Sehr geehrter Herr Ackermann,
mit schierem Entsetzen habe ich auf der Homepage des Evangelischen Pressedienstes gelesen:
Der Beauftragte für Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, Stephan Ackermann, geht nicht davon aus, dass die Missbrauchsopfer finanzielle Entschädigung verlangen. "Sie wollen über ihr Schicksal sprechen", sagte der Trierer Bischof in einem epd-Gespräch in Trier. Den Opfern sei vor allem wichtig sicherzustellen, dass "die Kirche" ihre Geschichte erfahre. Wörtlich zitiert werden Sie wie folgt: „Sie wollen über ihr Schicksal sprechen.“
Worauf, Herr Ackermann, begründen Sie Ihre Behauptung, dass die Missbrauchsopfer keine finanzielle Entschädigung verlangen? Mein Wissensstand ist der, dass die Opfer, eingeschlossen jene, die auf der Agenda des Runden Tisches Heimkinder stehen und jene, die ausgeklammert wurden, nur noch Entschädigung verlangen.
Vier Jahre haben sie - nach der Herausgabe des Buches von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“ – völlig erfolglos auf kleinste Regungen seitens der Kirchen warteten, die als Versuch von Entschuldigungen gelten könnten.
Sie verlangen diese Entschädigung als Strafe für den Umgang der Kirchen mit den Verbrechen an Kindern und Jugendlichen. Jahrelang haben sie gehofft, dass die Kirchenrepräsentanten zu den Verbrechen stehen. Doch mussten sie ohnmächtig erleben, dass Opfer, die geklagt haben, mit juristischen Mitteln bedroht wurden, dass ihnen grundsätzlich nicht geglaubt wurde und dass ihre Schilderungen dem Zeitgeist zugeschoben und damit verharmlost und relativiert wurden. Dies reichte bis zu Verniedlichungen von Gewalttaten.
Die Gequälten und Geschundeten hatten nicht das Gefühl, dass Sie und andere Institutionen in der Rechtsnachfolge der Täterseite den Opfern helfen wollten, sondern lediglich den Tätern.
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Wenn die Misshandelten über ihr Schicksal sprechen wollen, dann wohl in den wenigsten Fällen mit denen, die es entweder selbst verursacht oder Verbrechen und Terror an Kindern und Jugendlichen geduldet haben. Mir ist kein Opfer untergekommen, das mit der Täterseite sprechen und das mit diesem Gespräch den persönlichen Fall zu den Akten legen will.
Dass die Kirche ihre Geschichte erfährt, darum brauchen Sie sich, Herr Ackermann, nicht zu sorgen. Immer mehr Opfer werden schon dafür sorgen, dass Ihnen die Schandtaten immer wieder vorgehalten werden.
Wir messen Ihre Aufrichtigkeit und den Willen zur Aufarbeitung nur noch daran, ob Sie Wiedergutmachungen leisten. Darunter verstehen wir Entschädigungen und ein aktives Einsetzen an vorderster Front für die Abschaffung der Verjährungfrist bei sexuellen Übergriffen an Kindern und Jugendlichen.
Wollen Sie auch nur noch ein bisschen Glaubwürdigkeit zurück erobern, so richten Sie gemeinsam mit der Evangelischen Kirche umgehend einen Opferfonds ein, aus dem dringende soziale und therapeutische Maßnahmen bezahlt werden. Des weiteren verschanzen Sie sich nicht weiter hinter dem Runden Tisch Heimkinder. Ihre Vertreter beenden endlich die Versuche, das Thema Entschädigung zu torpedieren. Nicht zuletzt sind die Kirchen aufgefordert, endlich ehrlich mit den Heimopfern umzugehen.
Mit freundlichen Grüßen
Helmut Jacob
15. März 2010