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Politik: Welt

Der Kapitän der Exodus ist tot

Ehrendes Gedenken an einen, der den britischen Mandatsbehörden 'moralisch das Genick brach'

Exodus, Haifa 20.07.1947
Exodus, Haifa 20.07.1947
Der Nahost-Konflikt, an dem viele Deutsche gern ebenso lustvoll wie wissensfrei als vermeintliche Experten sehr parteiisch teilnehmen, ist nicht nur dem arabischen Machtstreben und "islamischem" Minderwertigkeitsgefühl entsprungen, sondern vor allem dem unmoralischen und völkerrechtswidrigen Verhalten der Regierung Großbritanniens zwischen 24. Juli 1922 und 14. Mai 1948, die ihren Verpflichtungen aus dem Völkerbundmandat leider nie vollständig nach kam.

Das Völkerbundsmandat war ein sogenanntes Klasse-A-Mandat des Völkerbundes, das nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches nach dem ersten Weltkrieg auf der Konferenz von San Remo 1920 an Großbritannien übertragen wurde; unter dem Klasse-A-Mandat verstand man alle nichttürkischen Gebiete des Osmanischen Reiches. Das Mandatsgebiet "Palästina" bestand aus den Gebieten des heutigen Israel und Jordanien, dem Gazastreifen, Judäa und Samaria sowie den Golanhöhen. Der Auftrag des Mandats, das am 24. Juli 1922 ratifiziert wurde, war - recht klar und eindeutig formuliert - die Hilfe zur "Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina". Dies unter der Bedingung, "daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina (...) beeinträchtigen würde". Soweit, so gut. Der Staat Israel besteht heute aus etwa 18 % dieser Fläche, das sollte einem zu denken geben. Wohlgemerkt: unter "Palästina" im Sinne des Völkerbund-Mandats verstand man die gesamte im Bild 2 dargestellte Fläche! Diese Fläche stand zu der vom Völkerbund geforderten "Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" zur Verfügung! Doch die Engländer machten hier leider ein falsches Spiel und kochten ihr eigenes Süppchen...

Mandatsgebiet "Palästina" 1920
Mandatsgebiet "Palästina" 1920
Nach dem Ende des ersten Weltkrieges, in dem das "Osmanische Reich" zerschlagen worden war, fiel die Provinz, die von den Römern den Namen Palestina zur Strafe allein deswegen bekommen hatte, um bei der Vertreibung der Juden aus ihrer Heimat vor 2.000 Jahren jegliche Erinnerungen an deren Land auszulöschen, in die alleinige Verfügungsgewalt der Briten... - ein schwerer Fehler, wie sich später zeigen sollte. Aber die Dinge sind nun einmal so, wie sie sind, nicht wie sie hätten sein können. Statt ihren Job zu tun, führten sich die Engländer in schlechter kolonialistischer Tradition als Feudal- und Kolonialherren auf, taktierten nach beiden Seiten, versuchten Juden gegen Araber auszuspielen und schränkten vor allem durch die britische Militärverwaltung völkerrechtswidrig die jüdische Einwanderung heftig ein (von der Alijah, der Einwanderung von Juden nach Eretz Jisroel wird in einem anderen Artikel die Rede sein).

Es mag sein, daß Großbritannien damals, im Siegestaumel nach dem Ersten Weltkrieg - und noch in reicher kolonialistischer Blüte stehend - etwas den Überblick verlor, wem man denn nun was eigentlich versprochen hatte. Denn bereits während des ersten Weltkrieges hatten die Briten zwei sich ausschließende Versprechungen bezüglich der Gebiete im Nahen Osten gemacht; möglicherweise aber wußte die eine Hand bloß nicht, was die andere tat. Vielleicht war es jedoch auch nur Ausdruck eines eurozentrischen Gedankens, der diese Völker ohnehin alle irgendwie nicht ernstzunehmen bereit war. Fakt ist jedoch, daß Großbritannien

  1. durch Lawrence von Arabien den Arabern für ihre Unterstützung im Ersten Weltkrieg einen unabhängigen Staat, der fast den gesamten arabischen Nahen Osten umfassen sollte, versprochen hatte...
  2. den Juden in der Balfour-Deklaration vom November 1917 gleichzeitig eine nationale Heimstätte in (Eretz Israel) zugesagt hatte (was vom Völkerbund ja dann auch als Forderung übernommen wurde)...
  3. in der Hussein-McMahon-Korrespondenz (1915/16) den Haschemiten - im Gegenzug für deren Unterstützung bei der großen arabischen Revolte während des Weltkrieges - die Herrschaft über den größten Teil der Region avisiert hatte, was dann aber im Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916 gleich wieder ad acta gelegt worden war...

So geht's natürlich nicht, vor allem sollte man sowieso nichts verschenken, was einem gar nicht nicht gehört.

Geteiltes Mandatsgebiet 1923
Geteiltes Mandatsgebiet 1923
Das Ostjordanland (Transjordanien) einerseits und das Westjordanland (Cisjordanien) mit Gaza andererseits sowie auch die Golanhöhen blieben theoretisch Teile eines gemeinsamen Völkerbundmandats für "Palästina", doch praktisch teilten die Briten im Juli 1922 das Land entlang dem Jordan in zwei Teile: im Osten, also dem späteren Jordanien (mit 78% des Mandatsgebietes), war es Juden ab 1922 verboten zu leben, sie durften nur westlich des Jordans siedeln (22% des Mandatsgebietes). Den Osten, also Transjordanien, machten die Briten zum Autonomen Emirat Transjordanien; damit war der erste Schritt zur Aufteilung des Mandatsgebietes in
  • einen östlichen Teil = Jordanien (arabisches "Palästina") und
  • einen westlichen Teil = Israel (jüdisches "Palästina")
zementiert. Gleichzeitig schränkten die Briten die Einwanderung von Juden in den westlichen Teil stark ein, per Quotenregelung. Dafür errichtete man aber freundlicherweise auf Zypern neue Internierungslager für Juden, die zum Teil ja bereits "Lagererfahrung" aus Hitlers Reich mitbrachten - die Briten blieben hier also, kann man sagen, einer gewissen historischen Kontinuität treu.

Auch wenn die Engländer sich geärgert haben, daß die Franzosen sie im Sykes-Picot-Abkommen etwas über den Tisch gezogen haben, bleibt es dabei: es ist insgesamt eine schwere historische Schuld Großbritanniens, für deren Kompensation nun britische Soldaten im Irak ihren Kopf hinhalten dürfen. Bekanntlich war der Irak das Zentrum des haschemitischen Königreichs, bis durch den Militärputsch 1958 dort die Haschemiten vertrieben wurden, es blieb ihnen nur Jordanien als "haschemitisches Königreich", dessen Bewohner - nebenbei gesagt - zu über 90% Pallis sind (Quelle). Ein Form der Fremdherrschaft also; aber das ist eine ganz eigene Geschichte. Schlecht geht es den Jordaniern nicht, nachdem sie zum einen schon längst auf die sogenannte Westbank (also korrekterweise Judäa und Samaria genannt) sowie auf den Ostteil Jerusalems verzichtet haben - diese Gebiete hatten sie ja nach 1948 ohnehin auch nur okkupiert, völkerrechtswidrig, versteht sich. Und nachdem sie zum anderen einen Friedensvertrag abgeschlossen und in der Folge viele gute wirtschaftliche Kooperationen mit Israel gestartet haben. Frieden ist billiger als Krieg, wenn das doch nur mehr Araber begreifen würden...

Aufteilung durch GB 1922
Aufteilung durch GB 1922
Es lohnt sich also festzuhalten, daß auf dem ehemaligen Mandatsgebiet "Palästina" bereits zwei Staaten existieren, nämlich seit dem 22.03.1946 das Haschemitische Königreich Jordanien (al-Mamlaka al-Urduniyya al-Haschimiyya) und seit dem 14.5.1948 die Parlamentarische Republik Israel (Medinat Jisra'el). Man sollte eigentlich von alleine draufkommen, daß ein dritter Staat auf diesem Gebiet ein grober hirnloser Unfug wäre. Wer einen weiteren Palli-Staat zu Lasten Israels und vor allem auf dessen Gebiet fordert und damit einen weiteren arabischen Staat auf dem ehemaligen Gebiet des Völkerbund-Mandats "Palästina", der zeigt, daß er von der Geschichte dieser Region nichts weiß oder nichts begriffen hat. Im übrigen ist die arabische Welt ja nun wirklich groß genug.

Der Palästinenserstaat (real existierend)

Zurück zum Schiff "Exodus" und seinem Kapitän, der vor 86 Jahren in Deutschland geboren wurde und jetzt kurz vor Weihnachten verstorben ist. Der Begriff "Exodus" hat ja viele Bedeutungen, übersetzt heißt er "Auszug", "Hinausgehen" oder "Flucht"; hier nur einige Verwendungen, die zum Themenkomplex gehören:

  • Auszug aus Ägypten, in der Torah geschilderter Auszug der Israeliten aus Ägypten
  • das 2. Buch Mose (hebräisch sefer schemot, "Buch der Namen"), die Beschreibung der Flucht aus Ägypten, siehe auch Pessach
  • Exodus, ein Roman von Leon Uris über das Flüchtlingsschiff Exodus (1958)
  • Exodus, ein Flüchtlingsschiff, das im Jahr 1947 jüdische Immigranten nach Palästina bringen wollte
  • Exodus, ein Spielfilm von Otto Preminger nach dem Roman Exodus (1960)

Die Fahrt der Exodus nach Palästina *)

Am 11. Juli 1947 begann die "Haganah Ship Exodus 1947" mit 4.515 Passagieren die Überfahrt in Frankreich. Die Besatzung bestand überwiegend aus jungen amerikanischen Juden, die sich dafür freiwillig gemeldet hatten. Die Fahrt wurde von Anfang an vom britischen Geheimdienst und zwei Kriegsschiffen überwacht.

Am 18. Juli vor Haifa wurde die Exodus von der britischen Marine noch in internationalen Gewässern aufgebracht; im heftigen Widerstand starben drei der Mannschaftsmitglieder und viele wurden verletzt. Der Kampf dauerte vier Stunden. Er wurde vom Bordfunker an eine Radiostation im Mandatsgebiet an Land übertragen und live gesendet. Das Schiff wurde deshalb am nächsten Tag von Tausenden im abgesperrten Hafen empfangen.

Der Rücktransport der Passagiere **)

Die Rückführung der Immigranten hatte für die britische Regierung eine hohe politische und symbolische Bedeutung: sie hoffte, damit ein Zeichen zu setzen und die laufende Einwanderung von Juden in das Mandatsgebiet "Palästina" zu stoppen. Die Maßnahme wurde von ihr "Aktion Oase" getauft. Im Hafen von Haifa wurden die erschöpften Passagiere der Exodus auf drei Gefangenenschiffe (Ocean Vigour, Runnymede Park und Empire Rival) verladen und zurück nach Frankreich geschickt. Dort trafen sie am 29. Juli ein.

Obwohl die Situation an Bord menschenunwürdig war, weigerten sich die meisten Passagiere drei Wochen lang, die Schiffe zu verlassen. Nur 75 erschöpfte Passagiere nahmen das Asylangebot der französischen Regierung an. Um den Widerstand zu brechen, drohte die britische Verwaltung, die Passagiere nach Deutschland zu bringen. Eine ungeheure Beleidigung und eine Unmenschlichkeit dazu, so kurz nach dem Holocaust. Doch auch diese Maßnahme brachte für die Briten keinen Erfolg, stachen die Schiffe am 22. August erneut in See. Da der Druck auf die britische Regierung wuchs und sie die Entscheidung zu einer Deportation nach Deutschland noch einmal diskutieren wollte, machten die Schiffe Ende August einen fünftägigen Zwischenstopp in Gibraltar. Am 30. August fuhren sie dann weiter.

Sie erreichten am 8. September den Hamburger Hafen. Dort wurden die Passagiere vor den Augen der internationalen Presse mit Gewalt von Deck gebracht und in die dafür umgebauten Lager "Pöppendorf" und "Am Stau" bei Lübeck verbracht, wo sie interniert wurden. Diese Lager hatten zuvor zur Versorgung von Wehrmachtsangehörigen und displaced persons gedient. Zur Internierung der Exodus-Passagiere wurden sie mit Stacheldraht und Wachttürmen zu Gefängnissen ausgebaut. Die internationalen Reaktionen auf diesen Umgang mit den Holocaust-Opfern waren entsprechend deutlich und für das Ansehen Großbritanniens verheerend.

Staatswappen Israels
Staatswappen Israels
Selbst der Präsident der USA Harry S. Truman schaltete sich ein, um die britische Regierung zum Umdenken zu bewegen. Auch innerhalb der Lager ging der Widerstand weiter, was die Verwaltung unter anderem mit Kürzung der Lebensmittelrationen bestrafte - ein Verstoß gegen die Menschenrechte und gegen die Genfer Konvention, nebenbei gesagt.

Am 6. Oktober zogen schließlich die Wachen von den Lagern ab und ließen die Exodus-Passagiere frei. Viele von ihnen schlugen sich erneut nach Südfrankreich durch und fuhren von dort nochmals nach Palästina. Ihr hartnäckiger Widerstand trug dazu bei, die internationale Meinung gegen ein fortwährendes britisches UN-Mandat über Palästina zu wenden und damit die Gründung des Staates Israel voranzutreiben.

Kapitän des Schiffes "Exodus" gestorben

Yitzhak (Ike) Aharonovitch, Kapitän des legendären jüdischen Einwandererschiffes "Exodus", mit dem Holocaustüberlebende 1947 die britische Blockade Palästinas durchbrechen wollten, ist (...) im Alter von 86 Jahren gestorben. Ike, wie ihn alle nannten, wurde 1923 in Deutschland geboren und gelangte mit seiner Familie 1932 nach Palästina.

Quelle: © Ulrich W. Sahm / haGalil.com 23.12.2009

_______________________________

*) Leicht gekürzt und überarbeitet übernommen aus http://de.wikiped....281947.29

**) Überarbeitet und korrigiert übernommen aus http://de.wikiped...Passagiere

Textkommentare zu dem folgenden Video:

sopmodm4: Instead of returning the "occupied territories" to their 1967 borders we should return all of Israel and Jordan to their 1922 borders, LOL

YouTube Video

  • Bildnachweis:
  • The Exodus, formerly the Baltimore Steam Packet Company's President Warfield, arriving with 4,515 Jewish refugees at Haifa on 20 July, 1947. British Admiralty photo, reprinted in Steam Packets on the Chesapeake, 1961. Urheber: uploaded by Wikipedia-User: JGHowes, public domain
  • Karte 1920 eigener scan
  • Karte 1923 via PASSIA
  • screenshot von www.conceptwizard.com, history in a nutshell; empfehlenswert dort auch die anderen Flash-Videos zu Antisemitismus, arabischer Gewalt und dem Nahostkonflikt

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Schlüsselwörter: Exodus | Yitzhak (Ike) Aharonovitch | displaced persons | Holocaust | Großbritannien | Mandatspolitik | Leon Uris | Völkerbund | Jischuw | Jewish Agency
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Kommentare

357
am 15.01.2010 18:36:52 (80.237.152.xxx) Link Kommentar melden
Spannend, das wusste ich gar nicht. Informativ, und sehr schön geschrieben.
266
am 15.01.2010 18:47:07 (88.68.108.xxx) Link Kommentar melden
England hat eine ganz schlimme Rolle bei diesem Thema!

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