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Politik: Deutschland

Wir sind ein Volk! - Sind wir ein Volk?

Über Ethnien, Arbeitsrecht und die deutsche Einheit

Für Ethnologen ist die Sache eigentlich recht klar: eine Ethnie (griech: „éthnos“, „Volk“) oder ethnische Gruppe sind Populationen von Menschen, die sich subjektiv verbunden fühlen bzw. objektiv verbunden sind durch:

Deutsche Einheit?
Deutsche Einheit?
  • Sagen über die Herkunft
  • ein Gefühl der Solidarität
  • ihre Geschichte
  • ihre Kultur
  • die Verbindung zu einem spezifischen Territorium

Gleichzeitig wissen Ethnologen: Ethnien sind niemals homogen, sondern ihrerseits wieder unterteilt. Eine gewisse Unschärfe der Grenzziehung ist also immer gegeben, egal ob wir von Familie, Clan, Volk, Geschlecht oder Ethnie sprechen. Selbst beim Volk im Sinne des Staatsvolkes ist es ja nicht immer so ganz eindeutig.

Adjektiv ethnisch

Während die Begriffe Volk und Ethnie weiterhin im aktuellen Wortschatz vorkommen, bietet sich im wertfreien Zusammenhang nur das entsprechende Adjektiv ethnisch an. Das Wort „völkisch“ hat durch den historischen Gebrauch eine abweichende Bedeutung erlangt. So hat sich die Verbreitung des Begriffs Ethnie in der deutschen Sprache als Entsprechung zu seinem Adjektiv ethnisch vollzogen.

Das Adjektiv „ethnisch“ wird verwendet, um eine Volks- oder Volksgruppenzugehörigkeit von dem einer bloßen Staatsbürgerschaft zu unterscheiden, die verschieden sein kann. So sind nicht alle Staatsbürger Finnlands, Frankreichs, Deutschlands usw. auch ethnische Finnen, Franzosen, Deutsche usw. und umgekehrt, sondern wohnen auch außerhalb ihrer Nationalstaaten.

Ebenso wird mit dem Begriff „ethnisch“ dargestellt, dass nicht nach linguistischen Gesichtspunkten gruppiert wird. So benutzen möglicherweise verschiedene ethnische Gruppen die gleiche Sprache (vgl. Einwanderungsländer wie die USA oder Kanada) selbst die gleiche Muttersprache. Andererseits gibt es zumeist innerhalb der Sprache einer Ethnie starke Dialektunterschiede.

Quelle: Wikipedia

Kompliziert wird es wiederum auch dadurch, daß sich die Begriffe verändern; so meint „völkisch“ zwar im Prinzip in etwa dasselbe wie „ethnisch“, doch das Wort „völkisch“ ist durch die deutsche Geschichte belastet und verbrannt. Aber auch innerhalb einer jeden Wissenschaft haben die Begriffe eine jeweils andere Spezialbedeutung: das oben verwendete Wort „Population“ meint in der Biologie etwas anderes als in der Soziologie und wieder anderes in der Völkerkunde. Sieht man zwecks Vergewisserung im „Griechisch-Deutschen Schul- und Handwörterbuch“, dem berühmten „Gemoll“ nach, so findet man weitere interessante Hinweise (S. 241 in der Ausgabe von 1962, die griechischen Zeichen werden hier nicht dargestellt und sind deswegen transliteriert):

www.ethnos.gr
www.ethnos.gr
éthnos (von éthos, zusammengewöhnte od. zusammenwohnende Menge?) 1. Schar, Haufe, melissáon, choiron. 2. Geschlecht, Volk, Volksstamm, Menschenklasse, katà éthnä nach Stämmen; NT tà éthnä die Heiden.

Spannend, daß bei éthnos auf das Wort Ethos (Sitte, Brauch) Bezug genommen wird (dazu gleich) und die Ableitung von „zusammengewöhnt“ und „zusammenwohnend“ erscheint, was also nichts mit einer biologischen oder genetischen Abstammung zu tun zu haben scheint. Weiterhin interessant, daß im NT (Neuen Testament) der Begriff tà éthnä, die „Heiden“, die Nichtchristen verwendet wird, der somit genau dem hebräischen goj (Einzahl), gojim (Mehrzahl) für „die anderen Völker“ oder die „Nichtjuden“ entspricht. Das also ist „Ethnie“, griechisch gesehen. Nebenbei gesagt: Für die Griechen waren bekanntlich die Nichtgriechen oi barbaroi, die „Barbaren“. Das Wort kommt von stammeln (siehe auch unser heutiges onomatopoetisches laber rhabarber) und meint eigentlich „nicht griechisch sprechend, ausländisch, fremd, anders“, dann aber davon abgeleitet negativ „ungebildet, roh“. Doch eben sind diese begrifflichen Denkstrukturen gerade kein biologischer Rassismus, da sie offen und durchlässig waren: der Heide konnte Christ werden, der persische Barbar konnte Grieche werden, der goj konnte auch Jude werden.

éthos
éthos
éthos (vgl. a(lt)i(ndisch) svadhá Eigenart, gewohnter Zustand) Gewohnheit, Sitte, Brauch, en éthei einaí tini üblich sein bei.

Das Ethos als philosophischer Begriff bezeichnet die dem Einzelnen vorgängige und ihn mitprägende Lebensgewohnheit, das Ethos entsteht also dadurch, daß man in die „Ethnie“ hineingeboren wird.

Man sieht: der Fremde, der dazukommt, kann er selber bleiben, doch er hat sich anzupassen, zu integrieren, sein „Ethos“ zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern, dann kann er in die „Ethnie“ aufgenommen werden. Ethos steht nicht nur für das Verhalten einzelner Personen, sondern auch für das gesamte Gefüge moralischer Verhaltensweisen der sozialen Institution, in der das Individuum lebt - objektiv als Sitte, subjektiv als Charakter. Durch das Ethos wird somit die Einheit einer bestimmten sozialen Gemeinschaft - einer „Ethnie“ - konstituiert, integriert und stabilisiert sowie von anderen Gemeinschaften abgegrenzt.

Die Ethik als philosophische Disziplin versucht, ein bestimmtes Ethos zu begründen oder ein überkommenes kritisch zu reflektieren.

Kommen wir zum praktischen Teil, den politischen und - wie man gleich sehen wird - den arbeitsrechtlichen Konsequenzen. Es wäre also hier die Frage zu stellen: sind die Deutschen eine „Ethnie“? Oder bestehen sie aus mehreren verschiedenen „Ethnien“? Wenn die erste Antwort zutrifft, wäre noch zu klären, ob sich der Begriff dann nur auf die in Deutschland lebenden Deutschen bezieht. Aber was ist dann mit einem Austauschstudenten, der für ein Jahr in die USA geht? Wäre er dann zwar weiterhin Deutscher (kulturell sowie als Staatsangehöriger), aber der deutschstämmigen „Ethnie“ in den multiethnischen USA zuzurechnen? -Ab welchem Zeitpunkt wird die Zugehörigkeit zu einer „Ethnie“ gewechselt? Kann man zwei „Ethnien“ angehören? Und wenn die zweite Antwort zutrifft, wo laufen die ethnischen Grenzen in Deutschland? Sind sie gleichbedeutend mit sprachlichen oder landsmannschaftlichen Grenzen? Oder läuft die „ethnische Grenze“ gar entlang der alten Mauer (in den Köpfen)? Gibt es eine DDR-„Ethnie“?

Diese Frage wird heute erstinstanzlich das Arbeitsgericht Stuttgart entscheiden. Man darf darauf sehr gespannt sein, wie das Urteil ausfallen wird; und es ist zu hoffen, daß der Richter sowohl Altgriechisch kann als auch Beratung von einem Völkerkundler einholt.

Unabhängig von der Entscheidung heute - der Richter wird einen Vergleich anstreben, doch dies wurde bisher ja von den Parteien nicht gewünscht -, bleibt die Sache einerseits peinlich für den Arbeitgeber und dessen Personalabteilung; denn so etwas macht man einfach nicht: Personalunterlagen - die zurückgesandt werden - mit Stichwörtern zu kennzeichnen. Das ist zuhöchst unprofessionell. Zweitens ist die Diskriminierungsabsicht recht eindeutig umgesetzt und kommuniziert, das Wort „Ossi“ ist klar negativ und nicht etwa anerkennend oder liebevoll gemeint. Drittens aber wird das Arbeitsgericht Stuttgart heute einen wichtigen Beitrag leisten können zum Thema „Deutsche Einheit“.

Demzufolge ist die Wortwahl der BILD-Zeitung zu diesem Fall mit Sicherheit unangemessen; vermutlich wird das Gericht hier durchaus eine Diskriminierung annehmen, was zu Schadensersatz für die Klägerin führen dürfte. Die Chancen hierfür stehen recht gut. Wie die eingangs erwähnte völkerkundliche Definition zeigt, sind Menschen, die ihre familiären und sprachlich-kulturellen Wurzeln in der ehemaligen DDR haben, aus ethnologischer Sicht ganz sicher eine „Ethnie“, da sie vier der fünf Kriterien ohne Zweifel erfüllen: sie haben ein Gefühl der Solidarität, sie haben eine eigene Geschichte, eine spezifische Kultur sowie die Verbindung zu einem speziellen, abgegrenzten Territorium. - Die Frage ist jedoch, ob die Ethnologie hier auf einen unabhängigen Richter einzuwirken in der Lage ist.

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  • Bildnachweis:
  • Briefmarke der Deutschen Bundespost zur Deutschen Einheit, public domain
  • éthnos, screenshot von http://www.ethnos.gr/
  • éthos, eigene Grafik

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Schlüsselwörter: Volk | Ethnie | Ossi | Deutschland | Arbeitsrecht | Diskriminierung
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