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Dr. med. Christoph Biermann, Tübingen

Lesenswert: Was ein Psychiater über die Lust der Christen an der Mission sagt

Damaskuserlebnis
Damaskuserlebnis
Ein Arzt mit psychotherapeutischer Ausbildung bietet an: „Psychotherapeutische Beratung und Behandlung von einzelnen Patienten und Patientinnen - auch in höherem Lebensalter - mit psychoreaktiven und psychosomatischen Erkrankungen auf der Basis fachärztlicher und psychoanalytischer Methoden, Erfahrungen und Theorien“... - das versteht sich eigentlich von selbst. Dafür ist der Arzt und Therapeut da; dazu wurde er ausgebildet. - Es wäre an sich kaum erwähnenswert.

Ein ehrenwerter Beruf also, im Fall des hier zitierten Dr. med. Christoph Biermann auf der fachlichen Ebene fraglos fundiert und qualifiziert, also somit für Betroffene sicher hilfreich und nützlich.

Bemerkenswerterweise findet man jedoch außerdem, also jenseits der klassischen medizinischen und psychotherapeutischen Themen, von Christoph Biermann ein Interview zum Thema „Mission“, in dem er - als praktizierender Christ! - sich tiefschürfend Gedanken macht über die Selbstbegründung der christlichen Mission... sowie über deren Bewertung aus psychoanalytischer Sicht. Dies läßt bereits aufhorchen.

Ferner findet man nach kurzer Suche mit den richtigen Schlagwörtern einen hervorragenden Beitrag desselben Autors in der äußerst lesenswerten Reihe KOLLEKTIVES GEDÄCHTNIS des Projekts LeMO: Lebendiges virtuelles Museum Online

Dort erfährt man - anläßlich einiger Reflexionen über die Loreley - mehr von der persönlichen Geschichte des Christoph Biermann und mehr über seine Herkunft, ebenso einiges zu seiner Wahrnehmung der Ereignisse um die Zeit nach 1943 und des Kriegsendes. Man bekommt eine Ahnung, wie im katholischen Westfalen der Kriegszeit ein kleiner Junge mit vielfältigen kulturellen und familiären Einflüssen aufwächst: „Meine Vorfahren waren Bauern und Handwerker. Ich wuchs auf im Westfalen des 2.Weltkrieges, im katholisch-aktiven Milieu einer Familie mit 7 Geschwistern. Mein Vater arbeitete als selbständiger Geschäftsmann (Weinhandlung, Weinbau). Meine Mutter stammte aus dem protestantisch-preußischen Milieu einer Thüringer Industriellenfamilie.“ Ein Fall von gelebter Multikulturalität also, protestantisch, katholisch, westfälisch, preußisch, kinderreich, selbständig...

Und an anderer Stelle - im erwähnten Loreley-Text - erfährt der interessierte Leser: „Angeregt durch diese Erfahrungen im Kollegenkreis begann ich, meine Familie persönlicher kennenzulernen. Hatte meine Mutter mir doch einstens ohne viele Worte einen Ring und Reste eines Tafelservice geschenkt, die - wie ich erst jetzt richtig realisierte - aus der Hinterlassenschaft einer jüdischen Verwandten stammten, die 1943 mit 81 Jahren von Köln nach Riga deportiert und dort ermordet worden war. Dieser Ring wird für mich nun immer mit einer seltsam-panischen Angst verbunden sein, ihn zu verlieren.

Doch zurück von der Person Christoph Biermann zu seiner Psychoanalyse des Missionsdranges. Es geht also um die Frage: was treibt Christen „eigentlich“ an, speziell die Missionierung von Juden, also deren „Bekehrung“ zum Christentum, so vehement auszuüben? Aus der Fragestellung wird ersichtlich, daß hier innertheologische selbstreferenzielle Antworten wie der im christlichen Bibelkanon formulierte „Missionsauftrag“ nicht greifen können. Denn Psychoanalyse fragt nach den Motiven davor beziehungsweise darunter und läßt sich gerade nicht von solchen „Rationalisierungen“ wie dem erwähnten „Missionsauftrag“ blenden und einbinden.

Psychoanalyse der Judenmission

Quelle: CuS (ChristIn und SozialistIn) Heft 3/2000 *)

Woher kommt das christliche Begehren, Juden zum christlichen Glauben zu bekehren?

Die Judenmission ist nicht allein ein theologisches Thema. Man kann sie auch in anderer Perspektive sehen, politisch-historisch und gesellschaftlich etwa – aber auch psychoanalytisch. Kurt Oesterle sprach mit dem Tübinger Arzt und Therapeuten Christoph Biermann darüber, was die Judenmission und der zur Zeit in Tübingen tobende Streit dem tiefenpsychologisch geschulten Auge verrät. Biermann, 63, praktiziert seit vielen Jahren als Analytiker in Tübingen, war lange Zeit in der Friedensarbeit tätig, ist praktizierender Christ und war lange Jahre Kirchengemeinderat.

»All diese vom Christentum verübten Untaten«

Christoph Biermann bettet das Phänomen Judenmission in den größeren Zusammenhang jener Schuld ein, die das Christentum im Lauf seiner 2000-jährigen Geschichte auf sich geladen hat: Judenfeindschaft in allen Kategorien, Glaubenskriege, Kreuzzüge, Inquisition oder Hexenprozesse. »All diese vom Christentum verübten Untaten wurden meistens mit einem subjektiv guten Gewissen ausgeführt.« Das treffe auch auf die Missionierung von Juden und anderen Andersgläubigen zu. Doch bis zum Holocaust habe die Kirche – gemeint sind damit alle Konfessionen christlichen Glaubens – sich so gut wie nie mit den von ihr verursachten Desastern auseinander gesetzt.

Das gute Gewissen, total im Recht zu sein und »nur« Gottes Befehle ausgeführt zu haben, sei jedoch nicht alles. Von den kollektiven Gewaltexzessen des Christentums bleibe eine untrügliche Spur im Unbewussten zurück, eine »Schuld, die nicht voll bewusst werden kann«, selbst über Generationengrenzen hinweg. Der Grund für diese Schuld dürfte wohl darin zu suchen sein, dass das Christentum auch dort, wo es mit felsenfest geglaubtem Recht seine Brutalitäten verübte, zugleich gegen eines seiner stärksten Gebote verstieß: Das Gebot der Nächstenliebe. Ein Problem waren nach den Exzessen freilich immer diejenigen, die christliche Gewalt überlebt haben. Sie mussten als potentielle Zeugen mundtot gemacht werden, »oder man verdächtigte sie, die eigentlich Schuldigen an der christlichen Gewalt zu sein«.

Antijudaismus – »Grundgelegt im Neuen Testament«

Was die Juden betrifft, so war in christlich-kirchlicher Sicht vor allem ihr »Christusmord« und ihre »Verstockung« gegen die frohe Botschaft daran schuld, wenn man sie misshandeln, zwangstaufen und anderweitig verfolgen musste. Der Antijudaismus, »grundgelegt im Neuen Testament«, erscheint Biermann übrigens als das »Urmodell«, nach dem alle späteren gewaltbesetzten Feindbilder des Christentums gearbeitet sind. »Und hier nun«, sagt Biermann, »bekommt die Judenmission ihre fatale Bedeutung für das Christentum. Mir scheint, die Juden sollen durch ihre Bekehrung zum Christentum ihrerseits bestätigen, dass sie selbst und nicht die Christen schuld sind am großen Desaster des christlichen Antijudaismus.« Die Gewissensbisse der Christen angesichts ihrer Schuld erforderten zu ihrer Besänftigung eine Art »Reinigungs-Therapie durch Selbstanschuldigung der zu bekehrenden oder bekehrten Juden«.

Der Drang zur Judenmission mutet den Psychoanalytiker aber auch an wie ein »schwer deformierter Kontaktversuch« von Christen mit dem Volk Israel. Er vermutet, dass bei Menschen mit diesem Drang die »Gewissensbildung lückenhaft« geblieben ist – daher auch müssten sie ihre Kritiker mit so furchtbaren Vorwürfen wie »Hexenjagd« überziehen, wie man es derzeit in manchen Leserbriefen sehe. »Sie schreien diesen Kritikern all das entgegen, was das Christentum in 2000 Jahren selbst verbrochen hat«, sagt er. Dem tiefenpsychologischen Blick zeigt sich das Verlangen, Juden zu taufen, als etwas zutiefst Zwanghaftes, in dem eine Waschung oder sonstige Selbstsäuberung vollzogen werden soll. Biermann: »So reibt und reibt man an einem Fleck, der nicht weggehen will.« Das mit Vehemenz angesteuerte Ziel der Judenmission sei am Ende die ersehnte Entlastung von der eigenen unbewussten Schuld.

Diese Strategie einer gleichsam freilaufenden Bearbeitung könne aber auf Dauer nur scheitern. Abhilfe und Erleichterung bringt nach Biermann einzig eine echten Sinn stiftende Umlenkung der dahinter andrängenden Energien: Statt Judenmission ein Engagement für die Bürgergesellschaft oder Missionsdienste für den Frieden in der Welt.

Ein Text, der berührt. Aussagen eines Christen, die gut tun. Sie tun Juden gut, sie täten aber auch jedem Christen gut. Dieser könnte dann nämlich seine Energie konstruktiv einsetzen und den flow erreichen, ohne sich ständig an seiner eigenen Wunde abarbeiten zu müssen.

Es wäre also zunächst hilfreich, wenn Christen sich mehr mit ihrer eigentlichen Motivationslage beschäftigen würden. Da Juden dann entspannter mit Christen umgehen könnten - weil sie sich dann eben nicht mehr ständig gegen deren Attitüde zur Wehr setzen müssen - wäre das christlich-jüdische Verhältnis allein dadurch mühelos entspannter.

Eigentlich eine conditio sine qua non... - erst dann wäre es sinnvoll, über einen christlich-jüdischen Dialog nachzudenken.

________________________

*) Anmerkung: die Primärquelle ist im Internet nicht mehr verfügbar, deswegen wurde zitiert nach www.israel-information.net/glossar/Psycho.htm und das Zitat unverändert komplett wiedergegeben.

  • Bildnachweis:
„Der Sturz des Hl. Paulus“. Nicolò dell’Abate alias Messer Niccolò. Via Wikipedia, public domain

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Schlüsselwörter: Dr. med. Christoph Biermann | Facharzt | Psychotherapeutische Medizin | Psychoanalyse | Judenmission | Paulus
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Kommentare

286
am 05.05.2010 07:58:26 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Da sind ja prima Argumente drin für meine nächste Diskussion mit christlichen Missionaren, die meine Seele retten wollen.
317
am 15.05.2010 16:47:22 (80.237.191.xxx) Link Kommentar melden
Mir ist das auch immer unangenehm, wenn mir jemand seine Überzeugung (politisch, weltanschaulich oder religiös) aufdrängen oder ausgerechnet bei mir "Zeugnis ablegen" will. Diese spezielle psychologische Interpretation bezüglich des Problems, das Christen mit Juden haben, fand ich sehr interessant.

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