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Sonstiges: Zu Hause

Die Waschmaschine

Wie man - halb gewollt, halb unfreiwillig - in eine Rolle gedrängt wird

Waschsalon - attraktiv für Singles?
Waschsalon - attraktiv für Singles?
Jeder kennt SIE. Jeder schätzt SIE. Jeder hat eine im Haus - oder begibt sich eben notgedrungen auf der Suche nach IHR in den wunderbaren Waschsalon, wohin männliche Singles offenbar häufig, auch aus ganz anderen Gründen, gerne gehen, wie man gemeinhin so hört...

In der Waschmaschine tut sich etwas, heiß und feucht, möglicherweise macht genau das ja auch die Attraktivität aus, ich weiß es nicht; heiß und feucht ist aber doch besser als trocken und staubig, oder? Jedenfalls sagt mein Weib das immer so, sie sei nämlich "böse, trocken und gemein", und ich sei für "heiß & feucht" zuständig... - irgendwie gefällt mir diese Arbeitsteilung! Sie wischt gerne Staub (eine Tätigkeit, die ich gar nicht tun mag), und ich putze dafür gerne mit heißer Seifenlauge oder ähnlichem, unter anderem Fenster, Böden oder Sanitäreinrichtungen.

Erobern wir uns also ganz pragmatisch den römischen Spruch von den Nazis zurück:

Übrigens: auch auf der Waschmaschine kann man's tun, bevorzugt dann, wenn sie schleudert. Unter 1400 Umdrehungen allerdings wird das langweilig; wobei eine gewisse Unwucht durchaus - dem Vernehmen nach - die Unlust mindern oder kurieren, sprich: die Lust fördern soll.

Besser als Fernsehen..
Besser als Fernsehen..
Anyway... - andererseits diente die Waschmaschine früher auch als babysitter-Ersatz, wie man auf diesem Bild schön sehen kann. In der Waschmaschine ist ja echt was los, das ist Chemieunterricht par excellence, da geht es rund und dem Schmutz an den Kragen! Warme Flüssigkeiten werden verströmt, rhythmische Bewegungen lassen Phantasien keimen.... - Man sitzt davor, das Leben pulsiert, es gibt eine der allgemeinen Entropie entgegengesetzte Veränderung... - das fasziniert den aufgeschlossenen Knaben ebenso wie die bildungsorientierte holde Maid. Und so wurde man nolens volens zum Waschmaschinen-Fetischisten...

Traditionell - und in Anlehnung an die Zeiten, in denen unsere Familie Hausbedienstete hatte - haben unsere Haushaltsgeräte Namen. Um genau zu sein: weibliche Vornamen. Die Geschirrspülmaschine heißt also Anna, die Waschmaschine Berta, der Trockner Kunigunde... - deshalb reicht dann der kurze, freundliche Hinweis an einen der Söhne, er möge bitte Anna helfen... - und er weiß: die Spülmaschine ist auszuräumen, das saubere Geschirr und Besteck in die Schränke und Schubladen zu verstauen. Mittlerweile geht das ohne weitere Diskussion. - Die fragende Mitteilung "Was macht eigentlich Kunigunde?" führt dazu, daß der so angesprochene Sprößling ohne weiteren Mucks die fertigen schranktrockenen Handtücher holt, zusammenfaltet und im Badezimmer verstaut...

Demzufolge führt die Frage "Schaust Du mal bitte nach Berta?" zu folgendem Dialog: "Die braucht noch 11 Minuten!" - (die Maschine hat eine Anzeige der Restlaufzeit) - "Danke, kümmerst Du Dich dann bitte darum?!!!" - "Na jaaaa, eigentlich wollte ich..." - "Danke, lieb von Dir!" - Kommunikation ist eben alles.... - und über manches diskutiere ich prinzipiell nicht. Der zweite Sohn bringt ohnehin den Müll raus, der dritte wird zum Einkaufen geschickt, Mama ist der Chef (strategisch), und ich regle das alles (taktisch-operativ) als Mutter der Kompanie ...

sexy & clean...
sexy & clean...
Kehren wir zurück zu der Frage, wie all das begann und wie die Geschichte ihren Verlauf nahm...

In den Sechzigern war der kleine Chaim schon sehr an Technik interessiert, so sehr, daß es einerseits bereits fast sprichwörtlich war und andererseits die Eltern und Großeltern beinahe grämte. Keine Armbanduhr, die nicht zerlegt wurde, kein Haushaltsgerät, das nicht untersucht wurde - und das nicht immer zerstörungsfrei, wie man ganz richtig vermutet. Kein GRAETZ- oder PHILIPS-Radio, dessen Röhren nicht untereinander vertauscht oder dessen Dreh-Kondensatoren neu justiert wurden. Zum Leidwesen des geliebten Großvaters, der seinen Süddeutschen Rundfunk, den Deutschlandfunk oder die Schweizerische Rundspruchgesellschaft in Beromünster plötzlich nicht mehr finden konnte...

Komplette und sehr ausgedehnte Versuchsreihen, - auch zu exothermen Oxidations-Reaktionen (vulgo: Feuerspielereien und Gezündel) - belasteten die private Haftpflichtversicherung der zu recht erzürnten Eltern. Doch das Wissen um die technischen Zusammenhänge stieg dadurch bei dem kleinen Forscher, ebenso allerdings die Menge des zum Zweck des Wissenserwerbs produzierten Schrotts. Eine direkt proportionale Korrelation also. Womit also insgesamt bei dem vorwärtsstrebenden Forscher eine saubere Grundlage für später vorzunehmende wissenschaftliche Arbeiten gelegt wurde, was sich dann immerhin einige Jahre später in einem überdurchschnittlich guten Abitur vorab bewahrheiten sollte...

AEG-Werbung
AEG-Werbung
Doch zurück zu unserem kleinen Forscher. Die Mutter hatte die uralte AEG Baujahr 1956 - das war der Toplader mit dem Drehkreuz unten in der Trommel, der in dem Gerät einfach einen hurrican in der warmen Seifenlauge erzeugte - durch eine neue moderne Frontlader-Waschmaschine CONSTRUCTA ersetzt, und sorgte sich ob der bekannten Allüren des Sohnes um die Unversehrtheit des teuren Geräts. Also erfolgte ein strenges Verbot, das neue Gerät zu berühren, am besten sollte es auch niemals angeschaut werden. - Nun begab es sich aber zu jener Zeit, daß das Gerät - nach zwei Jahren, damals gab es nur eine einjährige Gewährleistung - irgendeine Macke hatte, elektrisch oder mechanisch. Es wurde also der Mechaniker der Firma des Familienvaters geordert, der nach dem Rechten sehen sollte. Der kleine 12jährige Chaim jedoch nutzte die Zeit und schraubte an dem Gerät herum (die technischen Details lassen wir jetzt aus urheberrechtlichen und ermittlungstaktischen Gründen mal weg). - Dabei kam ihm natürlich zugute, daß er mit 9 Jahren bereits seinen ersten batterielosen Diodenempfänger konstruiert - mit dem man einen 400 km entfernten Sender hören konnte - und mit 12 Jahren einen Geigerzähler gebaut hatte, da konnte also die langweilige Steuerung einer doofen Waschmaschine keine echte Herausforderung sein...

Als der Mechaniker kam, war die Waschmaschine folglich wieder fehlerfrei. Alle wunderten sich, es gab kein kein wahrnehmbares Problem. Große Verwirrung. Warum war denn der Mechaniker überhaupt bestellt worden? - Tage später beichtete der kleine Forscher seiner gestrengen Frau Mutter, daß er trotz des Verbotes, die Maschine anzufassen oder auch nur anzusehen, dieselbe repariert habe; er bitte um Verzeihung wegen der erfolgreichen Problemlösung und vor allem wegen des positiven Ergebnisses. Das war ein Vorgriff auf das erst später formulierte Gesetz von management by objectives, aber egal. Und - das war das erstaunliche und vor allem das prägende Erlebnis - die Absolution wurde gewährt. Solche Erfahrungen wirken!

Zanker 1964
Zanker 1964
Was war das Ergebnis? Aus der technischen Orientierung wurde eine operative Lust. Der kleine Forscher - groß geworden - optimierte die Symbiose mit dem Waschautomaten und wachte eifersüchtig darüber, daß keiner in sein Revier eindrang. Alles, was mit "heiß & feucht" zu tun hatte, war sein Metier.

Das bedeutetet, daß er das Gebiet "Wäschepflege" völlig in Beschlag nahm. Alles eine Frage der Arbeitsteilung. Sind kompliziertere Fleckenbehandlungen vorzunehmen, holt man sich seinen Rat. Die Kinder haben gelernt, daß man Papiertaschentücher vor dem Ablegen der Wäschestücke in der Wäschekammer besser entfernt; denn wer einmal eine ganze Waschmaschine voller dunkler Hosen per Hand und einer Fusselbürste von dem mitgewaschenen Papiertaschentuch befreit hat, der weiß auch, warum. Solche Dinge werden bei uns generell nach dem Verursacherprinzip geklärt.

Dafür gibt's dann allerdings gelegentlich seltsame Äußerungen. Dem Kleinsten fiel bei Tisch mal wieder das Saftglas um; das kommt relativ oft vor, er ist ein echter Schussel. Es war zum Glück jedoch nur Orangensaft und vor allem eine bunte Tischdecke, der Schaden war also gering. Der Schlingel zuckte natürlich trotzdem schuldbewußt zusammen - denn danach gibt es für ihn üblicherweise eine Woche lang als Erinnerungshilfe nur Wasser zu den Mahlzeiten zu trinken -, faßte sich aber schnell, legte Papierservietten auf die Tischdecke, um das verunglückte aufzusaugen, und meinte schelmisch grinsend: "Papa wäscht ja!" - Tja, so kann's kommen. Der solchermaßen Geehrte und vor allem Entwaffnete beschloß, das einfach als Kompliment zu nehmen.

Denn die Dinge sind ja nicht nur so, wie sie sind; manchmal sind sie so, wie wir sie wahrnehmen (wollen).

YouTube Video

  • Bildnachweis:

  • Waschsalon 3, ijuice/cleanicum, via Pixelio
  • Besser als Fernsehen... marabou/I. Friedrich, via Pixelio
  • Originalbeschreibung im Bundesarchiv: Bonese, Waschmaschine einer Großwäscherei Zentralbild Biscan 24.5.56 Landhaushalt ohne große Wäsche Die Anfang dieses Jahres in Bonese, Kreis Salzwedel, in Betrieb genommene Wäscherei der VdgB (BHG) ist eine der besten bäuerlichen Gemeinschaftseinrichtungen des Bezirks. Die Wäscherei arbeitet in zwei Schichten und bewältigt 240 Kilogramm Wäsche am Tag. Im Durchschnitt wäscht sie also jeden Tag für 40-60 Haushalte die große Wäsche und nimmt damit den Bäuerinnen schwere Arbeit ab. UBz: Eine der Waschmaschinen ist den Arbeitsanzügen vorbehalten. Eben werden Traktoristen-Anzüge aus der Maschine genommen. Via Wikipedia, Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland
  • Alte AEG, via www.oldiewash.de/
  • Zanker Intimat, via www.oldiewash.de/

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Schlüsselwörter: Waschmaschine | Schleudern | heiß und feucht | Waschsalon | Single | Familie | Tischdecke
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Kommentare

357
am 19.03.2010 19:01:07 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
Eine herrliche Geschichte. Grin

Ja, auch das Bewusstsein bestimmt das Sein, nicht nur umgekehrt!
288
am 20.03.2010 04:16:49 (217.168.14.xxx) Link Kommentar melden
Das ist ein wirklich amüsanter Artikel. Bei mir heisst Wäschewaschen übrigens "Hausfrauenfernsehen". Wenn ich den Programmfortgang beobachte, dann tritt bei mir so eine Art Hypnose ein. Wenn ich dann Tage später wieder zu mir komme, hat irgendjemand die Wäsche freundlicherweise aus der Maschine geholt und mich zwangsernährt...Wink
deshalb macht bei mir die Haushaltshilfe so gefährliche Tätigkeiten und ich schreib derweil auf OZ24...
266
am 20.03.2010 18:11:58 (95.222.194.xxx) Link Kommentar melden
Warme Flüssigkeiten werden verströmt, rhythmische Bewegungen lassen Phantasien keimen....
Ich kann mich hier kaum des Eindrucks erwehren, daß der Autor hier gar nicht so sehr an Waschmaschinen gedacht hat.

Smile
286
am 20.03.2010 19:28:01 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
"Papa wäscht ja!"

Und bügeln tut er auch noch, also sowas! Wink

Wink Die Söhne sind echt zu beneiden, es kommt ja nicht nur auf die Mutter an, sondern auch auf das väterliche Vorbild! Die Mischung machts!
286
am 27.03.2010 10:31:09 (217.92.25.xxx) Link Kommentar melden
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