Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Politik: Soziales & Bildung

Behinderte Heimopfer demonstrieren am 15. April in Berlin

Vormals Gequälte sammeln für ein „Kuscheliges Kinderheim"

Vormals Geschundene und Gequälte sammeln für zukünftige Heimkinder - für ein „Kuscheliges Kinderheim“ in Volmarstein

„So, und nun machen wir mal Nägel mit Köppe! Wer würde sich an einer Demo in Berlin beteiligen?“ Ausgerechnet im Diskussionsforum des Diakonischen Werks Deutschland wurde mit der Aufforderung der Userin „Mandolinchen“ die Idee zu einer Demonstration ehemaliger Heimkinder geboren. Wenige Tage später schloss sich der Sprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“, einem Zusammenschluss ehemaliger behinderter Schulkinder, die unter Gewalt und Terror in einem Volmarsteiner Kinderheim in den 50er und 60er Jahren litten, dieser Aufforderung an und stellte den ersten Flyer-Entwurf ins Netz. Darin hieß es unter anderem:

„Ehemalige Heimkinder ehemalige Schulkinder ehemalige Jugendliche klagen an!

Wir klagen an, weil wir geschlagen wurden, weil wir zwangsgefüttert wurden, weil wir sexuell mißbraucht wurden, weil wir gefoltert wurden, weil wir in dunklen Kellerzimmern eingesperrt wurden, weil wir seelisch zu Grunde gerichtet wurden, weil wir isoliert wurden, weil wir unzureichend ausgebildet wurden, weil wir zu Zwangsarbeit gezwungen wurden, weil man Hunde auf uns hetzte, weil man uns aufeinander hetzte und uns für gegenseitige Misshandlungen lobte, weil man uns von unseren Geschwistern trennte, weil man uns in die Kirche zwang, weil uns ehemalige KZ-Aufseher erziehen sollten, weil man uns medizinische Hilfe versagte, weil man uns sogar in den letzten 4 Jahren immer beleidigte und die Gewalt und Verbrechen an uns leugnete oder verniedlichte“

Daraus entwickelte sich ein Flyer im Zweifarbdruck, der in diesen Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Am 15. April ist es soweit. Um 12 Uhr treffen sich die Demonstranten am Marie-E.-Lüders-Haus in der Luisenstraße 23 am Spreebogen. Dort führt der Zug auf die Dorotheenstraße, am Reichstag vorbei und auf der Ebertstraße zum Pariser Platz. Um 13.30 soll die Abschlußkundgebung am Brandenburger Tor sein. Als Sprecher konnte der Sozialwissenschaftler Professor Manfred Kappeler gewonnen werden. Reden wird auch der Pressesprecher der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“, Klaus Dickneite. Er wird, zusammen mit anderen behinderten Heimopfern, auf den Ausschluß Behinderter vom Runden Tisch hinweisen. „Ohne Veranlassung durch den Petitionsausschuß oder den Deutschen Bundestag hat die Tischvorsitzende Antje Vollmer eigenmächtig viele Opfergruppen ausgeschlossen“, stellt die Arbeitsgruppe fest; „mißhandelte Säuglinge und mißhandelte behinderte Schulkinder sollen dort kein Gehör finden.“ Gruppensprecher Helmut Jacob vermutet: „So genau will man das wahre Ausmaß der Verbrechen, zumal an den Hilflosesten der Gesellschaft, wohl doch nicht wissen.“ Jacob weiter: „Sonst wäre die Erschütterung und Empörung in der Gesellschaft sicher höher.“

Unvorstellbare Greuel hatten sich in den zwei Nachkriegsjahrzehnten im Johanna-Helenen-Heim der damaligen Orthopädischen Anstalten in Volmarstein bei Hagen abgespielt. Verbrechen, wie sie sich teils im Flyer widerspiegeln. „Allerdings demonstrieren wir nicht gegen die Rechtsnachfolger der Behinderteneinrichtung“, so Jacob, „mit ihr sind wir auf dem Weg zur Versöhnung, weil sie echte Wiedergutmachung an ihren Opfern leistet.“

Dickneite wird das skandalöse Verhalten der Kirchen, des Diakonischen Werks und der Caritas anprangern: „Alles was bisher passierte, sagt uns deutlich: Sie hoffen auf die biologische Lösung der Probleme. Sie wollen sich vor Entscheidungen drücken. Sie wollen keine Wiedergutmachung leisten. Sie hoffen auf den Tod der Opfer. Beenden Sie dieses zynische Spiel! Leisten Sie Opferhilfe und Opferentschädigung! Sofort!“

In der Kritik stehen auch die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe. „Sie warten unbegreiflicherweise immer noch auf die Endergebnisse des Runden Tisches unter Vollmer, wohl wissend, daß der die Behinderten ausgesperrt hat“, resümiert Jacob, der auf der Opferseite www.gewalt-im-jhh.de das skandalöse Verhalten kirchlicher und staatlicher Institutionen dokumentiert. Die Arbeitsgruppe hat einen Antrag auf Einrichtung eines Runden Tisches in NRW beantragt. “Ausgerechnet im bevölkerungsreichsten Bundesland wurde dieser Antrag abgeschmettert“, so Jacob nach einem entsprechenden Brief des NRW-Familienministers Armin Laschet, „Krasser kann man seine Grundeinstellung gegen behinderte Heimopfer und Verbrechensopfer allgemein nicht zum Ausdruck bringen.“

Gemeinsam mit allen anderen Demonstranten fordert die behinderte Demogruppe die sofortige Gründung eines Opferfonds nach dem Modell des Theologen Dierk Schäfer, der seit vier Jahren die Interessen aller Heimopfer vertritt. In seinen „Verfahrensvorschläge zum Umgang mit den derzeit diskutierten Vorkommnissen in Kinderheimen in der Nachkriegszeit in Deutschland“, die Schäfer auch vor dem Runden Tisch in Berlin vorgetragen hat, zeigt er Wege auf, wie auf die Verbrechen an Säuglingen, Kindern und Jugendlichen von kirchlichen und staatlichen Stellen reagiert werden muß. Damit gibt er die Forderungen der Opfer wieder.

Während der Demo in Berlin wird für einen guten Zweck gesammelt. Gegenüber dem damaligen Schreckenshaus Johanna-Helenen-Heim entsteht ein neues, modernes Kinderheim für behinderte Schüler. Die Evangelische Stiftung Volmarstein sammelt dafür und die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ unterstützt das Vorhaben mit ihrer „Aktion KK“ (für ein kuscheliges Kinderheim). Dafür macht die Arbeitsgruppe auf ihrer Seite Werbung: „Wie spartanisch mußten wir damals leben!“, blickt Marianne Behrs, Namensgeberin für das neue Kinderheim mit 24 Plätzen, zurück, „wenn das Geld gesammelt wird, um den Kindern eine schöne Atmosphäre zu schaffen, ist es sinnvoll investiert.“ Behrs, damals selbst ein besonders schlimm mißhandeltes Schulkind weiter: „Mein Anliegen ist es auch, daß man von einem Teil des Geldes den Kindern kuschelige Teddybären kauft, damit sie etwas zum Liebhaben bekommen,“ sie fügt hinzu: „etwas zum Knuddeln hat uns Kindern damals gefehlt.“ Auf dem Flyer und während der Demonstration wird für dieses Kinderheim gesammelt. „Sie sollen es besser haben, als wir damals“, so die Meinung der Initiatoren der Spendensammlung.

Helmut Jacob

9. April 2010

  1. http://www.diakon...#post11963
  2. http://www.diakon...#post12174
  3. http://dierkschae...assung.pdf
  4. http://veh-ev.info/
  5. http://www.jetzt-...n-wir.org/
  6. http://www.gewalt...inder.html
  7. http://www.gewalt...imopf.html
  8. http://www.gewalt...ge-rt2.pdf

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Lesen Sie dazu auch:
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Heimkinder | Gewalt | Kirche | sexuelle Vergehen | sexuelle Verjährung | Runder Tisch Heimkinder | Körperbehindertenhilfe | Erziehungshilfe | Katholische Kirche | Evangelische Kirche | Kriminalität | Kinderheim | Behindertenheim | Demo | Berlin | Opferrente | Entschädigung | Antje Vollmer
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare geschrieben

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.05 Sekunden
39,864,708 eindeutige Besuche