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Rechtschreibung

Was hat die Rechtschreibreform eigentlich gebracht?

Kalligrafie (Bibel 1407)
Kalligrafie (Bibel 1407)
"Wir sind das Volk!" - "Wir sind ein Volk!" Diese Parole ist bereits älter als die Rechtschreibreform von 1996, es gibt aber eine Brücke zwischen beiden Themen. Denn am 26. März 1998 gab es eine vom Deutschen Bundestag beschlossene Resolution unter dem Titel "Die Sprache gehört dem Volk". Es ist gut, dies zu wissen. Denn auch heute noch gibt es nicht nur viel Verunsicherung, was denn nun eigentlich "richtig" ist, sondern immer noch oder wieder Grabenkämpfe: die eine Zeitung schreibt wieder "daß", die andere der Reform entsprechend "dass". Doch die Sprache und damit auch die Schrift gehört dem Volk, also kann das Volk auch selbst darüber entscheiden, jeder für sich. Es gibt kein Gesetz, das private Schreibweisen verbietet oder unter Strafe stellt.

Den wenigsten Betroffenen ist vermutlich bekannt, daß/dass sie daher in jedem Fall schreiben können, wie und was sie wollen, es gibt in Deutschland - anders als zum Beispiel in Frankreich - keine staatlich verordnete Verbindlichkeit zu diesem Punkt. Lediglich diejenigen, die zum Staat in einem besonderen Rechtsverhältnis stehen, können per Verwaltungsvorschrift durch diesen Staat zu einer bestimmten Schreibweise verpflichtet werden: Beamte, Richter, Soldaten, Studenten, Schüler. Nur für diesen Personenkreis ist die jeweilige Rechtschreibung einschließlich reformierter Regeln durch Verwaltungsvorschrift bindend. Letztlich ist das nichts anderes als corporate design als Element einer corporate identity, wie wir sie auch aus Unternehmen kennen. Ein Unternehmen kann auch festlegen und von seinen Beschäftigten die Einhaltung verlangen, daß/dass diese z.B. die radikale Kleinschreibung oder eine bestimmte Sprachform verwenden wie KundInnen oder KollegInnen. So wie es auch festlegen kann, ob die Mitarbeiter Dienstkleidung tragen oder ob sie sich alle mit Du/du ansprechen müssen. All dies hat aber nichts zu tun mit richtig oder falsch, denn das gibt es weder in der Sprache noch in der Schreibweise. Es ist alles nur Konvention, und letztlich zählt nur die Verständlichkeit. Die Ästhetik ist bei Gebrauchstexten sicher nicht das wichtigste Kriterium.

Die Wellen schlugen hoch: die Rechtschreibreform schien unglaublich wichtig zu sein, im Streit darüber wurden mehr oder weniger sinnvolle Argumente ausgetauscht. Es sei leichter zu lernen, es sei logischer, es sei für Ausländer einfacher. Aus unserer Sicht - die Textschmiede ist ein Dienstleister und bietet, ganz nach Wunsch, sowohl die alte als auch die neue Rechtschreibung an - sind das Scheinargumente. Hätte man die deutsche Schreibweise für Nichtdeutsche leichter zugänglich machen wollen, hätte man das scharfe s (sz) ganz abschaffen können. So aber wurden nur neue Sonderregeln geschaffen, die noch verwirrender sind. Leichter geworden ist nichts, und leid tun/Leid tun können einem die Lehrer und die Schüler, die in der Übergangsphase beide Versionen lernen und beherrschen mußten/mussten.

Daß/dass die Reform bei weitem nicht den gewünschten oder behaupteten Erleichterungseffekt hat, diese Erkenntnis ist mittlerweile bereits zum Witz geworden. Frage: "Wieviele/wie viele Rechtschreibungen gibt es?" Antwort: "Drei! Die alte, die neue und meine."

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Schlüsselwörter: Rechtschreibreform | Orthografie | Orthographie | Institut für Deutsche Sprache | Kultusministerkonferenz | KMK | Resolution | Die Sprache gehört dem Volk

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Kommentare

334
am 22.02.2010 11:12:56 (80.187.102.xxx) Link Kommentar melden
Ich verstehe die Rechtschreibreform sowieso nicht. Das war doch blinder Aktionismus. Die deutsche Sprache lebt und ändert sich auch ohne willkürliche Eingriffe.
357
am 04.03.2010 15:21:47 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
Viele Journalisten und Buchautoren schreiben mittlerweile "irgendwas" oder "irgendwie", soweit es die Rechtschreibung betrifft, weil es ja dann im Verlag nach den dortigen Regeln korrigiert wird. Der eine Verlag nach der alten Rechtschreibung, der andere nach der neuen. Ideal ist dies Entwicklung aber nicht, weil die Entwicklung des Sprachgefühls leidet. Immerhin ist doch die Sprache eines der Elemente, die ein Volk verbinden.
Ulrich Kraus
am 05.03.2010 16:17:11 (84.150.248.xxx) Link Kommentar melden
Noch immer gibt es Verlage, welche sich nach dem Wunsch des Autors richten, z.B. hat ein bekannter Autor frühere Werke überarbeitet und schrieb mir "...aber ich behielt die bewährte Rechtschreibung bei, sowohl aus Gewohnheit als auch aus Prinzip. (Govinda-Verlag). Auch in seinen neueren finde ich (zumindest im Klappentext) diese "bewährte Rechtschreibung". Ein anderes Beispiel ist der Manufactum-Katalog. - Doch leider sitzt in diesem Boot auch die Rechte Szene, weshalb man vielleicht schon aufpassen muß, dieser zugeordnet zu werden.

Verlage, welche einem Autor die NRS aufzwingen wollen, handeln ja eigentlich im Gegensatz zu dem im Hauptbeitrag erwähnten Beschluß des Bundestages, doch was will ein Autor machen, wenn der Verlag die Veröffentlichung ansonsten verweigert, dafür aber fadenscheinige Gründe vorschiebt?

So entstand mehr und mehr die Praxis des oben genannten "irgendwie und irgendwas Schreibens", das tatsächlich zum Schaden der Sprache geführt hat, insbesondere durch die erwähnte Zerstückelung von zusammengesetzten Begriffen wie weit reichend, die dann z.B. in den Nachrichten dann auch so zu hören sind. Doch, wie offenbar die wenigsten wissen, wurde weitreichend in die Reglungen später wiederaufgenommen, warum also nicht so schreiben?

Daher plädiere ich ja an jene, die sich anpassen wollen oder müssen, es bei den stellvertretend genannten dass und muss zu belassen, und damit immerhin die Sprache nicht noch weiter zu schädigen. Maßgeblich muß sein, auf welchem der beiden Wörter die Betonung liegt, damit der Sinn eindeutig bleibt bzw. wieder wird, und wo Sprechpausen sind.

Zu vermeiden (aber ständig zu finden) wären demnach z.B. wie sich heraus stellte, das kann man nach empfinden, ein fest gefressener Kolben, sich etwas weg denken, ebenso ein Atem beraubender Eindruck oder ein voll gelaufener Tank. Und wenn man liest von einem fern gesteuerten Modell oder ob jetzt alles klar geht, fragt man sich wirklich, ob der Verfasser überhaupt noch richtig sprechen kann (alles tatsächliche Fundsachen...).

Am schlimmsten ist es der Straße oder den Grüßen ergangen (auch wenn sich dies in der Sprache nicht auswirkt): Mehr oder minder interessehalber (oder Interesse halber?) habe ich beim KOSMOS-Verlag nachgefragt, der ja vorzugsweise für Kinder und Jugendliche die bekannten Bausätze herstellt; dort findet man unter Physik: "Was hat die Passstrasse über den St. Gotthardt mit einer Schiefen Ebene zu tun?", und fragte, ob man so etwas Kindern vorsetzen solle, die daraus ja etwas für ihr Diktat "lernen". Die Antwort war: "Hans macht Rechtschreibflames und hat deshalb keine Freunde. Möchtest du so sein wie Hans?" Wenn ich das richtig interpretiere, bedeutet es also Krieg, sich gegen die Verlotterung der Schrift zu wehren, selbst wenn damit Kinder zu Schreibfehlern motiviert werden.

Alles scheint egal geworden zu sein, von fehlenden Kommas (Kommatas) will ich nicht nochmal reden, die Rechtschreibung ist im Grunde nur ein kleiner Teil der Vergröberung unserer Kommunikationsmittel, immerhin ein symptomatischer. Aber wenn sich die verordnete Rechtschreibung letztlich nach dem Schreibgebrauch richtet (was sie immer getan hat), so könnte sich die Unterscheidung zwischen ß und ss auf Dauer kaum halten oder zumindest als weitere Variante deklariert werden. Doch was ist, wenn wir dann unser Bier in Massen trinken? Gerne würde ich den Leser wissen lassen, was ich damit meine, also können Schweizer diesen Satz gar nicht schreiben (aber Schawan sagte ja, alles ergebe sich "aus dem Zusammenhang"...).

Die Rechtschreibreform wurde wohl zum größten Fehlgriff der vereinigten Kultusminister im 20. Jahrhundert - vom G8-Spektakel einmal abgesehen, das ja lediglich als Sparmaßnahme diente (ein Jahr früher arbeiten, Lehrer und Klassenzimmer einsparen usw.). Und wer zahlt dafür, wer zahlt für die Bankenkrise?

Gerade weil die Anwort darauf bekannt ist, halte ich den Hinweis für wichtig, daß z.B. kein Lehrer etwas gegen eine in ihrer Mehrheit aufmüpfige Klassengemeinschaft ausrichten kann (leider). Ebensowenig kann ein Staat etwas ausrichten gegen die geschlossene Mehrheit seiner Bürger, wenn sie tatsächlich geschlossen handelt (Gottseidank, sh. Wiedervereinigung). Und deshalb ist die Rechtschreibreform für mich zum warnenden Zeichen einer nicht-gelebten Demokratie geworden, so unwesentlich kulturelle Aspekte im Mainstream auch sein mögen. Daher würde ich als Autor lieber einen anderen Verlag suchen oder es im Selbstverlag herausbringen, was in Zeiten des Internets ja bedeutend einfacher geworden ist, bevor ich mich vergewaltigen lasse. In schlechter Gesellschaft wäre ich damit ja nicht.
357
am 05.03.2010 17:04:58 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
Das kann ich alles unterschreiben. Smile
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