Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Wirtschaft & Finanzen: Deutschland

Explosion der Sprengstofffabrik in Rummenohl nach Blitzeinschlag

Heute vor 100 Jahren (21): Das heute zu Hagen gehörende Rummenohl hat eine explosive Vergangenheit

Nach der Explosion in Witten.
Nach der Explosion in Witten.
Der Erfinder des Dynamits, Alfred Nobel, gründete Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts im westlichen Randgebiet des Sauerlandes, im zwischen Lüdenscheid und Hagen gelegenen Rummenohl, eine Fabrik zur Herstellung von Dynamit. Über einen Zeitraum von fast 40 Jahren ging alles glatt. Aber dann zeigte der Kalender den verhängnisvollen 5. Juni 1910

An diesem Tag gab es ein Gewitter mit zahlreichen Blitzen. Einer dieser Blitze schlug damals unmittelbar auch in die Dynamitfabrik ein, die daraufhin in einer verheerenden Explosion vernichtet wurde. Zahlreiche Menschen kamen dabei ums Leben.

Doch dies war noch lange nicht das Ende der Sprengstoffherstellung in Rummenohl. Im Gegenteil, die Sprengstofffabrikation in Rummenohl wurde ausgeweitet. Dies war die Folge der noch viel größeren Explosionskatastrophe, die knapp vier Jahre zuvor in Witten stattgefunden hatte:

In den Mittwoch-Abendstunden des 28. November 1906, kurz nach 21.00 Uhr, bricht in der Wittener Roburitfabrik, die den als sicher geltenden Sprengstoff Roburit für den Bergbau herstellt, ein Feuer aus. Nur wenig später gibt es eine gewaltige Explosion, die die ganze Stadt erschüttert. Noch während ein Reporter telefonisch die erste Meldung an seine Dortmunder Redaktion weitergibt, lässt eine zweite Explosion die Erde beben. Die gesamte Fabrik ist restlos zerstört. 41 Tote und mehrere hundert zum Teil schwer Verletzte ist die abschließende Bilanz. Betroffen waren dabei vor allem Helfer und Schaulustige. Mehr als 2.000 Menschen wurden obdachlos, die umgrenzenden Stadtteile teils zerstört und selbst in den weiter entfernt liegenden Stadtteilen zerbarsten noch die Fensterscheiben.

O, wie entsetzlich ist die Kunde,
die man vernimmt von Witten-Annen:
Dort flog, wie aus dem Höllenschlunde,
die Roburitfabrik von dannen…
(Auszug aus einem zeitgenössischen Gedicht.)

Im heutigen Castrop-Rauxel produzierte damals die Castroper Sicherheitssprengstoff-Aktiengesellschaft Dortmund ebenfalls Spezialsprengstoffe für den Bergbau. Der Standort dieser Sprengstofffabrik befand sich in unmittelbarer Nähe der Zeche Graf Schwerin und nur 200 Meter von der Schule, der Kirche und der Wohnbebauung entfernt. Nach dem Unglück in Witten klagte die Gewerkschaft der Zeche Graf Schwerin in Arnsberg auf Schließung der Fabrik. Es folgte eine lange Zeit um für und wider, begleitet von kleineren Teilerfolgen für beide Seiten.

Umso überraschender war die Schließung der Castroper Fabrik im Mai 1909. Doch ohne die Katastrophe in Witten wäre es wohl trotz aller Proteste der Bürger nicht dazu gekommen. Die Produktion wurde seinerzeit von Castrop ins Sterbecketal von Rummenohl verlagert. Bis zu 100 Arbeiter, die jährlich rund 2.000 t Sprengstoff herstellten, wurden dort beschäftigt. Als der Erste Weltkrieg ausbrach wurde die Anzahl der Beschäftigten auf rund 2.000 erhöht, die überwiegend Minen, Patronen und Granatfüllungen produzierten. Nach dem Krieg wurde hier wieder Sprengstoff für den Straßen- und Bergbau hergestellt.

Seit dem Jahr 1914 führte vom Rummenohler Bahnhof aus auch eine ca. neun Kilometer lange Werksbahn ins Sterbecketal, die die Castroper Sicherheits-Sprengstofffabrik und die dahinter liegende Dynamitfabrik ans öffentliche Schienennetz anschloss. Um die Dynamitfabrik allerdings zu erreichen mussten fünf Spitzkehren für die mehrspurige und mit Oberleitung versehene Strecke angelegt werden.

Auch nach dem 5. Juni 1919 gab es noch weitere Unfälle in den Rummenohler Sprengstofffabriken. So erschütterte Mitte der 1920er Jahre eine Explosion das Tal, bei der meterdicke Betonwände weggerissen wurden. „Die Teile (so wird erzählt) flogen bis nach Breckerfeld”. Und der Heimatforscher Heinz Böhm weis zu berichten: „Mehrmals wurden schwere Unfälle beklagt, bei denen es auch Tote gab.“

Ab 1926 fing man an die Produktion von Sprengstoffen in Rummenohl nach und nach, in Etappen, einzustellen. Die endgültige Einstellung der Produktion geschah im Jahre 1932. Im Jahr 1944 diente die Anlage für ca. 400 Gefangene als Arbeitslager und nach dem Zweiten Weltkrieg als Notunterkünfte für Ausgebombte und Flüchtlinge. Als in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Trasse der Sauerlandlinie (= A45) hier gebaut wurde, wurden die ehemaligen Gebäude der Sprengstofffabrik teilweise abgerissen und teilweise zugeschüttet. Aber noch heute zeugen zahlreiche Ruinen, Tunnel und Bunker der einstigen Fabrikationsanlagen, die insgesamt aus rund 90 Einzelgebäuden bestanden.

Fotolegende: Die explodierte Roburit-Fabrik von Witten-Annen. Fotoquelle: Wikipedia, gemeinfrei.

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Lesen Sie dazu auch:
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Sprengstoff | Dynamit | Roburit | Rumenohl | Witten | Annen | Katastrophe | Unglück | Explosion
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare geschrieben

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.06 Sekunden
38,524,424 eindeutige Besuche