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Schmied
Schmied
Ein guter Text muss geschmiedet werden. Das sagt sich so leicht und greift auf ein altes Bild zurück, das mehr als nur ein Berufsbild ist: das des Schmieds. Doch ein Schmied sein, das ist viel mehr als nur ein Beruf, es ist eine wahre Berufung, daher hat die Figur des Schmiedes die Mythen aller Völker beeinflusst und sie hat Literaten und Dichter aller Zeiten beflügelt. In den Mythen taucht er zum Beispiel auf als Hephaistos, Vulcanus oder Tubal-Kain, in Literatur sowie Volksmärchen als "Wieland der Schmied", und auch als "Der Schmied von Kochel" oder als "Der Schmied von Jüterbog". Der Schmied ist die wichtigste Symbolfigur, die das Feuer beherrscht, also das, wovor Tiere eine animalische Angst haben; der Schmied als Herrscher über das Feuer ist Ehrfurcht gebietend, bewunderungswürdig. Der Schmied ist ein Verwandlungskünstler: schon in der Bibel taucht das prophetisches Bild auf, dass Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden.

Der Schmied arbeitet an einem Material, je nachdem ist er damit dann Gold- oder Silberschmied. Er stellt verschiedene Dinge her, als Huf-, Waffen- oder Messerschmied. Er bearbeitet sein Ausgangsmaterial, das zunächst roh ist, er arbeitet mit Feuer und vor allem mit Kraft. Mit sehr viel Hitze und Feuer, mit unglaublicher Kraft. Der Schmied übt also Gewalt aus. Er muss alles beherrschen: sein Material, die Naturelemente, die Naturgewalt. Ebenso die Technik, die Art, wie man die Elemente einsetzt, den theoretische Überbau also. Außerdem selbstverständlich sein Handwerkszeug. Alles fließt hier somit zusammen, Theorie, Praxis, Übung, Handfertigkeit, Intuition, Erfahrung, Kreativität, Beherrschung und Kraft. Wenn der Rohling geschmiedet ist, muss er noch veredelt und gehärtet werden, anderes auch weich geglüht, je nach Anwendung; was hart ist, ist auch spröde, manchmal ist Härte gar nicht das wichtigste Ziel bei den Eigenschaften des Werkstücks. Manchmal muss ein Werkstück auch ruhen, damit die inneren Spannungen sich abbauen können, manches braucht Zeit; der Schmied kann hier gar nichts tun, er muss dem Element Metall einfach nur Zeit gönnen, Ruhezeit. Am Ende des Bearbeitungsprozesses stehen dann feinere Arbeiten wie das Produkt zu säubern, zu polieren und zu prüfen, ob die Maßhaltigkeit innerhalb der Toleranz liegt...

Ein Text entsteht nicht anders. Alles, was oben über den Schmied gesagt wurde, gilt ebenso für den Autor. Auch er arbeitet mit roher Gewalt, er muss die Sprache wie auch das Chaos im Kopf bezwingen, er muss dazu auch Theorie und Praxis beherrschen, genau wie sein Handwerkszeug. Und am Ende muss er seinen Text ruhen lassen, darüber nachdenken, ihn nachbearbeiten, gegen den Strich bürsten und polieren. Nur dann wird der Text gut, sofern wir über mehr sprechen und falls wir höherwertige Texte meinen, nicht über einen Dreizeiler als e-mail oder eine Bestellung per Fax.

Doch was ist eigentlich dann eigentlich ein "guter" Text? Gibt es hierfür denn überhaupt objektive, also allgemein verbindliche Maßstäbe? Die Antwort fällt vielfältig aus und spiegelt die Position des Antwortenden, sie ist subjektiv. Aber lernen wir nicht in der Schule schon, dass es gute Texte gibt, beim Aufsatz zum Beispiel, und eben auch schlechte? Die einen bekommen als Note eine "eins", die anderen eine "fünf"? Ganz so einfach ist es nicht, denn zum einen werden hier mehrere Kriterien zusammen bewertet (Ausdruck, Rechtschreibung, Zeichensetzung usw.), und zum anderen bewerten bekanntlich Lehrer selbst wieder unterschiedlich: wo der eine den Aufsatz für "sehr gut" hält, gibt der andere Lehrer für denselben Aufsatz nur ein "befriedigend". In der Schule lernen und üben wir noch, hinterher, in der Praxis, zeigt sich die Qualität anders: in der Passung zu Adressat, zum Ziel des Textes und zur Bewährung im Kontext. Ein Kochrezept, mag es auch noch so gut sein und schmackhaft klingen, erleidet Schiffbruch, wenn es als Textbeitrag auf einer Tagung für Energiepolitik eingereicht wird. Ebenso ein Text, der in akademischer Sprache verfasst ist, aber Menschen erreichen soll, die kein Latein gelernt haben. Doch selbst wenn all das berücksichtigt wurde, der Text also Hand und Fuß hat, wird er dann scheitern, wenn der Inhalt, die Botschaft, die Aussage nicht zum Leser passt, das Produkt also nicht zum Kunden.

Machen wir dazu einmal einen Test: hat das folgende bekannte Lied einen "guten" Text?

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder. Geh doch in die Oberstadt, mach's wie deine Brüder...

so sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor. Er schlich aber immer wieder durch das Gartentor und in die Kaninchenställe, wo sie sechsundsechzig spielten um Tabak und Rattenfälle, Mädchen unter Röcke schielten, wo auf alten Bretterkisten Katzen in der Sonne dösten...

Weiter...

Nicht so einfach, hier die Frage der Qualität zu beurteilen, denn beim Lesen (oder Hören des Liedes) kommen völlig verschiedene Bewertungsebenen zum Zuge:

  • politische Standpunkte (Degenhardt als Kommunist)
  • gegebenenfalls, wenn man die Zeit kennt: die "Achtundsechziger"
  • Form (ist es gut gereimt)
  • der Inhalt ("gefällt" er?)
und dergleichen mehr...

Fazit: Wenn man schreiben will, sollte man nicht so sehr darauf achten, ob man damit allen Lesern gefällt; Leser haben auch eine Selbstverantwortung: man muss nicht alles lesen, und nicht alles, was einem nicht passt, muss man (ab)werten, vielleicht ist es ja für andere Leser bedeutsam. Der eine mag Zuckerwatte lieber, der andere Pumpernickel. So ist es bei Texten auch. Wichtig ist, dass man sich selbst im Klaren darüber ist, wozu der Text dient, welches Ziel man damit erreichen möchte. Eines sollte jedoch immer gegeben sein: man sollte selber mit seinem eigenen Text zufrieden sein, sich mit ihm identifizieren können. Das bezieht sich vor allem auf den Inhalt, den Spannungsbogen und den klaren, nachvollziehbaren Gedanken. Die Frage der Rechtschreibung wird hier meist viel zu hoch eingeschätzt, dafür gibt es Rechtschreibprogramme. Die Form ist zwar wichtig, aber der Inhalt ist das Entscheidende.

Viel Freude beim Lesen und Schreiben wünscht: "die Textschmiede!"

Überarbeitete Fassung eines ursprünglich am 06.10.08 als ebay-Ratgeber verfassten Textes

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Schlüsselwörter: Rechtschreibung | Form und Inhalt | Stil | Franz Josef Degenhardt | was ist gut? | Subjektivität | Beurteilung
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Kommentare

349
am 19.01.2010 10:32:52 (76.76.104.xxx) Link Kommentar melden
Manchmal muss ein Werkstück auch ruhen, damit die inneren Spannungen sich abbauen können, manches braucht Zeit; der Schmied kann hier gar nichts tun, er muss dem Element Metall einfach nur Zeit gönnen, Ruhezeit.
Gut geschriebener Artikel, ansprechend beschrieben wird das Zusammenspiel von Intuition bzw. Kreativität und Fertigkeiten. Der Faktor Zeit wird oft unterschätzt, wenn nicht gar vernachlässigt; man sollte wichtige Texte durchaus einfach mal "ins unreine" schreiben und dann ein paar Tage liegen lassen. Dieses Reifen (lassen) ist eine gute Methode, um die Qualität zu verbessern.
317
am 21.01.2010 13:20:25 (80.237.152.xxx) Link Kommentar melden
Danke für diesen zum Nachdenken anregenden Artikel!
319
am 23.01.2010 10:58:19 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
@Textschmiede
Leser haben auch eine Selbstverantwortung: man muss nicht alles lesen, und nicht alles, was einem nicht passt, muss man (ab)werten, vielleicht ist es ja für andere Leser bedeutsam.
Super! Man muss wirklich nicht auf jeder Hochzeit tanzen!
  • Smilies deaktiviert Geändert von OZ24 am 23.01.2010 14:48:22.
286
am 27.01.2010 07:43:11 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
der Schmied übt also Gewalt aus. Er muss alles beherrschen: sein Material, die Naturelemente, die Naturgewalt. Ebenso die Technik, die Art, wie man die Elemente einsetzt, den theoretische Überbau also. Außerdem selbstverständlich sein Handwerkszeug. Alles fließt hier somit zusammen, Theorie, Praxis, Übung, Handfertigkeit, Intuition, Erfahrung, Kreativität, Beherrschung und Kraft.
Da werden ja einigen "Schriftstellern" hier die Ohren klingeln Wink
286
am 06.02.2010 11:54:44 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Wink Aber einen Presseausweis haben wollen....

https://www.dv-p.org/

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