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Politik: Soziales & Bildung

Die Kunst der Frage

Von Sokrates bis Birkenbihl - wer fragt, der führt

Wer fragt, der führt...
Wer fragt, der führt...
Wer eine Aus- oder Weiterbildung in Rhetorik bekommt, beispielsweise ein Training als Führungskraft oder eine Fortbildung als Journalist, der lernt recht bald den Spruch kennen, „...wer fragt, der führt!“ – Für die meisten Situationen mag das so stimmen, bei anderen Anwendungen könnte man allerdings ebenso auch sagen „...der verführt!

Im besten Fall „verführt“ der Fragende den Gefragten zum Denken und fördert einen Dialog, macht das Gespräch lebendig; ein Beispiel hierfür ist die sokratische Frage, die „Hebammenkunst“, mit der Sokrates auf den Markt ging und mit den Menschen sprach, dabei ihre Scheinwahrheiten (die Dogmen) und ihre falsche Selbstgewißheit aufbrechend. – Eine ebenfalls positive Anwendung ist die Frage, die zum Nachdenken über sich selbst „verführt“, beispielsweise im Coaching oder in der Gesprächstherapie.

Auch für einen guten Verkäufer ist die sinnvolle Frage eine Selbstverständlichkeit in seinem Werkzeugkoffer, denn nur über die Frage bekommt er Informationen über die wahren Wünsche und die wirklichen Bedürfnisse des Kunden. Mir selbst ist es bei diversen Testkäufen leider immer wieder passiert, daß schlechte Verkäufer mir Autos verkaufen wollten, ohne etwas von mir zu wissen; dabei wäre es doch für ein gutes Beratungsgespräch durchaus wichtig in Erfahrung zu bringen: hat der Kunde Kinder? Einen Hund? Fährt er eher beruflich oder privat? Weite Strecken? Fährt er gern sportlich oder eher ökologisch bewußt? Hat er ein Hobby mit sperrigem Zubehör? Heißluftballon, Tauchen, Golf? – Aber nein, nur nichts fragen, man will dem Vater mit Großfamilie lieber mal eben einen Sportwagen als Coupé mit zwei Sitzen aufschwatzen, weil man darauf vielleicht eine höhere Provision vom Chef bekommt...

Im schlechten Fall – und das ist leider der häufiger vorkommende – wird auf andere Weise „verführt“... – vom Thema weg, in eine erzwungene Konformität mit den Gedanken des Fragenden oder zu einer bestimmten Welt-Anschauung hin. Gemeinsam ist allen diesen – hier als negativ und destruktiv bewerteten Anwendungen des gedanklichen Verführens – ihr Mittel zum Zweck: der rhetorische Trick. Der Trick der eristischen Dialektik, der sophistische Kunstgriff, die sprachliche Manipulation. Er stellt übrigens nichts anderes dar als eine Form struktureller Gewalt, ist also im Prinzip bereits im Ansatz faschistoid. Schon Sokrates hat sich deswegen mit den Sophisten angelegt, ebenso Schopenhauer... – sein berühmtes Buch „Die Kunst, Recht zu behalten“ ist, by the way, keine Anleitung zur Demagogie oder zur rhetorischen vergewaltigung des Gesprächspartners, sondern lediglich eine Analyse der Methoden der rhetorischen Verführung, im übrigen ist das Buch eine sehr vergnügliche Lektüre.

Ob man sich nun der Kunst der Frage eher von Sokrates her nähert oder von Vera Birkenbihl her, das ist letztlich gleichgültig und eine Frage der persönlichen Vorlieben. Wichtig ist, daß man erkennt, wo eine „schließende“ (oder „geschlossene“) Frage sinnvoller ist und wo eine „öffnende“ (oder „offene“) Frage. Die geschlossene Frage läßt sich bekanntlich nur mit ja oder nein beantworten, die offene Frage dagegen gerade nicht einfach nur mit ja oder nein, sie erfordert eine darüber hinausgehende Antwort, die dann eben auch mehr Informationen enthält.

Fragetechnik

Als Fragetechnik wird umgangssprachlich der Einsatz von offenen und geschlossenen Fragen zur gezielten Gesprächsführung bezeichnet. Eine Frage sollte als solche sprachlich erkennbar sein, denn unerkannte Fragen sind nachweislich die Hauptursache für fehlende Antworten. Hierbei stellt die Intonation (Betonung, Tonhöhe und -verlauf) das wichtigste Mittel dar.

Auch wichtig sind mimische (Heben der Augenbrauen) und vor allem gestische (Neigen oder leichtes Vorstrecken des Kopfes, Anheben der Arme, Zeigen der Handinnenflächen) Elemente. Bei schriftlichen Fragen wird dies ersatzweise durch Verwendung von einem oder mehreren (spanisch) Fragezeichen erreicht.

Ebenso wichtig ist der Einsatz von Fragewörtern (wer, wie, was, wieso, weshalb, warum) und der Satzbau (im Deutschen etwa wird im Hauptsatz durch Stellung des Prädikats vor das Subjekt eine Frage markiert: ich kann – kann ich?).

Mehr...

Die Kunst der Frage ist eine Technik, die man lernen und üben kann. Bemerkenswert ist dabei der griechische Sinn, die Urbedeutung des griechischen Wortes techne (hieraus unser Wort „Technik“): he techne bedeutet im Griechischen wörtlich: „die Kunst“. Fragetechnik bedeutet letztlich also nichts anderes als die Kunst, die passende, die sinnvolle, die zielführende, die richtige Frage zu stellen.

Dabei sollte man allerdings auf die Mischung achten; nur Fragen zu stellen kann inquisitorisch wirken und führt nicht zu einem Dialog. Auch ein Artikel, der (fast) nur aus Fragen besteht, ist eigentlich kein Artikel. Er ist eine schlechte Verpackung oder bewußte Tarnung für versteckte Aussagen, nichts weiter. Leider gibt es auch dafür reichlich Beispiele...

...eines davon wurde bereits im Ansatz analysiert:

Die Weltgemeinschaft und Israel, darf man fragen wieso, warum, weshalb?

05.01.2009 eingesandt von thunderhand für OnlineZeitung 24.de

Dieser Artikel hat, wie man leicht mit einem Schreib-Programm nachprüfen kann, rein formal folgende Daten:

  • Absätze 14
  • Sätze 32
  • Wörter 680
  • Zeichen 4493
  • Kommata: 49
  • Fragezeichen: 26 (Drei Fragesätze zusätzlich ohne Fragezeichen)
  • Ausrufezeichen: 1

Insgesamt besteht der Text also aus 3 Aussagesätzen (die beiden ersten Sätze sowie der 5. Satz), und 29 Fragen (drei davon ohne Fragezeichen, nämlich Frage 4, Frage 16 und Frage 19), die z.T. auf eine bemerkenswert aggressive Art rein rhetorische Suggestiv-Fragen sind, besonders die 19. ohne Fragezeichen. Das bedeutet, daß von 32 Sätzen genau 29 (rhetorische) Fragen sind, ein Verhältnis also, das genau 90,63 Prozent der verwendeten Sätze entspricht. Ob man hier noch von einer kunstvollen Fragetechnik sprechen kann? Wenn von zehn Sätzen allein schon neun Sätze rhetorische Fragen sind? – Das kann und mag jeder Leser selbst beurteilen...

  • Bildnachweis:
Diskussion im Weinberg by Helmut J. Salzer/leocat, via Pixelio

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Schlüsselwörter: Fragetechnik | Sokrates | Birkenbihl | Rhetorik | Kommunikation | Manipulation
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Kommentare

286
am 13.08.2010 09:02:02 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Fragetechnik bedeutet letztlich also nichts anderes als die Kunst, die passende, die sinnvolle, die zielführende, die richtige Frage zu stellen.

Cool, kürzer kann man es kaum sagen. Wink
286
am 15.08.2010 11:57:26 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Ob man sich nun der Kunst der Frage eher von Sokrates her nähert oder von Vera Birkenbihl her, das ist letztlich gleichgültig und eine Frage der persönlichen Vorlieben.

Das Buch von Schopenhauer ist ganz nett. Birkenbihls Bücher sind okay, aber zwei oder drei reichen, vieles wiederholt sich da. Sie selber wirkt auf mich immer eine Spur zu hektisch. Außerdem sind bei ihren Vorträgen 50% ziemlich heiße Luft.
353
am 25.08.2010 10:46:10 (178.1.31.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von Argusauge am 25.08.2010 10:52:40.
319
am 03.09.2010 22:37:56 (84.59.132.xxx) Link Kommentar melden
fragen muss man nicht lernen, kinder können das von ganz allein.

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