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Wissenschaft: Sonstiges

Sommerzeit? Nein, danke!

Wie aus einer harmlosen Satire unsinniger Ernst wurde

© Andreas Liebhart/Pixelio
© Andreas Liebhart/Pixelio
Alle Jahre wieder... - und dennoch braucht man komischerweise Merkwörter für einen simplen, wenn auch überflüssigen Vorgang:
  • Die deutsche "Straßencafé-Faustregel": Im Frühjahr werden die Stühle vor das Lokal gestellt, im Herbst kommen sie zurück ins Magazin
  • Auf american english, wesentlich besser: "spring forward, fall back", man beachte den Doppelsinn bei spring = Frühjahr bzw. fall = Herbst

An diesem Sonntag ist es also leider wieder einmal so weit: in Deutschland werden die Uhren um 2:00 Uhr nachts um eine Stunde vorgestellt. Viel überflüssiger Aufwand für nichts. Denn seit Jahren ist es bekannt - und auch wissenschaftlich bewiesen -, daß dieser ganze Zinnober schlicht für die Katz' ist: das Hauptargument bei der Einführung der Sommerzeit, die angebliche Energieeinsparung, ist längst als Ammenmärchen und Milchmädchenrechnung entlarvt.

Es sieht sogar eher so aus, als ob diese unnötige Veranstaltung zweimal im Jahr ziemlich großen volkswirtschaftlichen Schaden anrichtet, nicht nur wegen des in der Tat sogar größeren Energieverbrauchs. Die seelischen Belastungen für Mensch und Tier sowie die Arbeitserschwernis durch Fahrplanumstellungen (Bahnen, Fähren, Flugzeuge), durch arbeitsrechtliche Komplikationen (Schichtarbeit, Ruhezeiten) bis hin zu firmeninternen - und somit auch deren Kunden beeinträchtigenden - Problemen (Ebay) sind noch gar nicht hinreichend erforscht und schon gar nicht allgemein bekannt.

In jedem Haushalt, in jedem Büro, an jedem Fahrzeug müssen Uhren zweimal im Jahr neu eingestellt werden. Im Haushalt sind das Telefone, Anrufbeantworter, Faxgeräte, Uhrenradios, Videorecorder, sämtliche Uhren ohne Funksteuerung usw. usf.; das alles bedeutet überflüssige Arbeit, vergeudete Zeit.

Und wozu das alles? Das Umweltbundesamt stellte keine positiven Energiespareffekte durch die Zeitverschiebung fest, weil die Stromersparnis bei der Beleuchtung durch den Mehrverbrauch an Heizenergie durch die Vorverlegung der Hauptheizzeit "überkompensiert" wird; der weiterhin zunehmende Einsatz von Energiesparlampen würde diesen Effekt in Zukunft noch verstärken.

Energieverbrauch

Eine der offiziellen Begründungen für die Einführung der Sommerzeit war die Einsparung von Energie. Diese ist allerdings fraglich und bis heute umstritten. Beispielsweise haben kalifornische Wissenschaftler 2008 in einer neueren Untersuchung durch dreijährige Beobachtung des Stromverbrauchs von 7 Millionen Haushalten in Indiana, wo die Sommerzeit erst 2006 eingeführt wurde, festgestellt, dass der Stromverbrauch nach der Umstellung auf die Sommerzeit um 1 bis 3 Prozent anstieg. So könne das ursprünglich verfolgte Ziel der Energieeinsparung durch die Sommerzeit nicht erreicht werden. Demnach falle die Energiebilanz sogar negativ aus, da "geringfügige Einsparungen im Frühjahr einem umso stärkeren Stromverbrauch im Spätsommer und Herbst" entgegenstünden. Insbesondere ein erhöhter Heizbedarf in den frühen Morgenstunden und eine stärkere Nutzung von Klimaanlagen an den längeren Nachmittagen und warmen Sommerabenden fallen negativ ins Gewicht. Die Einwohner Indianas zahlten rund 8,6 Millionen US-Dollar pro Jahr mehr für den zusätzlichen Energieverbrauch. Die Verfasser der Studie, die Wirtschaftswissenschaftler Matthew Kotchen und Laura Grant von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, berechneten zudem die Kosten der stärkeren Umweltverschmutzung für die Gesellschaft auf jährlich 1,6 bis 5,3 Millionen Dollar.

Quelle: Wikipedia/Sommerzeit/Energieverbrauch, Hervorhebung vom Verfasser, Dr. Chaim Levinson

Immerhin hat selbst die Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP-Fraktion am 18. Mai 2005 bestätigt, daß die erwünschte Energieeinsparung auch in Deutschland gerade nicht erreicht wurde, im Gegenteil:

Bahnhofsuhr © Matthias Balzer/Pixelio
Bahnhofsuhr © Matthias Balzer/Pixelio

Soweit also die Ergebnisse des seit 1977 bzw. 1996 inszenierten gesamteuropäischen Unfugs. Ein echter Schildbürgerstreich: jeder weiß um die Sinnlosigkeit, dennoch machen alle weiter, denn der andere tut es doch auch. Deshalb ist es nicht nur sinnvoll, sondern ausgesprochen amüsant, einmal die Ideengeschichte der Sommerzeit nachzuzeichnen.

Erste Spuren findet man zur Zeit der Französischen Revolution in der folgenden Zeitung:

  1. Le Journal de Paris (Wikipedia französisch): "Le journal couvre l'actualité littéraire, signale les spectacles du soir, relate quelques faits divers parisiens et des anecdotes sur des personnages en vue. Il donne également des informations pratiques telles que les prévisions météorologiques, la hauteur de la Seine et les résultats de la loterie. Jean Tulard souligne l'existence de la rubrique Nouvelles de la maladie des personnes dont la santé intéresse le public."
  2. Il Journal de Paris (Wikipedia italienisch): "Il giornale si occupava di notizie culturali (letterarie e tetrali) e di cronaca (con particolare rislato agli avvenimenti e ai personaggi parigini). Forniva anche notizie meteorologiche, i risultati della lotteria e altri contenuti "di contorno". Degna di menzione una rubrica dedicata alle malattie e all'igiene"
  3. Journal de Paris (Wikipedia polnisch): "Dziennikarze zajmowali sie zarówno zyciem literackim jak i politycznym i codziennym Paryza. Polityka byla traktowana najbardziej skrótowo, jezeli chodzi o profil polityczny gazety to nie odbiegalon od ogólnych pogladów oswieconych elit." - Zu deutsch also: die Journalisten befaßten sich sowohl mit Literatur als auch mit Politik sowie mit dem täglichen Leben in Paris. Politik wurde nur marginal behandelt, das politische Profil der Zeitung entsprach den allgemeinen Meinungen der akademischen Eliten.

Sommerzeit © Rike/Pixelio
Sommerzeit © Rike/Pixelio
Also, man sollte die Sache mit der Sommerzeit nicht so ernst nehmen, am Anfang war nämlich ein Witz. - Jedenfalls könnte man Benjamin Franklins Leserbrief(!) von 1784 an diese Pariser Zeitung The Journal of Paris eher als Scherz denn als ernsthaften Vorschlag verstehen...

Zum einen ist der Brief in ziemlich humorigem Ton geschrieben - möglicherweise in oder nach einer durchzechten Nacht? -, zum andern ist es nicht nachzuvollziehen, warum Benjamin Franklin einen solchen Vorschlag - wäre er denn ernst gemeint gewesen - an eine Zeitung schicken sollte, dann auch noch als Leserbrief.

Essay on Daylight Saving

...and, to compel the rest, I would propose the following regulations; First. Let a tax be laid of a louis per window, on every window that is provided with shutters to keep out the light of the sun.

Second. Let the same salutary operation of police be made use of, to prevent our burning candles, that inclined us last winter to be more economical in burning wood; that is, let guards be placed in the shops of the wax and tallow chandlers, and no family be permitted to be supplied with more than one pound of candles per week.

Third. Let guards also be posted to stop all the coaches, &c. that would pass the streets after sunset, except those of physicians, surgeons, and midwives.

Fourth. Every morning, as soon as the sun rises, let all the bells in every church be set ringing; and if that is not sufficient?, let cannon be fired in every street, to wake the sluggards effectually, and make them open their eyes to see their true interest.

All the difficulty will be in the first two or three days; after which the reformation will be as natural and easy as the present irregularity; for, ce n'est que le premier pas qui coûte...

Den ganzen "Letter to the Editor of the Journal of Paris" Benjamin Franklins von 1784 lesen...

Hat Benjamin Franklin das alles wirklich ernst gemeint? Darüber besteht Uneinigkeit; es gibt jedoch guten Grund zu der Annahme, er habe eine so vortreffliche Satire geschrieben, daß sie leider - etwas später zwar und anderswo, aber immerhin - ernst genommen wurde, weil der Scherz von einem so berühmten Mann stammte. immerhin hat Franklins Scherz auch 120 Jahre lang keinen Menschen interessiert. Bis die Idee 1907 dann in England von William Willett vorgeschlagen wurde: W. Willett: The Waste Of Daylight. Sloane Square, London, Juli 1907. - Doch auch Mr. Willett konnte - trotz fleißiger Lobbyarbeit - die britische Regierung nicht zur Einführung der Sommerzeit motivieren.

Zeitumstellung III © berwis/Pixelio
Zeitumstellung III © berwis/Pixelio
Die Sommerzeit wurde dann erst 1916 im deutschen Kaiserreich und in Österreich-Ungarn eingeführt, und zwar - wie man sich anhand des Datums denken kann - in erster Linie aus kriegspolitischem Kalkül: die Arbeiter in den Munitionsfabriken konnten so länger werktätig sein, was aber bekanntlich am Ausgang des Krieges für den Deutschen Kaiser auch nichts änderte. Nach Abschaffung während der Weimarer Republik blieb es dann den Nazis vorbehalten, diese Dummheit wieder in Kraft zu setzen. Mit einem ganz besonderen Schmankerl: in Nazi-Deutschland galt ab 1940 die Sommerzeit auch im Winter: denn "in den Jahren 1940 und 1941 gab es nach Erlaß der "Verordnung über die Verlängerung der Sommerzeit" keine Umstellung zurück auf die MEZ; die Sommerzeit galt daher durchgehend von April 1940 bis November 1942". Daß dann im Nachkriegsdeutschland sogar noch eine "Hochsommerzeit" eingeführt wurde (1947-1949, jeweils 11. Mai bis 29. Juni), bei der die Uhren zwei Stunden vorgestellt wurden, machte das Chaos perfekt.

Soweit der geschichtliche Hintergrund; doch was ist heute? Empfindliche Menschen leiden unter der Zeitumstellung - jedenfalls im Frühjahr - ganz erheblich, und zwar unter Konzentrationsschwäche, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und anderen Streß-Symptomen (disstress); dies dauert in der Regel zwei Wochen, kann aber auch bis zu vier Wochen andauern.

Mehrheit der Deutschen findet Zeitumstellung überflüssig

Die Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst bringt den Schlafrhythmus vieler Menschen durcheinander. Deshalb befürwortet eine Mehrheit der Deutschen die Abschaffung der Prozedur. Das hat eine Umfrage der DAK jetzt ergeben.

"(...) Demnach finden 54 Prozent der Befragten, dass die Umstellung der Uhr überflüssig ist. 19 Prozent geben an, sich danach müde und schlapp zu fühlen, und 13 Prozent schlafen schlechter als sonst. Gereizt sind nach der Zeitumstellung etwa acht Prozent der Umfrageteilnehmer und sechs Prozent können sich schlecht konzentrieren. Etwa drei Prozent der befragten Erwerbstätigen kommen zudem zu spät zur Arbeit, weil sie den Zeitpunkt vergessen haben. (...)"

Weiterlesen... auf FOCUS-online Gesundheit

Deutliche Aussagen der Vernunft gegen den Blödsinn

Am meisten betroffen sind jedoch Mensch und Tier in der Landwirtschaft. Denn jedem Experten und Betroffenen dort ist bekannt, daß z.b. Milchkühe ein bis zwei Wochen benötigen, um sich auf die neuen Melkzeiten umzustellen; die Kühe haben nämlich eine innere Uhr, wie sensibel gebliebene Menschen auch. Und wenn das Euter voll ist, will die Kuh gemolken werden. Aber möglicherweise verstehen ein solches Argument nur Frauen, die Mutter sind und schon einmal gestillt haben.

Besonders bei der Zeitumstellung im Herbst ist der veränderte Tagesablauf eine psychosomatische Belastung für Milchkühe; bei der Frühjahrsumstellung ist die Milchleistung einige Tage lang reduziert. Am besten haben es noch die Hühner in der von Naturschützern so heftig kritisierten Käfig-Intensivhaltung, den sogenannten Legebatterien: sie haben ohnehin nur künstliches Licht und kriegen von dem ganzen Sommerzeit-Blödsinn ohnehin nichts mit.

Wirklich beneidenswert!

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Zeitlos © klicker/Pixelio
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Schlüsselwörter: Familie | Tradition | Champagner | Sommerzeit | Wetten | GAU | Zeitumstellung | Pessach
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Kommentare

317
am 28.03.2010 14:25:02 (80.237.152.xxx) Link Kommentar melden
Die Zeitumstellung finde ich auch überflüssig und ärgerlich, doch man kann ja nichts dagegen machen. Also mit Humor ertragen! Smile
334
am 29.03.2010 00:48:50 (80.187.106.xxx) Link Kommentar melden
Unverständlich, warum man das nicht wieder abschafft.
300
am 29.03.2010 13:32:56 (69.162.66.xxx) Link Kommentar melden
Ich hab Ferien, mir ist das egal, ob ich um 12 oder um 13 Uhr aufstehe Grin
334
am 29.03.2010 13:37:13 (80.187.106.xxx) Link Kommentar melden
Ich hab Ferien, mir ist das egal, ob ich um 12 oder um 13 Uhr aufsteheGrin

Ja, man kann ja immer Urlaub machen, wenn die Zeitumstellung naht.Shock
349
am 29.03.2010 15:19:29 (213.163.84.xxx) Link Kommentar melden
Die Sommerzeit ist "überflüssig wie ein Kropf". Doch Intelligenz hatte es schon immer schwer, sich durchzusetzen.
334
am 29.03.2010 15:58:29 (80.187.106.xxx) Link Kommentar melden
Chaim schrieb:
Als ich in Mainz wohnte, mitten in der Stadt, bin ich aus genau diesem Grund während des Karnevals GRUNDSÄTZLICH verreist, wozu hat man mehrere Wohnsitze? Am liebsten nach Spanien, oder nach Israel.

Das kenne ich auch, als ich noch in Düsseldorf wohnte.
357
am 30.03.2010 02:52:46 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
Mir macht die Zeitumstellung immer sehr zu schaffen. Also bleibe ich heute einfach mal länger auf, vielleicht hilft das. Frown
Hartmut Holz
am 30.03.2010 18:46:22 (217.80.227.xxx) Link Kommentar melden
Mir bereitet die Sommerzeit keinerlei Probleme. Denn ich bin, am Sonntag, sehr gut aus dem Bett gekommen.

Von Müdigkeit, wegen der Zeitumstellung, überhaupt keine Spur.

Egal ob Sommer- oder Winterzeit. Wenn es 9:00 Uhr auf der Uhr ist, dann ist es 9:00 Uhr.
266
am 31.03.2010 14:45:39 (95.222.194.xxx) Link Kommentar melden
Mein Vorredner begreift möglicherweise nicht, was eine innere Uhr ist. Jeder, der viel reist, kennt den jet-lag. Und genau dies wird bei der Sommerzeit künstlich produziert. Allerdings nur im Frühjahr, denn die Verkürzung ist das Problem, nicht die Verlängerung. Daher ist es im Herbst unkompliziert. Aber dennoch ist das alles eine typische Beamten-Regel: teuer, überflüssig, kontraproduktiv.

Germany meets Europe.
Hartmut Holz
am 31.03.2010 17:36:21 (217.80.192.xxx) Link Kommentar melden
Natürlich reise ich nicht viel. Und ich weiß sehr wohl was die Innere Uhr bedeutet.

Aber ich kann einfach nur das wieder geben wie ich von meiner Seite aus die Sommerzeit empfinde.

Und jeder Mensch reagiert ja auch, auf die Zeitumstellung,
verschieden.
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