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"Kommentare schreiben" - eine kleine Anleitung für Anfänger (2)

Wie man sein Ziel erreicht, ohne den Leser vor den Kopf zu stoßen
19.04.2010 11:57:13 eingesandt von Chaim für OnlineZeitung 24.de

Geschwindigkeit ist nicht alles...
Geschwindigkeit ist nicht alles...
Reflect before you act! - Diese Warnung sollte eigentlich jedesmal eingeblendet werden, wenn der Mauszeiger den Sende-Button auf dem Monitor berührt... - denn was gesendet ist, ist weg. Was gesprochen ist, ist gehört. Solche Äußerungen lassen sich nachträglich nie mehr aus der Welt schaffen. Wenn so etwas im Internet geschieht, kann dies unübersehbare Folgen haben... - bis man den Moderator erreicht hat und ihn um Korrektur oder Löschung des eigenen Beitrags bittet, können bereits Hunderte von Lesern die Botschaft aufgenommen, per screenshot dokumentiert und weiterverbreitet haben.

Bevor man einen Kommentar schreibt, ist es also durchaus empfehlenswert zu überlegen, welche Grenzen der Meinungsfreiheit zu beachten sind, und was man eigentlich damit erreichen möchte, daß man kommentiert. Denn die Ziele des Kommentars können ja ganz unterschiedlich sein. Sie können schwerpunktmäßig auf der Sachebene liegen, sie können aber auch fokussiert die Gefühle ansprechen oder eine Beziehung thematisieren: man merkt letzteres dann daran, daß der Kommentator „persönlich“ wird. Für den unbeteiligten oder lediglich neugierigen Leser ist das meist unverständlich, peinlich oder sogar ärgerlich. Denn vielleicht ist er am Sachthema interessiert, nicht jedoch an einem rhetorischen Muskelspiel oder einem (pseudo-)intellektuellen Hahnenkampf.

Das Wesen des Kommentars ist die nachvollziehbare, begründete und logisch aufgebaute subjektive Meinung zu einer Sache, einer Person, zu einer formulierten Problemstellung, zu einer Theorie oder zu einer These. Beliebt als Aufhänger sind selbstverständlich auch politische, kulturelle oder sportliche Ereignisse. - Möglich sind - unter anderem - folgende Absichten und Motive bei einem Kommentar (die „Spielchen“ auf der Beziehungsebene bleiben bei der Aufzählung jetzt bewußt außer Betracht):

Die leicht mögliche Umlenkung des eigentlich zu kommentierenden Themas ist durchaus ambivalent. In der Regel wird sie als negativ empfunden, wenn der Kommentator - subtil und subversiv - den kommentierten Text lediglich parasitär benutzt, wie ein Virus, um auf sein Thema - meist haben solche Menschen wirklich nur eines -, beispielshalber das ominöse „Zitiergebot“, eine dubiose „Kernsanierung“ oder die angebliche „Illegalität“ der Bundesrepublik umzulenken. Als positiv wahrnehmbar erscheint es dagegen, wenn eine so plazierte Botschaft für sich genommen stringent und konsistent wirkt. In diesem Sinn hat der damalige Bundesaußenminister Genscher einmal geäußert: „Es gibt Dinge, die trage ich grundsätzlich vor, auch wenn ich nicht danach gefragt werde“.

Ein guter Vorsatz!
Ein guter Vorsatz!
Es versteht sich von selbst, daß gerade politische Themen immer zu einer Kontroverse führen; das ist nicht nur unvermeidbar, sondern eigentlich ja auch der Sinn der Sache. Das Kontroverse ist konstitutiver Bestandteil des Politischen. Aus demselben Grund ist es relativ sinnfrei, über religiöse oder weltanschauliche Fragen diskutieren oder die darin begründeten Auffassungen anderer kommentieren zu wollen; das artet üblicherweise in rhetorisch eher flaches „Geholze“ und in destruktive Scharmützel aus. Alles, was bei weltanschaulichen oder religiösen Fragen über eine reine Sachfrage oder einen persönlichen Standpunkt bzw. eine subjektive Wertung hinausgeht, wird erfahrungsgemäß problematisch.

Der Kommentar soll den Leser idealerweise zum eigen Denken anregen und sie mit zusätzlichen Informationen und Impulsen versorgen. Dazu können ein eigener, unverwechselbarer Stil ebenso beitragen wie grundlegende stilistische Elemente:

Was ebenfalls immer hilft - und auch dies wiederum mildert die eventuell überschäumende spontane Erstreaktion - ist das Korrekturlesen. Gerade bei Foren, die keine Korrekturmöglichkeit bieten, ist diese eingebaute „Bremse“ durchaus zu empfehlen. Es kommt nicht immer darauf an, daß ein Kommentar so schnell wie möglich abgesetzt wird; wichtig ist, daß er überhaupt beigesteuert werden kann. Eine gewisse „Entschleunigung“ hat hier also ihre ganz eigenen Vorteile:

So schnell wie möglich, so langsam wie nötig.

  • "Schneller" by Rainer Sturm via Pixelio
  • screenshot von "Die Simpsons"
  • Das Genscherzitat ist persönlichen Aufzeichnungen bzw Dokumentationen entnommen.

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