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Internet: Rund ums Internet

Leserbriefschreiber

Die Vermehrung einer interessanten Spezies mithilfe des Internets

Damit ging es auch!
Damit ging es auch!
Gleich am Anfang muß ich es zugeben: ich bin vorbelastet. Ob erblich bzw. genetisch oder so weiß ich nicht, aber familiär auf jeden Fall. Nicht daß ich das jetzt schlimm fände, nein, ich wollte es einfach nur mal sagen. Zumal es zum Thema gehört. - Vorbelastet bin ich, weil ich aus einer langen Ahnenreihe von Leserbriefschreibern, Streithanseln und Besserwissern abstamme. Allerdings bin ich der erste in der Familie, der dazu auch das Internet nutzen konnte... - vorher gab es eben nur eine mechanische Schreibmaschine, die ich als Erbstück heute noch in meinem Besitz habe und in Ehren halte. Eine ähnliche wie die hier im Bild, ich war nur zu faul, die Kamera zu holen; denn ich will ja schreiben und nicht fotografieren.

Der von mir verehrte Hanns Dieter Hüsch, leider viel zu früh verstorben, den ich liebend gerne auf langen Autobahnfahrten höre und mitspreche, mitsinge und deklamiere - die meisten seiner Texte kann ich tatsächlich auswendig - hat bekanntlich einmal in einem seiner Stücke - es war das "Neue Programm", das ich mehrmals live erlebt habe, nämlich in Münster, in Oberhausen und in Köln - gesagt: "Leserbriefschreiber sollen ja morgens um sechs schon kerzengerade in ihren Betten sitzen und Leserbriefe schreiben - doch, ja ja..."

Ein wirklich fleißiger Beamter!
Ein wirklich fleißiger Beamter!
Was so nicht ganz stimmen kann, aber er hat es ja auch als satirische Verfremdung und Übertreibung gemeint; damals kannte man das Wort Gutmensch nämlich noch nicht. Leserbriefschreiber sind jedoch - wie manche Menschen annehmen - aus diesem Holz geschnitzt, sie sind Idealisten, Gutmenschen, Weltverbesserer; Menschen mit "vision & mission". Oder? - Sind es aber vielleicht nicht eher Rechthaber, Blockwarte, Querulanten, Hausmeistertypen, Stalker, Mobber, Spammer? Also Typen, die oft nicht einmal richtig Deutsch gelernt haben, dann aber dem Redakteur Flötentöne beibringen oder gar den Marsch blasen wollen. Stimmt das nicht eher?

Natürlich nicht, es gibt auch bei dieser Gruppe, wie so oft, solche und solche. Übrigens aus allen Schichten der Bevölkerung, z.B. sind unter ihnen auch brave Beamte: "Weltrekordhalter im Leserbriefschreiben ist laut Guinness-Buch der Rekorde 2002 der damals 32-jährige Justizbeamte Leif Boysen aus Flensburg: Seit 1982 hatten ca. 100 verschiedenen Publikationen über 2000 seiner Briefe gedruckt." Was eigentlich nicht so besonders viel ist, doch wir lernen:

  • Leif Boysen hat mit 12 Jahren seine Karriere als Leserbriefschreiber begonnen - ein sehr löbliches Hobby! Besser als Ballerspiele!
  • Er hat in 20 Jahren 2.000 Briefe veröffentlichen können (also hundert pro Jahr oder zehn pro Monat, wenn man ihn auch mal im Urlaub wähnt... - leider wissen wir nicht, wieviel Prozent seiner Werke das darstellt, denn es werden nicht alle veröffentlichst worden sein...
  • Man muß streuen, denn keine Zeitung würde so viele Beiträge von einer Person im genannten Zeitraum veröffentlichen...

Da wir nicht wissen - und eigentlich auch gar nicht wissen wollen - wie unser fleißiger Leif als Justizbeamter das eigentlich bewerkstelligt hat - vielleicht war er ja Wärter in der Strafvollzugsanstalt und hatte viel Zeit und Muße während der Nachtschicht? - kommen wir wieder zum Thema: Leserbriefschreiben. Mittlerweile wurde das ja etwas umgewandelt, man schreibt jetzt seinen eigenen Blog, macht seine eigene Homepage, ist gar ein echter Bürgerjournalist. Warum sollte man also Leserbriefe schreiben? Wenn man wie der "freie Philosoph" Bert S. seine Spam-Aktionen gegen das Bundesverfassungsgericht per Internet viel besser verkaufen kann? Oder wenn man wie Rainer K. die Leserbriefe - auch Kommentare - auf anderen Plattformen nur nutzt, um Werbung für verquaste politische Absurditäten auf der eigenen Homepage zu machen? Genau wie der angebliche Priester, der seinen rechthaberischen "Kirche zum Mitreden"-Kampf gegen die vatikanischen Windmühlenflügel führt, wobei er Logik und Überzeugungskraft gegen infantilen Trotz und sedisvakantisitische Logikfreiheit eintauscht? Auch schön der angeblich liebevolle Vater, der angeblich als akira-drago-Samurai in Japan aufgezogen wurde, nun aber als Langzeitarbeitsloser seine Schwarzarbeit durch Hartz IV aufstockt... - alles natürlich mit sinnfreier, aber reichhaltiger Schaffenstätigkeit im Web...

Henry Alfred Kissinger
Henry Alfred Kissinger
So gesehen ist das Leserbriefschreiben also auf den Hund gekommen. Da lobe ich mir doch meinen Großvater, der heute 112 Jahre alt geworden wäre. Denn der hat nicht nur amerikanische, französische, englische und israelische Zeitungen gelesen außer den deutschen, sondern dann auch mit der erwähnten mechanischen Schreibmaschine fleißig den Redaktionen feedback gegeben, manchmal auch Zunder. - Doch nicht genug: selbstverständlich hat er auch direkt mit Charles de Gaulle, Konrad Adenauer, Ludwig Erhardt, Willy Brandt, Golda Meir und Henry Kissinger korrespondiert, und ihnen seine - gegebenenfalls von deren Ansicht abweichende - politische Meinung nahezubringen. Was im letzten Fall natürlich einfach war, da er den kleinen Heinz Alfred Kissinger aus der Nachbarschaft kannte, als dieser und mein Großvater noch in Deutschland lebten... - und mein Vater, nur wenig jünger als der kleine Heinz Alfred Kissinger, mit diesem im fränkischen Fürth im Sandkasten spielte. - Doch auch den anderen genannten Politikern hat er höflich, aber deutlich seine Sichtweise kommuniziert... - ob dies Einfluß auf deren jeweilige Politik hatte, entzieht sich meiner Kenntnis, aber da - nach einer gern zitierten esoterischen "Weisheit" - ja auch der Flügelschlag eines Schmetterlings das Universum beeinflußt, hat mein Großvater logischerweise die Weltpolitik und die der Bundesrepublik verantwortlich mitgestaltet (sowie sein Enkel die israelische Siedlungspolitik ebenso wie die OZ24). - Besonders Norbert Blüm hatte mit seiner Rentenlüge "die Rennde iss sischer" unter meinem klarsichtigen, unbestechlichen und vor allem streitlustigen und kampferprobten Großvater heftig zu leiden.

Die Chuzpe, die man als Leserbriefschreiber braucht, hat übrigens sein Vater, also mein Urgroßvater, auch schon an den Tag gelegt. Der nämlich hatte sich seinerzeit bei einem süddeutschen Fürsten beworben, als Buchhalter und Verwalter des fürstlichen Rechnungswesens; jener Fürst machte u.a. in Bier, Holz, Wein und Viehzucht, Geld floß also reichlich, damals ohne EU im 19. Jahrhundert. Man wurde sich bald handelseinig, der Urahn bekam den Posten. Zum Abschluß regelte man die Details (Dienstwagen, Boni und Pension wären das heute), und der Fürst fragte abschließend, welchen Titel man denn gerne haben wollte. Die Antwort meines Urgroßvaters ist überliefert mit: "Euer Durchlaucht, auf Titel und Ehrenzeichen wird weniger Wert gelegt, mehr denn auf eine anständige Bezahlung." Sauber! Gut gegeben!

Ist eine solche Haltung nicht sympathischer als dieses ganze Gefasel im Internet?

  • Bildnachweis:
  • Continental Reiseschreibmaschine, via Wikipedia. Description Italiano: Andrate. provincia di Torino (Piemonte, Italia) - Museo di cultura contadina, Date 16 October 2008. Source: nostra fotografia. Author: Twice25 & Rinina25. Permission (Reusing this file): Own work, attribution required (Multi-license with GFDL and Creative Commons CC-BY 2.5)
  • Screenshot von Wikipedia "Leserbrief", in NVU grafisch verändert
  • Henry A. Kissinger, U.S. Secretary of State, September 22, 1973 to January 20, 1977, public domain via Wikipedia

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Schlüsselwörter: Leserbrief | FAZ | SZ | WELT | SPIEGEL | Henry Kissinger | Fürth | Titel | no ranks no titles | Zivilcourage
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Kommentare

357
am 08.03.2010 15:09:35 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
Ein amüsantes Interview mit dem Rekordhalter aus Flensburg gibt es in der BZ: http://www.berlin...index.html

Und hier der Kommentar zum Kommentar: Weltrekordler sind die Plage des 21. Jahrhunderts
288
am 08.03.2010 18:22:16 (217.168.0.xxx) Link Kommentar melden
Vorbelastet bin ich, weil ich aus einer langen Ahnenreihe von Leserbriefschreibern, Streithanseln und Besserwissern abstamme.

jetzt wird mir vieles klar...Grin
266
am 08.03.2010 19:30:47 (95.222.194.xxx) Link Kommentar melden
@ Chaim
"Euer Durchlaucht, auf Titel und Ehrenzeichen wird weniger Wert gelegt, mehr denn auf eine anständige Bezahlung." Sauber! Gut gegeben!
Eine gute Grundhaltung, die sich in vielen modernen Firmen immer mehr durchsetzt: no ranks, no titles.
288
am 08.03.2010 23:40:56 (188.127.167.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von Argusauge am 15.03.2010 18:03:04.
357
am 09.03.2010 13:28:00 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
"Erster Fürstlicher Cassir" - jetzt weiß ich, woher der Familienname des deutschen jüdischen Philosophen Ernst Cassirer stammt! Eine amüsante Anekdote und ein augenzwinkernd selbstironischer Artikel, das gefällt mir.
349
am 30.01.2011 10:07:40 (212.227.103.xxx) Link Kommentar melden
Smile Habe diesen netten Artikel gerade beim Suchen nach "Rente" und "Blüm" gefunden. Eine sehr nette Geschichte zum Schmunzeln!

Warum sollte man also Leserbriefe schreiben? Wenn man wie der "freie Philosoph" Bert S. seine Spam-Aktionen gegen das Bundesverfassungsgericht per Internet viel besser verkaufen kann? Oder wenn man wie Rainer K. die Leserbriefe - auch Kommentare - auf anderen Plattformen nur nutzt, um Werbung für verquaste politische Absurditäten auf der eigenen Homepage zu machen?
Ja, stimmt, Leserbriefe in der alten Form sind nicht mehr so wichtig heute.

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