
Wir können diese Frage aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, es gibt für uns heute - dank der Informationsgesellschaft - dazu juristische, medizinische, soziale, gesellschaftliche, ästhetische und psychologische Aspekte, Kommentare, Positionen, Meinungen. Neben den - bei Fragen der Weltanschauung üblichen - intoleranten und missionarischen hardlinern auf beiden Seiten gibt es ein sich veränderndes Bewußtsein und sich wandelnde gesellschaftliche Regelungen. Das Pendel schlägt gelegentlich um, derzeit werden die Raucher etwa so diskriminiert, wie die Nichtraucher vor einigen Jahrzehnten in ihren Rechten, Wünschen und Ansprüchen mißachtet wurden. Es ist also an der Zeit, eine distanzierte kritische Bestandsaufnahme zu wagen. Dies übrigens unter der Prämisse: auch Raucher sind Menschen (den Nichtrauchern gesagt), und es sind ebenfalls die Nichtraucher Menschen (dies den Rauchern gesagt). Der Rest regelt sich automatisch und völlig unkompliziert über Respekt und Höflichkeit.
Ich gebe es zu: ja, ich rauche. Sehr selten zwar und nur Pfeife sowie leichte Zigarillos, niemals jedoch Zigaretten - jedenfalls nicht mehr nach den üblichen ersten Versuchen zwischen dem zwölften und sechzehnten Lebensjahr, heute fängt das wohl schon bei Achtjährigen an... Damals versuchte ich einen Lungenzug und mußte so schrecklich husten, daß es für immer dabei blieb: ich kann Rauch nicht inhalieren. Tut mir leid, ich kann es einfach nicht, und werde es wohl auch nie lernen, man muß zu seinen Fehlern stehen und seine Grenzen akzeptieren. Es war der erste Lungenzug und blieb der letzte. Also habe ich damals mit den Kumpels auf der Bank gehockt und gepafft, mehr war nicht drin. Aber diese Phase ging auch vorbei. Danach spielte Tabak nie eine wesentliche Rolle in meinem Leben. Ich gebe weiterhin zu: Zigarettenrauch mag ich gar nicht. Zigarrenrauch schon eher, Pfeifentabak ist ein olfaktorischer Genuß - für mich. Mein Weib sieht das auch so, sonst hätte ich schon lange damit aufgehört. Sie wünscht sogar gelegentlich an meiner Pfeife zu nuckeln, wenn ich einen besonders leckeren Pfeifentabak gewählt habe...

Ethik ist aber mehr als Knigge. Ethik bezieht sich auf die praktische Frage der Begründung des Handelns, während Knigge lediglich Konventionen formuliert, nicht so sehr deren Begründung in den Mittelpunkt stellt - die Begründung bei Knigge ist letztlich immer nur die eine: den Umgang der Menschen untereinander reibungsloser zu gestalten.
Ethik als philosophia moralis, als Philosophie der Moral, des menschlichen Handelns also; ich beschränke die Ethik in dieser Betrachtung allein auf die Frage, ob es in Bezug auf den Raucher selbst ethisch oder moralisch gut sei, zu rauchen - es geht als nicht um das Passivrauchen, um Höflichkeit oder Rücksichtnahme auf andere Menschen. Es geht darum, ob es - im sokratischen Sinn - für einen selbst gut ist, daß oder wenn man raucht. Eine weitere Einschränkung mache ich dadurch, daß ich hier ausschließlich und nur als Beispiel die Entwicklung der jüdischen Ethik zu dieser Fragestellung beleuchte, so brauchen sich also Nichtjuden in keiner Weise angesprochen oder gemaßregelt zu fühlen. Es geht eigentlich nur um die Frage, wie und wodurch ausgelöst sich Bewertungsmaßstäbe verändern. Es geht darum, wie man sich dem Thema in friedlicher Weise nähern kann: durch ein staunendes Wahrnehmen der Entwicklung von Urteilen.
Als Quellen für die Formulierung ethischer Maximen kommen im jüdischen Denken und Handeln folgende Quellen in Betracht:
Wenn man die jüdischen Quellen chronologisch studiert, so bemerkt man recht bald die Veränderung des Urteils: galt zunächst das Rauchen von Tabak als positiv, unter dem Aspekt der Förderung von Genuß und Lebensfreude, wurde mit beginnender Kenntnis der möglichen Schädigungen es jedem Juden freigestellt, also eher neutral gesehen. Mittlerweile jedoch gilt das Rauchen als Schädigung des Körpers - nicht zuletzt aufgrund der erwiesenen Gefahr durch das Rauchen in Bezug auf Herz- und Kreislauferkrankungen sowie wegen der Belastung von Lungen, Bronchien und Schleimhäuten. Prägnant zusammengefaßt: aus einem Gebot wurde ein Verbot.
Das ist eine Tradition des Judentums, daß die Auslegung der Torah und der Pflichten immer auch im Licht des fortschreitenden Wissens und der wissenschaftlichen Erkenntnis weiterentwickelt wird. Daher ist auch die Auslegung jahrtausendealter Texte kein Widerspruch zu modernem Denken oder zu aktuelle Fragestellungen. Die Frage "Rauchen - verboten oder erlaubt?" ist nur ein Beispiel von vielen zur Aktualisierung und zur Aktualität des jüdischen Rechts, denn auch solche Fragen wie Steinigung (abgeschafft), Todesstrafe (abgeschafft) oder Polygamie (abgeschafft) haben sich im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende verändert - sie waren nämlich Auslegung, nicht Gesetz. Daß die Auslegungen verändert wurden, macht sie übrigens nicht rückwirkend falsch. Das Gleiche ist nicht dasselbe.

Weiterhin wäre übrigens auch die Frage zu klären, ob es in seelischer Hinsicht nicht auch krank macht, auf ein Genußmittel, das einem lieb und teuer ist - wie die Tasse Kaffee am Morgen - generell und ohne jede Ausnahme zu verzichten.
Doch wen das alles betrifft und vor allem bewegt, der wird ohnehin seinen Rabbi fragen.