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Wissenschaft: Forschung

Ein Fels in der Brandung

Am 26. März 2010 wurde Adel Theodor Khoury 80 Jahre alt

Adel Th. Khoury
Adel Th. Khoury
Wenn ich an meine Studienzeit - speziell in Münster in Westfalen - zurückdenke, so ist eine der besonders guten Erinnerungen an diese Zeit und an diese Stadt jener freundliche, ruhige Gelehrte, dem ich in geistiger und wissenschaftlicher Hinsicht so viel verdanke: Adel Theodor Khoury, seinerzeit Leiter des Seminars für Allgemeine Religionswissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälschen Wilhelms-Universität Münster. Bei ihm betrieb ich das Studium der vergleichenden Religionswissenschaft, eigentlich nur im Nebenfach - und doch war mir die Bibliothek dort im Keller der katholischen Theologie, direkt vor Professor Khourys Arbeitszimmer, der liebste Ort, zu dem ich mich zur Lektüre, zum Exzerpieren und zum Schreiben besonders gern zurückzog: dort hatte man seine Ruhe. Denn wer verirrte sich schon in den Keller? Zu den Religionswissenschaften? Oder gar zur Missionswissenschaft? Immerhin war das Gebäude ein Zentrum des Katholizismus, die "Vereinigten katholisch-theologischen Seminare"... - Hausherr war also der Bischoff, wenn nicht gar der Papst selbst, gleich nebenan der Paulus-Dom, der auch den Nichtchristen durch Kardinal Clemens Augustinus Joseph Emmanuel Pius Antonius Hubertus Marie Graf von Galen, den "Löwen von Münster", bekannt sein dürfte; in unmittelbarer Nachbarschaft auch das Collegium Borromaeum, die Ausbildungsstätte der Priesterkandidaten des Bistums Münster. Bekanntlich steigert man scherzhaft die Farbe schwarz (als Symbol für katholisch) aus gutem Grund so: schwarz, Münster, Paderborn...

Was Khoury besonders auszeichnete als wissenschaftlichen Lehrer, waren - neben seiner ausgewiesenen wissenschaftlichen Qualifikation und seiner profunden Koran-Übersetzung - seine Ruhe, sein feinsinniger Humor und seine Fähigkeit, das vorhandene Wissen seiner Studenten in Beziehung zu setzen zu dem zu erarbeitenden Stoff; und so trafen sich evangelische wie katholische Christen, aber auch Muslime und Juden ebenso wie Agnostiker in seinen Seminaren und Vorlesungen, um Khourys Schwerpunkt - dies war der "interreligiöser Dialog" - zu studieren. Besonders faszinierend war es zu erleben, wie klar Khoury trennen konnte zwischen seinem eigenen Glauben und seiner Wissenschaft: nie gab es hier irgendwelche Vermischungen, niemals auch nur Andeutungen von Missionierung oder Rechthaberei. Für Juden ist das, gemessen an den üblichen Erfahrungen im Umgang mit Christen durchaus erwähnenswert. Kurz gesagt: man wußte, daß Khoury katholischer Priester war, doch in seiner wissenschaftlichen Lehre spürte man es nicht - und das ist ein Kompliment.

Gerade dies hob ihn ab von religiösen Eiferern und Kreuzrittern jeder Couleur, und nur dadurch war es möglich, daß Menschen verschiedener Religionen und Konfession sich "beim Khoury" trafen. Da saßen also der Katholik, der Religionslehrer werden wollte, neben dem protestantischen Christen, der einfach mal einen Schein in Religionswissenschaft haben wollte, und der katholische Pristerkandidat traf sich mit dem gläubigen Juden in einer Arbeitsgruppe. - Dies war genau das, was Khoury lehrte und lebte: das war der interreligiöse Dialog, der die Verschiedenheit der Menschen respektierte; es ging ausschließlich darum, die "fremde" Religion kennenzulernen und - wenn möglich - zu verstehen. Es ging nie ums Rechthaben, nie ums Besserwissen, nie um Missionierung des Anderen. Es ging um Erwerb von Wissen, es ging um wissenschaftliches Arbeiten.

Adel Theodor Khoury

Prof. Dr. Adel-Theodor Khoury war, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1993, Leiter des Seminars für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Mit seinem unermüdlichen Eintreten in Wort und Schrift für den Dialog des Christentums mit anderen Weltreligionen, vor allem aber mit dem Islam, gehört er zu den Theologen, die das Profil der münsterschen Fakultät in den letzten drei Jahrzehnten im In- und Ausland geprägt haben. Seine Koranübersetzung in die deutsche Sprache wurde - eine seltene Auszeichnung - vom Islamischen Weltkongress autorisiert. Grundlegende Verdienste um das interreligiöse Gespräch hat sich Khoury zudem als Gründer und Leiter der Forschungsstelle für den christlich- islamischen Dialog in Harissa/Libanon erworben, deren inzwischen elfbändige wissenschaftliche Reihe in den Universitätsbibliotheken der gesamten islamischen Welt zugänglich ist. An eine größere Öffentlichkeit richtet sich die "Arabische Bibliothek für religiöse Literatur", die unter Khourys Leitung seit 1997 entsteht. Angesichts der fundamentalistischen Tendenzen im Islam wie auch im Christentum und anderen Weltreligionen sieht Prof. Khoury sich in seiner Lebensaufgabe bestärkt, die Aussöhnung zwischen Christen und Muslimen, wo immer dies möglich ist, zu fördern: "Wir müssen in der einen Welt miteinander wirken und Partner sein. Und wir sollten es schaffen, füreinander da zu sein und vielleicht sogar Freunde zu werden".

Quelle: Autorenkatalog Gütersloher Verlagshaus

Der Koran (Übers. Khoury)
Der Koran (Übers. Khoury)
Wer bei Professor Khoury Religionswissenschaft studierte, der traf auf einen begnadeten Pädagogen und Wissenschaftler, der nicht nur das Christentum wissenschaftlich kannte, sondern ebenso den Islam, den Buddhismus, den Hinduismus und den Shintoismus. Auch das Judentum war ihm, dem katholischen Priester aus dem Libanon, selbstverständlich bestens vertraut. Man befaßte sich in seinen Seminaren mit dem Handwerkszeug der Religionswissenschaft, studierte Rudolf Ottos Überlegungen zum Numinosum, las Mircea Eliade und diskutierte Gustav Mensching.

An ein Seminar erinnere ich mich besonders gern: ein Vergleich der pseudo-religiösen Elemente in faschistischen Traditionen, am Beispiel einer vergleichenden Analyse zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus in der DDR aus religionswissenschaftlicher Sicht. Wer sagt, daß Religionswissenschaft nicht auch politisch sein kann? Aber auch rein katholische Themen waren an der Tagesordnung, so wurde z.B. auch das Zweite Vaticanum aus religionswissenschaftlicher Sicht analysiert... - aus Sicht mancher römisch-katholischer Konservativer ein Unding, daß dort den Juden ein eigener Heilsweg zugebilligt wurde. Aber auch das gehörte eben zur wissenschaftlichen Themenpalette...

Dialog mit dem Islam

Prof. Dr. Adel-Theodor Khoury, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1993 Leiter des Seminars für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, vollendet am Sonntag, 26. März, sein 70. Lebensjahr. Mit seinem unermüdlichen Eintreten in Wort und Schrift für den Dialog des Christentums mit anderen Weltreligionen, vor allem aber mit dem Islam, gehört er zu den Theologen, die das Profil der münsterschen Fakultät in den letzten drei Jahrzehnten im In- und Ausland geprägt haben.

Der aus dem Libanon stammende Gelehrte wurde 1953 zum Priester geweiht, erwarb Lizentiatsgrade in Philosophie und Orientalistik, sowie den "Docteur des Lettres" 1966 in Lyon. 1970 wurde er zum Professor in Münster berufen. Seither hat er eine Fülle von Büchern, wissenschaftliche wie für breitere Kreise bestimmte, dem Islam gewidmet. Seine Koranübersetzung in die deutsche Sprache wurde - eine seltene Auszeichnung - vom Islamischen Weltkongress autorisiert. Ihr stellte er einen groß angelegten Koran-Kommentar zur Seite, der mit dem Erscheinen des 12. Bandes im Jahre 2001 vollendet sein wird.

Prof. Khoury blieb auch nach seiner Emeritierung der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster verbunden. Zugleich hat er sich neuen wissenschaftlichen Projekten gewidmet. Noch in diesem Jahr soll der zweite und abschließende Band seiner (mit G. Girschek) verfassten Religionsphänomenologie "Das religiöse Wissen der Menschheit" erscheinen. Das der Begegnung mit Islam, Hinduismus und Buddhismus verpflichtete Religionstheologische Institut St. Gabriel in Mödling bei Wien, dem er seit der Gründung verbunden ist, hat mit der Publikation seiner Akademie-Tagungen breite Wirkung entfaltet; zwei besondere Dialog-Tagungen mit dem Iran - über die Gerechtigkeit sowie über Werte, Normen und Gesetze - sind auch in persischer Sprache dokumentiert. Grundlegende Verdienste um das interreligiöse Gespräch hat sich Khoury zudem als Gründer und Leiter der Forschungsstelle für den christlich- islamischen Dialog in Harissa/Libanon erworben, deren inzwischen elfbändige wissenschaftliche Reihe in den Universitätsbibliotheken der gesamten islamischen Welt zugänglich ist. An eine größere Öffentlichkeit richtet sich die "Arabische Bibliothek für religiöse Literatur", die unter Khourys Leitung seit 1997 entsteht.

Angesichts der fundamentalistischen Tendenzen im Islam wie auch im Christentum und anderen Weltreligionen sieht Prof. Khoury sich in seiner Lebensaufgabe bestärkt, die Aussöhnung zwischen Christen und Muslimen, wo immer dies möglich ist, zu fördern: "Wir müssen in der einen Welt miteinander wirken und Partner sein. Und wir sollten es schaffen, füreinander da zu sein und vielleicht sogar Freunde zu werden".

Quelle: Prof. Dr. Adel-Theodor Khoury wird 70 Jahre alt, Pressemitteilung der WWU Münster, 23. März 2000

Übrigens hat Adel Th. Khoury durch eine wissenschaftliche Edition indirekt große Berühmtheit erlangt, auch bei denen, die seinen Namen gar nicht kennen: denn Papst Benedikt XVI. zitierte in der berühmt gewordenen Regensburger Rede aus einer von Khoury editierten wissenschaftlichen - und bis dahin, zumindest in Deutschland, völlig unbekannten - Ausgabe jenes Wort eines byzantinischen Kaisers aus dem Jahre 1391, das dann zu Mord und Totschlag in der Welt der Scharia führte; es war zitiert in der Doktorarbeit des jungen Adel-Théodore Khoury, die unter dem Titel "Manuel II Paléologue, Entretiens avec un Musulman. 7e Controverse" im Jahr 1966 in Paris erschien...

Zitiert wurde der 600 Jahre alte Satz aus einem polemischen Streitgespräch: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

Wie gesagt: Wer behauptet denn, daß Religionswissenschaft nicht auch politisch sein kann?

Dem friedlichen Streiter für Dialog, Verständigung und Frieden nachträglich herzlichen Glückwunsch!

L'chaim, ad mea ve'esrim, bis 120!

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Schlüsselwörter: Adel Theodor Khoury | Koran | Übersetzung | Religionswissenschaft | Verständigung | interreligiöser Dialog | 80. Geburtstag
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Kommentare

266
am 07.04.2010 22:41:55 (95.222.194.xxx) Link Kommentar melden
Wer behauptet denn, daß Religionswissenschaft nicht auch politisch sein kann?

Niemand.

Vielen Dank für diese gleichermaßen lehrreiche wie auch aktuelle - biografisch geprägte - Anmerkung!

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