altmodisch“) sowie „orthodox“ (heißt „verklemmt“ oder „intolerant“) verfahren. Und schon hat man das Komplexe überschaubar und das Komplizierte verständlich gemacht. So wie hier:

  • AFP-Video im Mannheimer Morgen über Cheerleader in Israel, der Text dazu ist vermeintlich journalistisch, in Wahrheit aber bloß rein demagogisch: „Cheerleader zu sexy für Jerusalem? - Weil die israelische Basketball-Liga dies fordert, hat auch der Proficlub Hapoel Jerusalem sein eigenes Cheerleader-Team - sehr zum Ärger vieler orthodoxer Juden, denen die gelenkigen jungen Frauen entschieden zu sexy sind.
  • Das Video bei WELT online, die WELT textet dazu: „Pom-Pom-Erregung - Cheerleader sind Sittenwächtern zu sexy - Cheerleaderinnen sollen das Publikum anstacheln, sich hinter Sportteams zu stellen - doch im religiösen Jerusalem tobt ein Grundsatzstreit um die jungen Frauen. Orthodoxen Juden ebenso wie Feministinnen sind die Cheerleaderinnen ein Dorn im Auge.

...sex sells...
...sex sells...
Ein Streit tobt in Jerusalem? Um halbnackte Frauen? Orthodoxe kämpfen im Schulterschluß mit Feministen gegen... - ja, gegen wen eigentlich?

Der Begriff „Sittenwächter“ soll - ob nun eher unbewußt oder mehr unterbewußt eingesetzt - offenbar an die iranische Religionspolizei oder die Pasdaran erinnern, die in Scharia-Staaten im Stil der SS und SA die (weibliche) Bevölkerung terrorisieren. - Eine derartige Einrichtung hat der demokratische Staat Israel zwar nicht, aber man kann ja mal eine Andeutung in dieser Richtung machen... - audacter calumniare, semper aliquid haeret.

Eigentlich geht es um Sport. Doch in der modernen Gesellschaft reicht das nicht, der Sport wird zum Geschäft, und das Geschäft wird durch den dosierten Einsatz von Reizen gefördert. Eine reine Marketingstrategie. Da gab es übrigens bereits bei den germanischen blonden Maiden im braunen Faschismus, ebenso bei den Hupfdohlen im roten Faschismus von Ostberlin, Moskau oder Peking. „Es gibt nichts neues unter der Sonne“, sagt der Prediger (Kohelet 1, 9). Die Funkenmariechen des rheinischen Karnevals gehören übrigens in dieselbe Kategorie.

Zurück nach Israel. In Jerusalem sind die Cheerleader etwas anders gekleidet, „aus Rücksicht auf die orthodoxen Juden der Heiligen Stadt“, heißt es im off-Ton zu dem Video. Dazu (0:14') wird ein (sehr) junger Mann mit Kippah gezeigt, der weder peies (Schläfenlocken) hat noch einen tallith katan trägt; da erhebt sich natürlich die Frage, was denn genau - nach Meinung des AFP-Videomachers - orthodox ist. Vielleicht meinte er eher „konservativ“? Oder sogar „nationalreligiös“? - Was ist eigentlich die sachliche, rational argumentierte Aussage des Textes zu dem Film? Was ist der tiefere Sinn des Textes, den deutsche Agenturen hierzu streuen?

Der kommt erst noch: nachdem man geflissentlich übergeht, daß auch Feministinnen das öffentliche erotische Gezappel - aus naheliegenden Gründen - nicht besonders schätzen, kommt man zum Kern der Sache: dem politischen Aspekt; und hier (0:49') mutieren religiöse Parteien per Nebensatz zu „rechtsgerichteten“ Parteien. Wie der religiöse Uri Urbach von der nationalreligiösen Partei Habajit Hajehudi (wörtlich „Unser jüdisches Haus“, sinngemäß „Unsere jüdische Heimat“, derzeit 3 Sitze von 120 (das sind 2,5%) in der Knesseth) - denn unter „nationalreligiös“ in der israelischen Parteienlandschaft kann sich der gemeine Deutsche gar nichts vorstellen, bei „rechtsgerichtet“ weiß er gleich: „Das sind doch zionistische Nazis!“ - Das war offenbar die Botschaft: Juden sind rückständig, altertümlich, verklemmt, und sie verderben immer besonders gern anderen den Spaß...

Exkurs:

Cheerleader schon im Mittelalter?

Bei Wikipedia findet sich zwar der Hinweis, dieses Bild sei die „älteste bekannte Darstellung von Cheerleading mit Pompons (um Truppen während einer Schlacht anzufeuern)“, und stamme „aus einer mittelalterlichen Illustration“, doch vermutlich handelt es sich hier um eine scherzhafte oder kurzschlüssige Fehlinterpretation, wie man dem humorvollen Bildtext der Quelle entnehmen kann:

Scherz: Cheerleader im Mittelalter
Scherz: Cheerleader im Mittelalter
„Obwohl die Quellenlage hier nicht eindeutig ist, scheint es sich um eine Frühform der Cheerleaderpuschel zu handeln; zu erkennen sind diese unter anderem in der Schlacht der 1.IMh (1. Infanterie Mühlheims) gegen den 1. FC Visconti (Fighting Club de Visconti)...“

Anm: Schreibfehler der Sekundär- und Tertiärquelle wurden korrigiert, Dr. Chaim Levinson

...tits 'n' asses im NS-Sport
...tits 'n' asses im NS-Sport
Unbestritten ist jedoch, daß die Marketingstrategien „sex sells“ sowie „tits 'n' asses“ schon seit längerem immer wieder bewußt eingesetzt werden. Allerdings ist das nicht jedem Sportsfreund recht; dazu muß man weder Jude noch orthodox sein, auch nicht verklemmt oder spießig. Es kann sein, daß man(n) einfach nur einmal eine bestimmte Sportart verfolgen möchte als Zuschauer, ohne daß man ständig auf sein Geschlechtsteil reduziert wird.

Das hat überhaupt nichts mit Prüderie zu tun, sondern damit, daß es aus jüdischer Sicht nicht zu Vermischungen kommen sollte: Sport ist das eine, Sex ist das andere.

Ferner findet nach jüdischer Tradition - also aufbauend auf Talmud, Halacha und Schulchan Aruch - Sexualität nicht in der Öffentlichkeit statt. So einfach ist das. - Dies hat weder mit „Orthodoxie“ noch mit „rechtsgerichtet“ oder „nationalistisch“ zu tun. Ganz im Gegenteil: im Unterschied zum leibfeindlichen Calvinismus oder protestantischem Pietismus und vor allem zum die Sexualität geradezu verteufelnden Katholizismus ist und war das Judentum schon immer geneigt, Sexualität lustvoll ins Leben mit einzubeziehen, nur eben nicht in der Öffentlichkeit: „Today's Jews like three things: Sex, Torah and revolution, all mixed together“ (Isaac Bashevis Singer)

Darum geht es: um Sport
Darum geht es: um Sport
Bleibt also die Frage, was das Video von AFP und die deutschen Agenturmeldungen über diese wahnsinnig wichtige Nachricht aus Israel eigentlich wollen; welchen Sinn haben sie, wenn sie denn überhaupt einen haben? - Keine Sorge, nein, es ist nicht antisemitisch, was Journalisten mit diesem Video und seinem deutschen Begleittext hier verbrochen haben. Aber es ist journalistisch einfach nur miserabel gemacht, ohne Sorgfalt recherchiert, und dann auch noch lustvoll - aber eben handwerklich schlecht - ans dumme Volk verkauft. Doch natürlich erfüllt es eine wichtige Funktion: die Abwertung (durch Lächerlichmachen) anderer, und damit die eigene Aufwertung. Man macht sich lustig über etwas... - obwohl man es doch gar nicht versteht. Danach kann man sich wieder besser fühlen.

Bleibt dabei dann nur die - kluge - Frage: wer ist hier eigentlich der Dumme?

Man muß sich schon entscheiden, was man eigentlich will:

Sport...

YouTube Video

...oder Sex?

YouTube Video

  • Bildnachweis:
„Basketball“ by Dieter Schütz
„Basketball“ by Dieter Schütz
  • „Cheerleader-Lichteffekte“ by beethovenman via Pixelio
  • „The Dallas Cowboys Cheerleaders perform on the flight deck for the crew of USS Harry S Truman (CVN 75) during the taping of the FOX NFL Pregame Show. Truman is on its maiden six-month deployment to the Mediterranean Sea and Persian Gulf.“ 16. Dezember 2000. By Photographer's Mate 1st Class Tina M. Ackerman, via Wikipedia, public domain
  • „dynamisch“ by casiocan/R.B. via Pixelio
  • „Mädchenturnen“. NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Via Kölner Stadt-Anzeiger, public domain
  • „Basketball“ by dido-ob/Dieter Schütz via Pixelio

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Basketball | Israel | Hapoel Jerusalem | Makkabi Tel Aviv | Cheerleader
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

300
am 01.05.2010 18:37:49 (77.95.121.xxx) Link Kommentar melden
Sport ist das eine, Sex ist das andere.

Hat aber beides mit Hormonen zu tun Grin Grin Grin
286
am 05.05.2010 07:54:47 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Aber es ist ja wohl ein Unterschied, ob man anderen Menschen beim Sport zusieht oder beim ...
Mir schaut bei beidem keiner zu Smile

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.06 Sekunden
40,133,059 eindeutige Besuche