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Sonstiges: Gesundheit

Rauchen - aus ethischer Sicht erlaubt?

Ein Beispiel zur Aktualisierung und zur Aktualität des jüdischen Rechts

Paul Cézanne, Mann mit der Pfeife
Paul Cézanne, Mann mit der Pfeife
Darf man rauchen? Soll man rauchen? Muß man rauchen? - Oder ist es verboten? Wenn ja, warum und durch wen? Ist Rauchen überhaupt eine ethische Frage? Wer definiert die Grenze zwischen persönlicher Freiheit*) und Belästigung oder gar Schädigung anderer? Wer entscheidet worüber?

Wir können diese Frage aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, es gibt für uns heute - dank der Informationsgesellschaft - dazu juristische, medizinische, soziale, gesellschaftliche, ästhetische und psychologische Aspekte, Kommentare, Positionen, Meinungen. Neben den - bei Fragen der Weltanschauung üblichen - intoleranten und missionarischen hardlinern auf beiden Seiten gibt es ein sich veränderndes Bewußtsein und sich wandelnde gesellschaftliche Regelungen. Das Pendel schlägt gelegentlich um, derzeit werden die Raucher etwa so diskriminiert, wie die Nichtraucher vor einigen Jahrzehnten in ihren Rechten, Wünschen und Ansprüchen mißachtet wurden. Es ist also an der Zeit, eine distanzierte kritische Bestandsaufnahme zu wagen. Dies übrigens unter der Prämisse: auch Raucher sind Menschen (den Nichtrauchern gesagt), und es sind ebenfalls die Nichtraucher Menschen (dies den Rauchern gesagt). Der Rest regelt sich automatisch und völlig unkompliziert über Respekt und Höflichkeit.

*) Freud läßt grüßen, denn als ich den Artikel begonnen habe und diesen Satz schrieb, tippte ich Freuheit statt Freiheit; nun liegt das u auf der Tastatur neben dem i, aber manchmal sollte man sich selber nicht über den Weg trauen... - ich glaube eher, ich Freu-te mich einfach unter- oder vorbewußt auf meine gelegentliche nachmittägliche Tabakspfeife, vor Beginn des Schabbat, an dem ich nie rauche...

Ich gebe es zu: ja, ich rauche. Sehr selten zwar und nur Pfeife sowie leichte Zigarillos, niemals jedoch Zigaretten - jedenfalls nicht mehr nach den üblichen ersten Versuchen zwischen dem zwölften und sechzehnten Lebensjahr, heute fängt das wohl schon bei Achtjährigen an... Damals versuchte ich einen Lungenzug und mußte so schrecklich husten, daß es für immer dabei blieb: ich kann Rauch nicht inhalieren. Tut mir leid, ich kann es einfach nicht, und werde es wohl auch nie lernen, man muß zu seinen Fehlern stehen und seine Grenzen akzeptieren. Es war der erste Lungenzug und blieb der letzte. Also habe ich damals mit den Kumpels auf der Bank gehockt und gepafft, mehr war nicht drin. Aber diese Phase ging auch vorbei. Danach spielte Tabak nie eine wesentliche Rolle in meinem Leben. Ich gebe weiterhin zu: Zigarettenrauch mag ich gar nicht. Zigarrenrauch schon eher, Pfeifentabak ist ein olfaktorischer Genuß - für mich. Mein Weib sieht das auch so, sonst hätte ich schon lange damit aufgehört. Sie wünscht sogar gelegentlich an meiner Pfeife zu nuckeln, wenn ich einen besonders leckeren Pfeifentabak gewählt habe...

Zigarettenstummel, Wikipedia, p.d.
Zigarettenstummel, Wikipedia, p.d.
Nun aber zur Frage der Ethik. Fangen wir mit Knigge an, der hat ja einiges an Äußerungen dazu getan, die inzwischen auch angepaßt wurden an die Entwicklungen, an das erweiterte Wissen um die Gefahren des Rauchens. Selbstverständlich gehört es sich nicht, an einem Tisch oder in einem Raum zu rauchen, in dem andere essen, oder in dem Kinder oder gar Säuglinge sind - unabhängig von gesetzlichen Regelungen bedarf das eigentlich keiner Erwähnung. Doch vor einigen Jahren war das noch gar nicht so sehr in den Köpfen verankert, ich habe es mehrfach erlebt, wie ein Tischgenosse sich seine Verdauungszigarette anzündete mit den Worten: "Lassen Sie nur, es stört mich nicht, wenn Sie weiteressen, während ich rauche..." - Nun, diese Zeiten sind ja offenbar vorbei. Auch hierin, in den Konventionen, spiegelt sich gelegentlich Ethik und Moral. Die Freiheit endet dort, wo die Freiheit eines anderen verletzt wird, was Du nicht willst daß man Dir tu', das füg' auch keinem anderen zu... - man raucht nicht in der Gegenwart anderer Menschen, die das stört.

Ethik ist aber mehr als Knigge. Ethik bezieht sich auf die praktische Frage der Begründung des Handelns, während Knigge lediglich Konventionen formuliert, nicht so sehr deren Begründung in den Mittelpunkt stellt - die Begründung bei Knigge ist letztlich immer nur die eine: den Umgang der Menschen untereinander reibungsloser zu gestalten.

Ethik als philosophia moralis, als Philosophie der Moral, des menschlichen Handelns also; ich beschränke die Ethik in dieser Betrachtung allein auf die Frage, ob es in Bezug auf den Raucher selbst ethisch oder moralisch gut sei, zu rauchen - es geht als nicht um das Passivrauchen, um Höflichkeit oder Rücksichtnahme auf andere Menschen. Es geht darum, ob es - im sokratischen Sinn - für einen selbst gut ist, daß oder wenn man raucht. Eine weitere Einschränkung mache ich dadurch, daß ich hier ausschließlich und nur als Beispiel die Entwicklung der jüdischen Ethik zu dieser Fragestellung beleuchte, so brauchen sich also Nichtjuden in keiner Weise angesprochen oder gemaßregelt zu fühlen. Es geht eigentlich nur um die Frage, wie und wodurch ausgelöst sich Bewertungsmaßstäbe verändern. Es geht darum, wie man sich dem Thema in friedlicher Weise nähern kann: durch ein staunendes Wahrnehmen der Entwicklung von Urteilen.

Als Quellen für die Formulierung ethischer Maximen kommen im jüdischen Denken und Handeln folgende Quellen in Betracht:

Wenn man die jüdischen Quellen chronologisch studiert, so bemerkt man recht bald die Veränderung des Urteils: galt zunächst das Rauchen von Tabak als positiv, unter dem Aspekt der Förderung von Genuß und Lebensfreude, wurde mit beginnender Kenntnis der möglichen Schädigungen es jedem Juden freigestellt, also eher neutral gesehen. Mittlerweile jedoch gilt das Rauchen als Schädigung des Körpers - nicht zuletzt aufgrund der erwiesenen Gefahr durch das Rauchen in Bezug auf Herz- und Kreislauferkrankungen sowie wegen der Belastung von Lungen, Bronchien und Schleimhäuten. Prägnant zusammengefaßt: aus einem Gebot wurde ein Verbot.

Das ist eine Tradition des Judentums, daß die Auslegung der Torah und der Pflichten immer auch im Licht des fortschreitenden Wissens und der wissenschaftlichen Erkenntnis weiterentwickelt wird. Daher ist auch die Auslegung jahrtausendealter Texte kein Widerspruch zu modernem Denken oder zu aktuelle Fragestellungen. Die Frage "Rauchen - verboten oder erlaubt?" ist nur ein Beispiel von vielen zur Aktualisierung und zur Aktualität des jüdischen Rechts, denn auch solche Fragen wie Steinigung (abgeschafft), Todesstrafe (abgeschafft) oder Polygamie (abgeschafft) haben sich im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende verändert - sie waren nämlich Auslegung, nicht Gesetz. Daß die Auslegungen verändert wurden, macht sie übrigens nicht rückwirkend falsch. Das Gleiche ist nicht dasselbe.

Verbotszeichen D-P001 nach DIN 4844-2
Verbotszeichen D-P001 nach DIN 4844-2
Aus den beiden letzten Quellen geht klar hervor, daß Rauchen, sofern es den Körper schädigt, für Juden verboten ist. Doch vermutlich ist es wie beim Alkohol oder bei anderen Genußgiften... - es kommt auch auf die Menge an, auf die Frage: ist es noch Genußmittel oder ist es schon Suchtmittel? Bin ich frei in meiner Entscheidung oder getrieben? Auch hier gibt es zum Beispiel auffällige Unterschiede zwischen inhalierenden Zigarettenrauchern und paffenden Pfeifenrauchern... - meine letzte Pfeife liegt eine Woche zurück, die davor sogar drei Monate. Wie prüft man das, ob man aus freien Stücken, aus der Kraft des Entschlusses eine Handlung tut, ein Genußmittel - wohldosiert - zu sich nimmt? Dies läßt sich recht einfach prüfen: man verzichtet eine bestimmte, vorher definierte Zeit, man kennt das auch als Fasten. Fasten kann man aus jedem Anlaß und in Bezug auf alles: Alkohol, Koffein, Computer, Arbeit, Sex... - in der Reflexion darüber, wie man dieses Fasten erlebt, aushält, entsteht Gewißheit: ja, ich bin frei. Oder eben auch nicht, dann wird man weitersehen.

Weiterhin wäre übrigens auch die Frage zu klären, ob es in seelischer Hinsicht nicht auch krank macht, auf ein Genußmittel, das einem lieb und teuer ist - wie die Tasse Kaffee am Morgen - generell und ohne jede Ausnahme zu verzichten.

Doch wen das alles betrifft und vor allem bewegt, der wird ohnehin seinen Rabbi fragen.

  • Bildnachweis:
  • Paul Cézanne (1839-1906), Mann mit der Pfeife, via Wikipedia, public domain
  • Zigarettenstummel im Aschenbecher, Datum: 2006-04-13 , Urheber: NBN at de.wikipedia, Genehmigung (Weiterverwendung): This image is in the public domain
  • Rauchen verboten, Verbotszeichen D-P001 nach DIN 4844-2, via Wikipedia, public domain

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Schlüsselwörter: Rauchen | Nichtraucher | Rauchverbot | Genuß | Zigarre | Zigarette | Pfeife | Schadstoffe | Gesundheit | jüdische Ethik | rabbinische Entscheidungen | Halacha
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