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Internet: Rund ums Internet

AOL stirbt

Wie man an seinem Wachstum erstickt - ein Fanal der Hoffnungslosigkeit auch für Ebay?

AOL? Schnell weglaufen! (screenshot)
AOL? Schnell weglaufen! (screenshot)
"AOL soll wie Disney werden", sagte der neue AOL-Vorstandsvorsitzende Tim Armstrong im September 2009, doch was bedeutet das konkret? Der angeschlagene Riese will mit einer neuen alten Strategie wieder Geld verdienen... - doch hat das wirklich Chancen in Deutschland? Indem man auf angeblich "neue Inhalte" setzt, auf den Zug des Lokaljournalismus aufspringt und Regionalwerbung vermarktet? Man kann es sich auch schöner reden als es ist: "Die Bedingungen für Inhalte werden in Zukunft besser sein als heute. Das Wachstum wird von eigenständigen Inhalten kommen", sagte Armstrong, der auf lokale Inhalte setzt. "Wir haben in die Plattform Patch.com investiert, auf der ganze Städte online gehen können. Schulen, Behörden, Geschäfte, Veranstaltungen - alles ist auf einer Seite zu finden." (Quelle: faz.net vom 07. Februar 2010). - Erstens gibt es das alles schon auf städtischen oder lokalen Seiten, zweitens: will man wirklich als Schulleiter neben dem Metzger seinen online-Auftritt eines Gymnasiums präsentieren? Vermutlich ist das ein Schlag ins Wasser, wovon AOL hier träumt?

Nur ein paar Beispiele, wie leicht man im Internet Informationen präsentieren oder finden kann, Webspace kostet heute doch nichts mehr:

Wenn ein derartig angeschlagener Konzern wieder Geld verdienen möchte, geht das üblicherweise nach immer demselben Schema: Einsparungen vornehmen, Personal kündigen. Und genau das ist auch bei AOL der Fall, es werden alle vier Büros in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und München geschlossen, mit insgesamt 140 Mitarbeitern. Nur die Software-Ingenieure bei der Firmentochter Adtech in Dreieich bei Frankfurt dürfen weiterarbeiten. Der Internet-Konzern AOL verabschiedet sich damit endgültig aus Deutschland, als Arbeitgeber jedenfalls. Nicht viel anders geht es in Schweden, Spanien und in den USA: die Büros in Dallas und Seattle zum Beispiel werden komplett aufgegeben. Weltweit wird AOL insgesamt ein Drittel seiner Mitarbeiter entlassen, dies wird verhüllend auch als "Stellen abbauen" bezeichnet. In Europa wird man den Standort Großbritannien favorisieren.

Nach Trennung von Time Warner

AOL will 2500 Stellen streichen

Der Internet-Dienst AOL will im Zuge der Trennung von Time Warner ein Drittel seiner Stellen streichen. Mit dem Wegfall von rund 2500 Arbeitsplätzen sollten etwa 300 Millionen US-Dollar im Jahr eingespart werden, teilte AOL mit. Der Stellenabbau solle auf freiwilliger Basis und durch Entlassungen geschehen. Damit sollten rund 300 Millionen Dollar eingespart werden. Die Stellenstreichungen müssen noch vom neuen AOL-Vorstand gebilligt werden.

AOL rechnet wegen des Stellenabbaus zunächst mit Kosten von 200 Millionen Dollar, von denen der Großteil vom Tag der Trennung bis in die erste Jahreshälfte 2010 anfallen werde.

Mehr als 95 Prozent Wertverlust seit 2000

Der angeschlagene Internet-Pionier soll am 10. Dezember eigenständig an die Börse gebracht werden. Time Warner hatte die Trennung bereits angekündigt und mit der Bekanntgabe des Termins für den Börsengang endgültig einen Schlussstrich unter die gemeinsame Geschichte mit AOL gezogen. Anfang 2000 hatten sich die Konzerne auf dem Höhepunkt des Internetbooms zusammengeschlossen. Zum Zeitpunkt der Fusion wurde AOL mit 163 Milliarden Dollar bewertet. Der aktuelle Marktwert der Internettochter liegt nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters bei etwa 3,5 Milliarden Dollar.

Quelle: tagesschau.de vom 19.11.2009 17:26 Uhr

Von 163 abgestiegen auf 3,5 Millionen, sieht so etwa die Zukunft aus? Für den Börsengang im Dezember 2009 war der angekündigte Rauswurf langjähriger Mitarbeiter ein wichtiges und positives Signal; Börsianer lieben es, wenn ein an der Börse notiertes Unternehmen einen Kahlschlag in der Belegschaft veranstaltet, weniger Kosten bedeutet mehr Gewinn, das ist alles was für den an der Rendite orientierten Anleger zählt.

AOL Arena ©nilsschumann2000 via Pixelio
AOL Arena ©nilsschumann2000 via Pixelio
Dabei hatte doch alles einmal so schön angefangen: AOL begann als America Online und startete - noch zu Zeiten analoger Telefone und Modems - richtig durch: in den Anfangsjahren von E-Mail und worldwide web - AOL wurde 1983 gegründet - bestand das gute Geschäft in erster Linie darin, über Telefonanwahl Verbindungen in das Internet zu ermöglichen; im Jahr 2001 übernahm Time Warner dann das Unternehmen für stolze 147 Milliarden Dollar. Doch der Höhepunkt des Geschäfts mit den Einwahlverbindungen war 2002 bei 26,7 Millionen Kunden schon überschritten, da half auch Boris Becker nichts, der seinen Spruch "ich bin drin" offenbar in manch einer Besenkammer zu wörtlich genommen hatte. Die technische Entwicklung von Breitbandverbindungen (DSL) und die Marktentwicklung (flatrates) ließen die Einnahmen aus diesem Bereich rapide sinken - AOL wurde ab 2002 immer weiter abgehängt. Auch technisch war die Software zu schwer, zu groß, zu heimtückisch, galt sie doch bald als besonders gefährdet durch adware und malware: "Ende August 2006 wurde die US-Version von AOL 9.0 durch die US-amerikanische Stop Badware Coalition als "Badware" eingestuft. Mit "Badware" sind unter anderem Spyware, Malware und betrügerische Adware, mit der Unternehmen Online-Verhalten ausspionieren, gemeint. Sowohl dem Internet Explorer, als auch der Windows-Taskbar werden ungefragt nicht entfernbare Zusätze hinzugefügt" (Quelle: Stop Badware Report: AOL 9.0, Stand: 12. Februar 2008, siehe auch Wikipedia). Wer nach diesem Zeitpunkt noch Chat, Messenger oder Message-Boards bei AOL benutzte, war selber schuld.

Was bleibt? Ein sterbender Riese, aber das Leben geht schließlich weiter. Irgendwann werden wir uns schmunzelnd des brutalen Massenmarketings erinnern, mit dem AOL in Deutschland auf den Markt drückte: jeder, der es nicht wollte, bekam per Postwurfsendung oder beim Seifen-Discounter die AOL-CD in die Hand gedrückt, 100 Stunden freier Zugang inklusive. Wer dann vergaß zu kündigen, der war "drin". Oder er war dran, alles eine Frage der Perspektive. Kurz gesagt:

AOL - Das Unternehmen das keiner braucht

Ich kann mich noch gut an die Bombardements mit AOL CDs erinnern die keiner gebrauchen konnte. Das komplette Unternehmen ist heute genauso überflüssig wie damals die CDs.

Frank Stolle (gutundschoen) als Leserkommentar in faz.net 29. September 2009 23:06

Rest In Peace (1983-2010)
Rest In Peace (1983-2010)

Was lernen wir daraus? Nur Wachstum bedeutet noch keine Qualität. Wer sich von technischen, gesellschaftlichen oder marktwirtschaftlichen Bedingungen abhängen läßt, der geht unter. Die jüngere Vergangenheit ist voll an Beispielen mit dieser Lehre, ob sie nun DDR, ebay, Opel oder eben AOL heißen.

Charles Darwin hat das alles längst vorausgedacht, Gorbatschow hat den Gedanken dann nur neu formuliert: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. AOL heißt daher bald "Alles Off Line".

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Schlüsselwörter: AOL | Time Warner | Tim Armstrong | Börse | Stellenabbau | Stellenstreichung | Marktanteil | yahoo | google
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Kommentare

349
am 08.02.2010 13:03:15 (76.76.104.xxx) Link Kommentar melden
Die email-Ablage war eigentlich immer ganz praktisch, aber andere Anbieter haben das mittlerweile ja auch.
357
am 08.02.2010 20:22:50 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
Wer sich von technischen, gesellschaftlichen oder marktwirtschaftlichen Bedingungen abhängen läßt, der geht unter. Die jüngere Vergangenheit ist voll an Beispielen mit dieser Lehre, ob sie nun DDR, ebay, Opel oder eben AOL heißen.
Eine etwas mutwillige Aufzählung Wink

Mit AOL habe ich keine Erfahrung, aber ebay ist - wenn man vorsichtig ist - eine interessante Informations- und Handelsplattform.

DDR ist ja ein ganz anderes Thema. Smile
380
am 09.02.2010 17:19:24 (87.230.56.xxx) Link Kommentar melden
AOL? Find ich gut!!!
349
am 13.02.2010 17:52:16 (76.76.104.xxx) Link Kommentar melden
Die jüngere Vergangenheit ist voll an Beispielen mit dieser Lehre, ob sie nun DDR, ebay, Opel oder eben AOL heißen.

Die DDR ist Geschichte. Das Portal ebay nutze ich seit langer Zeit nicht mehr, da es nicht seriös ist; immerhin findet man da aber noch die Spuren meiner Mitarbeit, obwohl ich diesen Account schon vor langer Zeit gekündigt habe. Einen Opel fahre ich höchstens dann, wenn mein Autovermieter gerade keinen BMW oder Mercedes zur Verfügung hat.

Aber auf AOL lasse ich aus persönlichen Gründen nichts kommen, denn hier habe ich wertvolle persönliche Kontakte knüpfen können!

Smile Deshalb behalte ich meinen AOL-Account auch solange es geht.

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